"Scheiße Gemeinde" – Migrantinnen und Migranten erzählen von ihren ersten deutschen Worten
Alle Fotos privat, mit freundlicher Genehmigung
Heimat großer Töchter und Söhne

"Scheiße Gemeinde" – Migrantinnen und Migranten erzählen von ihren ersten deutschen Worten

"Ich glaubte, die Kassiererin im Supermarkt endlich zu verstehen, als sie uns ein 'Schönes Wochenende' wünschte – nur dachte ich damals, sie sagt 'Schöne Woche, Ente'."
20.7.18

Man muss nicht unbedingt in das bayerische Örtchen Tacherting einwandern, um zu merken, dass ein Leben ohne Deutschkenntnisse für Migranten und Migrantinnen alles andere als einfach ist: Politiker wie Jens Spahn wollen selbst in einem Berliner Café keine sprachlichen Kompromisse eingehen, Bahnansagen gibt es auch in Großstädten oft nur auf Deutsch, und die Behördenbriefe – die einen letzten Endes auch über den Status des Aufenthaltstitels informieren – verstehen teilweise nicht einmal Leute, die mit der deutschen Sprache aufgewachsen sind.

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Dabei kann sich jeder glücklich schätzen, der Deutsch von kleinauf gelernt hat. Denn die deutsche Sprache ist nicht nur mit dem Klischee behaftet, verdammt kompliziert zu sein – sie ist es laut Experten tatsächlich. Auch wenn es mittlerweile durchaus hilfreiche Tools wie etwa Deutschkurse per WhatsApp gibt, die Neulingen die ersten Schritte erleichtern: Wer sich diese seltsame, herrisch klingende Sprache aneignen will, hat einen steinigen Weg vor sich.

Wir haben mit Leuten gesprochen, die diesen Weg bereits hinter sich gebracht haben, nachdem sie aus anderssprachigen Ländern nach Deutschland und Österreich eingewandert sind. Sie haben uns verraten, was die ersten Worte waren, die sie auf auf Deutsch gelernt haben – und wie es sich anfühlt einen (sprachlichen) Neuanfang zu machen.

Hung, 71, in Vietnam geboren

Nacherzählt von seiner Tochter Bidong, 39

Meine Eltern sind so ziemlich das, was man sich unter "Vorzeige-Flüchtlingen" vorstellt: superfleißig, superdemütig, superdankbar und superunauffällig. Mein Vater hat kurz nach unserer Ankunft in Österreich eine Stelle als Hilfsarbeiter in einer Fabrik vermittelt bekommen, und nach "Ja", "Nein", "Danke", "Grüß Gott" und "Amen" hat ihm ein Arbeitskollege den Ausdruck "SCHEISSE GEMEINDE!" beigebracht. Danach war so ziemlich alles, was gerade nicht edelgeil war, einfach nur "Scheiße Gemeinde".

Lange Zeit dachte ich als Kind sogar, dass das tatsächlich ein gängiges Sprichwort wäre. Ich fragte meinen Vater vor Kurzem auf Vietnamesisch, warum er damals so gerne "Scheiße Gemeinde" gesagt hat. Aus irgendeinem Grund antwortete er mir in seinem gebrochenem Deutsch: "Weiß nicht. Egaaaal." Er hat dabei ziemlich gekichert. Keinen blassen Dunst, wie ich das nun verstehen soll.

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Ahja, meine Eltern sprechen – nach fast 40 Jahren in Österreich – nach wie vor extrem schlecht Deutsch. Also eigentlich doch keine Parade-Flüchtlinge, sondern ganz, ganz schlechte Migranten. Sorry, Papi, am besten schleichst du dich wieder zurück nach Vietnam. Am besten irgendwie über die Mittelmeerroute. So will es halt die Scheiße Gemeinde.

LJ, 18, in Nigeria geboren

Ich bin 2015 aus Nigeria nach Österreich gekommen, damals war ich 15 Jahre alt. Die österreichischen Behörden glaubten mir mein Alter aber nicht. Letztendlich musste ich mich mit ihnen auf ein neues Geburtsdatum einigen – seitdem bin ich offiziell 1998 geboren. Ich bin damals hierher gekommen, um mir eine Zukunft aufzubauen und ein lebenswertes Leben zu führen, aber ich merkte schnell, dass es auch hier nicht einfach werden würde – aber als Schwarzer Mann muss ich überleben, egal wie schwer es ist.

Besonders die Sprache machte es anfangs extrem schwer – unter anderem auch in diversen Begegnungen mit der Polizei. Ich musste früh feststellen, dass du hier als Migrant nicht sehr willkommen bist, wenn du kein Deutsch sprichst. Meine ersten deutschen Worte waren dann welche, die dir vor allem auf der Straße ziemlich gut weiterhelfen: "Was brauchst du?" Beigebracht hat sie mir kein Mensch, sondern der Translator auf meinem Handy.

