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Die Bundesregierung will Upskirting verbieten, aber Pornoseiten ist das egal

Das Gesetz wird nichts daran ändern, dass Upskirting-Videos auf Pornoseiten kursieren.

von Sebastian Meineck
14 November 2019, 12:53pm

Rock: Imago Images | Ralph Peters || Hand: Imago Images | Westend61

Wer seine Genitalien nicht vor fremden Kameras schützt, hat eben Pech gehabt – so lässt sich die geltende Rechtslage zusammenfassen. Aktuell ist es keine Straftat, jemandem auf der Rolltreppe heimlich unter den Rock zu fotografieren. Auch wer Frauen in den Ausschnitt fotografiert, hat gesetzlich wenig zu befürchten. Das Strafgesetz schützt Menschen nur dann vor voyeuristischen Übergriffen, wenn sie zu Hause bleiben oder sich in einem Raum verstecken, der "gegen Einblick besonders geschützt" ist, zum Beispiel in einer Umkleide.

Praktisch bedeutet das: Wenn auf der Straße mal das Oberteil verrutscht, haben Voyeure die Lizenz zum Schießen, zumindest zum Fotoschießen. Betroffene können dagegen aktuell wenig tun, höchstens eine Ordnungswidrigkeit daraus stricken.

Ein Update im Strafgesetzbuch, Paragraf, 201a, soll das jetzt ändern. Dabei hat sicher auch eine Petition mit rund 110.000 Unterschriften geholfen. Künftig sollen auch Fotos "von bestimmten gegen Anblick geschützten Körperteilen" verboten sein, heißt es im Gesetzentwurf, den die Bundesregierung jetzt beschlossen hat. Es drohen Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe. Wenn der Bundestag zustimmt, darf endlich niemand mehr ungestraft Vulvas, Brüste oder Penisse fotografieren, wenn sie in der Öffentlichkeit aufblitzen. Trotzdem ändert das Gesetz nichts an einem der größten Probleme des Voyeurismus.

Die Änderung ist zwar ein großer Gewinn für alle Betroffenen, die sich vergeblich Hilfe von der Polizei erhofft haben. Aber das Gesetz ist keine Hilfe für Opfer von digitaler Gewalt, deren Aufnahmen auf Pornoseiten kursieren. Es wird nichts daran ändern, dass vor allem Männer massenhaft Upskirting-Videos im Internet verbreiten und vor allem Frauen gegen ihren Willen objektifiziert und herabgewürdigt werden.

Dieses Gesetz ist etwa auf dem technischen Stand des Jahres 2007

Die Bundesregierung will mit der Zeit gehen, das geht deutlich aus den einleitenden Worten zum Entwurf hervor: "Aufgrund des technischen Fortschritts werden Kameras immer kleiner", heißt es dort. "Sie sind mittlerweile in Alltagsgeräten wie Mobiltelefonen verbaut und in der Lage, Bildaufnahmen von hoher Qualität zu erstellen." Die Gesetzgebung ist damit ungefähr im Jahr 2007 angekommen. Aber die erwähnten "Mobiltelefone" haben auch einen Internetanschluss, und damit verbreiten Täter die Aufnahmen auf Pornoseiten, wo sie massenhaft abgerufen werden. Und gegen die Macht dieser Pornoseiten ist das Gesetz nutzlos.

Welche Daten sammeln Pornoseiten über mich? Was passiert, wenn ich ohne Virenschutz dort surfe? Hier findest du mehr Recherchen an der Schnittstelle zwischen Porn und Tech.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich Pornoseiten von Gesetzen wie 201a StGB nicht sonderlich beeindrucken lassen: Ein hochgeladenes Video bleibt erst einmal ohne kritische Überprüfung online, auch wenn es verdächtig nach Voyeurismus oder sexualisierter Gewalt aussieht. Erst wenn sich die Betroffenen persönlich beschweren, gehen Pornoseiten effektiv gegen solche Aufnahmen vor. Das ist das Ergebnis unserer VICE-Recherche vom Oktober 2019. Für die Recherche haben wir 40 problematische Videos identifiziert und gemeldet, die auf Deutschlands meistbesuchten Pornoseiten, xHamster und Pornhub, veröffentlicht wurden. Nur fünf dieser Videos wurden nach unserer Anfrage offline genommen.

Pornoseiten sollten Uploads nicht länger durchwinken

Ein Pressesprecher von xHamster begründete das gegenüber VICE unter anderem mit "sexueller Redefreiheit", freedom of sexual speech. Als Betreiber einer Pornoseite, so die Argumentation, könne man ja schließlich nicht beurteilen, ob ein verstörendes Videos eventuell doch einvernehmlich sei. Im Zweifel für den Voyeurismus.

Die Verantwortung wird damit auf die Betroffenen abgewälzt: Wer Opfer von digitaler Gewalt wird, muss die herabwürdigenden Aufnahmen selbst aktiv im Internet suchen und selbst um Löschung bitten. Das wird schnell zur Sisyphos-Aufgabe, vor allem wenn Voyeure besonders viel kriminelle Energie haben und die Aufnahmen fleißig auf immer neuen Plattformen verteilen. Ach ja, und wer von den voyeuristischen Aufnahmen gar nicht erst etwas mitbekommt, hat sowieso verloren.

Hast du mal bei Pornhub, xHamster oder einer anderen großen Pornoplattform gearbeitet – oder arbeitest dort noch immer? Wir würden uns freuen von dir zu hören. Du kannst den Autor per E-Mail oder verschlüsselt via Signal ( +49 152 1012 4551) kontaktieren – am besten mit einem Gerät, das nicht deinem Arbeitgeber gehört.

Das Update im Strafgesetzbuch wurde für eine Welt ohne soziale Medien geschrieben, in der Täter einmal ein verbotenes Foto schießen und dann dafür belangt werden. Aber durch die Verbreitung der Aufnahmen im Internet wird die Intimsphäre der Betroffenen nicht nur einmal verletzt, sondern hunderttausende Male – mit jedem weiteren Klick auf ein zu Unrecht hochgeladenes Foto oder Video. Es wird auch mit einem überarbeiteten Gesetz massenhaft Videos geben, die Upskirting oder sogenannte Nippelblitzer zeigen.

Ein wirklich effektiver Schutz gegen digitale Gewalt wäre ein Gesetz, dass Pornoseiten zur Verifikation neuer Uploads verpflichtet. Die Regel könnte ganz simpel sein: Wenn Nutzer ein neues Pornovideo hochladen, müssen sie auch einen Videoclip vorlegen, in dem alle dargestellten Personen ihr Einverständnis ausdrücken. Schon könnten sich die Pornoseiten nicht mehr herausreden.

Anonyme Imageboards ohne Impressum würden da sicher nicht mitmachen. Große Plattformen wie Pornhub und xHamster dagegen haben Büros in der EU und Hunderte Mitarbeiter, ihre Besucherzahlen konkurrieren mit denen von Netflix und Bild.de. Wenn jemand gegen die Verbreitung digitaler Gewalt in die Pflicht genommen werden sollte, dann sie.

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