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Popkultur

'Das perfekte Geheimnis': Warum ich Fan deutscher Liebeskomödien bin

Eindeutige Wortwitze, prototypische Figuren. Ihr hasst es, ich liebe es.

von Lena Müller
05 November 2019, 2:11pm

Foto: imago images | Photopress Müller (bearbeitet)

Unter meinen Freunden bin ich für meinen grauenhaften Filmgeschmack verschrien. Meine Mutter und ihre Freundinnen finden ihn hingegen klasse. Meine Filmempfehlungen? Traumfrauen oder Willkommen bei den Hartmanns. Amerikanische Action-Drama-Streifen spar ich mir grundsätzlich – meine Freunde verstehen das nicht. Und sie verstehen auch nicht, warum ich mich in diesem Jahr ganz besonders auf einen Film gefreut habe: Das perfekte Geheimnis.

Der Film beinhaltet fast alles, was ich an deutschen Liebeskomödien schätze: wenig Action, stattdessen Dialoge und kleine, fast versteckte Taten. Der Plot: In einer schicken Wohnung in München treffen sich insgesamt sieben Freunde zum Abendessen. Sie sind alle mittleren Alters, haben bereits Kinder oder planen welche. Drei Pärchen sitzen am Tisch, alles Sahneschnitten der deutschen Filmbranche: Simon und Bianca, gespielt von Frederick Lau und Jella Haase, Leo und Carlotta, gespielt von Elyas M’Barek und Karoline Herfurth, sowie Eva und Rocco, Jessica Schwarz und Wotan Wilke Möhring. Der siebte Gast ist Pepe, Florian David Fitz, Single und bester Freund von ungefähr allen.


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Das Gespräch kommt auf einen gemeinsamen Freund, dessen Partnerin Schluss gemacht hat, weil diese in seinem Handy Beweise für eine Affäre gefunden hatte. Kurzerhand schlägt Eva ein Spiel vor: Für die Dauer des Essens müssen die Anwesenden ihre Handys auf den Tisch legen. Alle Nachrichten werden laut vorgelesen, alle Telefonanrufe per Lautsprecher geführt. Selbstverständlich sorgt das für Drama, ausgelöst vor allem durch eingehende Nachrichten und Anrufe – und schließlich durch ein ungewolltes Outing von Pepe.

"Ich bin so sauer!"

"Und warum? Weil ich schwul bin? Oder weil ich es dir nicht gesagt habe?"

Es braucht nicht immer Tränen, Action oder ein düsteres Szenenbild, manchmal reichen klare Worte.

Andere Szene, das Telefon klingelt. Dran ist ein Schmuckverkäufer, der Simon vor längerer Zeit ein paar unechte Diamant-Ohrringe und einen unechten Diamant-Ring verkauft hat. Problem: Bianca, seine Freundin, hat gar keine Ohrlöcher. Also läuft sie weinend ins Badezimmer. Simon und die zwei anderen Frauen folgen ihr – Eva nimmt ihre Ohrringe raus, drückt sie ihm in die Hand und – Ohrfeige! Mir fällt die Kinnlade runter. Haben Simon und Eva haben eine Affäre? Sind das die Fake-Ohrringe? Oder war das lediglich ein Akt der Loyalität?

Diese klitzekleine Handlung lässt Raum für Interpretation! Sie wird bis zum Ende des Films nicht aufgelöst. Ich bin verwirrt – und das gefällt mir.

Stumpf ist Trumpf: Der (zu) eindeutige Wortwitz

Humor gehört bekanntlich zu jenen Eigenschaften, an denen sich die Geister scheiden. Ich bin großer Freund des Humors deutscher Liebeskomödien, weil er so herrlich einfach ist. Es sind oft alberne Sabbeleien unter den Figuren, die den Wortwitz der Filme ausmachen. Wahrscheinlich könnten sich diese Albereien wortwörtlich in dem ein oder anderen realen Freundeskreis so zutragen.

