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Die verwegenen 'Ingress'-Gamer, die sogar in der Antarktis Portale errichten

Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen der wohl hartnäckigsten 'Ingress'-Szene der Welt. Für einen strategischen Vorteil reisen diese Spieler bis ins ewige Eis – selbst, wenn sie damit gegen örtliche Vorschriften verstoßen.

von Caroline Haskins
13 November 2017, 11:56am

Der Abstieg zu McMurdo Station. Bild: Alan Light | Flickr | Lizenz: CC BY 2.0

"Ich versuche, den Kontakt zu jemandem auf der McMurdo Station herzustellen. Es geht um ein Projekt", schrieb Redditor DarthMewtwo am 12. Juli geheimnisvoll in das Subreddit r/Antarctica. Die McMurdo Station ist eine von drei US-amerikanischen Forschungsstationen am Südpol und die größte menschliche Siedlung in der Antarktis.

"Vielleicht kann ich dir helfen", antwortete ein anderer Nutzer namens CainsCurse. Er identifizierte sich später als IT-Mitarbeiter auf der McMurdo. WieDarthMewtwo daraufhin erklärte, seien er und seine Mutter große Fans des Augmented-Reality Spiels Ingress.

Ingress ist ein standortbasiertes Spiel für Smartphones und wurde 2013 von Niantic herausgebracht, die auch Pokémon Go entwickelt haben. Die Spieler bei Ingress bezeichnen sich als "Agenten" und sie gehören entweder dem grünen Team der "Erleuchteten" oder dem blauen "Widerstand" an. Agenten sammeln Punkte, indem sie sich in der echten Welt bewegen und virtuelle Gegenstände einsammeln, wie beispielsweise "exotische Materie". Dass einige Ingress-Spieler auf der Jagd nach Punkten sogar in KZ-Gedenkstätten spielten, sorgte vor zwei Jahren für Aufregung um das Spiel.

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"In dem Spiel geht es darum, virtuelle Dreiecke oder Felder zwischen realen Orten zu bilden und diese für dein Team einzunehmen", erklärte DarthMewtwo. Das Spiel wird von Millionen Menschen auf der ganzen Welt gespielt. Bei DarthMewtwo und seiner Mutter gibt es zwei Besonderheiten: Sie gehören gegnerischen Teams an und befinden sich außerdem an verschiedenen Enden der Welt. Er lebt in den USA und sie in Australien.

Aus diesem Grund hatte sich das Mutter-Sohn-Duo eine ganz besondere Mission ausgedacht. Bei DarthMewtwos nächstem Besuch in Australien wollten er und seine Mutter gemeinsam ein Kontrollfeld mit der Antarktis bilden – und sich damit nicht nur über Ländergrenzen, sondern auch über alle Team-Rivalitäten hinwegsetzen. Um ihren gewagten Plan in die Tat umsetzen zu können, brauchten sie jedoch unbedingt Ingress-Agenten beider Teams in der Antarktis vor Ort. Und so begann DarthMewtwo seine Suche auf Reddit.

Seine Hoffnungen wurden von CainsCurse aber zugleich wieder im Keim erstickt: Denn im Breitbandnetzwerk der McMurdo-Station sind keine Mobiltelefone erlaubt. Damit hatte DarthMewtwo nicht gerechnet, und so endete das Gespräch der beiden abrupt.


Sonnenaufgang über der McMurdo Station, einem der einsamsten Orte der Welt. Bild: Alan R. Light | Wikimedia Commons | Gemeinfrei

Trotzdem hatte DarthMewtwo mit seiner Reddit-Anfrage unser Interesse geweckt. Warum wollten er und seine Mutter sich ausgerechnet mit einem Portal am abgeschiedensten Ort der Welt verbinden? Genau diese Frage stellten wir ihm in einer privaten Nachricht. DarthMewtwo, der sich selbst als "Zach" vorstellte, erklärte uns, dass sein Vorhaben mit der zentralen Strategie von Ingress zusammenhänge.

Bei Ingress dreht sich alles um sogenannte Portale, die Spieler für ihr Team erobern können, indem sie sie hacken. Anschließend können sie das eroberte Portal durch dreieckige "Felder" mit anderen Portalen verbinden, die ebenfalls von ihrem Team kontrolliert werden. Diese Portale können sich ganz in der Nähe oder auch am anderen Ende der Welt befinden.

