Ich habe versucht, mein Leben mit Kristallen zu optimieren
Illustration: Lia Kantrowitz
esoterik

Ich habe versucht, mein Leben mit Kristallen zu optimieren

"Nur ein paar Steine?" Von wegen.

In letzter Zeit bin ich permanent müde, depressiv und habe jedes Mal eine Panikattacke, wenn ich bei Twitter online gehe. Meine Therapeutin versucht mich davon zu überzeugen, dass das alles irgendwann vorbeigehen wird. Schließlich hätte ich erst vor kurzem mit dem Kiffen aufgehört, was eine ziemliche Umstellung für meinen Körper war. Bis dahin solle ich einfach Sport machen, nüchtern bleiben und akzeptieren, dass es mir gerade scheiße geht. Dagegen ankämpfen könne ich ja sowieso nicht.

Anzeige

Mein Sternzeichen ist allerdings Jungfrau, was heißt: Ich tue mir zum Einen sehr schwer damit, Ratschläge anzunehmen. Zum Anderen werde ich ganz sicher nicht damit aufhören, mich mit unrealistischen Erwartungen selbst zu bestrafen. Außerdem ist es verdammt schwer, Sport zu machen, wenn man depressiv ist – selbst dann, wenn einem absolut bewusst ist, dass es einem danach besser gehen wird. Deswegen schlug ich den Rat meiner Therapeutin in den Wind und beschloss stattdessen, mir sehr viele Kristalle zu kaufen.

Mehr lesen: Sexualmagie – die Kunst, mit Orgasmen und Körperflüssigkeiten zu zaubern

Durch eine Art kulturelle Osmose war ich der festen Überzeugung, dass es mir dadurch besser gehen würde. Wie viele andere, die vor mir den Pfad der dubiosen Wellness-Angebote beschritten haben, sehe ich die Schuld dafür ganz klar bei Gwyneth Paltrow. Ihre Seite Goop hat mir den Eindruck vermittelt, dass Selbstheilung mit Kristallen eine ganz normale Sache wäre. Außerdem gibt es ziemlich viele Artikel, laut denen Kristalle das nächste große Ding bei "jungen Leuten" seien.

Ich muss zugeben, dass ich esoterisch allgemein recht anfällig bin: Ich glaube fest an mein tägliches Horoskop und meine Tarotkarten, deswegen kam es mir auch nicht mehr sonderlich seltsam vor, einen Beutel mit Steinen herumzuschleppen.

"Es heißt, man soll nicht zu viel mit Moldavit arbeiten, weil es einen zu sehr wegtreten lässt."

Anzeige

Die Freunde und Kollegen, mit denen ich meine Pläne geteilt habe, waren da skeptischer. Es schien ihnen unbegreiflich, wie Kristalle Einfluss auf meine psychische Gesundheit nehmen sollten. "Ich glaube, dass du deine Wohnung damit schön dekorieren kannst", bot meine Kollegin Lauren wenig hilfreich an.

Also wandte ich mich an die Broadly-Hausastrologin Annabel Gat. Sie erklärte mir, dass die Erklärung für die Funktionsweise von Kristallen irgendwo in der Grauzone zwischen Wissenschaft und Mystizismus liegt. "Kristalle leiten Elektrizität", sagt sie. Zum Beispiel wird Quarz in Uhren verwendet, weil er piezoelektrisch ist. Das heißt, er kann elektrische Schwingungen generieren. Wenn die Batterie Strom durch den Quarz leitet, vibriert er und hält die Uhr in der Zeit. "Manche Leute glauben also, wenn sie sich einen Kristall umhängen, würde er die Energien um sie herum verstärken", erklärte sie weiter. Aber auch wenn unser Körper Elektrizität generiert, lasse sich nicht sagen, wie diese mit einem Kristall interagiert, so Annabel. Und damit wären wir auch schon beim New-Age-Glauben an Chakras und diesen ganzen Krempel angekommen.