In der angespannten Runde ist der einzige Single Pepe für den Humor zuständig, und das sieht dann so aus: Um 21 Uhr soll einer der Gäste ein anzügliches Foto von seiner Affäre bekommen. Er bittet Pepe bei einer Zigarette auf dem Balkon um Hilfe – sie tauschen die Handys. Doch bevor Pepe sich aufopfert, will er ein vorheriges Foto der Affäre sehen – und bekommt eine junge Frau in einem Pluto-Pyjama gezeigt. Zurück am Tisch bekommt Carlotta von ihrer alten Schulfreundin "Maus" einen Anruf. Pepe nimmt ihr Handy und sagt zu seinem Freund in Not: "Sieh mal, Maus ruft an. Vielleicht will sie ja mal mit Pluto sprechen!"

Also, ich musste lachen.

Die Figuren: Prototypen aus der gut situierten Mittelschicht

Grundsätzlich beherbergt die Figurenkonstellation für jeden Zuschauer mindestens eine Identifikationsfigur. Eva ist eine unsichere und gleichzeitig autoritäre Therapeutin. Ihr Mann Rocco ist Schönheitschirurg, der sich selbst in therapeutischer Behandlung befindet. Carlotta ist eingefleischte Karrierefrau. Ihr Mann Leo passt auf die gemeinsamen Kinder auf. Er würde gern wieder arbeiten, traut sich aber nicht, mit Carlotta darüber zu sprechen. Bianca und Simon sind noch sehr frisch verliebt. Bianca hat ein großes Vermögen geerbt und ist sehr spirituell. Simon ist ein Taxifahrer, dessen Geschäftsideen in der Vergangenheit oftmals floppten, Pepe Lehrer und Naturbursche. Für jeden was dabei!

Na ja, wenn man ehrlich ist, natürlich nicht. Denn sie kommen alle aus der gut situierten Mittelschicht. Wir bekommen vorgespielt, dass der Alltag einfach sein kann und wir den Lebensstandard der Figuren ebenfalls ohne Probleme erreichen könnten. Schließlich sind sie wie du und ich – weder unnahbar noch superreich.

Das ist natürlich Quatsch, das Leben spielt anders. Das hier ist eine Scheinwelt, die suggeriert: Das Leben aus dem Film kannst du auch haben. Es ist überhaupt nicht schwierig, glücklich zu sein. Das ist es natürlich nicht. Deutsche Liebeskomödien sind wie Schneekugeln, sie bieten einen Einblick in eine heile Welt, die es nicht gibt, obwohl das, was dort zu sehen ist, direkt aus dem Leben gegriffen ist. Aber 90 Minuten sorgenfrei sind halt auch mal ganz schön.

So wie die Figuren vermeintlich aus dem Leben gegriffen sind, sind es auch die Probleme in einer deutschen Liebeskomödie. In Filmen wie Das perfekte Geheimnis geht es grundsätzlich um Probleme und unglückliche Lebenslagen, die jeden von uns treffen könnten: Eva ringt mit ihrem Selbstbewusstsein und möchte sich die Brüste machen lassen. Carlotta gesteht, dass sie lieber Vollzeit-Mutter anstatt Karrierefrau sein möchte. Pepe wird als schwul geoutet und Simon hat seine Chefin geschwängert. Genau sowas gibt es im echten Leben en masse.

Der Film gibt einem das Gefühl, solche Probleme mit Humor bewältigen zu können. Sie nehmen einem die Schwere. Sie zeigen uns: Wir sind nicht alleine.

Es gibt immer ein Happy End!

Sobald Tränen geflossen und alle Herzen gebrochen sind, kommt der beste Teil der Liebeskomödien: das Happy End. Durch kleine Gesten mit großer Wirkung werden Herzen zusammengeflickt und Tränen getrocknet. In diesem Fall entschuldigen sich Rocco, Leo und Simon bei Pepe für ihre unpassende Reaktion durch eine große Geste und Pathos: "Eine Wahrheit kam bei dem Spiel nicht raus: dass wir dich lieben."

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