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Chester Bennington hat mir gezeigt, dass ich mit meiner Wut und Einsamkeit nicht allein bin

"Hastig fummelte ich ein leeres Tape in meine Anlage, um zumindest noch die zweite Hälfte vom Song aufzunehmen. Dann wartete ich ungeduldig darauf, dass der Moderator den Namen der Band sagte, die meine Welt gerade auf den Kopf gestellt hatte."

von Kim Kelly
24 Juli 2017, 2:48pm

Foto: Kristina Servant | Flickr | CC BY 2.0

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Noisey US.

Wenn du die prägenden Jahre deiner Pubertät um die Jahrtausendwende erlebt hast, wird dir Hybrid Theory definitiv ein Begriff sein. Linkin Parks Debüt war einfach überall. Die Singles liefen im Musikfernsehen und Radio auf Dauerschleife. Und wahrscheinlich hast du es geliebt. Es ist das Album, das die damals noch hybride Rap-Rock-Formation zu Superstars machte. Alle vier Singleauskopplungen – "One Step Closer", "Papercut", "Crawling" und insbesondere "In the End" – hielten sich mehrere Wochen in den Charts.

Linkin Parks Debüt erschien zu einer Zeit, als sich das RapRock-Genre gerade auf seinem kommerziellen Höhepunkt befand. Es füllte geschmeidig die Generationenlücke zwischen der dahinwelkenden Omnipräsenz des Grunge und dem Aufstieg des aggressiven, Comic-haften Nu Metals, der ihn in den 90ern abgelöst hatte. Nein, Berührungsängste mit Letzterem hatte die Band auf Hybrid Theory definitiv nicht (siehe auch die tiefergestimmte Gitarrenwand und Flüsterschreie von "Run Away"), aber ihre Musik war trotzdem anders als die blanke Wut, die Bands wie Slipknot und KoRn transportierten. In erster Linie kamen Linkin Park vor allem gepeinigt rüber. Chester Bennington, der letzte Woche Donnerstag mit 41 Jahren gestorben ist, schrieb Texte, die vor Trauer trieften. Seine halbgeflüsterten Passagen lösten sich oftmals in einem wütenden Schrei auf, wenn er mit den Heuchlern, den Posern und Bullys abrechnete, die als seine unsichtbaren Widersacher agierten.


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Bennington klang zweifellos angepisst, allerdings kam das bei ihm nie bedrohlich oder übertrieben mackermäßig rüber. Seine Stimme verfügte über eine Zerbrechlichkeit, die von seiner schmalen Statur und seinem attraktiv-jungenhaften Aussehen noch verstärkt wurde. Was auch immer es war, es packte uns und half uns dabei, eine Welt zu verstehen, in deren Größe und Kälte wir uns oft nicht zurechtfanden. Während viele Rockstars aus dieser Phase das damals gar nicht mal so unlukrative "so wütend, ich-hasse-meinen-Vater"-Image ausschlachteten, wie sie nur konnten, war Linkin Parks Leiden ehrlich – insbesondere verkörpert durch Benningtons Erinnerungen an seine schwere und von Missbrauch geprägte Kindheit.

Seine Bereitschaft, offen mit seinem persönlichen Trauma umzugehen, spendete Millionen anderen Teenagern in ihren dunklen Zeiten Trost. Mit den beherrschenden Themen des Albums – Enttäuschung, Einsamkeit und Rebellion – konnten die ängstlichen, frustrierten und deprimierten Jugendlichen, die viele von uns waren, sofort etwas anfangen. Und die Musik selbst – eine sonderbar ansprechende und unbedrohliche Mischung aus eingängigem Alternative Rock, Nu Metal und HipHop, gespickt mit Bars von Rapper Mike Shinoda und Benningtons hohem, oftmals gequältem Gesang – war gerade konfrontativ genug, um sich gefährlich anzufühlen, aber zugänglich genug, um uns nicht sofort zu vergraulen. Live waren sie mitreißend, im Studio furchtlos, sie drückten die ohnehin schon fließenden Grenzen des RapRock in jede Richtung, die man sich nur vorstellen konnte. Es war das perfekte Einstiegsalbum, weil es mehrere Möglichkeiten bereithielt: Es führte mich zum extremen Metal, andere jedoch zum HipHop, zur elektronischen Musik oder ganz allgemein zum Rock. Selbst die truesten Black-Metal-Fans oder realsten HipHop-Fanatiker müssen schließlich irgendwo anfangen. Und für Millionen Teenager auf der ganzen Welt kam dieser Startpunkt in der Gestalt von ein paar schmächtigen Typen aus den Vororten von Los Angeles.