Der erste Kristall, den sich Annabel gekauft hat, war ein Stück Moldavit. Das ist ein grün-glasiger Stein, der vermutlich durch einen Meteoriteneinschlag entstanden ist. "Der Stein soll dich mit einem außerirdischen und galaktischen Bewusstsein verbinden. Das fand ich extrem aufregend", erzählt sie. Vorsicht ist trotzdem geboten: "Es heißt, man soll nicht zu viel mit Moldavit arbeiten, weil es einen zu sehr wegtreten lässt."

Anzeige

Natürlich klang die mögliche Verbindung zu einem außerirdischen Bewusstsein auch für mich total aufregend, aber gleichzeitig dachte ich mir, der Kristall könnte mir auch einen praktischen Nutzen erfüllen. Seit ich mit dem Kiffen aufgehört habe, vermisse ich diese innere Ruhe, die mit dem temporären Beiseiteschieben weltlicher Sorgen und dem Besuch entlegener Gedankenwelten einherging. Könnte Moldavit als potentieller Ersatz infrage kommen? Also habe ich mich zum nächstgelegenen Kristallladen aufgemacht, um mir einen zu besorgen.

Allen Kristalle werden vage Eigenschaften nachgesagt, die perfekt auf arme Seelen wie mich zugeschnitten sind, die versuchen, sich mit Briefbeschwerern zu heilen.

Kaum angekommen, bin ich erst einmal gewaltig überfordert. Alles ist voll mit verschiedensten Steinen, aber Informationen gibt es kaum. Einige der bekannteren Exemplare – Amethyst, Quarz – sind mit einigen Stichworten zu ihren vermeintlichen Eigenschaften versehen, bei den meisten steht jedoch gar nichts. Dafür sind die Mitarbeiter in solchen Geschäften umso glücklicher, dich beraten zu können.

Ich entdeckte die Moldavit-Splitter in einem kleinen Plastikeimer. Sie kosteten umgerechnet rund 10 Euro das Stück, was im Vergleich zu den anderen Steinen in dem Laden ziemlich teuer war. Ich hatte mich natürlich mithilfe eines YouTube-Videos fachmännisch auf diesen Moment vorbereitet. Anscheinend wählt man seine Kristalle aus, indem man sie in der Hand hält und dann schaut, ob man sich "zu seiner Energie hingezogen" fühlt. Nachdem ich zwei ästhetisch ansprechende Moldavitsplitter gefunden hatte, nahm ich sie in jeweils eine Hand, ballte sie zur Faust und hielt sie mit ausgestreckten Armen vor mich hin. Der Mensch hinter dem Tresen beobachtete wohlwollend meine Technik.

Anzeige

Ich konzentrierte mich auf die Steine und "spürte" schließlich eine stärkere Verbindung zu dem Kristall in meiner linken Hand. Keine Ahnung warum, aber er schien irgendwie besser zu sein. Mein Urteil dürfte dabei allerdings weniger an der Wahrnehmung irgendwelcher Energien gelegen haben, sondern eher daran, wie der Stein sich in meiner Hand anfühlte. Aber hey, wer kann schon den genauen Unterschied zwischen "Handgefühl" und "Energie" benennen?


Mehr von Broadly: Druiden, Sex, Trommelkreise – 12 Stunden auf dem größten heidnischen Fest der Welt


Mithilfe der fundierten "Der sieht irgendwie auch ganz cool aus"-Methode fand ich dann noch zwei weitere Kristalle, die mich interessierten. Auch wenn meine Taktik ursprünglich rein utilitaristisch war, wurde es schnell etwas unheimlich. Ich pickte mir einen ansprechend aussehenden Kristall heraus und als ich den Ladenbesitzer dazu fragte, ratterte er mir eine Liste der ganzen Eigenschaften des Kristalls runter. Sie schienen genau auf das zuzutreffen, was ich suchte.

