Wie ein fanatischer Rassist zum gefährlichsten Terroristen Österreichs wurde

Der "Briefbomber" Franz Fuchs gilt offiziell als Einzeltäter. Doch bis heute gibt es die Vermutung, dass er Komplizen hatte. Auch Arabella Kiesbauer schickte er eine Bombe.

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Mai 7 2018, 10:03am

Foto: Heribert Corn

Franz Fuchs hat eines seiner deklarierten Ziele erreicht: Der österreichische Terrorist hat so etwas wie einen Mythos zurückgelassen – oder zumindest eine Art Mysterium. Seine Anschläge gelten bis heute als die schlimmste Terror-Serie Österreichs seit dem Zweiten Weltkrieg.

Franz Fuchs' erste Anschlagserie jährt sich in diesem Jahr zum 25. Mal: Von 1993 bis 1997 terrorisierte der gelernte Vermessungstechniker aus der Südsteiermark mit insgesamt 28 fremdenfeindlich motivierten Brief- und Rohrbombenanschlägen das Land. Migrantinnen und Migranten, Angehörige aller möglichen Minderheiten und Leute, die sich für diese Menschen einsetzten, wurden zu seinen Zielen. Am Ende dieser Serie von Attentaten waren vier Menschen tot und rund ein Dutzend teilweise schwer verletzt.

Fuchs ist nicht zuletzt als der Mann in die österreichische Geschichte eingegangen, der die Ermittler nach einer ganzen "Bajuwarischen Befreiungsarmee" suchen und sie dabei über Jahre hinweg wie kopflose Hühner herumlaufen ließ. Und obwohl er offiziell als Einzeltäter gilt und nie handfeste Indizien für Mittäter gefunden wurden, ist bis heute nicht vollständig geklärt, wie und vor allem ob ein einzelner Mann diese Taten überhaupt bewerkstelligen konnte – Vermutungen, dass Fuchs vielleicht doch Komplizen hatte, halten sich bis in die Gegenwart.

Mit der Tatsache, dass die verheerendste Anschlagsserie der österreichischen Nachkriegsgeschichte von einem fanatisch-rassistischen Rechtsterroristen und selbsternannten "Patrioten" begangen wurde, der für die "Deutsch-Österreicher" und gegen die "Überfremdung" durch Slawen, Roma, Afrikaner und andere Menschengruppen kämpfte, hat sich Österreich in gewohnter Manier nie all zu intensiv auseinandergesetzt.

Kritiker sind bis heute der Meinung, dass mächtige Leute in Politik, Justiz und Polizei das Nötige getan haben, um Fuchs in der Öffentlichkeit wie einen unpolitischen Wahnsinnigen dastehen zu lassen. Dabei sagt seine Geschichte vielleicht mehr über österreichische Fremdenfeindlichkeit und über den fragwürdigen Umgang mit Rechtsextremismus in der Republik aus als irgendein anderer Kriminalfall.

In den Augen der Leute, die sich nach seiner Verhaftung persönlich mit Fuchs auseinandergesetzt haben, war er jedenfalls bei Weitem mehr als der eigenbrötlerische Irre, als den man ihn in Österreich später gerne abtat – auch wenn in seinen letzten Lebensjahren der Verfolgungswahn die Überhand gewonnen hatte. Leute, die mit ihm vertraut waren, beschreiben ihn stattdessen immer wieder als ein von radikalem Fremdenhass fehlgeleitetes Genie.

"Die Tat hat in gewisser Weise das Klima in Österreich widergespiegelt."

Wenn man die Ereignisse rund um den "Briefbomber" halbwegs durchblicken will, kommt man nicht umher, sich mit dem gesellschaftlichen Klima im Österreich der frühen 90er zu beschäftigen – dem Wegbereiter für das Klima, das heute herrscht.

Der Eiserne Vorhang war erst seit Kurzem Vergangenheit, mit dem Jugoslawienkrieg gab es einen Konfliktherd direkt vor der eigenen Tür, der in Form von Migration auch in Österreich sichtbar wurde. Zuwanderung entwickelte sich mehr und mehr zum alles dominierenden Thema im Land.

Es überrascht nicht, dass fremdenfeindlicher Populismus ausgerechnet in dieser Zeit einen Höhenflug erlebte: Die FPÖ und ihr Shootingstar Jörg Haider dominierten plötzlich die öffentliche Debatte, die Stimmung im Land war von dem fremdenfeindlichen Diskurs regelrecht aufgeheizt und radikalisiert, wie der Historiker Anton Pelinka 2013 in einem Interview erklärte. Das von den Freiheitlichen initiierte "Österreich Zuerst"-Volksbegehren (auch bekannt als "Anti-Ausländer-Volksbegehren") heizte die Stimmung weiter an.

