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Warum Geruch bei der Partnerwahl so eine große Rolle spielt

Niemand riecht so gut wie deine bessere Hälfte? Das ist kein Zufall – und war mal überlebenswichtig.

von Sirin Kale
13 März 2018, 10:54am

Foto: imago | Westend61

In Island benutzen viele der etwa 335.000 Einwohner vor dem Daten eine App, die ihren Verwandtschaftsgrad aufdeckt. Kein Wunder, schließlich ist bei der geringen Bevölkerungszahl die Wahrscheinlichkeit größer, zufällig auf einen Verwandten zu stoßen. Doch auch wenn die Isländer die Vermeidung von Inzucht nicht mehr der Natur überlassen, hat uns die Evolution in diesem Bereich bereits gut ausgestattet.

Dr. Claus Wedekind von der Universität Bern ist Experte für sexuelle Selektion beim Menschen. Er erklärt, wir seien genetisch darauf programmiert, anhand des Geruchs zu erkennen, ob unsere potentiellen Partner womöglich zu eng mit uns verwandt sind. Wedekind analysiert die Gene, die den sogenannten Hauptgewebekompatibilitätskomplex bilden (MHC, vom Englischen "major histocompatibility complex"). Diese Gene spielen bei Wirbeltieren eine entscheidende Rolle fürs Immunsystem und die Gewebeverträglichkeit. Deswegen testet man sie auch bei der Auswahl geeigneter Organspender. Unterscheidet sich der MHC eines Organspenders zu sehr von dem des Empfängers, stößt der Körper das Transplantat mit höherer Wahrscheinlichkeit ab. Und was noch viel mehr Menschen betrifft: Die MHC-Gene können uns mitteilen, ob jemand potentiell mit uns verwandt ist oder nicht, denn Menschen mit stark unterschiedlichen Genen stammen in der Regel nicht aus derselben Familie.

Und das macht Sinn. Menschen, die selbst in inzestuösen Beziehungen sind, argumentieren zwar oft, dass ethisch gesehen nichts falsch daran sei, mit Verwandten ins Bett zu gehen – solange der Sex einvernehmlich ist. Im Hinblick auf möglichen Nachwuchs ist Inzucht allerdings eindeutig keine gute Idee. Es erhöht die Chancen angeborener Krankheiten um ein Vielfaches, die Lebenserwartung der Nachkommen ist oft schlechter.

"1976 las ich eine wissenschaftliche Arbeit darüber, wie die MHC-Gene den Uringeruch von Mäusen beeinflussen", erinnert sich Wedekind. "Alle Mäuse zogen es vor, wenn der Geruch ihres Fortpflanzungspartners sich stark vom eigenen unterschied." Die Autoren der Arbeit hatten die Theorie, dass die Mäuse die unterschiedlichen MHC-Gene riechen konnten und diese Fähigkeit nutzten, um Inzucht zu vermeiden.

Diese Vorstellung faszinierte Wedekind. "Das ergab einfach Sinn", sagt er. 1995 beschloss er, diese Hypothese an Menschen zu testen. Sagt unser Geruch etwas darüber aus, wie eng wir mit jemandem verwandt sind? Und wenn ja, wie beeinflusst das unsere Partnerwahl?

Wedekind führte ein bahnbrechendes Experiment durch. 44 Studenten trugen T-Shirts, bis sie deutlich nach ihnen rochen. Anschließend bekamen 49 Studentinnen T-Shirts von jeweils sechs Männern für einen Geruchstest vorgelegt. Dabei erhielt jede Frau Shirts von drei Männern mit ähnlichen MHC-Genen und von drei Männern mit stark verschiedenen MHC-Genen.


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"Die Frauen zogen Männer mit starker MHC-Differenz als Fortpflanzungspartner vor", erklärt Wedekind. Eine Ausnahme bildeten Teilnehmerinnen, die mit der Anti-Baby-Pille verhüteten. Sie fanden Männergerüche angenehmer, die von potentiellen Verwandten stammen könnten.

Wir haben uns evolutionär so entwickelt, dass wir Sexpartner vorziehen, deren Gene sich von unseren unterscheiden – und Menschen meiden, mit denen wir verwandt sein könnten. Dass MHC-Gene Inzucht verhindern, sei ein Überbleibsel aus der menschlichen Evolution, erklärt Wedekind. "Dieser Mechanismus ist sehr alt. Er entwickelte sich zu einer Zeit, als Menschen in Stämmen von vielleicht 100 Personen lebten. Die genetische Beziehung zwischen den Einzelnen war nicht immer klar."

Natürlich wussten Menschen meist, wer ihre Mutter war. Aber ihren Vater oder ihre erweiterte Familie kannten sie nicht unbedingt. "In diesem Stamm aus 100 Personen gab es vielleicht einige potentielle Partner, die aber gleichzeitig Halbgeschwister waren, ohne dass man es wusste", sagt er.

Wenn du den natürlichen Körpergeruch deines Sexpartners sehr gern magst, ist das ein gutes Zeichen.

Aber warum waren Frauen, die die Pille nahmen, mehr an "verwandt" riechenden Männern interessiert? Wedekind weist darauf hin, dass die hormonelle Verhütung bei der Frau zu einem gewissen Grad Symptome einer Schwangerschaft auslöst. "Vielleicht ziehen schwangere Frauen die Gerüche von Menschen mit geringem MHC-Unterschied vor, weil sie während der Schwangerschaft lieber mit Verwandten zusammen sind, die sie unterstützen können." Der Forscher betont, dass es sich hierbei um Spekulation handelt, man müsse diesen möglichen Zusammenhang genauer untersuchen.

Andere Forscher haben Wedekinds Studie mit den Männer-T-Shirts seither mit ihren eigenen Ergebnissen bestätigt. Bestimmte Details werden allerdings weiterhin diskutiert. Zum Beispiel sind sich die Wissenschaftler nicht einig, ob Menschen einfach nur Partner mit verschiedenen MHC-Genen suchen, oder mit so verschiedenen Genen wie möglich. Der Biologe und MHC-Experte Charles Wysocki von der University of Pennsylvania schreibt Broadly per E-Mail: "Vor einiger Zeit stellte man fest, dass es zumindest beim Menschen vielleicht eher um die optimale Differenz geht, nicht um die maximale."

2015 kam eine Metaanalyse von 34 Studien ebenfalls zu dem Ergebnis, dass MHC-Gene eine wichtige Rolle in der menschlichen Partnerwahl spielen. Auch wenn moderne hygienische Gewohnheiten diesen Prozess natürlich komplizieren und verschleiern.

Wenn du den natürlichen Körpergeruch deines Sexpartners sehr gern magst, ist das also ein gutes Zeichen – zumindest was die potentielle Überlebensfähigkeit eurer potentiellen Nachkommen angeht. Ihr seid vermutlich nicht miteinander verwandt, der Rest steht nach wie vor in den Sternen.

Die Evolution, die Menschen in grauer Vorzeit durchlaufen haben, ist in der Gegenwart nicht immer relevant. Heute leben die meisten von uns in größeren Gesellschaften, also müssen wir kaum befürchten, ständig fremde Halbgeschwister zu treffen. "Wenn du jemanden mit ähnlichen MHC-Genen triffst, ist es immer noch unwahrscheinlich, dass ihr verwandt seid", sagt Wedekind. "Der Mechanismus existiert also weiterhin, aber er hat keine evolutionäre Funktion mehr." Im Zweifelsfall haben wir heute sowieso eine App für alles.

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