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Diese 23-Jährige ist die wohl schrägste Kandidatin der Bundestagswahl

Sie will nicht gewählt werden und Terror mit Selbstliebe bekämpfen. Eine Kandidatin, die wirkt, als hätte sie Jan Böhmermann erschaffen.

Niclas Seydack

Melda Hund, sie kandidiert für die Grundeinkommens-Partei in Deutschland | Foto: Screenshot WDR

Momentan arbeitet sie an "ungefähr 14 Themengebieten", erzählt die Politikerin Melda Hund dem WDR in einem Video. Nicht mehr und nicht weniger. Als die Moderatorin sie fragt, was ihr wichtigstes Ziel im Bundestag werden soll, antwortet die 23-Jährige: "Ich möchte gar nicht mehr in den Bundestag gewählt werden." Keine Regung in ihrem Gesicht. Nächste Frage: Wie wollen Sie Menschen vor Terror schützen? "Meine Lösung ist, die Menschen an die Selbstliebe zu erinnern."

Vor drei Monaten gab Melda Hund an, sie sei "Reinigungskraft", unter dem aktuellen Video nennt sie sich "Kreative", auf der Landesliste ihrer Partei ist sie "Kinderpflegerin". Fest steht: Sie ist die bisher seltsamste Kandidatin für die Bundestagswahl im September, die uns untergekommen ist.


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Der WDR hat in den vergangenen Wochen einen Großteil der 771 Kandidaten aller Parteien Nordrhein-Westfalens interviewt und die Videos nun online gestellt. Darunter sind neben Politikern, die man kennt, wie Gesundheitsminister Hermann Gröhe oder FDP-Chef Christian Lindner auch Vertreter skurriler Kleinstparteien. Eine davon: Melda Hund. Sie kandidiert für die Grundeinkommens-Partei.

Ist Melda Hund ein Fake?

Wer ist diese Frau? Was will sie? Und vor allem: Hat sie die PARTEI oder Jan Böhmermann eingeschleust?

Nein, ein Fake ist Melda Hund nicht. Es gibt sie wirklich. Sie steht auf der Landesliste ihrer Partei, deren Domain vom Bündnis Grundeinkommen in München angemeldet wurde. Eine politische Kleinstpartei mit rund 250 Mitgliedern und nur einem Thema: der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens. Hat die Partei dieses Ziel erreicht, löst sie sich auf, verspricht sie in ihrem Parteiprogramm.

Die Partei unterhält 16 Landesverbände, darunter einen in Nordrhein-Westfalen. Dort tritt Melda Hund an. Sie taucht in öffentlichen Sitzungsprotokollen auf, nimmt an Aktionen teil – und trat schon zur Landtagswahl im Mai für die Partei an. Auch damals unterzog sie der WDR einem Kandidatencheck. Und dieses Video aus dem Mai ist noch seltsamer, weil sie hier plötzlich geradezu seriös erscheint.

Vor drei Monaten forderte sie mehr Radwege für NRW, jetzt will sie Terror mit Selbstliebe bekämpfen.

Hund ist genau so todernst wie im Video zur Bundestagswahl. Bloß wollte sie damals noch Bürger und Polizei versöhnen, Flüchtlinge integrieren und mehr Radwege für Nordrhein-Westfalen. Was ist in den vergangenen drei Monaten passiert?

In dem Video zur Bundestagswahl sagt sie, Terror sei "ein kollektives Problem". Genau wie ungleiches Einkommen zwischen Arm und Reich. Auch dafür hat Hund eine Lösung: "Wenn ich selbst Ordnung in mein kleines Universum bringe, dann hab ich schon etwas Wichtiges getan, um die Spannung zwischen Reichtum und Armut ein bisschen aufzulösen."

Wie kommt es, dass Melda Hund jetzt verballertes Gerede statt eines vernünftigen Programms präsentiert?

In ihrer Freizeit schlägt ihr Herz für Tapezieren.

Über sich selbst sagt Hund: "In meiner Freizeit schlägt mein Herz für die Umsetzung spontaner Ideen und Inspirationen. Zur Zeit das Buch Vision und das Plakat Gesellschaft in Zukunft, sowie das Einrichten meiner Wohnung, tapezieren etc."

In ihrer Freizeit schlägt ihr Herz für Tapezieren? Auf eine VICE-Anfrage reagierte Hund bisher nicht. Ein neuer Verdacht keimt auf: Melda Hund pflegt einen avantgardistischen Dada-Humor. Der ist so subversiv, dass man ihn nur versteht, wenn man es will. Mit der Videobeschreibung zur Landtagswahl hat sie quasi gag-technisch ihre Videobotschaft zur Bundestagswahl vorbereitet.

Im Moment schreibt sie an ihrer "autofiktionalen Biografie". Das passt zu ihrer Kandidatur – die zu ausgedacht klingt, um wahr zu sein.

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