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Screenshot des Twitter-Accounts @Erzlichter | eingesehen über Google-Webcache am 9. Januar 2018

Diese Gruppe vermummter Mate-Trinker will einen "Nazikiez" aufbauen

VonJohannes MusialundThomas Vorreyer

Die "Erzlichter" sprühen "I <3 NS" an die Häuserwände Sachsens. Der Verfassungsschutz beobachtet sie – doch in der Gegend gibt es noch viele andere rechtsextreme Gruppen.

Screenshot des Twitter-Accounts @Erzlichter | eingesehen über Google-Webcache am 9. Januar 2018

Auf einem Foto – vermutlich vom Herbst 2017 – posieren sechs Männer auf dem Glückauf-Turm in Sachsen. Sie tragen schwarze Jacken, haben ihre Gesichter mit Kapuzen und Tüchern vermummt, in ihren Händen halten sie Club-Mate-Flaschen. Der Turm auf der Schutthalde des stillgelegten Deutschlandschachts erhebt sich 36 Meter über das Erzgebirge, von hier überblickt man im Osten die Dächer der Kleinstadt Oelsnitz, fünf Kilometer dahinter die Silhouette der Kreisstadt Stollberg. Bei der Bundestagswahl hat mehr als jeder Vierte in den beiden Orten AfD oder NPD gewählt. Den sechs Männern auf dem Turm ist das offenbar noch nicht rechts genug. Sie sind Neonazis. Nun hat sie auch der sächsische Verfassungsschutz auf dem Schirm.

Die Gruppe nennt sich "Erzlichter". Auf ihrem vor drei Jahren gestarteten Twitter-Account ist nicht nur das Gruppenfoto von der Schutthalde zu sehen, sondern auch eines, auf dem vier Maskierte sich offensichtlich voller Stolz um einen Stromkasten versammeln. Jemand hat "I <3 NS" auf ihn gesprüht. Das sächsische Innenministerium geht davon aus, dass auch in den vergangenen Monaten in Oelsnitz und Stollberg aufgetauchte Schmierereien wie "Volkstod stoppen" oder "NS jetzt" und Aufkleber mit "NS-Area" oder "Hknkrz" von der Gruppe stammen. Das berichtet das Ministerium in einer aktuellen Antwort auf eine Kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz. Die Linken-Politikerin wollte wissen, welche Erkenntnisse der Regierung zu den "Erzlichtern" vorliegen.

Das sächsische Innenministerium schreibt, dass der Verfassungsschutz auf die "Erzlichter" erstmals im August 2017 aufmerksam wurde und drei Monate später auch auf eine mittlerweile gelöschte Facebook-Seite stieß. Dort bezeichnete sich die Gruppierung als "Nationalsozialistische Organisation im Erzgebirge" und schrieb: "Wir sind eine Gruppe junger Leute, die die Schnauze voll haben! Wir sehen nicht länger zu!" 80 Likes soll die Seite gehabt haben, schreibt der MDR. Wie viele Personen selbst zu den "Erzlichtern" gehören, können weder Köditz noch der Landesverfassungsschutz sagen. Auf Fotos der Gruppe sind nie mehr als sechs vermummte Männer zu sehen. Über ihren ebenfalls gelöschten Instagram-Account und das mittlerweile in Deutschland gesperrte Twitter-Profil riefen die "Erzlichter" dazu auf, "Nazi-Kieze" zu bilden. Am Volkstrauertag im November letzten Jahres reinigten sie ein Oelsnitzer Denkmal für die "gefallenen Helden" des Ersten Weltkriegs – den Tag verklären Rechtsextreme als "Heldengedenken", um an im Krieg gestorbene deutsche Soldaten zu erinnern.


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Viel mehr Informationen haben sächsische Behörden bisher nicht über die Gruppierung und auch Experten der rechten Szene sind noch ziemlich ahnungslos. "Wir wissen noch recht wenig, aber wir sind dran", sagt Angela Klier, Leiterin der Partnerschaft für Demokratie in Aue, gegenüber der Freien Presse. Die Recherche sei schwierig, weil Mitglieder, anders als beispielsweise die "Identitäre Bewegung", ihre Gesichter nicht für Smartphonekameras entblößen.

Außerdem war die Reaktion vieler neonazistischer Gruppierungen nach Bekanntwerden des NSU "die formelle Aufgabe von Strukturen zugunsten von Kampagnen", wie es im Verfassungsschutzbericht Sachsens von 2016 steht. Das macht eine Einschätzung der Szene schwieriger.

Aber auch so zeigen die "Erzlichter": Obwohl seit sechs Jahren immer wieder Enthüllungen rund um den NSU ans Licht kommen, dessen Mitglieder sich in Chemnitz und Zwickau versteckten, dort ihre Taten planten und Helfer fanden, hat die rechtsextreme Szene im Süden Sachsens offenbar nach wie vor genügend Nachwuchs. Insgesamt rund 2.700 Rechtsextreme soll es laut Landesverfassungsschutz in dem Bundesland geben, die Behörde schätzt fast die Hälfte von ihnen als "gewaltorientiert" ein.