Ziel des Spiels ist es, so viele Gebiete wie möglich mit den Kontrollfeldern für das eigene Team einzunehmen. Vor allem in dicht besiedelten Gegenden sind Portale heiß umkämpft. Hier ist es schwer, die eigenen Portale gegen Hacking-Attacken der Gegner zu schützen. Darum bieten Portale an abgelegenen Orten einen strategischen Vorteil: Es ist unwahrscheinlicher, dass sie gehackt werden. Und es gibt wohl kaum einen anderen Ort, der so abgeschieden ist, wie die Antarktis.

Das Netz im ewigen Eis ist sehr begrenzt

Zach alias DarthMewtwo ist nicht der erste Spieler, der den Vorteil von antarktischen Portalen erkannt hat. Auch Thomas Scott, ein Ingress-Fan aus Neuseeland, beschreibt uns über den Facebook Messenger, warum Portale an abgelegenen Orten so begehrt sind.

"Das ist ein strategischer Vorteil, weil das gegnerische Team nicht so schnell reagieren kann", sagt Scott. 2015 bildete er mit anderen Spielern Kontrollfelder zwischen Neuseeland und der Antarktis. "Portale in der Antarktis sind außerdem attraktiv, weil es nicht viele Hindernisse gibt, die eine Verbindung nach Neuseeland oder dem Süden Australiens stören würden."

Da es in der Antarktis keine Mobilfunkmasten gibt und Mobiltelefone im Breitbandnetz der McMurdo Station nicht erlaubt sind, ist es sehr schwierig, hier errichtete Portale überhaupt einzunehmen. Bevor Mitarbeiter des Antarktisprogramms auf der Station Zugang zum Internet erhalten, müssen sie die strengen Nutzungsbedingungen der US-amerikanischen National Science Foundation (NSF) unterschreiben.

Da das Internet in der Antarktis sehr begrenzt ist, wird es in erster Linie dazu genutzt, um Forschungsarbeiten durchzuführen und die Kommunikation zur Außenwelt sicherzustellen, wie uns der NSF-Sprecher Peter West erklärt. Laut NSF-Regeln ist die private Internetnutzung nur dann erlaubt, wenn offizielle Arbeitsvorgänge im Netz dadurch nicht verlangsamt werden. Deswegen dürfen Mitarbeiter keine privaten WLAN-Router mit auf die Station bringen und auch die Einstellungen der Bandbreite auf keine Weise ändern. Verstoßen Mitarbeiter gegen diese Vorschriften, drohen ihnen Sanktionen oder sogar rechtliche Konsequenzen.

Doch das hält die kleine, aber hartnäckige Ingress-Community, die in der Arktis zocken will, nicht davon ab, Mitarbeiter auf der Station zum Mitspielen animieren zu wollen.

“Das ist das erste Mal, dass ich mich im Spiel mit der Antarktis beschäftige – aber es ist allgemein bekannt, dass es in der Vergangenheit ein paar Spieler auf der McMurdo Station gegeben hat”, erklärt Zach gegenüber Motherboard. “Ich habe versucht, durch mein weltweites Netzwerk einen Kontakt herzustellen, habe aber niemanden gefunden. Als nächstes werde ich versuchen, die Leute aufzuspüren, die schon einmal vor Ort waren.”

Die unverfrorenen 'Ingress'-Pioniere

Vor allem zu einem Spieler namens "James Thirteen" würde Zach gerne Kontakt aufnehmen. Der Ingress-Spieler ist in der Community so etwas wie ein Antarktis-Pionier. In einem Beitrag auf Google Plus beschrieb James Thirteen im Februar 2015, wie er gemeinsam mit anderen Spielern in der Antarktis Portale auf der McMurdo Station eingerichtet, gehackt und mit Portalen auf der ganzen Welt verbunden hatte. Der Beitrag namens "Operation Antarctica – Final Situation Report" war zur Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels leider nicht mehr verfügbar.

Während Portale in stark bewohnten Gegenden von Niantic erstellt werden, sind in dünner besiedelten Gebieten die Spieler selbst gefragt. Die Agenten reichen dafür über eine Plattform Portale ein, die Niantic dann genehmigt oder ablehnt. Damit ein Portal genehmigt wird, müssen Spieler auch ein Foto des Standorts mitschicken, das sie selbst aufgenommen haben. Theoretisch heißt das, dass jedes Portal entweder von Niantic erstellt wurde oder ein Ingress-Player selbst vor Ort war.

