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Popkultur

Dieser 40 Jahre alte Rape-and-Revenge-Film sorgt noch immer für heftige Diskussionen

'I Spit on Your Grave' wurde bei seinem Erscheinen von der Kritik verrissen, aber losgeworden sind wir Meir Zarchis berüchtigten Film nie. Gott sei Dank.

von Sarah Fensom
12 April 2018, 7:21am

Mit freundlicher Genehmigung von Wallflower Press

Brutale Gewalt, nackte Haut und eine quälend lange Darstellung sexualisierter Gewalt, die etwa 30 der 108 Filmminuten ausmacht: Als Meir Zarchis berüchtigter Horrorfilm I Spit on Your Grave 1980 erschien, ließ kaum einer ein gutes Haar daran. Die renommierten Kritiker Siskel and Ebert bezeichneten den ursprünglich 1978 unter dem Titel Day of the Woman im Eigenvertrieb erschienen Rape-and-Revenge-Film als "schlechtesten Film" des Jahres, feministische Gruppierungen protestierten und in Deutschland wurde der Film, der hier als Ich spuck auf dein Grab erschien, aufgrund seiner Gewaltdarstellungen beschlagnahmt.

Mit den Jahren haben sich allerdings mehrere Menschen an einer Neuinterpretation der Geschichte versucht, in der die Schriftstellerin Jennifer Hills erst zum Vergewaltigungsopfer wird und sich dann gewaltsam an ihren Vergewaltigern rächt. 2007 fragte Filmkritiker Michael Kaminski: "Ist I Spit on Your Grave in Wahrheit ein missverstandener feministischer Film?" 2011 veröffentlichte die britische Feministin Julie Bindel im Guardian den Essay "Ich hatte Unrecht mit I Spit on Your Grave". Bei seinem Erscheinen hatte Bindel den Film heftig kritisiert.

Heute passt der 40 Jahre alte Film überraschend gut in die aktuelle Gesellschaftsdebatte. Durch #MeToo schenken wir Opfern sexualisierter Gewalt und Einschüchterungen schneller und mehr Aufmerksamkeit denn je – und verurteilen die Täter, nicht die Opfer.

Während Regisseur Zarchi und Camille Keaton, Hauptdarstellerin des Originalfilms von 1978, gerade die Fortsetzung I Spit on Your Grave: Deja Vu abgedreht haben, veröffentlichte der Autor David Maguire Ende März eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Entstehung und dem Mythos des Films bei Wallflower Press. In dem Buch taucht der britische Filmwissenschaftler und Horrorfilm-Festivalorganisator tief in die Produktion und die anhaltend turbulente Rezeption des Films ein. Wir haben Maguire angerufen, um zu erfahren, was Zarchis Film zur Speerspitze des Rape-and-Revenge-Genres macht und was I Spit on Your Grave uns heute lehren kann.

VICE: Abgesehen von dem bahnbrechend negativen Feedback, das I Spit on Your Grave bekam, wo hat der Film noch Pionierarbeit geleistet?
David Maguire: ISOYG greift ein Problem auf, das viele Rape-and-Revenge-Filme einfach nicht wirklich begreifen – oder bewusst vermeiden: Sie zeigen nicht das schreckliche Leid, das durch Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt entsteht. Dass wir uns quasi mit Jennifer Hills identifizieren müssen, während sie vergewaltigt wird, ist maßgeblich für Meir Zarchis feministische Agenda.

Wie hat Zarchi das geschafft?
Obwohl Camille Keaton eine attraktive Darstellerin ist, lässt sich der filmische Blick schwer als lüstern interpretieren. Anfangs distanziert Zarchi den Zuschauer von den Übergriffen der Männer, indem er sogenannte Master Shots, also Totale und Halbtotale verwendet, um die vier zu zeigen, wie sie Jennifer festhalten, während sie im Gras versteckt ist.

Zarchi bricht mit der gängigen Filmtechnik. Üblicherweise sieht man Nahaufnahmen des Opfers, das verängstigt nach oben in die Kamera schaut, und den Zuschauer zum Komplizen macht. Stattdessen wählt Zarchi Nahaufnahmen der Vergewaltiger und zwingt den Zuschauer damit in Jennifers Position. Außerdem verzichtet der Regisseur bewusst auf Hintergrundmusik. Das verleiht ISOYG einen beinahe dokumentarischen Realismus und intensiviert Szenen wie Jennifers langgezogene Vergewaltigung.

Wie unterscheidet sich der Film inhaltlich?
Der Film rechnet mit vielen gängigen Mythen über sexualisierte Gewalt ab – Frauen würden Vergewaltigungen genießen, Nein bedeute Ja, provokative Kleidung oder Verhalten würden Übergriffe provozieren, oder dass solche Taten vermeintlich unkontrollierbaren männlichen Trieben geschuldet seien. Bis dahin hatten sich Rape-and-Revenge-Filme nie mit diesen Dingen auseinandergesetzt. Zarchi billigt den Tätern keinerlei Entschuldigung für ihr Verhalten zu. Unsere Sympathien gehören einzig und allein Jennifer. In ihrer Rache entpuppt sie diese Männer als die kümmerlichen, frauenhassenden und erbärmlichen Geschöpfe, die sie sind.

