Im Hambacher Forst ermittelt die Polizei wohl gegen die Mutter eines Sechsjährigen

Das Kind habe sich mehrmals "vermummt" – mit einem Halstuch.

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25 September 2018, 10:35am

Screenshot: Twitter | @FeinwerkCGN || Wald, Foto: Pixabay | jplenio | CC0

Ein Kind mit goldblondem Topfschnitt und einem fast knöchellangen Pulli steht in einem Wald. Drumherum sechs Polizisten: Sie tragen Helme, an den Hüften hängen Schlagstöcke. Doch das Bild stammt nicht vom Besuch einer Grundschule bei einer Polizeiübung, sondern aus dem Hambacher Forst. Die Polizei soll dort die Personalien der Mutter festgestellt haben – weil ihr Sohn ein Halstuch trug.

Der Journalist Theo Heyen teilte am Montag auf Twitter ein Foto, das kurz nach dem Vorfall entstanden sein soll. Die Einsatzhundertschaft Duisburg habe Personalien aufgenommen, weil der Sechsjährige ihr zufolge vermummt gewesen sei, schreibt Heyen. "Kein Scherz!" Die Journalistin Anett Selle, selbst im Hambacher Forst vor Ort, bestätigte den Vorfall.


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In den Kommentaren unter Heydens Tweet gab sich eine Frau als Mutter des Jungen zu erkennen. Ihrem Profil zufolge heißt sie Mia. "Ich bin die Mutter und leider ist es wahr", schreibt sie. In weiteren Tweets erklärt Mia, dass sie mit ihrem sechsjährigen Sohn und ihrer 15-jährigen Tochter aus Berlin in den Hambacher Forst gereist sei. Die Tochter berichte von dort für eine Schülerzeitung. Deswegen habe sich die Familie am Montag auch am Pressebereich aufgehalten.

Die Mutter sagt, ihr Kind habe "echt Angst gehabt"

Als die Familie am späten Nachmittag nach Hause habe gehen wollen, sei sie von acht Polizisten angehalten worden, so Mia. Die Polizisten hätten sie und ihren Sohn nach ihren Personalien gefragt. "Uns wurde mitgeteilt, dass gegen mich ermittelt wird, weil mein Sohn mehrfach gegen das Vermummungsgesetz verstoßen hat." Das hätten die Einsatzkräfte an mehreren Tagen auch gefilmt, habe die Polizei gesagt. Die Mutter selbst hat ihr Gesicht laut eigener Aussage nicht verdeckt.

Mia postete ein Bild eines blonden Jungen im Herbstlaub, sein Mund ist von einem Halstuch überdeckt. Auf ihrem Twitter-Account schreibt die Mutter, die Familie habe den Hambacher Forst nur auf gekennzeichneten Wegen betreten. Ihr Aufenthalt dort sei laut eines Polizisten auch in Ordnung gewesen. Wegen des Halstuchs werde die Polizei aber nun wohl das Jugendamt benachrichtigen.

Screenshot eines Tweets auf dem ein Junge mit Halstuch einen langen Ast in einem Wald hochhält
Screenshot: Twitter

Ansprechpartner für alle polizeilichen Aktivitäten im Hambacher Forst ist die Pressestelle der Aachener Polizei – auch für die der Duisburger Kollegen und Kolleginnen. Als VICE sie anruft, sagt eine Sprecherin, die Polizei kenne den Tweet, man arbeite daran, Fragen zu klären. Durch den Großeinsatz dauere dieser Vorgang aber eine Weile. Sie könne die Geschichte daher weder dementieren noch bestätigen.

Auf Twitter erklärt Mia am Dienstagvormittag, die Familie sei mittlerweile wieder in Berlin. Dem Jungen gehe es gut. "Papa sagt, er hat nichts falsch gemacht", schreibt Mia. Und erklärt auch, wieso ihr Kind den Schal trug: "Er will SEK-Mann werden und verkleidet sich gern. Auch mit Gesichtsschutz."

Die Polizei hat ja jetzt schon mal die Kontaktdaten, falls sie den Nachwuchs später rekrutieren will.

Update vom 25. September, 14:20 Uhr: Einer Sprecherin der Aachener Polizei hat gegenüber VICE erklärt, die Personalienaufnahme habe nichts mit dem Halstuch des Kindes zu tun. Die Polizisten hätten die Familie an mehreren Tagen im Hambacher Forst gesehen, auch in der Nähe einer Barrikade. "Sie sind der Auffassung, dass der Forst nicht der richtige Ort für ein sechs Jahre altes Kind ist", so die Sprecherin. Es könne zur Gefahrenlage kommen.

Gegen die Mutter sei keine Anzeige erhoben worden, es werde auch nicht ermittelt. Allerdings habe die Polizei einen Bericht an das Jugendamt weitergeleitet. "Das Halstuch hat dabei keine Rolle gespielt."

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