In der südsteirischen Gemeinde Gralla verfolgt Franz Fuchs, ein unscheinbar und isoliert lebender Mann, die sich immer weiter zuspitzende Migrationsdebatte ganz genau. Mehr als das: Der technisch extrem begabte, psychisch kranke Steirer (bei ihm wird später eine Persönlichkeitsstörung mit schizoiden, paranoiden, fanatischen und narzisstischen Zügen diagnostiziert), der eine kleine Wohnung in seinem Elternhaus bewohnt, steigert sich in die Thematik hinein, bis die Idee einer Überfremdung der Republik zu einem regelrechten Wahn wird. Er beschließt, radikale Maßnahmen zu ergreifen.

Dabei stammt Franz Fuchs aus keinem auffallend rechten Umfeld: Seine Heimatgemeinde Gralla ist seit jeher sozialdemokratisch geprägt, sein Vater zeitweise sogar als Gemeindepolitiker für die Sozialdemokratische Partei Österreichs tätig. Für Psychiater und Beobachter steht später fest, dass es vielmehr der mediale und politische Diskurs dieser Zeit war, der zur Radikalisierung von Fuchs führte. "Die Tat hat in gewisser Weise das Klima in Österreich widergespiegelt", erklärte der Historiker Gerhard Botz viele Jahre später. Die Anschläge, die er in Folge mit verblüffender Perfektion plant und ausführt, sind ein denkbar anschauliches Beispiel für das, wovor Aggressions- und Terrorismusforscher auch heute regelmäßig warnen: Hetze im politischen Diskurs führt immer wieder unmittelbar zu Gewalt.

ORF-Moderatorin Silvana Meixner nach dem Attentat von Franz Fuchs
ORF-Moderatorin Silvana Meixner nach dem auf sie verübten Attentat | Screenshot via Youtube

Als August Janisch, der Pfarrer der oststeirischen Gemeinde Hartberg, am 3. Dezember 1993 in seinem Büro einen persönlich adressierten Brief öffnet, beginnt eine Reihe von Anschlägen, wie man sie in Österreich in dieser Form noch nicht erlebt hat. Es ist ein an ihn gerichtetes, ziemlich dickes, aber ansonsten völlig unauffälliges Briefkuvert, das in Janischs Händen explodiert.

"Ein Krach und die Trümmer sind geflogen. Der Daumen, die Hände haben geblutet. Und das Gesicht", erzählt der Geistliche danach vom Krankenhausbett aus in einem Interview. "Ich bin schnell raus in die große Kanzlei und hab gesagt: 'Bitte ruft's sofort die Rettung, 144, das war eine Briefbombe.'" Fast gleichzeitig wird bekannt, dass es auch im ORF-Zentrum am Küniglberg in Wien zu einer Explosion gekommen ist. Kurz darauf ist klar: Auch Moderatorin Silvana Meixner wurde beim Öffnen eines Briefes in ihrem Büro Opfer einer Explosion – einer so starken, dass der Journalistin dabei ein Finger abgetrennt wird.

Zwei Tage später öffnet auch der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk abends in seiner Wohnung ein dickes, weißes Briefkuvert. Absender ist ein gewisser "Ing. Norbert Urban". Zilk kennt den Namen zwar nicht, aber er öffnet den Brief, weil er die Aufschrift "persönlich" trägt. Als die Bombe detoniert, reißt sie dem Bürgermeister alle Finger der linken Hand ab. In einer Notoperation kann Zilk, der literweise Blut verloren hat, zwar das Leben gerettet werden – von seiner Hand bleibt aber nur noch ein "Klumpen", wie er es später selbst bezeichnet.

Innerhalb weniger Tage tauchen mehr und mehr Briefbomben in der Republik auf.

Insgesamt sind es 10 getarnte Sprengsätze, die in diesen Dezembertagen in Österreich verschickt werden und für Panik sorgen – auch wenn die meisten (etwa jene, die an Caritas-Präsidenten Helmut Schüller oder die Grünen-Politikerin Madeleine Petrovic adressiert sind) unschädlich gemacht werden können.

