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Interview

Warum das Team von 'Chef's Table' lieber von #foodromance statt #foodporn spricht

Der Produzent der Netflix-Serie, David Gelb, erklärt uns außerdem, wie man mit der neuen Staffel noch besser geworden ist und welches deutsche Gericht er am liebsten isst.

von Schayan Riaz
25 März 2019, 4:30am

Links, David Gelb: imago | Cinema Publishers Collection || Rechts: Screenshot aus dem YouTube-Video "Chef's Table: Season 6 | Official Trailer"

Das Rezept für die wahrscheinlich berühmteste Kochshow der Welt ist einfach: Pro Staffel werden vier bis sechs Köche aus aller Welt porträtiert. Sie gewähren den Filmemachern einen ausführlichen Blick in ihre Küche, erzählen von sich, von ihren kulinarischen Kreationen und wie sie ihre Michelin-Stern-prämierten Restaurants führen. Seit dem 22. Februar läuft die neue Staffel der Netflix-Serie Chef's Table.

Wir haben mit Produzent David Gelb über die Serie, seine Bemühungen für mehr Diversität und eigene Vorlieben in in der Küche gesprochen.

VICE: Zurzeit läuft die inzwischen sechste Staffel von Chef’s Table auf Netflix. Seid ihr beim alten Konzept geblieben, oder können Fans Neues erwarten? ?
David Gelb: Alle Köche, die wir in Chef’s Table porträtieren, haben eine Sache gemeinsam: Sie erzählen eine Geschichte. Das ist das Hauptkriterium für uns. Die Köche müssen etwas zu sagen haben, ihre Gerichte müssen auf bestimmte Ereignisse in ihren Leben zurückführen. In dieser Staffel haben wir alles dem Thema "Homecoming" untergeordnet. Eine Reise zurück zu den Wurzeln. Mashama Bailey etwa musste ihre Heimat Georgia als kleines Mädchen verlassen und entdeckt in ihrer Folge das Essen ihrer Vorfahren wieder. Asma Khan aus London reist wiederum nach Indien zurück, wo sie geboren ist, um Kindheitserinnerungen zu wecken. Wir zeigen natürlich auch etablierte Köche, Sean Brock zum Beispiel.


Auch bei VICE: Geständniss eines Chefkochs


Ist es manchmal schwer, die Köche zu überreden, bei der Serie mitzumachen?
Ja, weil es ihr Leben komplett verändert. Die Köche gewähren uns zwei Wochen lang einen intimen Blick hinter die Kulissen. Sie schließen ihre Restaurants nicht für uns, wir sind eine Art Ablenkung für sie. Das kann schwierig sein, vor allem wenn viel los ist. Und wenn sie eher lokale Persönlichkeiten sind, noch keine großen Namen, dann müssen wir ihnen natürlich erklären, dass sie nach der Serie möglicherweise berühmter werden. Ich erinnere mich an Niki Nakayama aus der ersten Staffel – sie musste irgendwann eine neue Handynummer anschaffen, weil ihre private Nummer auch ihre Geschäftsnummer war. Sie bekam nach Chef's Table zu viele Anrufe.

Hast du schon Mal irgendwo gegessen und warst so begeistert, dass du auf der Stelle entschieden hast, den Koch zu porträtieren?
Ja, das kam auch schon Mal vor. Ich war mal bei Alain Passard zu Gast. Man kann sagen, dass Passard mit seinen vegetarischen Gerichten die gesamte französische Restaurantwelt verändert hat. Wirklich, Franzosen haben wegen ihm einen ganz neuen Zugang zu Gemüse bekommen. Als großer Fleischesser war ich sehr skeptisch und musste das selbst testen. Dann war ich so beeindruckt von Passards Küche und auch von ihm als Persönlichkeit, dass ich ihm eine Folge widmen musste.

