Warum zur Hölle bilden Raupen-Banden gerade überall in Deutschland eine Polonaise?
Bild: Rabiem22/Flickr/CC-by-2.0
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Warum zur Hölle bilden Raupen-Banden gerade überall in Deutschland eine Polonaise?

Auf YouTube tauchen immer mehr Videos von eigenartigen Raupen-Prozessionen auf. Für das kuriose Verhalten gibt es zwar eine einfache biologische Erklärung – in die Quere kommen sollte man den Raupen jedoch lieber nicht.
6.7.17

Schon seit geraumer Zeit kriechen durch die Newsfeeds dieser Welt Videos von Raupen, die sich in meterlangen Schlangenlinien fortbewegen und dabei eine formschöne Raupen-Polonaise bilden. Auch in Deutschland wird das kuriose Schauspiel immer häufiger beobachtet – und zwar insbesondere im Frühjahr und den Sommermonaten. Oft werden die Aufnahmen von der Frage begleitet, was um Himmels Willen die kleinen Kriecher dort eigentlich machen und warum sie ausgerechnet eine Raupen-Parade aufführen.

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Tatsächlich ist das eigentümliche Phänomen Teil des natürlichen Entwicklungsprozesses der Prozessionsspinner. Dabei handelt es sich um eine Raupenart, die ihren überraschenden Namen ihrer speziellen Fortbewegungsart verdankt. Das obige Video beispielsweise zeigt eine Handvoll Exemplare der Unterart der Pinien-Prozessionsspinner, wie sie gerade ein vorbildliches Einfädelungsmanöver vollziehen. Die Mottenart ist eigentlich im Mittelmeerraum und Nordafrika heimisch, lässt sich dank milder Winter und warmer Sommer jedoch zunehmend auch in nördlicheren Gegenden nieder, so auch in Deutschland. Ebenfalls weit verbreitet ist in unserer Region der Eichenprozessionsspinner, der in einigen Gebieten inzwischen sogar zur Plage wird.

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Auch wenn die Raupen bei ihrer Prozession eine Pheromonspur legen, ist der Grund für die Paraden keineswegs das Abhalten einer amtlichen Raupen-Orgie. Der eigentliche Grund: Die Insekten kriechen in Reih und Glied zu einem Verpuppungsort, an dem sie ihre Kokons bilden. Ein Prozess, den die Raupen besonders im Frühjahr und den frühen Sommermonaten durchlaufen, was auch erklärt, warum gerade jetzt die Frage nach den Raupen-Polonaisen im Internet auftaucht. Während der Wanderung wird jede Raupe von dem Hinterteil seines Vordermanns geleitet. Angeführt wird die Schlange, die aus bis zu 300 Tieren bestehen kann, normalerweise von einem zukünftigen Weibchen.

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Der französische Insektenforscher Jean-Henri Fabre beschäftigte sich bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts eingehend mit dem Verhalten der Raupen und führte Experimente mit ihnen durch.


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Der Forscher manipulierte ihren Marsch so, dass die Raupen im Kreis liefen. Er wollte testen, wie lange die Anführer-Raupe brauchen würde, um den Fehler zu bemerken und die Marschrichtung zu korrigieren. Fabre vermutete, dass dies Minuten oder Stunden dauern würde, doch er hatte sich geirrt: Tatsächlich liefen seine armen Versuchsobjekte damals über eine Woche lang im Kreis. "Die kopflose Reihe hat keine Freiheit mehr, keinen Willen; sie funktioniert nur noch wie ein Uhrwerk", urteilte Fabre 1916 fasziniert.

Im deutschen Gartenforum des 21. Jahrhunderts fällt die Reaktion hingegen panisch aus, als klar wird, dass man es hier mit Prozessionsspinner-Raupen zu tun hat: "Bring diese Biester so schnell wie möglich um, am besten mit einer Flamme!!", postet beispielsweise ein User einen gar nicht mal so guten Rat.

Eichenprozessionsspinner haben einen gefällten Baumstamm in Hessen erobert | Bild: imago | imagebroker

Auch wenn man nicht gleich zum Flammenwerfer greifen muss, sollte man Fabres Experiment lieber nicht im heimischen Garten nachstellen. Denn die Brennhaare der Insekten können teils starke allergische Reaktionen auslösen. Es ist also wesentlich ratsamer, die possierlichen Raupen-Polonaisen mit gebührendem Abstand oder – noch besser – als formschönes Video auf YouTube zu bestaunen.