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Popkultur

Ich habe eine Freundschaft mit Russell Brand vorgetäuscht, um Geschenke von Firmen abzustauben

Bewaffnet mit Instagram, einem Doppelgänger und einer Face-Swap-App schaffte ich es, mir Pizza, Klamotten und eine Hotelsuite zu ergaunern. Wie weit konnte ich noch gehen?

von Oobah Butler; Fotos von Chris Bethell
28 März 2018, 8:51am

Sagt euch The Shed at Dulwich etwas? Dieses nicht existente Restaurant hat mich ein bisschen berühmt gemacht. Ich hatte es geschafft, mit dem Laden bei TripAdvisor auf Platz eins in ganz London zu landen. Diese Aktion hat mein Leben verändert. In den vergangenen Monaten habe ich in den sozialen Netzwerken Tausende neue Follower dazugewonnen, Betrunkene wollen jetzt ständig Fotos mit mir machen und in meinem Heimatdorf winken mir alte Bekannte plötzlich wieder zu. Wie lange wird das noch so gehen? Ich bin doch kein richtiger Promi, sondern nur ein pausbäckiger Hochstapler aus Redditch.

Um Wege zu finden, mein neues Leben in Saus und Braus so lange wie möglich zu leben, durchforste ich die Profile berühmter Menschen. Dabei stoße ich neben vielen klischeehaften Motivationszitaten auch auf eine Menge Fotos von neuen Sneakern, Tickets zu exklusiven Events, leckerem Essen und Luxussuiten. Diese Fotos sind immer versehen mit Bildunterschriften wie "Vielen Dank @KFC" oder "Shoutout an @Nike, richtig korrekte Typen". Anscheinend hält man sein Luxusleben am Laufen, indem man mithilfe seines Rufs um cooles Zeug bittet, sich öffentlich beim Hersteller bedankt und dadurch sowohl cooles Zeug als auch einen coolen Ruf bei seinen Follower bekommt. Total absurd. Ich will unbedingt ein Teil davon sein.

Um das zu schaffen, muss ich für Unternehmen attraktiver werden. Ich brauche eine Verbindung, eine Freundschaft mit einem Menschen, der viel berühmter ist als ich. Da kommt mir der Geistesblitz: Dieser Freund muss Russell Brand sein, der britische Komiker, politische Aktivist und Star aus diversen Blockbustern wie Männertrip. Leider habe ich keine Ahnung, wie ich mich mit Russell Brand anfreunde. Also muss ich die Sache anders angehen. Eigentlich ist es ganz einfach.

Ich verabrede mich mit Russell Brand

Darf ich vorstellen, das ist Ryan.

Ich lerne Ryan über Freunde kennen, als ich sie frage, ob ihnen jemand einfällt, der wie Russell Brand aussieht. Und das tut Ryan doch zumindest ein bisschen. Mehr brauche ich nicht. Außer noch Photoshop und ein paar Fotos vom echten Russell Brand. So muss ich nur einige Selfies mit Ryan machen, schnell die Gesichter austauschen und die Fotos bei Instagram posten. Bingo!

Ryan ist bereit, die Mühlen setzen sich in Bewegung.

Aber selbst mit einem täuschend echten Brand im Schlepptau kann ich nicht einfach in der Kneipe nebenan abhängen. Nein, es muss schon ein Ort sein, an dem man einen Promi erwarten würde. Zum Beispiel einen dieser Privatclubs, in denen Rihanna, Justin Bieber und Drake Champagnerflaschen killen, die mehr kosten als ein Transatlantikflug in der ersten Klasse. Aber wie verschaffe ich mir da Zugang? Auch das ist einfach: Ich erfinde einen persönlichen Assistenten von Russell Brand, der alles in die Wege leitet.

Dafür registriere ich die Domain www.russellbrand.co und erstelle eine E-Mail-Adresse für Ben Mather, Russell Brands neuen Mitarbeiter. Unter diesem Namen verschicke ich eine Reihe von Nachrichten. Und siehe da:

Ein Hotel, das selbst oft mit Promis protzt, beißt an. Nach etwas Hin und Her einigen wir uns auf eine Suite zum Abhängen, die normalerweise 400 bis 500 Pfund [455 bis 570 Euro] kosten würde.

Der große Tag mit Russell Brand

Ich mache mich auf in den Westen Londons und beginne meinen Tag wie viele andere Influencer.

Ein wohltuender Kaffee mit einem Schuss Angeberei.

Kurz darauf steht mein erster Post:

Foto von Russell Brand: Mike Marsland | WireImage

An dieser Stelle eine kurze Erklärung: Das obige Foto ist nicht das, das ich tatsächlich hochgeladen habe. Für diesen Artikel mussten wir nämlich extra lizensierte Bilder von Russell Brand kaufen, sonst hätten wir schnell eine Klage am Hals gehabt. In etwa so könnt ihr euch meine Postings aber vorstellen.

