Hinter Gittern

Was es aus mir machte, als ich im Gefängnis Mitglied einer Neonazi-Gang wurde

Mein bester Freund lag zusammengekauert auf dem Boden unserer Gefängniszelle und flehte mich an, ihn nicht mehr zu schlagen.

von Daniel J. Royston
03 Juli 2017, 12:44pm

Illustration: Dola Sun

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit dem Marshall Project entstanden, einer gemeinnützigen Nachrichtenorganisation, die sich mit dem US-amerikanischen Justizsystem beschäftigt.

"Du dummer Wichser", stieß ich durch meine zusammengepressten Zähne hervor, als ich einen meiner besten Freunde angriff.

"Was …" Tritt.

"… hast du …" Tritt.

"… dir dabei gedacht?!" Tritt.

"Hast du denn gar nichts dazugelernt?!" Tritt. Tritt. Tritt. Und noch ein Tritt.

Mein Freund versuchte, meinen Fuß abzublocken und seinen frisch geschorenen Kopf zu schützen. Meine Stiefel hinterließen trotzdem lila Abdrücke auf seiner hellen Haut. Erst als ich von ihm abließ, um kurz durchzuatmen, merkte ich, dass mein Freund weinte: "Bitte hör auf! Ich schwöre, ich mache so etwas nie wieder!"

Was mich so wütend gemacht hatte: Mein Freund und Neonazi-Skin-Kollege hatte in einer anderen Zelle eine Fernbedienung geklaut, um sie bei einem Schwarzen gegen eine Schachtel Zigaretten einzutauschen. Meiner Meinung nach hatte er sich so doppelt schuldig gemacht: Zum einen hatte er einen Weißen beklaut und zum anderen arbeitete er mit dem Feind zusammen.

Jetzt lag er zusammengekauert zwischen dem Waschbecken und der Toilette unserer Gefängniszelle auf dem Boden und flehte mich an, ihn nicht mehr zu schlagen. Seine Augen waren so angsterfüllt, dass ich wegsehen musste.

Da erblickte ich meine Reflektion in der zerkratzten Edelstahlplatte, die als unser Spiegel fungierte, und erschrak.


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Ich war zu der Person geworden, die meine Kindheit zur Hölle gemacht hatte. Zu dem Mann, der mir Lektionen erteilte, die ich "besser nicht vergesse". Dem Mann, der mir versicherte, dass es ihm mehr wehtun würde als mir – dass das alles nur zu meinem Besten sei. Bis zu dem Zwischenfall in meiner Gefängniszelle war mir gar nicht bewusst gewesen, dass ich mich überhaupt noch an all diese "Lektionen" meines Stiefvaters erinnern konnte.

Ich bin das älteste von drei Geschwistern. Mit meinem strohblonden Haar und meinen blauen Augen sah ich genauso aus wie mein richtiger Vater. Dass ich das Kind eines anderen Mannes war, ließ meinen Stiefvater jedes Mal ausflippen, wenn er an diese Tatsache dachte. Um seinen Bestrafungen Nachdruck zu verleihen, ließ er extra einen Stiefel mit Haltegriff anfertigen und bohrte zur besseren Aerodynamik sogar noch Löcher in die Sohle. Dieser Stiefel machte dann immer wieder Bekanntschaft mit meinem Hintern. Er traf so oft und brutal auf mein Sitzfleisch, dass selbst meine gleichmütige Großmutter schockiert nach Luft schnappte, als sie die Striemen und Wunden auf meinem Po und meinen hinteren Oberschenkeln sah. Anschließend streute sie Peroxid auf die Blessuren und cremte sie ein, damit ich normal dasitzen konnte und in der Schule nicht zu viele Fragen aufkamen.

Der Moment, in dem ich meine Reflektion in der Edelstahlplatte sah, machte mir so viel Angst vor mir selbst, dass ich eine der wichtigsten Entscheidungen meines Gefängnislebens treffen musste.

