Interview

Wir haben mit dem echten Tatortreiniger über den Tod gesprochen

Christian Heistermann war das Vorbild für die Comedy-Serie, doch er selbst hielt seinen Job jahrelang nicht mehr aus.

von Rebecca Baden
05 April 2018, 5:57am

Alle Fotos: Eva L. Hoppe

An seinem ersten Leichenfundort erwarteten Christian Heistermann ein gedeckter Tisch und eine Blutlache im Badezimmer. "Der Mann war auf der Toilette gestorben, mit dem Kopf vornüber auf die Badewannenkante gefallen und letztendlich verblutet", erzählt der 49-Jährige. Heistermann ist ausgebildeter Gebäudereiniger mit Spezialisierung auf Tatort- und Leichenfundort-Reinigung. Auf dem Konferenztisch in seiner Firma in Berlin-Mahlsdorf liegen neben Schokobons, einer angebrochenen Keksschachtel und ein paar übriggebliebenen Mandarinen auch seine Zigaretten. "Ist es OK, wenn ich rauche?", fragt er.

Der Vater von drei Kindern war bereits bei Galileo, in einer NDR-Doku und letztendlich sogar Vorbild für Bjarne Mädels Rolle in der Comedyserie Der Tatortreiniger. An der Hauswand seines Büros hängt ein Bild eines Tatortreinigers in voller Montur, darauf steht in blau-gelben Großbuchstaben: "DER WAHRE TATORTREINIGER". Doch genau der wollte Heistermann in den letzten Jahren nicht immer sein. Im Interview erzählt er, warum.

VICE: Macht es wirklich mehr Spaß, Blut und Fäkalien aufzuwischen als einfach nur Fenster zu putzen?
Christian Heistermann: Ich bin ja in erster Linie Gebäudereiniger. Die Tatort- oder Leichenfundortreinigung ist erst die Spezialisierung, die man nach der Grundausbildung machen kann. Mir macht das Reinigen grundsätzlich Spaß: Wenn ich einen Raum sauber verlasse und er wieder heller wirkt, die Sonne reinscheint und alles blitzt, freue ich mich. Und wenn die Angehörigen zufrieden sind und mir sagen, dass sie das alleine niemals hinbekommen hätten, ehrt mich das.

Ich wundere mich allerdings, dass vor allem junge Leute so auf Tatortreinigung abfahren. Ich glaube, das liegt an Crime-Serien oder eben dem Tatortreiniger. In Wirklichkeit ist mein Beruf ziemlich anstrengend. Es riecht übel, es gibt Blut, Maden und Bakterien. Für manche Menschen ist das so unaushaltbar, dass sie keinen Schritt in eine solche Wohnung hineingehen könnten.

Christian Heistermann der Tatortreiniger VICE
"Wenn du Blutflecken siehst, fängt dein Gehirn automatisch an nachzuvollziehen, wie das Verbrechen vonstatten gegangen ist."

Schaust du dich in einer Wohnung um, um mehr über den Menschen zu erfahren, der dort gestorben ist?
Ich schnüffle nicht in den Regalen oder ziehe irgendwelche Ordner raus, das macht die Mordkommission, beziehungsweise das LKA. Ich reinige nur. Manchmal sehe ich aber zufällig private Dinge, zum Beispiel, wenn ein ärztlicher Befund auf dem Tisch liegt, in dem es heißt, der Verstorbene habe nicht mehr lange zu leben gehabt. Bei einem Fixer lag überall Besteck in der Wohnung herum – und ein Foto, das er hingelegt hatte, damit es nach seinem Tod gefunden wird. Aus dem Foto eines Pärchens hat er die Frau in Herzform ausgeschnitten. Danach hat er sich den goldenen Schuss gesetzt. In der ganzen Wohnung waren blutige Handabdrücke auf den Wänden.

Stellst du dir dann vor, wie die Leute ums Leben gekommen sind?
Ich will eigentlich möglichst wenig wissen. Wenn du an einen Leichenfundort kommst und Blutflecken oder ein Schlachtfeld siehst, fängt dein Gehirn automatisch an nachzuvollziehen, wie das Verbrechen oder der Tod vonstatten gegangen ist. Letzte Woche hatte ich einen Fall, bei dem jemand aus dem siebten Stock aus einem Fenster gesprungen ist. Als ich die Hirnmasse und die Blutflecken entfernt habe und neben mir noch einen Schuh und das T-Shirt lagen sah, habe ich mir den Sprung vorgestellt. Das hat mich länger beschäftigt. Ich habe nachts gegrübelt, ob die Person nicht vielleicht doch gestoßen wurde und was hinter dem Suizid stecken könnte. Man sollte schon ein bisschen gucken, die Gedanken nicht mit nach Hause zu nehmen, sonst ziehen sie einen runter.