Während österreichische Boulevardzeitungen in den ersten Tagen noch übereifrig türkische oder serbische Täter vermuten, wird es den Ermittlern nicht schwer gemacht, die tatsächlichen Motive des Täters oder der Täter ausfindig zu machen: Pfarrer Janisch etwa engagierte sich öffentlich für Flüchtlinge, die in Jugoslawien geborene Silvana Meixner ist Teil der ORF-Minderheitenredaktion und Moderatorin der Fernsehsendung Heimat, fremde Heimat, und Bürgermeister Zilk ist zu jener Zeit – ähnlich wie sein Nachfolger Michael Häupl – ein Symbol für ein multikulturelles Wien, das sich immer wieder öffentlich für Zuwanderung ausgesprochen hat.

Die Briefbomben sind nicht nur in einer Perfektion konstruiert, wie die Experten es bis dahin noch nie gesehen haben. Die Ermittler finden in allen Kuverts außerdem ein Schriftstück mit der Aufschrift: "Wir wehren uns. Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg" – ein Verweis auf einen österreichischen Feldherrn, der während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung im Jahr 1683 in der Verteidigung Wiens kämpfte.

Und so beginnt die Suche nach den Tätern in der rechtsradikalen Szene. Gottfried Küssel, Österreichs wohl bekanntester Neonazi, in dessen Umfeld sich auch der junge Heinz-Christian Strache und später Martin Sellner von der selbsternannten "Identitären Bewegung" herumtreiben, war kurz vor der Anschlagsserie zu 10 Jahren Haft verurteilt worden. Die Ermittler vermuten deshalb, dass die Täter in seinem Umfeld zu finden sein könnten und jede der zehn Bomben als Rache für ein Haftjahr Küssels stehen könnte. Nur ein paar Tage nach den Anschlägen präsentieren die Behörden zwei Hauptverdächtige, beide aus Küssels Umfeld.


Dass man dem Terror mit diesen Verhaftungen aber kein Ende gesetzt hat, wird spätestens im Sommer 1994 offensichtlich: Vor einer zweisprachigen deutsch-slowenischen Schule in Klagenfurt wird eine fünf Kilogramm schwere Rohrbombe entdeckt. Sprengstoffexperten der Polizei sollen den Sprengsatz entschärfen, doch beim Abtransport geht die Bombe hoch – dem Polizeibeamten Theo Kelz werden beide Unterarme abgerissen. Jahre später werden dem Polizisten erfolgreich Spender-Hände transplantiert.

In der Abwesenheit von konkreten Ermittlungsergebnissen werden mehr und mehr Mutmaßungen über vermeintliche Täter angestellt – eine immer absurder werdende Debatte kommt ins Rollen. Jörg Haider will im ORF-Sommergespräch am Tag nach der Schulbombe nicht einmal ausschließen, dass "Linksterroristen" für solche Anschlage verantwortlich sein könnten – sie könnten das Ziel haben, damit Rechtsgesinnte zu diffamieren.

Während die ausbleibenden Ermittlungsergebnisse immer mehr zum Politikum werden, reißt die Serie an Bombenattentaten nicht ab: Im Herbst 1994 trifft es unter anderem einen Kärntner Verlag, der slowenische Literatur herausgibt, und eine Vorarlberger Flüchtlingseinrichtung. Diese Sprengsätze entpuppen sich zum Glück der Adressanten zwar als Blindgänger – aber einige Monate später wird der Bombenterror eine neue Dimension annehmen.

"Roma zurück nach Indien"

In der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1995 entdecken vier Männer, die in einer ärmlichen Roma-Siedlung im burgenländischen Oberwart leben, vor dem Zugang zur Siedlung ein Schild mit der Aufschrift: "Roma zurück nach Indien". Als Männer versuchen, das mit einem schweren Sockel befestigte Schild zu entfernen, explodiert die getarnte Bombe. Alle vier Männer – Karl und Erwin Horvath, Josef Simon und Peter Sarközi – sterben.

Franz Fuchs –
Screenshot via orf.at

Oberwart gilt bis heute als der schwerste innenpolitisch motivierte Anschlag in der Geschichte Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Attentat schockiert viele Österreicher so sehr, dass es – zumindest für kurze Zeit – eine ungewohnte Welle der Solidarität auslöst und nicht zuletzt Aufmerksamkeit auf die katastrophalen Lebensbedingungen vieler Roma in Österreich lenkt. Tausende Menschen kommen zur Beerdigung in die burgenländische Kleinstadt, unter ihnen auch der damalige Bundespräsident Thomas Klestil und sein Nachfolger Heinz Fischer.

