Tech

Der mysteriöse "blaue Blitz" von Tschernobyl: Neue Studie stellt den Ablauf der Katastrophe in Frage

Auch nach 31 Jahren gibt die schlimmste Nuklearkatastrophe der Geschichte Forschern noch Rätseln auf.
17 November 2017, 3:56pm
Die gigantische Hülle aus Stahl über dem Reaktor in Tschernobyl | Bild: imago | Ukranian News

Die Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 gilt als der verheerendste nukleare Unfall der Geschichte. Dutzende Menschen starben damals unmittelbar nach dem Reaktorunfall und tausende weitere erlagen später den Folgen der radioaktiven Strahlung – die genauen Zahlen sind bis heute ungewiss.

Der Vorfall befeuerte eine jahrzehntelange Debatte über die Gefahren der Atomenergie und wurde in den letzten 31 Jahren eingehend untersucht – denn man wollte natürlich genau herausfinden, wie es zu dem Versagen im Reaktor 4 des Atomkraftwerks kommen konnte. Der allgemeine Konsens lautet, dass eine falsch durchgeführte Sicherheitsübung zu einer Kernschmelze führte, die zwei kurz aufeinanderfolgende Explosionen auslöste: Zuerst gab es eine Dampfexplosion und wenige Sekunden später dann die Atomexplosion.

Folgt Motherboard auf Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter

Doch vielleicht war alles ganz anders: Eine Studie, die am Donnerstag im Fachjournal Nuclear Technologyveröffentlicht wurde, rollt den Fall neu auf und bezweifelt diese Abfolge. Dabei spielt ein mysteriöser blauer Blitz eine Rolle. Unter der Leitung von Lars-Erik De Geer, einem pensionierten Atomphysiker des schwedischen Forschungsinstitut für Verteidigung, stellen die Autoren die These auf, dass die Dampfexplosion erst nach der nuklearen Explosion erfolgte – und nicht umgekehrt.

Entscheidender Ausschlaggeber für diese Theorie der Forscher sind Messungen aus der russischen Stadt Tscherepowez, die etwa 370 Kilometer nördlich von Moskau liegt. Vier Tage nach der Explosion in Tschernobyl entdeckten Forscher des V.G. Khlopin Radium Institute in Sankt Petersburg (damals Leningrad) Spuren des chemischen Elements Xenon in der Region. Dieser Fund legte nahe, dass radioaktive Teilchen von dem Reaktorunglück in die Stadt gelangt waren.

Woher kommen die radioaktiven Partikel?

Dabei liegt Tscherepowez eigentlich nicht auf der Strecke der Wolken mit dem radioaktiven Fallout, die in den Tagen nach der Explosion über Zentraleuropa und Skandinavien zogen und abhängig von örtlichen Regenfällen den Boden belasteten. Um diesen Widerspruch zu erklären, stellen De Geer und seine Kollegen die Theorie auf, dass eine erste nukleare Explosion einen Strahl an radioaktiven Teilchen etwa drei Kilometer hoch in die Luft geschleudert haben könnte.

Diese radioaktiven Partikel könnten dann hoch oben in der Luft von einer Wetterströmung ergriffen worden sein, die sie nordöstlich nach Tscherepowez transportierten. Den Forschern zufolge sprengte die nachfolgende Dampfexplosion dann den Reaktor auf und radioaktive Teilchen wurden in nordwestliche Richtung freigesetzt.

Der Fischer und der blaue Blitz: Die neue Theorie könnte Schäden am Reaktor selbst erklären

Für die Theorie der schwedischen Forscher würde auch der Bericht eines Fischers sprechen. Der Mann berichtete damals, dass er vor der Explosion einen “blauen Blitz” über dem Reaktor gesehen habe. Tatsächlich würde diese Beobachtung zu der Theorie passen, dass die nukleare Explosion vor der Dampfexplosion stattfand.

Seismische Messungen, die etwa 100 Kilometer westlich von Tschernobyl durchgeführt wurden, könnten ein weiterer Beweis für eine vorangegangenen Atomexplosion sein, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Auch die Schäden am Reaktor selbst, wie beispielsweise eine geschmolzene zwei Meter dicke Seitenplatte, ließen sich durch eine nukleare Explosion vor der Dampfexplosion erklären.


_Ebenfalls auf Motherboard: **Zu Besuch im Hochsicherheitslabor für gefährliche Tierseuchen_**


Unsere Frage, ob er den Unfallhergang in Tschernobyl künftig weiter erforschen wolle, verneinte De Geer. Er wolle sich in Zukunft stattdessen der Untersuchung von Atomtests widmen.

Nichtsdestotrotz könnten andere Atomforscher seine Studienergebnisse aufgreifen und seine Theorie entweder bekräftigen oder widerlegen. Egal, was bei diesen Untersuchungen herauskommt, ist heute eines schon sicher: Auch über 30 Jahre nach der fatalen Explosion können wir uns die Katastrophe nicht vollständig erklären.