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Kriminalität

Ein Einbrecher erzählt, was er in Villen über deren Besitzer gelernt hat

"Einmal habe ich aus Versehen das Tagebuch einer Hausfrau mitgenommen. Da standen lauter intime Dinge drin, von ihrem Geliebten zum Beispiel."

von Christina Hertel
18 Juli 2017, 3:01pm

Foto: Siegfried Massat

Bevor Siegfried Massat zwei Stunden lang von seinem Leben erzählt, was er in seinen fünf Jahrzehnten als Einbrecher so alles erlebt hat, muss er erst einmal seine Frau bitten, den Staubsauger auszuschalten. "So, jetzt ist's besser", sagt er ins Telefon.

Er hat im Laufe seiner kriminellen Karriere viele Häuser von innen gesehen. 500 Villen habe er ausgeraubt, so seine Schätzung. Dazu noch etliche Juweliere und Banken. Für ihn sei das einfach ein Beruf gewesen – so wie andere eben Lehrer werden oder Bäcker. "Einbrechen muss man erlernen", sagt der 72-Jährige. "Und wenn man es gut kann, macht man eben immer weiter."

Das Weitermachen hat ihn sechsmal ins Gefängnis gebracht, insgesamt fast 30 Jahre saß er für seine Raubzüge in Haft. Eines Tages trifft er nach einem Prozess eine Frau, die er beklaut hat. Sie bittet ihn, ihren Schmuck zurückzuschicken. Aber der ist schon längst verkauft. "Ich habe gesehen, dass sie wirklich gelitten hat", sagt er.

Also macht Massat Schluss, sitzt bis 2012 seine letzte Haftstrafe ab. Danach schreibt er ein Buch und hält Vorträge darüber, wie man sein Haus vor Einbrechern schützen kann.

Wir haben mit ihm darüber gesprochen, bei wem es am meisten zu holen gibt und was für absurde Dinge er bei seinen Einbrüchen entdeckt hat.


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VICE: Wo in Deutschland gibt es am meisten zu holen?
Siegfried Massat: Eigentlich überall. Aber im Westen geht man nur in bestimmte Gegenden und nur, wenn man eine Information hat. Während man in München oder im Allgäu immer etwas findet – auch ohne Tipp.

Was waren das für Leute, bei denen Sie eingestiegen sind?
Ich war selten bei den Superreichen, die haben nämlich nicht so schönes Zeug. Das haben eher normale Millionäre, mittelständische Unternehmer zum Beispiel. Die sammeln noch: Säbel, Gewehre, Briefmarken, Füller. Professoren und Ärzte haben oft mit richtig viel Liebe zusammengetragene Sammlungen. Die Superreichen machen das eher weniger.

Wie sieht es bei denen aus?
Ich bin mal bei einem eingebrochen, da war alles aus Marmor und Glas. Der Boden hatte die beste Qualität, aber da war keine persönliche Wärme – bis auf ein einziges Gemälde vielleicht.

Warum ist das so?
Ich vermute, dass solche Leute eher kühl unterwegs sind. Die sind ja nicht umsonst superreich. Wenn sie in ihrem Job hart sein müssen, überträgt sich das vielleicht aufs echte Leben. Bei den Neureichen gibt es übrigens auch nicht viel zu holen. Das sind alles Blender, es geht nur um Effekthascherei.

Woran merkt man das?
An der Wohnungseinrichtung. Die älteren Wohlhabenden haben noch Schränke aus richtigem Massivholz, kein Ikea. Und bei Neureichen musste ich außerdem immer wieder feststellen, dass zwar teure Autos in der Garage stehen, aber dann findet man nirgends die Papiere, nur einen Leasingvertrag. Das ist ein sicherer Hinweis, dass es auch sonst nicht viel gibt. Also: Man muss sich schon auskennen, sonst nimmt man hinterher Glassteinchen statt Diamanten mit.

Schonmal passiert?
Am Anfang packt man alles ein, was glänzt. Aber dann schmeißt man es hinterher nur wieder weg. Ich habe im Gefängnis meist in der Bücherei gearbeitet. Da konnte ich mir genau die Fachbücher bestellen, die ich brauchte. Noch heute könnte ich einen Vortrag über Gold und Diamanten halten.

Was haben Sie so alles geklaut?
Viel Geld findet man in den meisten Häusern nicht, 10.000 Euro vielleicht. Es waren mehr Dinge, die man verkaufen kann, wie Schmuck und Juwelen. Einmal habe ich seidene Teppiche mit Goldfäden gestohlen.

Wie viel haben Sie verdient?
Ich habe mal in knapp drei Jahren zehn Millionen Euro gemacht.

Und wo ist das Geld hin?
Weg. Ich mag schöne Dinge und habe immer gut gelebt. Die Kinder gingen auf eine Privatschule. Ich habe viel verballert.

Für was?
Zwei Jahre lang habe ich gekokst, da ist das Geld schneller weg, als Sie schauen können. Dann Schmuck, teure Autos. Und wenn man verurteilt wird, muss man ja alles wieder abgegeben.

Haben Sie sich geschämt, in fremde Häuser einzusteigen?
Ich habe bei meinen Einbrüchen nie etwas gefühlt. Keine Angst, keine Scham, nichts. Ich habe sogar in Unterwäsche herumgewühlt – und dann auch schon mal einen Dildo gefunden.

Einmal habe ich aus Versehen das Tagebuch einer Hausfrau mitgenommen. Ich habe die ersten 30 Seiten gelesen. Da standen lauter intime Dinge drin, von ihrem Geliebten zum Beispiel. Ich habe es ihr dann zurückgeschickt.

Gibt es also eine Einbrecher-Ehre?
Für mich ist Einbrechen ein richtiger Beruf, den ich erlerne, bei dem es Regeln gibt: keine Oma beklauen und keine kleinen Kinder – und keine Frauen schlagen.

Auf was sind Sie sonst noch so gestoßen?
In einer Villa war hinter einem Fitnessraum ein Sadomaso-Studio. Ein anderer hatte in seinem Schlafzimmer zwei Rutschen: eine für seine dreckige Wäsche, die andere ging zum Pool.

Haben Sie mal jemanden verletzt?
Nie. Auch bei Banküberfällen war immer klar: Wir schießen bloß in die Decke. Alles andere wäre auch dumm. Nur die Unsicheren schießen wild herum. Wenn bei einem Einbruch jemand verletzt wird, erhöht das nur den Fahndungsdruck der Polizei. Wenn aber keinem etwas passiert ist, sagen die schon mal: "Tut uns leid, wir können nicht weiterhelfen."

Warum haben Sie überhaupt angefangen zu klauen?
Ich bin im Heim aufgewachsen. Der Pfarrer dort hat jegliche Empathie aus mir herausgeprügelt. Er hat mich auch sexuell missbraucht. Ich hatte solche Angst, dass ich als Elfjähriger wieder angefangen habe, ins Bett zu machen. Und irgendwann bin ich dann aus dem Heim abgehauen. Dann brauchte ich Essen, musste irgendwo schlafen. Ich habe angefangen, in Gaststätten Automaten aufzubrechen. Später nimmt dich jemand mit zum Schmierestehen und das nächste Mal sollst du helfen, die Tür aufzubrechen. Es ging immer ums Geld. Etwas Heldenhaftes am Einbrechen gibt es nicht.

Bereuen Sie trotzdem, es immer wieder getan zu haben?
Es lohnt sich für den Moment. Aber ich saß fast 30 Jahre lang im Gefängnis und habe viele Phasen im Leben meiner Tochter verpasst. Das sind Sachen, die kann Geld nicht ersetzen.

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