Politik

Ein Sudanese erzählt, wie sich das Desinteresse am Leid in seiner Heimat anfühlt

"Für die Medien im Westen ist die Sache ganz weit weg", sagt Tayeb. "Die Aufstände sind für sie etwas, das in jedem Land in Afrika genauso passieren könnte."

von Rebecca Baden
19 Juni 2019, 10:21am

Tayeb: Shirin Siebert || rechts: Screenshot aus einem Handyvideo, das die Twitter-Nutzerin @maleehak_ verbreitet ha

In Tayebs Heimatland werden Menschen erschossen und vergewaltigt, seit Anfang des Monats soll das Militär weit mehr als hundert getötet haben. Davon erfährt er hauptsächlich über WhatsApp und Facebook – außerhalb des Landes scheint das bisher nicht viele zu interessieren.

Tayeb kommt aus dem Sudan, aus welcher Stadt genau, will er in diesem Artikel nicht lesen. Er ist 45 Jahre alt und wohnt seit 2002 in Berlin. Um Tayeb soll es in diesem Text allerdings nicht gehen, denn er versucht seit nunmehr sieben Monaten, die Öffentlichkeit auf etwas anderes aufmerksam zu machen: die Revolution und die Gewalt im Sudan. In sozialen Netzwerken kursieren Videos, auf denen Leichen vom Grund des Nils geborgen werden, an ihren Gliedmaßen sind Steine befestigt.

Tayeb und viele andere Menschen kritisieren, der Konflikt im Sudan werde von internationalen Medien nicht ausreichend aufgegriffen. Im Vergleich zum Brand der Notre Dame-Kathedrale in Paris oder sogar der Protestbewegung in Hongkong gebe es auffallend wenig Berichterstattung. Auch deshalb hat sich in sozialen Netzwerken die Solidaritäts-Aktion #BlueforSudan gegründet, bei der User und Userinnen ihre Profilbilder zu einem blauen Hintergrund ändern.


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Doch wie fühlen sich im Ausland lebende Sudanesen und Sudanesinnen und wie nehmen sie das mangelnde Interesse wahr? Wir haben Tayeb in den Garten unserer Redaktion eingeladen und gefragt.

VICE: Kannst du erklären, was im Sudan gerade passiert?
Tayeb: Im Dezember haben die Menschen im Sudan angefangen, gegen den Präsidenten Umar al-Baschir auf die Straße zu gehen. Er war da fast 30 Jahre lang an der Macht. Das war eine Diktatur, deswegen haben viele von uns auch das Land verlassen. Es gab keine Freiheit, die Wirtschaft ist am Boden, viele Menschen haben keine Arbeit. Die junge Generation fand offenbar, dass es reicht.

Die meisten Demonstrierenden sind zwischen 14 und 28 Jahre alt, viele wurden geboren, als der Präsident an die Macht kam. Am 11. April wurde er vom Militär gestürzt. Das Militär sollte die Macht erst einer zivilen Regierung übergeben, wollte dafür aber drei Monate Zeit. Die Verhandlungen zwischen dem Militär und der Gewerkschaften der Sudanese Professionals Association (SPA) gingen 40 Tage lang hin und her. Wir denken, dass die Armee mit dem Präsidenten zusammenarbeitet.

Sudan Revolution
Foto zur Verfügung gestellt von Tayeb

Und wann ist die Auseinandersetzung eskaliert?
Die ganze Zeit über blieben die Demonstrierenden in einem Zeltlager vor dem Hauptquartier der Armee. Die Proteste waren friedlich, in den Lagern wurde gesungen, gemalt und es gab viel Solidarität untereinander. Am 3. Juni hat das Militär um fünf Uhr morgens entschieden, das Protestlager wegzuschaffen. Es war der letzte Tag des Ramadan und viele Leute waren daher nicht im Lager, trotzdem waren noch Tausende in ihren Zelten. Das Militär kam mit schätzungsweise 3.000 Soldaten aus Geheimtruppen und der Dschandschawid Miliz aus Darfur und ist von drei Seiten in das Lager einmarschiert. Dann haben sie angefangen, auf die Menschen zu schießen.

"Ich glaube, der Teufel sitzt in der Ecke und denkt sich: 'Ich bin schlimm, aber diese Menschen sind noch schlimmer.'"