Ich wusste nicht genau, was es bedeutete, geliebt und umsorgt zu werden. Mein Stiefvater, der mich immer so streng bestrafte, sorgte ja auch für das Essen auf meinem Teller und das Dach über meinem Kopf. Er organisierte meine Geburtstagspartys, machte mir tolle Geschenke und brachte mir Lesen, Schwimmen, Angeln und sogar Lächeln bei. Jeden Sonntag schaute ich zusammen mit dem Mann, den ich "Papa" nannte, stundenlang Football. Im nächsten Moment prügelte er mir wieder "etwas Verstand" ein, wenn er mich dabei erwischte, wie ich aus seiner Cola-Flasche trank.

Und nun tat ich all die Jahre später meinem besten Freund genau das Gleiche an. Einem Kollegen aus meinem Neonazi-Skin-Gefängnis-Clan. Einem Bruder, dem ich geschworen hatte, ihn mehr zu lieben als mein eigen Fleisch und Blut. Mit ihm teilte ich seit zwei Jahren eine Gefängniszelle. Für ihn hatte ich mehrere Male mein Leben riskiert – und dennoch schlug ich ohne Gnade auf ihn ein.

Der Moment, in dem ich meine Reflektion in der Edelstahlplatte sah, machte mir so viel Angst vor mir selbst, dass ich eine der wichtigsten Entscheidungen meines Gefängnislebens treffen musste: Ich trat aus der Neonazi-Gang aus.

Ich verbrachte jeden Tag mit Männern, die genauso verängstigt waren wie ich, gleichzeitig aber auch beweisen wollten, dass sie absolut keine Angst hatten.

Als ich mit 22 ins Gefängnis kam, wog ich knapp 65 Kilo und hatte blondes Haar, blaue Augen und nicht mal einen Hauch von Bartwuchs. Natürlich wurde ich dank dieser Eigenschaften schnell zum Ziel. Was noch dazukam: Die Hochsicherheitsanstalt, in der ich damals saß, galt als besonders gefährlich.

Kurz nach dem vierten oder fünften gewalttätigen Übergriff sprach mich ein Insasse an und erklärte mir die Vorteile davon, mich den Leuten meiner Hautfarbe anzuschließen. Er sagte, dass ich gut daran täte, meine "Rasse nicht weiter zu verraten".

Um ehrlich zu sein, hatte ich keine Ahnung, wie ich mit meiner Liebe zum HipHop oder meinem Faible für die Schauspielerin Stacey Dash weiße Leute verriet. Aber mein Verlangen nach Sicherheit und Ruhe verdrängte jegliche Zweifel. Also knickte ich ein und wurde Teil der Neonazi-Skin-Gang.

In den darauffolgenden zehn Jahren arbeitete ich mich in den Rängen meiner Ersatzfamilie nach oben. Wo sollte ich in den 31 Jahren hinter Gittern, zu denen ich verurteilt worden war, auch sonst Liebe und Unterstützung erfahren? Ich verbrachte jeden Tag mit Männern, die genauso verängstigt waren wie ich, gleichzeitig aber auch beweisen wollten, dass sie absolut keine Angst hatten. Deshalb waren wir auf Kommando skrupellos und aggressiv.

Als ich aus der Gang austrat, ließ ich eine – zugegeben gestörte – Familie zurück. Ich legte eine Identität ab, die ich sehr lange aufgebaut hatte. Was folgte, war etwas, das im Gefängnis zu den gefährlichsten Dingen überhaupt gehört: Schutzlosigkeit.

Letztendlich wurde ich in eine andere Haftanstalt verlegt, ohne zu wissen, wer ich ohne die Gang überhaupt sein würde. Manchmal ist die Angst vor dem Unbekannten aber nicht mal halb so schlimm wie die Erkenntnis, was aus einem geworden ist.

Daniel Royston ist inzwischen 41 Jahre alt und sitzt in der Marion Correctional Institution im US-Bundesstaat Ohio ein. Er verbüßt dort eine 31-jährige Haftstrafe, weil er mit 21 eine Frau vergewaltigte und dafür verurteilt wurde.

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