Dafür gibt es natürlich eine ziemlich öde Erklärung: Allen Kristalle werden vage Eigenschaften nachgesagt, die perfekt auf arme Seelen wie mich zugeschnitten sind, die versuchen, sich mit Briefbeschwerern zu heilen. Trotzdem begann ich langsam wirklich daran zu glaube, dass mich diese Steine zu sich geführt hatten. Am Ende kaufte ich ein facettiertes Stück gelben Apatits für umgerechnet 5 Euro und ein Stück schwarzes Schungit für 3 Euro, das frappierende Ähnlichkeit mit einem polierten Flusskiesel hatte.

Anzeige

Wenn ich jemals an Kristallen gezweifelt hatte, so war dieses Gefühl nach meiner Shoppingtour endgültig verflogen. Nicht zuletzt auch dank des gesprächigen Ladenbesitzers verließ ich das Geschäft mit der Überzeugung, dass die rund 18 Euro, die ich gerade ausgegeben hatte, ein unfassbar vernünftiger Preis für die Antwort auf alle meine Problemen gewesen waren. Der Moldavit würde meine Angst lösen und mich mit ein paar gechillten Aliens bekanntmachen, der gelbe Apatit würde mir geistige Klarheit bringen und mein Selbstbewusstsein steigern und der Shungit würde in meinem Leben "alles Gesundheitsschädliche absorbieren und eliminieren".

Ungeachtet der Tatsache, dass "keine wissenschaftlichen Studien bewiesen haben, dass Kristalle und Edelsteine durch chemische Zusammensetzung oder Farbe unterschieden werden können, um ein bestimmtes Leiden zu behandeln", wie es bei Live Science heißt, war ich ausgesprochen optimistisch. Wissenschaft, du kannst mich mal.

Später am Abend hielt ich mein kleines Stück Moldavit in der Hand und schaute Game of Thrones. Fernsehgucken und dabei kiffen war einst eine meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen gewesen. Leider muss ich hier berichten, dass Fernsehgucken und dabei an einem Kristall rumrubbeln nicht ansatzweise an das Gefühl herankam. Als die Folge vorbei war, versuchte ich, mit dem Kristall zu meditieren. Würde ich so etwas merken? Vielleicht wollte der Stein erst "respektiert" und mit meiner ungeteilten Aufmerksamkeit bedacht werden, bevor er mir seine Zauber offenbarte.

Anzeige

Nach etwa 30 Minuten Meditieren war allerdings klar, dass nichts mehr passieren würde. Ich konnte keinen Unterschied zum profanen, kristalllosen Meditieren feststellen. Nein, es war schon angenehm, aber ich fühlte mich definitiv nicht high und – wie leider zu erwarten – hatte keine Verbindung zu einem außerirdischen Bewusstsein hergestellt.

Als ich am nächsten Morgen allerdings vom Klang meines Weckers wach wurde, fühlte ich mich, als hätte ich eine ganze Packung Beruhigungstabletten verputzt. Ich war jetzt nicht wirklich "müde", jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne, sondern mehr verschallert und matschig. Dann bemerkte ich, dass ich immer noch den Moldavitsplitter umklammerte. Ich hatte alle Mühe, diese beiden Dinge nicht miteinander in Verbindung zu bringen. Ich legte den Kristall auf den Nachttisch und zog mich skeptisch zurück. Das Teil war mir unheimlich geworden.

Es gab aber auch Momente, in denen ich mit einer Panikattacke aufgewacht bin und mich das Umklammern des Kristalls beruhigen konnte.

Dann schnappte ich mir den gelben Apatit, der mich ja "ausbalancieren" sollte, und nahm ihn mit zur Arbeit. Dem gelben Apatit wird nachgesagt, der Aura eine "sonnige, spirituelle Energie" zu geben, beim Erreichen von persönlichen Zielen zu helfen, das Selbstbewusstsein zu steigern und Hoffnung zu verbreiten. Ich muss sagen, mit dem Kristall in meiner Tasche fühlte ich mich auf meinem Weg zur Arbeit viel besser als sonst. Ich winkte begeistert meinem Nachbar zu, als ich an seiner Wohnung vorbeikam und hörte "Fantasy" von Mariah Carey in Dauerschleife, bis ich bei VICE ankam. Skeptische Stimmen mögen jetzt anmerken, dass vielleicht Mariah Carey Schuld an meiner guten Laune war, aber für mich geht dieser Punkt eindeutig an den Kristall.