Kannst du uns etwas zu Zarchis Motivation hinter dem Film sagen?
Jennifer Hills war in gewisser Weise bereits 1974 in Meir Zarchis Leben getreten. Er hatte im New Yorker Goose Pond Park eine nackte Frau, ein Vergewaltigungsopfer, entdeckt und zur nächsten Polizeiwache gebracht. Er sei zutiefst erschrocken gewesen über die Behandlung, die die Frau dort erfuhr. Für ihn war das wie eine erneute Vergewaltigung. Wenn das stimmt, dann erklärt das, warum Zarchi seine Vergewaltigungssequenz so schonungslos gefilmt hat. Er wollte die abstoßende Brutalität der Tat zeigen.

Wie hat Hauptdarstellerin Camille Keaton den Film gesehen?
Leider kann ich nur wenig dazu sagen, weil ich nie selbst mit ihr gesprochen habe. Bei einem Q&A hatte sie jedoch gesagt, dass sie anfangs "ein paar Probleme mit dem Film gehabt hatte". nachdem ein Vergewaltigungsopfer ihr bei einer Fan-Convention berichtet hatte, was für einen positiven Einfluss der Film auf ihr Leben gehabt hätte, sei sie mittlerweile stolz auf ihre Rolle.

Gänzlich unproblematisch ist der Film allerdings nicht. Vor allem, wenn man bedenkt, wie er sexualisierte Gewalt und seine weibliche Hauptfigur darstellt.
Es ist nachvollziehbar, warum viele Leute Probleme mit dem beinahe perversen Spagat zwischen Exploitation-Kino und dokumentarischem Realismus in ISOYG haben. Vor allem der große Anteil des Films, den Zarchi für die Erniedrigung seiner Hauptfigur aufwendet, hat Kritiker tief gespalten. Aus diesem Grund ist dieser Teil auch heute noch schwer anzusehen, obwohl wir durch die Allgegenwärtigkeit moderner Horrorfilme und Folterpornos verhältnismäßig desensibilisiert sind.

Es ist auch etwas platt, dass eine Frau, die kurz zuvor Opfer einer brutalen Gruppenvergewaltigung war, derartige Methoden anwendet – sich auszieht, andere verführt –, um ihre Rache zu bekommen. In dieser Hinsicht ist das Argument der weiblichen Selbstermächtigung nur schwer zu rechtfertigen.


Aus dem VICE-Netzwerk: Virginie Despentes möchte Vergewaltiger umbringen


Trotz allem gilt ISOYG für viele als feministischer Film. Was macht ihn in deinen Augen dazu?
Für mich liegt es vor allem daran, dass bei der Misshandlung die Perspektive der Frau übernommen wird. Der Film zeigt Jennifer klar als Opfer, das unsere Sympathien und unser Mitgefühl verdient. Dadurch zerstörte Zarchi die damals gängige Annahme, dass der cinematische Blick intrinsisch männlich ist. Jennifer wird außerdem am Ende des Films nicht bestraft – wie auch unzählige andere Protagonistinnen des Rape-and-Revenge-Genres.

Obwohl der Film bei seinem Erscheinen als frauenfeindlich gebrandmarkt wurde, reflektiert er eindeutig die gleichen Bedenken, die die feministische Bewegung der 60er und 70er Jahre bezüglich der Einstellung von Männern gegenüber Frauen hatten, ihre Angst vor der zunehmenden Freiheit und selbstbestimmteren Sexualität des anderen Geschlechts.

Wie extrem gering die männlichen Figuren Frauen schätzen, wird deutlich, wenn sie Sprüche wie "Eines Tages gehe ich nach New York und ficke alle Bräute dort" loslassen, Jennifers "verdammt heißen Beine" kommentieren oder sie als "Köder" bezeichnen, wenn sie im Bikini im Boot liegt. Sobald sie in ihr Leben getreten ist, kann Jennifer ihren ständigen Anmachen und Hinterherpfeifen nicht entkommen. Es ist eine vernichtend kritische Darstellung männlicher Einstellungen gegenüber schönen Frauen.

Welchen Platz nimmt dieser Film in der #MeToo-Debatte ein?
Jennifer wird allein deswegen belästigt, weil sie jung, schön, unabhängig und beruflich erfolgreich ist. Für dieses "Verbrechen" muss sie mit der abstoßendsten Erniedrigung ihres körperlichen und geistigen Selbst bezahlen – durch Männer, die sich von ihr bedroht fühlen. Weil sie sich erfolgreich an ihren Peinigern rächt, ist es nicht total verwunderlich, dass der Film so viele Anhängerinnen hat. ISOYG erlaubt es einer Frau auf der Leinwand, das Gleichgewicht wieder herzustellen – wenn auch mit Gewalt. Obwohl sich das Rape-and-Revenge-Genre im Allgemeinen und insbesondere ISOYG den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass sie Bilder sexualisierter Gewalt gegen Frauen auf die Leinwand gebracht haben, bieten sie im Gegenzug auch eine Identifikationsmöglichkeit mit einer Fantasie der starken weiblicher Selbstermächtigung.

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