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Gibt es Einsätze, die dich länger beschäftigen als andere?
Es gibt Fälle, die nicht sehr komplex klingen und dennoch am Ende schwerer zu verarbeiten sind als andere. Ich wurde mal nachts von der Polizei zu einer Familie gerufen, weil der Vater sich nach einer schweren Depression das Leben genommen hatte, während seine Frau und Kinder im oberen Stockwerk schliefen. Ich kann die Bilder bis heute nicht vergessen. Als ich auf das Grundstück kam und auf das Haus zuging, sah von außen alles normal aus. Die Umgebung war toll, der Garten war grün, links an der Seite standen ein paar Boote. Als ich durch die Tür ging, saß der Vater des Verstorbenen wippend in einem Schaukelstuhl und sagte dauernd: "Warum? Warum?"

In dem kleinen Toilettenraum, in dem der Mann gestorben war, habe ich dann die Reinigungsarbeiten durchgeführt. Auf der Waschmaschine in der Ecke standen Fotos von den Kindern und ihrer Mutter. Ich sollte mich beeilen, damit sie mich nicht sehen, wenn sie aus der Schule heimkommen. Auf dem Nachhauseweg habe ich im Auto geweint, weil mir die Familie so leid getan hat. Solche Schicksale bewegen mich manchmal mehr als ein Mord – vor allem, weil ich selber eine Familie habe.

Was machst du, wenn du merkst, dass du mit dem Gesehenen alleine nicht fertig wirst?
Vor ein paar Jahren habe ich noch versucht, das mit mir selber auszumachen. Dann bin in ein dunkles Loch abgerutscht. Ich würde es nicht direkt Depressionen nennen, aber der Job hat mich ziemlich runtergezogen. Ich habe dann realisiert, dass ich auf jeden Fall über meine Gedanken sprechen muss und sie nicht allein verarbeiten kann. Manche Bilder sind immer wieder hochgekommen. Sie waren so tief verwachsen, dass ich mir irgendwann existenzielle Fragen gestellt und alles hinterfragt habe über das Leben, den Tod, den Glauben. Ich habe mich fast vier Jahre aus der Tatortreinigung zurückgezogen und war in Therapie, vor Kurzem hatte ich meinen ersten Einsatz nach der Pause. Ich versuche sozusagen gerade, wieder in mein normales Leben zurückzukehren.

Christian Heistermann der Tatortreiniger VICE
"Ich bin nicht strenggläubig, aber manchmal mache ich beim Reinigen das Fenster auf und bete ein Vaterunser, damit wünsche ich eine gute Reise und ein Aufgehen in Allem"

Hat sich deine Beziehung zum Tod durch deinen Beruf verändert?
Ich sage immer: Was du in der Jugend mitkriegst, prägt und formt dich, aber wie du dich als Erwachsener entwickelst, hängt auch von deiner Einstellung zum Tod ab. Was hinterlässt du auf der Welt? Bist du korrekt oder ein riesengroßes Arschloch? Die Tatortreinigung und meine Auseinandersetzung mit dem Tod haben mich persönlich verändert. Ich bin nicht glücklich, dass es genau so geschehen ist, weil es mir dadurch teilweise sehr schlecht ging, aber ich denke, dass ich mich in eine positive Richtung entwickle. Früher standen für mich der Job und das Geld an erster Stelle. Heute will ich mit anderen Menschen auskommen, andere Perspektiven kennenlernen und meine Kinder großziehen.

Findest du es bedenklich, wenn der ernste Aspekt deines Jobs durch Comedy-Serien wie Der Tatortreiniger verloren geht?
Wir machen uns nicht über die Toten oder die Angehörigen lustig, aber vor einem Einsatz wird auch mal gelacht. Es ist ja nicht so, dass ich kein lustiger Mensch bin. Ich bin offensichtlich sogar so tiefgründig lustig, dass ich das Rollenvorbild für Bjarne Mädels Rolle "Schotty" im Tatortreiniger wurde. Ohne eine gewisse Leichtigkeit würde ich wahrscheinlich wieder in das tiefe Loch fallen, in dem ich vor meiner Pause war. Letzte Woche hatte ich zum Beispiel versehentlich einen Einweganzug in der falschen Größe mitgenommen. Ich musste ihn in der Mitte durchschneiden und eine Gummihose anziehen. Improvisation gehört manchmal mit zum Geschäft, es sah zum Schießen aus.