Anzeige

Ich glaube auch nicht, dass man Mimi in die Schuhe schieben kann, was mir später bei der Arbeit passiert ist. Da ich bezweifle, diese Erfahrung auch nur halbwegs verständlich beschreiben zu können, poste ich hier stellvertretend einen Chatauszug mit meinem Freund von diesem Tag:

Gabby: Ich habe das Gefühl, mein Kristall wühlt mich auf
Rion: wühlt dich auf? wie?
Gabby: ich bin es einfach !!!!!
ich fühle mich verrückt
ich tue normal
aber eigentlich bin ich verrückt

Du stimmst mir jetzt wahrscheinlich zu. Ja, die ist verrückt. Vielleicht schreist du gerade sogar deinen Laptop oder Handy an: "Steine können dein Bewusstsein nicht verändern!" Aber ich weiß nicht, Leute. Ich weiß es wirklich nicht.

Am nächsten Tag habe ich meinen Shungit ausprobiert – ein Stein, der in Russland gefunden wurde und heilende Eigenschaften und Oxidantien enthalten soll. Ich habe auf ein paar Blogs gelesen, dass man den Stein in Wasser tun kann, um daraus trinkbares "Heilwasser" zu machen. Obwohl ich auf dem besten Weg war, eine echte Kristallgläubige zu werden, glaubte ich nicht daran, dass dieser schwarze Kiesel etwas ändern würde.

Ich ließ meinen Shungit in ein Wasserglas plumpsen und setzte mich aufs Fensterbrett, um etwas Sonne zu tanken. Am Abend stellte ich mein Glas mit Stein und Wasser zum Abkühlen in den Kühlschrank. Als ich es am nächsten Morgen in großen Schlucken leerte, schmeckte es wie normales Wasser. Erst am Ende merkte ich deutlich den metallischen Geschmack des Kristalls.

Mehr lesen: Diese Neuinterpretationen klassischer Tarotkarten sind sexy, düster und divers

Ich hatte mich an diesem Morgen extrem angespannt gefühlt, aber als ich schließlich bei der Arbeit ankam, war ich entspannt und verspürte fast so etwas wie in Körper-High. Hatte das Heilwasser tatsächlich geholfen? War alles nur Zufall? Werden mich meine Freunde jetzt ächten, weil ich in gewisser Weise zugebe, dass Steinchen übernatürliche Kräfte haben?

Seit ich meine Kristalle gekauft habe, spiele ich immer wieder mit der Vorstellung, dass sie tatsächlich funktionieren könnten. In den Wochen, in denen ich sie in einem kleinen Säckchen mit mir herumgetragen habe, gab es natürlich Phasen, in denen ich depressiv, müde, hoffnungslos oder ziellos war, beziehungsweise mich generell schlecht gefühlt habe. Auch die Kristalle konnten daran nichts ändern. (Nur, um das klar zu stellen: Ich gehe immer noch zu meiner Therapeutin.) Dann gab es aber auch andere Momente, in denen ich mit einer Panikattacke aufgewacht bin und mich das Umklammern des Kristalls beruhigen konnte.

Ein Zauber, der zumindest die Hälfte der Zeit funktioniert, ist besser als gar keiner, würde ich sagen. Ein Atomkrieg steht vielleicht vor der Tür, Rassisten organisieren sich und der US-Präsident ist ein ignoranter Wahnsinniger. Wer kann da nicht ein bisschen Magie gebrauchen?

Folgt Broadly bei Facebook, Twitter und Instagram.