James Thirteen hat ein paar Portale für die Antarktis eingereicht, die von Niantic verifiziert wurden. Aber auch vor ihm waren schon ein paar Portale am Südpol aktiv.

Auch wenn es sicherlich Möglichkeiten gibt, die Aufnahmen von Dritten an Niantics wachsamen Augen vorbeizuschmuggeln, fanden sich auf der Google-Plus-Seite von James Thirteen zahlreiche Aufnahmen der Antarktis, die sonst nirgendwo im Netz zu finden sind. Im Dezember 2013 schrieb James Thirteen, dass er regelmäßig in die Antarktis reist. In Beiträgen von 2015 und 2016 fanden sich Hinweise darauf, dass er saisonal im Hafen der McMurdo Station arbeitet.

Die meisten Menschen, die auf der McMurdo-Station arbeiten, sind über Drittunternehmen angestellt. Da die NSF die gesamte Station leitet, müssen auch sie sich an die strengen Vorschriften für die Internetnutzung halten. In "Operation Antarctica" beschreibt James Thirteen jedoch, wie er einen WLAN-Hotspot errichtete, während er auf McMurdo stationiert war, um Portale in der Umgebung erobern zu können. Damit hätte er ganz klar gegen die NSF-Vorschriften verstoßen.

In seinem Bericht schreibt Thirteen außerdem, dass viele Wissenschaftler auf McMurdo noch nie von Ingress gehört hätten: "Wenn wir Ingress erwähnten, blickten wir oft in leere Gesichter."

Thirteens Pionierarbeit in der Antarktis wurde von anderen Ingress-Spielern dankend angenommen, die sich von Australien oder Neuseeland aus mit seinen Portalen verbinden konnten. In einem Google-Plus-Post von 2015 beschreibt der Neuseeländer Scott, dass er gemeinsam mit Dutzenden anderen Ingress-Spielern aus verschiedenen Ländern einen 2.360 Kilometer langen Portal-Link geschaffen habe.

Auf ihrer Google-Plus-Seite für Ingress unterstützt Niantic Spieler bei ihren Bemühungen, das Game auf der ganzen Welt zu spielen, auch in der Antarktis. Wir haben Andrew Krug, der als Global Community Manager bei Niantic arbeitet, gefragt, ob dem Unternehmen bewusst ist, dass die private WLAN-Nutzung in der Antarktis extrem eingeschränkt ist. Krug ließ uns seine Antwort von Yafine Lee übermitteln, einem Mitarbeiter von Fortyseven Communications, die Niantics PR-Arbeit betreiben.

"Niantic erwartet von allen Ingress-Spielern, dass sie sich an alle geltenden Gesetze und Vorschriften halten, so wie es auch in den Nutzungsbedingungen steht", schreibt Krug. "Bei Fragen oder Bedenken zu unangemessenem Verhalten kann jeder unser Support-Team über eine spezielle Seite in unserem Online-Support-Center kontaktieren."

Die offizielle Google-Plus-Seite teilte einen Post von James Thirteen, der beschreibt, wie er 'Ingress' in der Antarktis spielt | Screenshot Google Plus

Als wir im August mit Krug sprachen, erzählte er uns, dass zu diesem Zeitpunkt zwar 17 Portale auf McMurdo existierten, aber nur drei davon von einem Team kontrolliert wurden. Um ein Portal einzunehmen, müssen die Spieler vor Ort sein. Damit es in der Kontrolle eines Teams bleibt, kann es aber auch aus einer Entfernung von bis zu 2.000 Kilometern "aufgeladen" werden. Neuseeland ist nur 1.370 Kilometer von McMurdo entfernt, daher ist es durchaus möglich, dass sich im August keine Ingress-Spieler an der Antarktis aufhielten, aber das Portal trotzdem aktiv blieb.

Was die Antarktis-Agenten als nächstes planen

Um herauszufinden, ob es aktuelle Pläne gibt, Kontrollfelder mit den Portalen auf der der McMurdo Station zu bilden, haben. haben wir die Intel Map von Ingress verwendet. Im Missions-Tab werden Missionen angezeigt, die Spieler abschließen können, wenn sie sich in einer bestimmten Region aufhalten. Für die McMurdo-Station zeigte das Tab vier Missionen an.