Nur zwei Tage nach dem Attentat von Oberwart detoniert eine weitere, als Spraydose getarnte Rohrbombe in der burgenländischen Ortschaft Stinatz, die hauptsächlich von Burgenlandkroaten bewohnt wird. Sie verletzt den Müllabfuhr-Mitarbeiter Erich Preiszler schwer. Fuchs sagt später dazu: "Er soll halt nicht in das kroatische Kaff gehen und dort Dreck putzen."

Behörden und Öffentlichkeit jagen den Bombenleger nun intensiver denn je – auch wenn sie immer noch nicht wissen, wen sie eigentlich jagen. Die exzessiven Ermittlungen in rechtsextremen Kreisen, die von einer eigens ins Leben gerufenen "SoKo Briefbombe" geleitet werden, führen dazu, dass quasi als Nebeneffekt alle möglichen rechtsradikalen Nester in der Republik ausgehoben werden. Den Attentäter findet man dabei aber nicht. Nach den Attentaten tauchen immer wieder Bekennerschreiben auf, versandt von der "Bajuwarischen Befreiungsarme", kurz "BBA". Nicht nur deswegen vermuten die Behörden eine ganze Terrororganisation inklusive gelernter Chemiker hinter den Attentaten.

Zeitungen präsentieren fast wöchentlich neue mutmaßliche Täter und vermeintlich heiße Spuren, die sich letztendlich alle als wertlos herausstellen. Zum Chaos kommen haufenweise Trittbrettfahrer, die für noch mehr Verwirrung sorgen. Im Fernsehen aller drei deutschsprachigen Länder wird bei Aktenzeichen XY vor Millionenpublikum nach dem Täter gefahndet – 10 Millionen Schilling winken Zuschauern, die den entscheidenden Hinweis liefern. Aber die heiße Spur bleibt aus. Es wird immer offensichtlicher, dass Justiz, Exekutive und Politik völlig auf der Stelle treten.

Den beiden verhafteten vermeintlichen Tätern kann in einem Gerichtsverfahren währenddessen rein gar nichts nachgewiesen werden, das sie mit der ersten Anschlagsserie in Zusammenhang bringt. Die österreichische Justiz blamiert sich im Laufe des Prozesses auf ganzer Linie. Nachdem die Männer bereits zwei Jahre Untersuchungshaft abgesessen haben, steht fest: Die beiden Verdächtigen sind zwar Neonazis, aber keine Bombenbauer. Sie werden in allen Punkten freigesprochen. Der eigentliche Täter macht sich schon vor dem Freispruch in einem Bekennerschreiben über die Behörden lustig: "Wir vermuten, dass die inhaftierten Verdächtigen nicht einmal von der Existenz einer BBA wissen."

Es ist gut möglich, dass man Franz Fuchs nie auf die Schliche gekommen wäre, hätte sich Franz Fuchs am Ende nicht selbst zur Strecke gebracht.

Währenddessen tauchen wieder und wieder Bomben auf: Im Juni 1995 öffnet die Sekretärin von Arabella Kiesbauer eine Briefbombe, die an die Schwarze Talkmasterin adressiert ist, und wird verletzt. Kurz darauf trifft es Dietrich Szameit, den stellvertretenden Bürgermeister von Lübeck, der sich kurz davor für ein hartes Gerichtsurteil gegen Synagogen-Brandstifter ausgesprochen hatte.

Wenige Monate später kommt es zu einer vierten Briefbombenserie, bei der unter anderem die Gründerin der Flüchtlingshilfsorganisation "Bewegung Mitmensch", Maria Lorey, und ein syrischer Arzt verletzt werden. Eine weitere Bombe, die an einen südkoreanischen Arzt in Wien adressiert ist, wird frühzeitig entdeckt.

Nur zwei Monate später tauchen vier weitere Briefbomben auf: Adressiert sind sie an das Flüchtlingskommissariat der UNO, eine ungarische Partnervermittlung, die Schauspielerin Angela Resetarits und eine aus Indien stammende Wiener Familie. Sie verfehlen ihre Ziele: Zwei der Bomben werden rechtzeitig entdeckt, die beiden anderen explodieren zu früh in einem Postkasten.