Am selben Tag schaltete das Militär Teile des Internets im Land aus.
Es gibt Bilder und Videos von den Angriffen – allerdings kommen viele davon nicht aus dem Sudan raus. Die meisten Leute gehen nur über ihr Handy online und haben keinen DSL-Anschluss. Es gibt ohne Internet weniger Bildmaterial, aber auf dem, was durchgekommen ist, sieht man: Es ist unmenschlich, was im Sudan passiert.

Inwiefern unmenschlich? Kannst du das näher erklären?
Vor zehn Tagen haben Soldaten auf der Straße wahllos Leute angesprochen und sie geschlagen und erschossen. "Was guckst du so?", fragten sie teilweise, das hat ihnen schon als Anlass gereicht. Davon gibt es Videos, aber das veröffentlichen viele Medien nicht, weil es schwer ist, die Quellen zu überprüfen. Vergangene Woche wurde der Aktivist Waleed Abdel Rahman erschossen. Auf seiner Beerdigung haben Truppen der Privatarmee den Friedhof geentert und die Trauernden getötet.

Es gibt Leute, die arbeiten nur daran, die Gewalt durch das Militär zu dokumentieren. Wie kann man jemandem Steine an die Füße binden und ihn lebendig in den Nil werfen? Wie kann man Kinder erschießen? Nur weil sie Freiheit und Frieden wollen? Ich glaube, der Teufel sitzt in der Ecke und denkt sich: "Ich bin schlimm, aber diese Menschen sind noch schlimmer."

Du versuchst seit Anfang der Revolution, deutsche Medien auf die Situation im Sudan aufmerksam zu machen. Was hat dich dazu gebracht?
Die Proteste im Sudan waren friedlich. Am Anfang gingen die Leute nur in Khartum auf die Straße, über die Zeit im ganzen Land. Es wurde nichts verbrannt oder kaputt gemacht, aber die Soldaten haben von Anfang an Menschen erschossen, davon gibt es Fotos und Videos. Über die Monate wurde die Gewalt mehr.

An einem Tag im Januar haben die Soldaten die Notaufnahme eines Krankenhauses mit Tränengas angegriffen. Ich habe dann mit anderen hier lebenden Sudanesen angefangen, vor der Botschaft und am Brandenburger Tor zu demonstrieren. Die meisten Menschen interessieren sich nicht für internationale Politik. Man kann aber nicht so tun, als wäre da nichts.

Hast du das Gefühl, dass die Situation im Sudan nicht genug Aufmerksamkeit bekommt?
Für die Medien im Westen ist die Sache ganz weit weg: Die Aufstände sind für sie etwas, das in jedem Land in Afrika genauso passieren könnte. Für uns ist das Thema nah. Im Februar kamen ein paar Beiträge in der ARD, oder mal ein Artikel im Spiegel. Aber das sind oft nur kurze Berichte über die "Gewalt im Sudan".

Seit dem Sturz des Präsidenten am 11. April wird mehr über die Situation berichtet. Die UN kritisierte die Angriffe letzte Woche auch. Sie sagt, dass die Gewalt gestoppt werden muss, aber wenn du nicht da bist, kannst du nichts stoppen.

"Die meisten Menschen interessieren sich nicht für internationale Politik. Man kann aber nicht so tun, als wäre da nichts."

Ausländische Journalisten sagen, dass sie wegen des abgeschalteten Internets kaum noch Berichte aus dem Sudan in ihre Heimatredaktionen senden können.
Ein Freund von mir wohnt in der Nähe des Zeltlagers. Er hat mir erzählt, dass er zwei oder drei deutsche Journalisten getroffen hat. Sie hätten sich mit ihnen zusammengesetzt, das Gespräch aufgenommen und mitgeschrieben. Das war im Mai, aber ich weiß nicht, ob es schon veröffentlicht wurde. Jetzt dürfen die ausländischen Journalisten ihre Hotels wohl auch nicht mehr verlassen. Es gehen auch kaum noch Flüge in den Sudan oder aus ihm heraus.

