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Markus Ripfl (l.) und Gernot Schmidt (m.) beim Gedenken am Zentralfriedhof 2017 | Foto: John Sobek

Rechte Politiker kümmern sich seit Jahren um ein Nazi-Grab

Michael Bonvalot

Michael Bonvalot

Das Wiener Grab des NS-Offiziers Walter Nowotny ist eine Pilgerstätte der extremen Rechten. FPÖ-Funktionäre sind seit Jahren ganz vorne mit dabei.

Markus Ripfl (l.) und Gernot Schmidt (m.) beim Gedenken am Zentralfriedhof 2017 | Foto: John Sobek

Es ist wahrscheinlich das umstrittenste Grab am Wiener Zentralfriedhof. Mitten unter den Ehrengräbern, Reihe 14C, höchstens 100 Meter von der Bundespräsidentengruft entfernt. Ringsherum liegen die Gräber vieler bedeutender Persönlichkeiten, die meisten davon Politiker aus der Arbeiterbewegung. Viele dieser Menschen haben unter dem Faschismus gelitten, auf ihren Gräbern stehen Kränze mit roten Schleifen.

Das Grab Nummer 12 in dieser Reihe sticht heraus. Hier ist Walter Nowotny begraben, Offizier der NS-Luftwaffe, Kampfflieger für das NS-Regime und Mitglied der NSDAP. Nach zahlreichen Einsätzen wurde Nowotny 1944 abgeschossen. Laut dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) würdigte sogar das NS-Blatt, der Völkische Beobachter, den Offizier. Er hätte "als junger Führer der Hitler-Jugend trotz aller Verfolgungen in der Verbotszeit begeistert und unentwegt Adolf Hitler die Treue" gehalten, heißt es da.

Wenig verwunderlich, dass dieses Grab bis heute ein Wallfahrtsort für Nazis, Faschisten und Rechtsextreme ist. Einmal im Jahr, zumeist rund um Nowotnys Todestag am 8. November, kommen sie hier zusammen, um ihrem Helden zu gedenken.

"Nowotny hat als junger Führer der Hitler-Jugend trotz aller Verfolgungen in der Verbotszeit begeistert und unentwegt Adolf Hitler die Treue gehalten."

Bei den Nowotny-Gedenkfeiern war in der Vergangenheit etwa der Neonazi Gottfried Küssel anwesend – in der zweiten Reihe sein damaliger Zögling Martin Sellner, heute Vorzeige-Kamerad der rechtsextremen "Identitären Bewegung". Das belegt die Seite "Küssels Kameraden" mit Bildern.

Warum sich das Grab als Wallfahrtsort der Rechten eignet, sieht man mit einem Blick. Auf dem großen Grabstein aus Granit prangt ein Eisernes Kreuz. Darunter die Inschrift, "Major der Luftwaffe Walter Nowotny – Träger des Eichenlaubes mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des eisernen Kreuzes". Mit der zur NS-Zeit gebräuchlichen "Algiz"-Rune wird Nowotnys Geburtsdatum angezeigt. Dann das Sterbedatum, der 8. November 1944. Schließlich die eingravierte Losung: "Ewig ist der Toten Tatenruhm".

An den Aktivitäten rund um Nowotnys Grab beteiligen sich seit Jahren auch Funktionäre der rechtspopulistischen Partei FPÖ. Bis 2003 war die Begräbnisstätte ein Ehrengrab der Stadt Wien, die Stadt bezahlte die Pflege. Nach Protesten gegen die Aufmärsche am Grab wurde dieser Status schließlich aberkannt. Faktisch aber änderte sich nichts. Das Grab verblieb in der Ehrengräbergruppe – und die Pflege und der Erhalt wurden laut ORF einfach vom Innenministerium übernommen.


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Ab 2012 übernahm dann ein privater Verein die Pflege, der 2003 gegründet worden war. Der damalige Wiener Stadtrat und heutige zweite Landtagspräsident Johann Herzog von der FPÖ war laut ORF an der Vereinsgründung beteiligt. Herzog ist aktuell stellvertretender Vorsitzender, der ehemalige FPÖ-Landesparteisekretär und Bundesrat Hans-Jörg Jenewein Schriftführer. Als Vorsitzender fungiert Gerhard Pendl, der bereits 2008 nach einer umstrittenen Rede am Nowotny-Grab als Uni-Rat abtreten musste. Die Medizin-Uni Wien erklärte damals laut Die Presse: "Seine die Zeit des Nationalsozialismus glorifizierende Einstellung war allgemein bekannt." Als weiterer Stellvertreter fungiert Walter Seledec, FPÖ-Politiker und früherer ORF-Chefredakteur. Dazu kommen laut Vereinsregisterauszug noch einige weitere Personen.