Bevor mein Grafikzauberer Chris Bethell das Foto bearbeitet, sieht es noch etwas anders aus.

Die entscheidenden Fragen lauten: Nehmen mir meine Follower das ab? Könnte ich wirklich mit dem Russell Brand abhängen? Oder durchschauen sie meine Finte und ich bin nur ein trauriger Weirdo, der so tut als ob? Ein gefährliches Spiel. Ich habe nur einen Versuch.

Ich poste das Foto. Es folgen zwei Minuten Stille. Dann vibriert mein Handy.

Mein Instagram-Postfach ist voller Nachrichten von Usern, die meinen Fake glauben. Dabei habe ich gerade erst angefangen.

Die nächste Hürde besteht darin, mein Spiel auch ohne den schützenden Mantel des Internets durchzuziehen. Anders gesagt: Ich muss die Hotelmitarbeiter davon überzeugen, dass sich da wirklich Russell Brand im Gebäude befindet. Ich weise Ryan an, seine Sonnenbrille aufzusetzen und um die Ecke zu warten.

Ich betrete die Lobby und werde von einer geschäftig wirkenden Dame empfangen, die anscheinend schon auf mich gewartet hat. "Oobah, richtig?", fragt sie mich. "Ich habe mit Ben geredet. Kennst du ihn?" Ich bin kurz verwirrt, aber dann fällt es mir wieder ein: Ben, der von mir erfundene Assistent.

Ich nicke. Die Mitarbeiterin will wissen, wann Russell da sein wird, und ich gebe ihr eine vage Zeitangabe. Anschließend reicht sie mir die Zimmerschlüssel. Ich bedanke mich und will mich schnell wieder verdrücken, als sie mich voll erwischt.

"Ich folge dir und Russell bei Instagram!", sagt die Mitarbeiterin freudig. "Scheint so, als hättet ihr euch heute schon gesehen?" Dabei zieht sie ihr Handy aus der Tasche und öffnet meine Instagram-Story. Fällt hier gerade mein ganzes Lügenkonstrukt in sich zusammen? Meine Handflächen werden feucht. "Sehr cool!", sagt sie noch, bevor sie mich alleine lässt. Mit rasendem Herzen trete ich in den Fahrstuhl, gerade noch mal gut gegangen.

In der Suite erwartet mich dann folgender Anblick:

Das Hotel hat sich wirklich voll ins Zeug gelegt und Russell – der ein ausgesprochener Fan von Geschlechtsverkehr ist – eine ganze Reihe an Sexspielzeug besorgt. Genau das, was wir für einen vorgetäuschten Interviewtermin brauchen. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, aber dann fällt mir wieder ein, dass das alles kostenlos zur Verfügung gestellt wurde – und zwar für einen Menschen, der sich diese Suite tatsächlich locker leisten könnte.

Zeit, meine Instagram-Gefolgschaft auf den neuesten Stand zu bringen.

Ich werfe mich auf das wahrscheinlich sehr teure Bett und genieße den Luxus. Dieses Zimmer verleiht meinem gefakten Abenteuer mit Russell Brand eine wichtige Portion Authentizität.

In diesem Moment fällt mir ein, was ich durch die Aufregung total vergessen habe: Ryan! Ich sprinte runter, um ihn in die Suite zu holen. Dabei darf er kein Wort sagen und keinem Mitarbeiter zu nahe kommen. So marschieren wir schnellen Schrittes durch die Lobby direkt nach oben.

Meine Social-Media-Follower fressen mir zu diesem Zeitpunkt quasi aus der Hand, aber ich habe noch nicht genug. Ich will jetzt richtig umgarnt und verwöhnt werden. Ich brauche einen perfekten Post, der Unternehmen und Marken genau dazu bringt. Zeit für perfekte Posen und die exakte Kameraperspektive.

Ein weiteres Bild landet bei Instagram:

Foto von Russell Brand: Splash News | Alamy Stock Photo

Ich starre still auf mein Smartphone und hoffe auf eine Flut privater Nachrichten – und Angebote von Unternehmen. Nach einer Weile ist es so weit. Ich gebe einer Marke die Adresse des Hotels und kurz darauf kommt ein Geschenk für uns an.

Die netten Leute von Stance haben uns echt schicke Street Fighter-Socken geschickt. Ich will das Internet aber nicht nur neidisch machen, sondern auch zeigen, wie lustig ich eigentlich drauf bin. Also muss Ryan die Socken wieder ausziehen …

… und in etwas Bequemeres schlüpfen.

Daraus wird dann:

Foto von Russell Brand: Mike Marsland | WireImage | Getty Images

Genug Spaß gehabt, jetzt bin ich hungrig.

Ich rufe in den Presseabteilungen verschiedener Fast-Food-Ketten an und frage, ob sie nicht ein paar Gerichte in unsere Suite schicken können. Während sich Pizza Hut und KFC eher zieren, wächst ein anderes Unternehmen geradezu über sich hinaus.

