Psychologie

Wie therapeutische Sexspielzeuge Überlebenden sexualisierter Gewalt helfen

Viele Menschen müssen nach einem Übergriff ihre Sexualität komplett neu erlernen. Die Designerin Nienke Helder versucht es mit einem ungewöhnlichen Ansatz.

von Sirin Kale
21 März 2018, 10:04am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Nienke Helder

Als Nienke Helder Opfer sexualisierter Gewalt wurde, wusste sie noch nicht, wie lange der Übergriff sie nicht nur psychisch, sondern auch körperlich verfolgen würde. Sexualität und Intimität? Für die Designerin nicht mehr denkbar. Ihr Körper machte im wahrsten Sinne des Wortes dicht, Penetration bedeutete für sie extreme Schmerzen. "Ich war bei so vielen Ärzten", erinnert sie sich, "aber ihr Ansätze waren alle sehr klinisch. Manches war in gewisser Weise hilfreich, aber mich auf einen Behandlungstisch zu legen und mir von einer Physiotherapeutin die Vaginalmuskulatur dehnen zu lassen, hat für mich nicht wirklich funktioniert."

Helder erinnert sich daran, wie eine Ärztin ihr einmal mit Mühe ein Langzeitschmerzmittel in die Vagina injizierte, während fünf männliche auszubildende Ärzte daneben standen und zuschauten. Heftig blutend begann Helder Witze zu machen, um die Situation aufzulockern. "Es war wirklich unangenehm", sagt sie – und das Schmerzmittel funktionierte nicht.

"Damals dachte ich mir: 'Wie kann es sein, dass wir ein so fortschrittliches Gesundheitssystem haben, aber meine Vagina bekommen die nicht wieder hin?'"

Aus dieser Erfahrung heraus entstand Helders Design-Projekt Sexual Healing. Jedes Toy soll Überlebenden sexualisierter Gewalt bei einem bestimmten Aspekt ihrer Heilung helfen. Es gibt einen ergonomisch geformten Spiegel, um die eigenen Genitalien zu erkunden, und eine Rosshaar-Bürste, mit der sich Betroffene wieder langsam an Berührungen gewöhnen sollen.

Ein Biofeedback-Tool | Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Nienke Helder

Die Sammlung umfasst auch Geräte, die nach dem Biofeedback-Prinzip funktionieren – die also die Prozesse innerhalb des Körpers visualisieren. Einen Sensor in der Form eines Stücks Seife legst du dir zum Beispiel auf den Bauch. Wenn deine Atmung unruhig wird, vibriert der Sensor und erinnert dich daran, dich zu entspannen. Ein anderes Objekt soll den Druck in deinem Beckenboden messen. Das vaginal eingeführte Gerät vibriert ebenfalls, wenn sich deine Muskeln verspannen.

Helder hofft außerdem, mit ihren Objekten einen Diskurs darüber zu starten, wie Betroffene nach einem Übergriff lernen können, wieder Lust am Sex zu haben. Und dabei ist es wichtig für sie, das Körperliche nicht länger von der Psyche zu trennen.

"Wenn dein Körper nicht mehr so funktioniert, wie du möchtest, gehst du zu einem Arzt. Ein Therapeut kümmert sich um dein mentales Befinden, aber diese beiden Spezialisten arbeiten kaum zusammen", erklärt sie. "Wir brauchen einen interdisziplinären Ansatz in der Trauma-Therapie." Dieser interdisziplinäre Ansatz kann nicht nur Frauen helfen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten, glaubt Helder. Ihr Projekt Sexual Healing richtet sich deswegen auch an Personen, die traumatische medizinische Eingriffe oder Geburten hinter sich haben.

Ein Biofeedback-Beckenbodensensor

Auch deswegen wollte Helder schulmedizinische Lösungen zugunsten eines ganzheitlichen Ansatzes hintenanstellen – und eine Ästhetik verwenden, die sich an neutralen Naturtönen und nicht-phallischen Formen orientiert.

"Medizinische Farben wie weiß und blau wollte ich vermeiden, genau so wie hellpinke oder violette Farbtöne, die man mit Sexspielzeug assoziiert", erklärt sie. "Nachdem ich mich für eine Farbpalette entschieden habe, habe ich mich mit der Form auseinandergesetzt. Ich wollte, dass sich die Objekte weich anfühlen, aber trotzdem ihren Zweck erfüllen."

In der Absicht, ihre Prototypen bald in Produktion geben zu können, hat Helder ihre Arbeiten bei der Dutch Design Week vorgestellt. Ihr persönliches Lieblingsobjekt? "Ich mag die Bürste, weil sie so viele Dinge repräsentiert", sagt sie. "Sich wieder an Berührungen zu gewöhnen, kann nach einem Trauma lange Zeit dauern. Und selbst mit einem Langzeitpartner ist es eine Herausforderung, über deine sexuellen Probleme zu sprechen. Die Idee der Bürste ist, dass du jemand anderem das Objekt geben und damit am Heilungsprozess teilhaben lassen kannst."

Für Helder ist der Dialog unerlässlich. "Ich glaube nicht, dass Sexual Healing die Lösung für alle ist, aber ich bin davon überzeugt, dass es vielen helfen kann. Und selbst diejenigen, denen es nicht hilft, können vielleicht dadurch leichter über sexuelle Übergriffe sprechen."

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