Alain Passard war Teil einer Sonderstaffel, die nur in Frankreich spielte. Was war der Gedanke hinter Chef's Table: France?
In der ersten Staffel spricht jeder Koch darüber, wie er oder sie sein Handwerk in Paris gelernt hat. Also haben wir uns dafür entschieden Frankreich eine ganze Staffel zu widmen. Etwas Ähnliches wollten wir auch in Spanien machen, aber Netflix hat schnell gemerkt, dass die Serie ja in 100 Ländern gestreamt wird und wir uns nicht nur auf ein Land beschränken sollten. Wir wurden darauf hingewiesen, größer und globaler zu denken. Chef's Table: France bleibt einmalig, es wird keine weitere lokale Variante geben.

Die Serie wird immer größer und globaler, ihr zeigt immer mehr internationale Köche und achtet auch darauf, mehr Köchinnen zu porträtieren. Ist das eine bewusste Entscheidung?
Absolut. Das ist eine Sache, die uns nach und nach bewusst geworden ist. In den ersten paar Jahren haben wir berühmte Köche ausgesucht, die überwiegend weiß waren. Und männlich. Da war keine große Absicht dahinter, es ist einfach so gekommen, wie es gekommen ist. Wir haben viel Kritik dafür eingesteckt, aber wir haben sie nicht einfach ignoriert. Im Gegenteil, wir haben daraus gelernt. Und ich muss sagen, dass es überhaupt nicht schwierig war, unseren Fokus zu ändern. Es gibt so viele tolle Köche, die weiblich sind und genauso spannende Geschichte zu erzählen haben wie ihre männlichen Kollegen. Chef's Table ist um einiges besser, seitdem wir uns nicht mehr nur auf weiße, männliche Köche konzentrieren.

Besser ist sie ohne Zweifel geworden. Sie ist dadurch, vielleicht unbewusst, auch etwas politischer geworden. Wie wandert ihr diesen schmalen Grat zwischen politischen Statements der Köche und einer Show, die natürlich auch unterhalten muss?
Es ist wirklich sehr einfach. Nehmen wir beispielsweise die Folge mit Asma Khan. Sie ist eine begnadete Geschichtenerzählerin. Wie sie selbst sagt, war sie die zweite Tochter ihrer Familie, was ihre Mutter zum Weinen gebracht hat. Das ist herzzerreißend, wenn man weiß, dass man gar nicht gewollt war. Doch Asma hat diese Hürden souverän überwunden und ist heute der ganze Stolz ihrer Mutter. Sie führt ein erfolgreiches Restaurant in London. Das ist sehr ergreifend und bestätigt, dass politische Geschichten durchaus unterhalten können.

Werdet ihr auch für so etwas kritisiert?
Ja, wir werden nach wie vor getrollt. Früher war die Kritik berechtigt, als wir wenige Frauen gefeatured haben. Heute ist die Kritik nur sinnlos. Und das sagt viel über unsere heutige Gesellschaft aus. Es ist eine Krankheit, wie wir uns kulturell mit Sachen auseinandersetzen, die diverser oder repräsentativer sind. Ich bin Amerikaner. Wir haben zurzeit einen Präsidenten im Amt, der regelmäßig rassistische und sexistische Sachen sagt und dadurch eine gewisse Gruppe von Menschen ermutigt, selbst rassistisch und sexistisch zu sein, und so auch über unsere Serie urteilt. Also wundert mich das alles nicht. Wir ignorieren es einfach, weil die Mehrheit unsere Arbeit sehr schätzt.

Donald Trump, der große Fast-Food-Fan. Glaubst du, dass er Chef's Table gesehen hat, oder ein Fan der Sterneköche ist?
Der Mann ist offensichtlich kein Foodie, sagen wir es mal so.

Dafür bist du aber ein Foodie. Hat die Serie dazu beigetragen?
Selbstverständlich, Chef's Table hat mir viel beigebracht. Heute schätze ich gutes Essen um einiges mehr. Jeder, der mit mir an der Serie arbeitet, ist ein großer Feinschmecker. Weil wir eng verfolgen können, was für harte Arbeit die Zubereitung von tollen Gerichten ist. Vom Bauer über den Chef zum Restaurantgast. Ich achte jetzt voll auf so etwas. Das hilft mir als Produzent, es muss mich faszinieren.

