Sportlerkrankheit

Warum Dartitis so viele Dartspieler auf mysteriöse Weise am Wurf hindert

"Die Krankheit ist die häufigste Verletzung im Dart", sagt ein Berliner, der sie seit 20 Jahren bekämpft.
16.11.17
Foto: imago | Action Plus

3.000 Dart-Fans warten in Wolverhampton auf den Wurf von Berry van Peer. Der 21-jährige Dartprofi hebt den Arm, fixiert das Board und setzt zum Wurf an – doch er lässt den Pfeil nicht los. Er wiederholt die Wurfbewegung, aber der Dartpfeil bleibt in seiner Hand stecken. Das Publikum lacht hämisch, van Peer weint und verliert das Spiel. Das war am Sonntag. Der weinende Dartprofi ging viral – und mit ihm erlangte auch die für Sportler ernsthafte Beeinträchtigung Dartitis erstmals größere Aufmerksamkeit.

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Dartitis ist eine mentale Blockade, die Spieler davon abhält, den Dart zum richtigen Zeitpunkt loszulassen. Sie zögern vor jedem Wurf, haben Angst, das Ziel zu verfehlen. Was sich erstmal lustig anhört, sollte laut dem Berliner Dartspieler Karsten Jaffke aber als Erkrankung ernstgenommen werden. "Diese Krankheit wird seit Jahrzehnten oft damit abgetan, dass der betroffene Dartspieler zu doof sei zu werfen", sagt der 38-Jährige gegenüber VICE. "Aber Dartitis ist eine komplexe psychische Krankheit." Er startete vor 17 Jahren eine Internetseite, um Spielern mit Dartitis zu helfen. Seitdem beriet er laut eigener Aussage mehr als hundert Dartspieler bei ihrer Blockade.


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Das Phänomen Dartitis erlangte durch die Dartlegende Eric Bristow erstmals eine größere Aufmerksamkeit, als dieser bei den Swedish Open im Jahr 1987 seinen Dartpfeil nicht mehr loslassen konnte. Bristow wurde zwar 1990 noch einmal die Nummer eins der Welt, konnte aber nie wieder zu seiner Topform zurückfinden. 2007 wurde der Begriff sogar ins Oxford English Dictionary aufgenommen. Das Phänomen, das es auch im Bowling oder Snooker gibt, nennt sich beim Golf "Yips". Die psychische Blockade lässt die Spieler ihre Kontrolle über die Nerven und Muskeln in den Armen verlieren und beendete fast die Karriere von Deutschlands Golfstar Bernhard Langer. "Im Golf steckt viel Geld und es gibt viele ärztliche Studien über das Phänomen, im Darts ist das nicht so", sagt Jaffke, der die Dartspieler aus dem In- und Ausland mit seinen eigenen Methoden therapiert.

"Meine Methoden sind über die letzten zwanzig Jahre mit meiner Erfahrung gewachsen", sagt Jaffke, dessen Bruder seit Jahrzehnten ebenfalls mit Dartitis kämpft. Zuvor hatte er unter anderem die Berliner Jugendmeisterschaft gewonnen. Um Betroffene zu heilen, müsse man das Gehirn "resetten", sagt Jaffke. "Entweder man lernt einen neuen Wurfstil, sodass das Gehirn einen neuen Weg gehen muss", erklärt er. "Oder man entspannt das Gehirn, indem man den Druck rausnimmt." Dafür stellt der 38-Jährige beispielsweise die Scheibe auf den Boden. "Dann weiß das Gehirn, dass es sowieso nicht treffen kann und dann kann man in Ruhe werfen", so Jaffke.

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Laut Jaffke bedrücke die meisten Spieler mit Dartitis etwas fernab der Scheibe. "Mögliche Auslöser sind Geldsorgen, Trennung, Existenzängste oder Ähnliches", sagt er. Böse Zungen behaupten, dass eine Dart-Karriere erst mit Geldsorgen oder einer ordentlichen Alkoholsucht starten würde. Doch der ehemals verrufene Saufsport fand seinen Weg von der Kneipe bis in die großen Hallen und wird bei Turnieren von fast zwei Millionen deutschen TV-Zuschauern geschaut. "Bei uns herrscht Alkoholverbot, wenn wir trainieren", sagt Jaffke. Professionelle Dartspieler leiden schon länger nicht mehr an Leberschäden und Alkoholsucht – sondern an Dartitis.

"Die Krankheit ist die häufigste Verletzung im Dart neben Rückenproblemen", so Jaffke. Die Blockade werde ein Dartspieler in seinem Leben nie wieder komplett los, weil die Angst zu versagen sich im Hinterkopf festsetze. Die meisten Spieler denken sogar daran, ihre Karriere zu beenden. 90 Prozent der erkrankten Spieler, die ihn um Rat baten, hatten mit Dart teilweise oder sogar ganz aufgehört. "Das Schöne ist, dass die Menschen diese Krankheit langsam nicht mehr verspotten, sondern sie ernstnehmen", sagt er. "Leider habe ich immer noch keinen Arzt getroffen, der sich mit ihr beschäftigt."

Bei dem Grand Slam of Darts in Wolverhampton spotteten die 3.000 Fans zwar zunächst, munterten den weinenden van Peer dann aber auf. "Danke an alle. Die Unterstützung war unglaublich", schrieb er anschließend auf Twitter. Im Spiel um den Viertelfinaleinzug am Mittwochabend brach van Peer wieder viele Würfe ab. Seinen Gegner Mensur Suljovic störte das nicht. Auch der österreichische Profi kämpfte schon mit Dartitis.

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