Hast du noch Freunde und Verwandte dort?
Alle sind noch da, meine Eltern, meine Geschwister, meine Cousins, Tanten, Oma. Familie ist für mich ein großer Begriff, ich zähle meine Nachbarn zum Beispiel auch dazu. Ich bin im Sudan aufgewachsen. Da leben meine Jungs aus der Schule, meine Nachbarn, mit denen ich groß geworden bin. Ich kenne Leute, die festgenommen wurden, ein Bekannter wurde am 3. Juni erschossen. Jede Familie im Sudan ist betroffen.

Haben sie auch das Gefühl, die Welt schaue nicht hin?
In den ersten vier Monaten kamen die meisten Informationen über den Sudan über Facebook und WhatsApp bei uns an. Die Demonstrierenden haben sich ihren eigenen Kanal aufgebaut. Das war gut, weil es keine Fernsehberichte gab – auch, weil die Medien im Sudan nichts über die Proteste bringen durften. Das Fernsehen ist noch in der Hand der Ex-Regierung.

Die Leute im Sudan sagen, dass sie die Revolution alleine angefangen haben, und dass sie auch alleine weitermachen. Ihr Wille wurde nicht gebrochen, und es ist vielen egal, ob sie sterben. "Wo ist das Problem", fragen meine Leute im Sudan, "wenn wir dafür am Ende eine demokratische Zivilregierung haben?" Die Leute sind sechs Monate auf der Straße gewesen. Natürlich sind alle wütend. Trotzdem wollen sie friedlich bleiben – auch wenn das Militär mit Waffen gegen sie vorgeht. Würden sie mit Gewalt reagieren, hätte die Armee eine Rechtfertigung für ihre eigenen Angriffe.

Mann aus dem Sudan zeigt Fotos der Revolution

Was müsste deiner Meinung nach international passieren?
Die Unruhen im Sudan sind für die gesamte Region schlecht. Acht Nachbarländer sind betroffen. In den Privattruppen sind Kindersoldaten aus Westsudan, dem Tschad und Niger. Da kommen Kinder mit einer Waffe, erschießen dich und bekommen dafür 200 Dollar. Es ist nicht deren Schuld. Es ist die Schuld unseres Präsidenten, und der afrikanischen Politik. Die Europäer haben nach der Kolonialisierung Menschen an die Spitzen der Länder gesetzt, die seit Jahrzehnten an ihrer Macht festhalten. Die Menschen im Land versuchen sie loszuwerden. Das passiert jetzt auch im Sudan.

Wie ist es für dich, so weit weg zu sein, während sich so viel in deinem Heimatland verändert? Hast du darüber nachgedacht, in den Sudan zurückzugehen?
Aktuell kommt man nicht ins Land rein. Zwei Freunde von mir wurden diese Woche am Flughafen zurückgeschickt, weil die Airline in den nächsten Tagen nicht in den Sudan fliegen wollte. Ich wollte im Februar hinfliegen, aber es hat nicht geklappt.

Hier zu sitzen und nichts machen zu können, ist schlimmer, als die Pistolen um sich zu haben. Wenn man hier ist und hört, dass dieser und jener Bekannte im Sudan erschossen wurde, fühlt sich das ein bisschen an wie sterben. Es ist schwer, den sudanesischen Willen zu brechen, aber ich hoffe, dass es nicht noch schlimmer wird.

"Hier zu sitzen und nichts machen zu können, ist schlimmer, als die Pistolen um sich zu haben. Wenn man hört, dass dieser und jener Bekannte im Sudan erschossen wurde, fühlt sich das ein bisschen an wie sterben."

Hast du keine Angst?
Wovor sollte ich Angst haben, vor dem Tod? Jeder stirbt irgendwann. Ich weiß, dass ich nicht die eine Person bin, die die Situation retten wird. Aber ich würde die Revolution gerne miterleben. Ich bin sauer und traurig, dass ich in den letzten zwei Monaten nicht im Sudan war.

Die Leute haben ihre Zukunft geträumt, so viel gemacht. Die Frauen haben die Revolution angeführt, durch sie ist es vorangegangen. Die Jungs haben sie dabei unterstützt. Das war richtig schön, ich habe jeden Abend auf Livestreams mitgeschaut. Leider ist jetzt alles blutverschmiert. Aber ich würde gerne auch im echten Leben dabei sein, wenn etwas passiert.

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