Stollberg und Oelsnitz liegen zwischen Zwickau und Chemnitz. Und wie der NSU finden auch die "Erzlichter" in ihrer Region bereits etablierte rechte Strukturen vor – gut vernetzte, gewaltbereite Gruppen. Zwischen 200 bis 250 Rechtsextreme sollen laut Verfassungsschutz allein im Erzgebirgskreis aktiv sein.

Das Vorbild: eine Chemnitzer Terrorgruppe

Laut der Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz sollen die "Erzlichter" Verbindungen zur Neonazi-Gruppe "Rechtes Plenum" haben, die vor zwei Jahren aufgelöst wurde. Einige Chemnitzer Rechtsextreme schlossen sich 2015 unter diesem Namen zusammen und präsentierten sich anschließend als selbsternannte "Nipster", Neonazi-Hipster, auf Social Media – inklusive Verherrlichung von NS-Größen; #AdolfHitler, #JosephGoebbels. Das schreibt das antifaschistische Magazin der rechte rand.

Im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg wagte sich das "Rechte Plenum" aber vom Schreibtisch auch auf die Straße. So sollen sie das Büro einer Linken-Landtagsabgeordneten attackiert haben, außerdem erklärten sie das Viertel zu einer "national befreiten Zone". Auf deren Gebiet erfasste das Landeskriminalamt allein zwischen Januar 2014 und November 2016 75 rechte Straftaten. Vier besonders schwere Ereignisse finden sich allerdings nicht in der LKA-Statistik:

In einem Wohnhaus in der Gießerstraße legten Unbekannte im April 2016 dreimal Feuer. Die Freie Presse berichtete anschließend, auf den Klingelschildern des Hauses hätten auch "osteuropäisch und nordafrikanisch klingende" Familiennamen gestanden. Im November desselben Jahres – und wenige Tage bevor sich das "Rechte Plenum" laut seiner Onlinekanäle auflöste – zerstörte ein Sprengsatz die Fenster im Kulturzentrum "Lokomov". Die Täter konnten nicht ermittelt werden, doch ein rechtsextremistisches Motiv liegt nahe: Zu der Zeit arbeitete dort ein Theaterprojekt an einem Stück über den NSU.

Das "Rechte Plenum" soll sich zum Teil aus Mitgliedern der "Nationalen Sozialisten Chemnitz" rekrutiert haben, schreibt der rechte rand. Die 2014 verbotene Kameradschaft soll mit zwei Neonazis Kontakt gehalten haben, die heute auf der Anklagebank im NSU-Prozess sitzen.

Überall im Erzgebirge tummeln sich Neonazis

Eine Verbindung des NSU nach Stollberg ist zwar nicht bekannt, aber auch in der Kreisstadt südlich von Chemnitz sind die "Erzlichter" nicht die ersten Neonazis, die öffentlich in Erscheinung treten. Linke Aktivisten beklagen seit mehr als zehn Jahren, dass sich Neonazis nahezu ungestört in Stollberg und im umliegenden Erzgebirgskreis ausbreiten würden.

In Niederdorf, nur zwei Kilometer weiter, hatten Unbekannte 2015 vor dem Asylbewerberheim in Niederdorf Schweineköpfe aufgespießt. Der Verfassungsschutz beobachtet in der Gemeinde den Verein "Heimattreue Niederdorf", der sich laut der Behörde schon Frank Rennicke eingeladen haben soll. Der rechte Liedermacher kandidierte für die NPD bei der Wahl des Bundespräsidenten, der Verein sagt, lediglich ein paar Vereinsmitglieder hätten Rennickes Konzert besucht. Wenn Journalisten über den Verein berichten, reagieren einzelne "Heimattreue" auch mal mit Einschüchterungsversuchen.

Erschreckende Bilder bieten sich regelmäßig auch in anderen Orten des Landkreises: 2013 mobilisierte die selbsternannte Bürgerinitiave "Schneeberg wehrt sich" rund 1.800 Menschen, um mit brennenden Fackeln vor eine Asylunterkunft in der Kleinstadt Schneeberg zu ziehen. Demonstranten bedrohten anwesende Journalisten und schlugen zwei von ihnen blutig, mehrere NPD-Mitglieder führten die Bewegung an. Die Neonazi-Partei soll laut Sächsischem Verfassungsschutzbericht 2016 gezielt Kommunalpolitiker im Erzgebirge diffamieren. Die politische Konkurrenzpartei "Der III. Weg" ist ebenfalls vor Ort aktiv, die "Identitäre Bewegung" unterhält eine "Ortsgruppe Erzgebirge".

Genauso kann man an der demokratischen Grundhaltung der AfD im Erzgebirgskreis zweifeln. Im vergangenen Bundestagswahlkampf ließ der Direktkandidat der Partei den verbotenen NS-Spruch "Alles für Deutschland" in Stollberg plakatieren. Anschließend verteidigte er seine Wortwahl als "nahe am Leben". Sein Gegner von der CDU kam zu dem Schluss: "Die AfD hat das Zeug zu einer Nazi-Front."

Und wo sich AfDler und Neonazikader tummeln, sind Reichsbürger nicht weit. Der Landesverfassungsschutz geht davon aus, dass im Sommer vergangenen Jahres
mindestens 57 Anhänger im Erzgebirgskreis leben und 718 im gesamten Freistaat.

Die "Erzlichter" sind in Sachsen also nur ein kleines braunes Licht unter vielen.

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