Drei Screenshots des Missions-Tabs der Intel Map

Zwei der Missionen wurden bereits von zwei beziehungsweise vier Spielern abgeschlossen. Das bedeutet, dass bereits vier bis sechs Ingress-Spieler auf der McMurdo Station gespielt haben.

Außerdem nutzten wir das "Comm"-Feature der Intel Map, mit dem Spieler mit anderen Leuten in einer Region in Kontakt treten können. Den Umkreis begrenzten wir im Tool auf die McMurdo Station.

In der Umgebung von McMurdo zeigt das "Comm"-Feature Aktivitäten aus den letzten Wochen an. Das könnte bedeuten, dass Spieler versuchen, ein neues internationales Kontrollfeld mit McMurdo zu bilden.

Screenshot der Comm-Funktion von Ingress, aufgenommen am 20. Oktober. In der übersetzen Nachricht erklärt Nutzer @SolarQuest33 einem anderen Spieler, dass er sich Telegram herunterladen soll

Wir haben den Nutzer @SolarQuest33 auf Telegram, einer beliebten Chat-App unter Ingress-Spielern, kontaktiert, denn sein Nutzername taucht auch im fraglichen Chat-Verlauf auf "Comm" auf. Der Nutzer erzählte uns, dass er selbst zwar noch nie in der Antarktis war, aber dass er mit zwei Spielern gesprochen habe, die dort waren. Einer von ihnen sei James Thirteen.

"Meines Wissens nach gibt es da keine Pläne für weitere Portale", sagte der Nutzer. "Die Ingress-Community auf McMurdo ist sehr klein." Der Nutzer riet uns außerdem, James Thirteen und den anderen Spieler über das "Comm"-Tool zu kontaktieren, doch die beiden meldeten sich bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht zurück.

Auf der Google-Plus-Seite von Ingress stammt der neueste Beitrag zum Thema Antarktis von Hugo Contreas vom 29. August. Der Post zeigt eine Portal-Verbindung zwischen Argentinien und der King George Island. Auf der antarktischen Insel befindet sich die Forschungsstation des chilenischen Antarktis-Instituts. Hier gelten sogar noch strengere Regeln als auf McMurdo, denn die private Internetnutzung ist hier komplett verboten.

Wir haben Contreas kontaktiert, aber keine Rückmeldung erhalten.


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Inzwischen gibt es keine aktiven Portalverbindungen mehr zu der McMurdo Station. Tatsächlich geht der letzte erfolgreiche internationale Link, den wir finden konnten, auf April 2016 zurück. Ein Grund dafür könnte sein, dass die NSF inzwischen härter gegen Ingress-Spieler auf der Station durchgreift, weil diese gegen die Vorschriften zur Internetnutzung verstoßen.

Scott, der Ingress-Spieler aus Neuseeland, hat eine weitere Theorie: Er denkt, dass der Rückgang an Portal-Links damit zusammenhängt, dass auch Niantic inzwischen härter gegen sogenanntes Location Spoofing vorgeht. Denn einige Spieler manipulieren ihre GPS-Daten, so dass die Ingress-App sie an einem ganz anderen Ort vermutet, als sie sich tatsächlich aufhalten. Scott erzählt uns, dass Spoofing vor allem in Neuseeland ein großes Problem darstellt. Das könnte also der Grund sein, dass die Links zwischen Neuseeland und der Antarktis verschwunden sind.

Andrew Savy, der 2016 dabei half, einen Portal-Link mit der Antarktis einzurichten, schrieb Motherboard in einer Facebook-Nachricht, dass es mindestens einen Ingress-Spieler gibt, der regelmäßig in die Antarktis reist. Er hat nicht näher erläutert, ob es sich dabei um James Thirteen handelt. "Spoofing ist ein Problem und wir werden so gut wir können über unseren Agenten, der an der Station arbeitet, bestätigen, ob sich wirklich andere Spieler dort aufhalten", sagt Savy.

Von all diesen widrigen Bedingungen lässt sich Zach jedoch nicht abschrecken. Er sucht weiterhin nach einem Ingress-Agenten in der Arktis, damit er gemeinsam mit seiner Mutter Kontrollfelder bilden kann, die die halbe Welt umspannen.