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Es ist gut möglich, dass man Franz Fuchs nie auf die Schliche gekommen wäre, hätte sich Franz Fuchs am Ende nicht selbst zur Strecke gebracht. Im Herbst 1997 ist er fest davon überzeugt, dass ihm die Ermittler auf der Spur sind – in Wirklichkeit haben sie aber nach wie vor keine Ahnung, wer tatsächlich hinter den Anschlägen steckt.

Man kann durchaus argumentieren, dass Fuchs aus reinem Zufall gefasst wurde. In den Augen der Ermittler war es ihnen gelungen, durch die Fahndungsmaßnahmen so viel Druck auf Fuchs auszuüben, dass er schlussendlich die Nerven verlor.

Am 1. Oktober 1997 – dem Tag, an dem die Rasterfahndung in Österreich eingeführt wird – fahren zwei Frauen auf dem Weg zur österreichisch-slowenischen Grenze an Franz Fuchs' Haus vorbei. Dort angekommen merken sie, dass sie einen Reisepass vergessen haben, drehen wieder um, und fahren dabei noch einmal am Haus der Familie Fuchs vorbei. Als das Auto ein drittes Mal an seinem Haus vorbeikommt, steht für Franz Fuchs fest: Die Frauen sind Ermittlerinnen, die ihn ausfindig gemacht haben. Ausgestattet mit einer seiner selbst gebastelten Bomben beschließt er, sie mit dem Auto zu verfolgen. Die Frauen entdecken ihren Verfolger und alarmieren die Gendarmerie.

Als die Beamten ihm Handschellen anlegen wollen, merken sie, dass er keine Hände mehr hat.

Als zwei Beamte Fuchs wenige Meter von seinem Wohnhaus entfernt aufhalten, steht für ihn endgültig fest, dass er überführt wurde. Er steigt mit seiner Apparatur in den Händen aus dem Auto, geht auf die Polizisten zu und sagt nur: "Da habt's." Einen Augenblick später geht die Rohrbombe in seinen Händen in die Luft.

Doch die Bombe tötet weder ihn noch die Beamten. Einer der Polizisten wird schwer an einem Auge verletzt, Fuchs läuft davon, bricht aber wenige Meter von seinem Auto entfernt zusammen. Als die Beamten ihm Handschellen anlegen wollen, merken sie, dass er keine Hände mehr hat – die Explosion hat ihm beide Unterarme weggefetzt.

Während dem verstümmelten Attentäter in einer Notoperation das Leben gerettet wird, beginnt die Polizei, seine Wohnung zu durchsuchen – den Ort, an dem er seine Bomben gebaut hat. Obwohl er sein Labor zu diesem Zeitpunkt bereits extrem gekonnt verschwinden lassen hat, finden die Beamten neben Bomben-Bauplänen auch ein Bekennerschreiben, das Fuchs im Glauben zurückgelassen hatte, am Ende dieses Tages tot zu sein. In den folgenden Tagen wird die Bevölkerung darüber aufgeklärt, wer für den jahrelangen Bombenterror verantwortlich war.

Für die Ermittler gestaltet es sich mehr als schwierig, brauchbare Informationen aus dem verhafteten Mann herauszubekommen. Mit dem Gefängnis-Psychiater und den meisten Ermittlern spricht er erst gar nicht. Wenn ihm jene Ermittler, mit denen er spricht, Fragen stellen, die er für dumm hält, bestraft er sie dafür oft mit stundenlangem Schweigen. Aber obwohl Fuchs weiterhin darauf besteht, dass er nur ein kleiner Teil einer ganzen "Bajuwarischen Befreiungsarmee" sei, kristallisiert sich für die Ermittler mehr und mehr heraus, dass diese Gruppierung die Erfindung eines einzelnen Mannes ist.

Franz Fuchs mit Untersuchungsrichter Nauta beim Lokalaugenschein
Fuchs mit Untersuchungsrichter Nauta beim Lokalaugenschein | Screenshot via orf.at

Nur einige wenige schafften es, sich eine Vertrauensbasis mit Fuchs zu erarbeiten – unter ihnen der junge Untersuchungsrichter Eric Nauta, dem Franz Fuchs bei einem Ortstermin in Gralla während der Ermittlungen auch seine Motive nennt. Darunter findet sich als Begründung unter anderem "die Diskriminierung der Deutsch-Österreicher". Es habe keine "deutschen Namen mehr in der Ministerliste, beziehungsweise in den Spitzenpositionen von Politik und Wirtschaft" gegeben. "Die wurden schrittweise ersetzt durch Slaven."