Wie reagieren die Angehörigen, wenn du die Orte reinigst, an denen kurz vorher ihre Nächsten gestorben sind?
So übertriebene Begegnungen wie Schotty im Tatortreiniger habe ich nicht, aber es gibt schon manchmal Leute, die ihre Ticks in punkto Sauberkeit haben: Manche wollen auch Zertifikate, dass alles richtig gereinigt wurde, oder dass keine Geister mehr im Raum sind. Wenn ich mit Angehörigen zu tun habe, stehen sie oft unter Schock, da muss ich sehr pietätvoll sein. Die Gespräche vor den Einsätzen sind eher erklärend. Einige möchten uns beim Reinigen über die Schulter sehen, doch wenn wir in einem Zimmer mit Wasserstoffperoxid herumhantieren und sich jemand ohne Atemschutzmaske darin aufhält, ist das zum Beispiel echt schlecht für die Atemwege und Schleimhäute.

Werkzeuge im Geräteschuppen des Tatortreinigers
"Hier stehen viele Werkzeuge, die ich vor allem für die Gebäudereinigung brauche", sagt Heistermann, als er durch sein Lager führt

Glaubst du selbst an Geister, die sich an den Sterbeorten herumtreiben?
Ich glaube daran, dass nach dem Tod eines Menschen seine Energie freigesetzt wird. Ich denke, dass diese noch anwesend sein kann. Ich bin nicht strenggläubig, aber manchmal mache ich beim Reinigen das Fenster auf und bete ein Vaterunser, damit wünsche ich eine gute Reise und ein Aufgehen in Allem. Das klingt ein bisschen irre, aber ich denke, dass jeder Mensch seine eigene Vorstellung von dem hat, was nach dem Tod kommt. Ich stelle mir vor, wie die Energie in den Polarlichtern aufgeht und am Himmel in den vielfältigsten Farben funkelt. Wenn ich mit dem Wasserstoffperoxid durch den Raum gehe, fühlt sich das an, als entfernte ich die letzte Materie des irdischen Daseins. Mit meinem Oxygen, sage ich immer, lösche ich die verbliebene organische Materie, so, wie wenn man auf der Computertastatur die Delete-Taste drückt. Wenn Wasserstoffperoxid auf eine menschliche Zelle trifft, explodiert diese förmlich – mikrobiologisch ist das das Ende.

Für viele Menschen ist ihr Job bei Partys Gesprächsthema Nummer Eins. Wie ist das, wenn die Arbeitsorte Leichenfundstellen sind?
Bei mir ist es eher so, dass die Leute auf mich zukommen und versuchen, mit Standardfragen ein Gespräch über meinen Job aufzubauen. Sie wollen wissen, wie ich Tatortreiniger geworden bin oder was der Beruf mit mir macht. Ehrlich gesagt habe ich gar keine Musterantworten, das will ich auch nicht. Manche fragen mich über den Tatortreiniger aus, wollen wissen, was Bjarne Mädel für ein Typ ist und was ich von den Geschichten halte. Wenn ich dann anfange, aus meinem wahren Leben zu erzählen – etwa, dass ich mit zwölf Jahren schon in der Gebäudereinigung meinem Bruder beim Putzen geholfen habe, und dass mein Vater früher auch ein eigenes Unternehmen hatte –, langweilt es die Menschen. Dann habe ich auch keine Lust mehr, jemandem bei dröhnender Musik auch noch zu erklären, dass mein Job einen auch richtig runterziehen kann, dass er dreckig und eklig sein kann. Ich bin nicht nur der Tatortreiniger, sondern Meister der Gebäudereinigung mit einem breiten Spektrum – und in erster Linie einfach nur Christian Heistermann. Mehr nicht.

Was würdest du denn lieber gefragt werden?
Ob ich neben der Arbeit auch andere geile Sachen mache. Ich engagiere mich zum Beispiel bei sozialen Projekten und habe angefangen, ein Buch zu schreiben. Die wenigsten wissen, wie es in meinem Leben wirklich aussieht und wie sehr ich mich mit dem Tod beschäftigt habe. Manchmal fehlt einfach der richtige Rahmen für Gespräche über meinen Job. Wenn ich in einer Kunstausstellung oder der Disko bin und alle gute Laune haben, will ich nicht der Stimmungskiller sein, der seine Geschichten über Mord- und Totschlag hinausschreit.

Notrufnummern für Suizidgefährdete bieten Hilfe für Personen, die an Selbstmord denken – und jene, die sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden bei Organisationen wie Agus Hilfe.

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