Beim Aufmarsch im Jahr 2017 hat der Blog Rechtsdrall, der über Rechtsextremismus in Österreich berichtet, angeblich 14 Personen der FPÖ zuordnen können. Darunter Markus Ripfl, bis vor Kurzem Vorsitzender der FPÖ-Studierendenorganisation RFS in Wien, jetzt eine der Zukunftshoffnungen der FPÖ Niederösterreich.

"Seine die Zeit des Nationalsozialismus glorifizierende Einstellung war allgemein bekannt."

Ripfl bekennt sich auf Facebook und Twitter auch ganz offen zur Teilnahme: "Ich war beim Gedenken an einen Fliegerhelden, welch Schande über mich. Nowotny war und ist ein Held, dem gedacht werden muss." Ripfl selbst fiel in der Vergangenheit unter anderem dadurch auf, das er vor einer Keltenkreuz-Fahne posierte und den Kühnen-Gruß zeigte, der als Ersatz für den Hitlergruß gilt. Am Aufmarsch für Nowotny trug Ripfl die Kappe seiner Verbindung, der einschlägig bekannten Burschenschaft Olympia.

Die Olympia in der Wiener Gumpendorfer Straße kann man als eine der wichtigsten Rechtsaußen-Verbindungen im gesamten deutschsprachigen Raum bezeichnen. Unter anderem trat in den Verbindungsräumen einst Michael Müller auf, der laut Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) in der Neonazi-Szene mit der Abwandlung eines Liedes von Udo Jürgens populär wurde: "Mit 6 Millionen Juden, da fängt der Spaß erst an, bis 6 Millionen Juden, da ist der Ofen an. [...] Wir haben reichlich Zyklon B. [...] Bei 6 Millionen Juden, ist noch lange nicht Schluss."

Neben Ripfl nahmen noch weitere Olympen mit FPÖ-Verbindung an der Gedenkveranstaltung teil. Unter ihnen Gernot Schmidt, stellvertretender Vorsitzender des Ring Freiheitlicher Studenten an der Universität Wien. Für die Mutterpartei hielt unter anderem Michael Niegl das Banner hoch, Abgeordneter zum Wiener Gemeinderat. Neben ihm eine ganze Reihe weiterer Funktionäre der FPÖ aus Wien und Niederösterreich.

Der Fotograf Peter Palme, der gerade einen Prozess gegen Martin Sellner verloren hat, besucht immer wieder Treffen rechtsextremer Gruppierungen, um das Geschehen vor Ort zu dokumentieren. Er schildert die Szenerie gegenüber VICE folgendermaßen: "Insgesamt waren rund 60 Personen anwesend, von ganz jung über FPÖ bis zu alten Kameradschaftsbündlern, es gab sogar eigene Nowotny-Fahnen." Laut Palme waren die üblichen Verdächtigen da, etwa "die Leute mit Pseudouniformen und die Olympia-Truppe mit Käppi und Schmiss", daneben aber auch "Durchschnittstypen" und "aufgestylte Frauen, die wohl eher gern High Society sein wollten."

Die erste Reihe der FPÖ-Parteiprominenz ließ sich 2017 nicht blicken, doch das muss nicht als Distanzierung verstanden werden. Hintergrund könnten auch die aktuellen Koalitionsverhandlungen sein.

Gedenken am Zentralfriedhof, 2017 | Foto: Peter Palme

Denn in der Vergangenheit war auch das Führungspersonal der Partei wesentlich offener. So zeigt Rechtsdrall etwa ein ganzseitiges Inserat der FPÖ in der Kronen Zeitung, das aus dem Jahr 2011 stammen soll. Johann Gudenus, Strache-Vertrauter, Burschenschafter und stellvertretender Parteivorsitzender der FPÖ, appelliert darin an das Innenministerium, das Grab des "untadeligen" und "höchstdekorierten Soldaten" nicht aufzulösen.

Auch das FPÖ-nahe Rechtsaußenportal unzensuriert lobt Nowotny als einen der "erfolgreichsten und höchstdekorierten Jagdflieger der deutschen Luftwaffe" und bedauert, dass es Nowotny nicht zur Actionfigur geschafft hätte: "Sein kurzes, aber abenteuerliches Leben gäbe sicherlich genügend Stoff, um in Hollywood verfilmt zu werden".

Doch da war eben dieses kleine Nazi-Problem, das unzensuriert so umschreibt: "Wäre da nicht der Makel, dass er eine deutsche Uniform und keine amerikanische trug. Und statt als Titelheld in einem amerikanischen Heldenepos verewigt zu werden, wurde er Jahrzehnte nach seinem Tod zum Kriegsverbrecher gemacht."

Und hier wird auch deutlich, worum es beim Nowotny-Grab eigentlich geht. "Ewig ist der Toten Tatenruhm" lautet die Inschrift auf Nowotnys Grab – für führende Kreise der FPÖ gilt diese Losung offenbar bis heute als Auftrag. Offensichtlich wollen deutschnational-burschenschaftliche Kreise der FPÖ die Geschichte am Beispiel Walter Nowotny geraderücken.

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