Ich kann wirklich nur meinen Hut vor Domino’s Pizza ziehen: Essen im Wert von über 100 Pfund für einen kecken Post davon, wie Russell und ich die Pizza genießen. Was zuerst zu gut klingt, um wahr zu sein, wird 30 Minuten später Realität.

Lasst das Festmahl beginnen! Aber auch dieser "kecke Post" muss sitzen.

Ist es hier wichtig, dass eine schnelle Google-Suche ergeben würde, dass Russell Brand eigentlich vegan lebt? Oder dass auf dem obigen Foto sein auffälliges Tattoo auf dem rechten Oberarm fehlt?

Anscheinend nicht.

Nach neun Stücken Pizza und einem Cookie bin ich satt und zufrieden. Der perfekte Zeitpunkt, um zusammen mit Ryan ins Londoner Nachtleben aufzubrechen. Auf der Suche nach möglichen Aktivitäten feuere ich eine Anfrage nach der anderen raus – die meisten gehen an Locations, die normalerweise viel zu teuer für mich sind.

Vor einem Pub erblicke ich zwei Männer mit Bier in der Hand. Ich gehe zu ihnen rüber und sage ganz beiläufig: "Ich facetime gerade mit meinem Kumpel Russell Brand!" Sie sind ganz erstaunt.

"Winkt Russell doch mal zurück!", fordere ich die beiden auf und zeige ihnen dabei das Faceswap-Video von Ryan.

"Ist das echt?", fragt einer der Männer und winkt zurück. "Du bist mit Russell Brand befreundet?" Schnell packe ich mein Handy weg und antworte: "Ja, ich verarsche ihn oft und lasse ihn bei Videoanrufen Passanten zuwinken."

"Abgefahren!", sagen die beiden Männer. Ihre Bestätigung fühlt sich echt gut an.

Eigentlich wollte ich meinen Tag mit Russell nur bei Instagram dokumentieren, um zu vermeiden, dass ich viele Fragen beantworten muss. Aber nach dieser Begegnung fürchte ich mich vor nichts mehr. Also setze ich einen Tweet ab.

Es regnet Likes von Kollegen aus der Journalismusbranche. Genau darauf habe ich abgezielt. Und um das Ganze noch zu toppen, landet eine E-Mail in meinem Postfach: eine VIP-Einladung zu einer Party, bei der nur Leute wie Russell Brand aufkreuzen.

Foto von Russell Brand: Monica Schipper | Getty Images

Genauer gesagt handelt es sich um VIP-Tickets für ein Konzert der Rockband Elbow in der O2-Arena. Jetzt bin ich wirklich ein echter Influencer und Freund von Russell Brand.

Auf dem Nachhauseweg lese ich Nachrichten von Freunden und Kollegen durch, die mich fragen, warum ich mit Russell Brand abhänge. Schon erstaunlich. Egal ob der falsche Assistent, die bearbeiteten Fotos, die wahllos zusammengewürfelten Werbegeschenke oder die Tatsache, dass der echte Russell Brand an diesem Abend in einer anderen Stadt auftritt – meine Lüge hätte mehr als leicht aufgedeckt werden können. Das ist aber nicht geschehen. Die Macht von Promis scheint jegliche Vernunft auszuschalten.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als den Rest meines Lebens kostenlose Socken zu bekommen und zu Elbow-Konzerten zu gehen. Außer …

Ich darf nicht mehr mit Russell Brand abhängen

Am nächsten Morgen weckt mich mein vibrierendes Handy. "Spreche ich mit Ben?", fragt eine strenge Stimme am anderen Ende der Leitung. "Wie lange arbeiten Sie schon für Russell? Denn ich tue das schon seit zehn Jahren."

Ich versuche, mir irgendeine Ausrede einfallen zu lassen, aber die Anruferin fällt mir ins Wort. Wie sich herausstellt, haben mich wohl die VIP-Konzerttickets auffliegen lassen. "Sie haben auch die Domain russellbrand.co registriert?" Ich antworte nicht. "Was auch immer Sie vorhaben, ich würde Ihnen empfehlen, es zu lassen. Und wenn Sie weiterhin Nachrichten als Russells Assistent verschicken, können Sie sich auf rechtliche Schritte von Russells Agent einstellen. Tschüss."

Vor der Veröffentlichung dieses Artikels will ich eigentlich noch Russell Brand selbst zu der ganzen Aktion befragen, aber mir wird nur mitgeteilt, dass ich keine Bilder von ihm verwenden darf, um mir kostenlose Sachen zu erschleichen. Knifflige Situation, denn genau das habe ich ja schon getan.

Leider kann ich diese Angelegenheit nicht weiter kommentieren.

Disclaimer: Wir können dir nur davon abraten, die Vorgehensweise aus diesem Artikel nachzumachen. Es dauert sowieso viel zu lange, die Gesichter von Promis überzeugend in bereits existierende Bilder zu photoshoppen. Dafür hat doch niemand Zeit.

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