Kriminalpsychologe Reinhard Haller beschreibt Fuchs nicht nur als Mann mit einer schweren Persönlichkeitsstörung, sondern auch als "gekränktes Genie": Kleinigkeiten, die normale Leute problemlos wegstecken würden, kränkten den an sich überdurchschnittlich intelligenten Mann (ihm wurde ein IQ von 139 attestiert) so sehr, dass er radikalste Konsequenzen daraus zog. Haller erzählte später über Fuchs: "Er war ein Mensch, der seine ganze Genialität durch seine Kränkbarkeit letztendlich verspielt hat. Ich bin der Meinung, er wäre heute Harvard-Professor oder vielleicht Nobelpreisträger, wenn er nicht so ein kränkbarer, verletzter Mensch gewesen wäre."

Mit Sprüchen wie "Ausländerblut, nein danke!" erreicht Fuchs, dass er innerhalb kürzester Zeit von den Verhandlungen ausgeschlossen wird.

Am 2. Februar 1999, fast eineinhalb Jahre nach seiner Verhaftung, beginnt der Gerichtsprozess begleitet von enormem öffentlichen Interesse. Fuchs macht sich die Aufmerksamkeit zunutze und macht den Prozess zur Ego-Show: Schon am ersten Prozesstag beginnt er, fremdenfeindliche Parolen zu brüllen, als er in den vor Journalisten aus allen Nähten platzenden Gerichtsaal geführt wird. Mit Sprüchen wie: "Es lebe die deutsche Volksgruppe! Es lebe die BBA!" oder "Ausländerblut, nein danke! Minderheitenprivilegien, nein danke! Reinrassige Tschuschenregierung, nein danke!" erreicht Fuchs, dass er innerhalb kürzester Zeit von den Verhandlungen ausgeschlossen wird. So muss er gar nicht mehr anwesend sein, als er von der Staatsanwaltschaft zum Einzeltäter erklärt wird.

Die Einzeltäter-These wird schon früh von vielen in Frage gestellt. Mehrere Opfer, unter ihnen auch Bürgermeister Zilk, sind später davon überzeugt, dass Franz Fuchs Komplizen gehabt haben muss – auch wegen der Aussage eines involvierten Ermittlers, wonach einige der Bekennerschreiben nicht von Fuchs selbst verfasst worden sein können, da er nicht über das notwendige historische Wissen verfügt habe.

Franz Fuchs bei seinen Schrei-Tiraden | Foto: Heribert Corn

Der Grünen-Politiker Karl Öllinger sieht die Tatsache, dass der Frage nach möglichen Komplizen in den Ermittlungen erst gar nicht nachgegangen wurde, als Beispiel für ein Verhalten, das die Justiz bei neonazistischen Tätern bis in die Gegenwart immer wieder zeige: "Ich habe auf der Website 'stopptdierechten.at' versucht, alle rechtsextremen Gewalttaten der vergangenen 10 bis 20 Jahre zusammenzufassen. […] Wenn man es systematisch angeht, waren es im letzten Jahrzehnt so gut wie immer Einzeltäter. Nachforschungen darüber, ob sie einmal in organisierte Strukturen eingebunden waren, haben nie stattgefunden. Man hat sich nicht intensiv angesehen, was dazu geführt hat, dass angeblich isolierte Einzelne so stark rassistisch und gewalttätig agiert haben. Das zieht sich zurück bis zu Franz Fuchs", führte Öllinger 2014 in einem Interview aus. Fuchs' Verteidiger Gerald Ruhri erklärt den Geschworenen in seinem Schluss-Plädoyer 1999 jedenfalls: "Unterliegen Sie bitte nicht der Illusion, dass wir es mit einem aufgeklärten Verbrechen zu tun haben."

Und während Neonazis im deutschsprachigen Raum Fuchs für seine Taten feiern, werden die rechtsradikalen Motive der Attentate im Gerichtsprozess erst gar nicht thematisiert – obwohl der Täter sie dem Gericht wortwörtlich entgegen gebrüllt hatte. Am 10. März 1999 fällt der Schuldspruch: Fuchs wird für vierfachen Mord und dutzendfach versuchten Mord sowie schwere Körperverletzung zu lebenslanger Haft verurteilt und in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen.

Nach seiner Verurteilung verbringt der Terrorist nicht mal ein ganzes Jahr in Haft, bevor er am 26. Februar 2000 Suizid begeht. In seinen Verhören hatte er selbst noch erklärt: "Ich hab von Anfang an gewusst, dass ich selbst dabei draufgeh'."

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