Für Teenager wie mich, die im ländlichen Amerika aufwuchsen und ihre ganze Musik von Walmart und dem Radio bekamen, schlug Hybrid Theory ein wie ein Meteor. Ich weiß noch genau, wie ich zum ersten Mal Linkin Park hörte. Es war spät am Abend im Sommer, als ich zusammengekauert neben meiner Stereoanlage lag und so leise wie möglich dem örtlichen Rockradio lauschte. Meine Mutter durfte nicht wissen, dass ich noch wach war. Plötzlich erklang aus dem Ätherrauschen etwas Neues – etwas Anderes. Die erste Single "One Step Closer" zischte aus meinen schrottigen Lautsprechern wie die Schlange vom Baum der Erkenntnis. Während die Riffs brummten und dröhnten, erklang Benningtons Stimme scharf und klar wie gebrochenes Glas. Sie spiegelte meine eigene jugendliche Frustration und dürftig aufgestauten Gefühle wider, die mich immer wieder beim Antiaggressionstraining enden ließen. Die Musik traf einen Punkt in mir, den die alten Black Sabbath-Platten meines Vaters nicht zu finden vermochten. Ich hatte das Gefühl, die Band verstand mich und warum ich so sauer war. Sie gaben mir sogar das Gefühl, dass es OK ist, sich so zu fühlen. Hastig fummelte ich ein leeres Tape in meine Anlage, um zumindest noch die zweite Hälfte vom Lied aufzunehmen. Dann wartete ich ungeduldig darauf, dass der Moderator den Namen der Band sagte, die meine Welt gerade auf den Kopf gestellt hatte. Ich war 12.

Das war vor 17 Jahren und ich weiß noch genau, wie ich mich gefühlt habe, als ich diesen Song zum ersten Mal gehört habe. Und zum ersten Mal erkannte ich, dass ich nicht allein war – wenn auch nur für einen Augenblick.

Linkin Park haben erst im Mai ihr siebtes Album, One More Light, veröffentlicht. Sie gehören weiterhin zu den großen Bands des Mainstream-Rock, aber ich will nicht so tun, als würde ich mich besonders gut mit ihrem neueren Material auskennen. Als Meteora 2003 erschien, tendierte ich schon zu den härteren, weniger gefühlsbetonten Klängen von Grindcore und Death Metal. Linkin Park hatten eine Tür für mich geöffnet, die ich bis dahin noch nicht einmal kannte. Sobald ich die Grenze aber einmal überschritten hatte, blickte ich nie mehr zurück. Ich brauchte es einfach nicht mehr. Sie hatten mir einen ersten Vorgeschmack auf das gegeben, was es da draußen alles gab. Jetzt war es an mir selbst, mich auf die Entdeckungsreise zu machen. Als Bennington bei den Stone Temple Pilots einstieg, schaute ich mir aus Neugierde ein paar Videos an – gerade lange genug, um festzustellen, dass seine Stimme immer noch so einzigartig war, wie ich sie in Erinnerung hatte. Zufrieden darüber, dass die Welt offensichtlich im Lot war, schloss ich das Tab wieder.

Aber obwohl sich meine Interessen verändert hatten, blieben Linkin Park Teil meines Lebens und tauchten manchmal an Orten auf, an denen sich sie zuletzt erwartet hätte. Während meiner College-Zeit entwickelte meine kleine Schwester irgendwo zwischen ihrer Boyband-Phase und einem kurzen Flirt mit Pop-Punk eine Obsession mit der Band. Sie kaufte sich sogar die komische Jay-Z Kollaboration, Collision Course, und das erste Album von Mike Shinodas Projekt Fort Minor. Ich vermachte ihr meine alten Kopien von Hybrid Theory und Meteora, die ich ja nicht mehr brauchte. Und obwohl ich sie erbarmungslos damit aufzog, hoffte ich insgeheim, dass Linkin Park auch sie zum Metal führen würde. Sie war ein viel stilleres Mädchen als ich es je gewesen war, aber sie hatte mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen. Ich wusste, dass sie einen Soundtrack für die anstehenden Schlachten brauchte. Aber mein Plan ging nicht auf. Sie landete nie beim Metal. Mit der Zeit wuchs sie zwar auch aus Linkin Park raus, wandte sich dann aber zum Punk und schließlich zum Mainstream-Pop.

Ihre Interessen änderten sich und sie klamüserte sich selbst aus. Nichtsdestotrotz waren Linkin Park für sie dagewesen, als sie sie gebraucht hatte – genau wie für mich und so viele andere. Ich und meine Schwester, wir reden momentan nicht miteinander. Sie lebt draußen in der Wüste Kaliforniens und arbeitet als Kellnerin. Ich lebe in Brooklyn und mache das hier. Ein Teil von mir fragt sich, wie sie mit der Nachricht von Benningtons Tod umgeht. Ein anderer Teil von mir fragt sich, ob sie das hier liest. Falls sie das tut: Hey Mädchen, komm nach Hause.

Nachdem er sie jahrelang auf und hinter der Bühne bekämpft hatte, ist Bennington schließlich seinen Dämonen erlegen. Er starb am 20. Juli 2017 mit 41 Jahren und hinterließ eine Familie, Freunde und Millionen Fans, die ihm mehr schuldig sind, als irgendjemand von uns Worten auszudrücken vermag. 2002 sagte Bennington in einem Interview mit dem Rolling Stone: "Es ist leicht in diesen Zustand zu verfallen: 'Armes, armes Ich'. Da kommt auch der Song 'Crawling' her: Ich halte mich selbst nicht aus. Aber in dem Song geht es darum, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Das Wort 'Du' sage ich darin kein einziges Mal. Es geht um den Grund, warum ich mich so fühle. Irgendetwas ist in mir, das mich runterzieht."

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Notrufnummern für Suizidgefährdete bieten Hilfe für Personen, die an Selbstmord denken – oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat.

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