Kochst du auch selbst viel?
Oh, ja. Ich koche andauernd und achte darauf, stets gesunde Zutaten zu verwenden. Ich koche Zuhause viel vegetarisch, aber leider bin ich nicht so begabt wie meine Eltern.

"Unsere Essensbilder sind keine Sexszenen, sondern allesamt romantisch."

Welche Gerichte erinnern dich an deiner Kindheit?
Meine Eltern haben sich getrennt, als ich 12 Jahre alt war. Dadurch bin ich viel gereist. Ich habe vielseitig gegessen, zum Beispiel hatte ich zum ersten Mal Sushi, als ich fünf war. Dafür bin ich meinen Eltern ewig dankbar. Außerdem hat meine Mutter Rezepte für Zeitschriften geschrieben und ich habe ihr dabei geholfen. Ihr Geschmackstester zu sein war ein wunderbarer Job. Ich kann mich auch daran erinnern, dass meine Eltern immer Gerichte nachgekocht haben, die sie gut fanden. Zum Beispiel ein Rippen-Steak mit gebratenen Kartoffeln nach Pariser Art. Mein Vater hat außerdem unglaublich gute Soufflés und Risottos gekocht. Ich war ein wohlgenährter Junge.

Und jetzt reist du viel für Chef’s Table. Was ist dein Urteil über die deutsche Küche?
Als mein erster Film Jiro: Dreams of Sushi auf der Berlinale lief, hatte Tim Raue nach der Premiere ein vom Film inspiriertes Menü zubereitet. Das fand ich großartig. Ich habe ihn später in seinem Restaurant besucht und das Essen dort sehr genossen. Aber das war eher eine High-End-Einleitung in die deutsche Küche für mich. Das einzig Wahre ist und bleibt die Currywurst. Immer wenn ich in Berlin bin, denke ich daran. Eine Currywurst mit ein bisschen Ketchup ist die perfekte Mahlzeit, ein echtes Comfort Food. Ich liebe auch Wiener Schnitzel – als Kind war ich mal in Wien und fand das Original ausgezeichnet.

Wie kann man sich einen Drehtag von Chef's Table vorstellen? Kriegt ihr ständig nur das beste Essen der besten Köche weltweit serviert?
Das kommt ganz auf die Stadt an. Oft müssen wir uns anpassen. Als wir in Modena in Massimo Botturas Restaurant gedreht haben, konnten wir nicht einfach einen Salat zu Mittag essen. Die italienischen Köche haben nur gelacht und gesagt, dass wir das zu Hause machen können. Sie backten uns Brote, gaben uns den besten Käse, das beste Fleisch. So komisch es klingt, es war eine echte Herausforderung, sich dauerhaft gesund zu ernähren. Für unsere Kamera-Crew war das eine besondere Qual, weil sie manchmal den ganzen Tag auf den Beinen waren und nicht ständig Brot und Käse zu sich nehmen konnten. Für sie mussten wir dann immer Gemüse finden. In Südkorea hatte ich mir während Jeong Kwans Folge vorgenommen, mich wegen ihr ausschließlich vegan zu ernähren. Aber die koreanische Crew war damit überhaupt nicht einverstanden. Sie wollte unbedingt Korean Barbecue. Also musste ich mich anpassen. Überhaupt muss man während den Drehs immer eine gesunde Balance finden – das ist das Wichtigste.

Ein großer Aspekt der Serie ist ihre Ästhetik. Die Gerichte sehen alle immer wunderschön aus, werden oft in Slow-Motion mit klassischer Musik begleitet. Ist #foodporn eure Philosophie?
Wir sagen ungern #foodporn, wir sagen viel lieber #foodromance. Weil es um Geschichten, um Charaktere und um den Kontext geht. Wenn man an Pornografie denkt, dann denkt man an grafische Bilder. Unsere Essensbilder sind keine Sexszenen, sondern allesamt romantisch.

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