Kaja Radas, 89, Rentnerin, in Bosnien geboren

Kaja und ihr Enkel Senadin, der ihre Geschichte erzählt | Foto: privat

Meine Oma kam in den 60ern aus Bosnien nach Deutschland. Sie war damals Gastarbeiterin und arbeitete in Stuttgart einer Fabrik für Metallverarbeitung. Dort mussten fast jeder Fließbandarbeiter und jede -arbeiterin eine Stampfmaschine bedienen. Meine Oma hatte zu dem Zeitpunkt nur ihr kleines, bosnisches Dorf mit den Feldern und den vier Häusern gesehen – nun stand sie in dieser riesigen Halle und werkelte an einer tonnenschweren Maschine herum. Sie schuftete dort so hart, dass ihr die Apparate bei Unfällen drei Finger abgerissen haben. Nach jeder Schicht musste sie das Gerät putzen. Der Schichtleiter rief: "Maschine putzen!" Puca, also auf Deutsch "putza" ausgesprochen, heißt auf Bosnisch schießen. Meine Oma kam aus dem damaligen Jugoslawien, da war es üblich, dass jemand mal vor Schüssen warnte, weil gejagt wurde. Sie dachte, die Maschine würde schießen, duckte sich und versteckte sich vor Angst. Der Schichtleiter war verwirrt und wusste nicht, was mit ihr los war. Er rief ihr einfach zu: "Ja ja, putza, putza." Erst als jemand kam, der übersetzen konnte, beruhigte sie sich. So war das erste deutsche Wort, was meine Oma lernte: Putzen.


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Zakarya, 28, in Syrien geboren

Das erste deutsche Wort, das mir beigebracht wurde, war "Später". Ich habe es gleich in meiner ersten Stunde in Österreich gelernt. Als ich 2015 auf meiner Flucht die Grenze nach Österreich überquerte, habe ich nämlich die Polizei angerufen, und sie ist auch tatsächlich gekommen. Wir hatten damals großen Hunger, waren seit Tagen unterwegs, und ich habe Polizisten auf Englisch gefragt, ob sie mir etwas kaufen können. Ihre Antwort war eben "später", und nachdem ich sie bat, es mir ins Englische zu übersetzen, wusste ich auch, was damit gemeint war.

Aleksandra, 26, in Polen geboren

Kinder lernen bekanntlich schnell. Ich musste noch schneller lernen. Allein an meinem ersten Schultag waren es schon drei wichtige Dinge. Erstens: In Österreich bekommen Kinder zur Einschulung Schultüten, aber weil deine polnischen Eltern nicht wissen, dass dem so ist, bekommst du keine. Zweitens: Du bekommst sie dann dafür am zweiten Schultag, was irgendwie eh auch OK ist. Drittens: Nur weil du von deiner Lehrerin einen Namens-Stempel mit "Alexandra" statt "Aleksandra" drauf bekommst, bedeutet das nicht, dass du deinen Namen in den darauffolgenden fünf bis sieben Jahren falsch schreiben musst, weil es so cooler aussieht.

Ich bin im Sommer 1998 als sechsjähriges Kind aus Polen nach Österreich gekommen, ohne ein Wort Deutsch zu können. An meinem ersten Schultag saßen wir Kinder in einem Kreis auf Polstern am Boden und die Lehrerin las uns aus einem Buch vor. Ich habe natürlich gar nichts verstanden, aber es schien lustig zu sein. Wenn die anderen Kinder gelacht haben, habe ich halt mitgelacht. Genau so, wie ich in den darauffolgenden Wochen die Kinder und die Lehrerin einfach immer angelächelt habe, wenn ich nicht verstanden habe, was sie von mir wollten.

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Nach circa einem Monat war es dann so weit: Ich glaubte, die Kassiererin im Supermarkt endlich zu verstehen, als sie uns ein "Schönes Wochenende" wünschte – nur dachte ich damals, sie sagt "Schöne Woche, Ente". Wenn du sechs Jahre alt bist, sind die logischen Zusammenhänge in deinem Gehirn nur auf deine eigene Art und Weise logisch. Was Enten mit schönen Wochenenden zu tun haben, habe ich nicht hinterfragt. Ich dachte, man sagt das einfach so. Das waren jedenfalls die ersten deutschen Worte, an die ich mich aktiv erinnern kann.

Ashley Cheng, 29, Designerin, in Taiwan geboren

Foto: privat

Ich wohne in einer kleinen Stadt in Oberbayern, in der Nähe des Schloss Neuschwanstein. Hier ist alles grün und saftig und die Berge sind quasi in Griffnähe. Das einzige Problem: Außer mir gibt es keine Asiaten oder Asiatinnen, und ich sehe mit meinen blondierten Haaren nicht unbedingt konservativ aus. Ich bin erst seit letztem September in Deutschland, spreche gebrochen Deutsch und wechsle gerne ins Englische, sobald ich es mir erlauben kann. An einem Tag vor einem Jahr ging ich in meinem Ort zum ersten Mal in den Supermarkt und wollte Spinat kaufen. Ich fragte die Verkäuferin auf Deutsch, ob sie Spinat hätte. Ich habe meine Frage mehrmals wiederholt, aber die Frau antwortete mir die ganze Zeit: "Spinache." Sie hat mich einfach nicht verstanden. Irgendwann gab sie mir einen Zettel und einen Stift, damit ich aufschreibe, was ich will. Als sie das Wort sah, schrie sie regelrecht: "Ah, Spinat!" Ich war nicht wütend auf sie, es war nur lustig.

Nach drei Monaten ging ich wieder in den Laden. Die gleiche Frau saß an der Kasse und sagte mir auf Englisch, dass sie mich lange nicht gesehen habe und wo ich denn abgeblieben sei. Jedesmal, wenn ich seitdem im Laden einkaufe, reden wir miteinander – mal auf Deutsch, mal auf Englisch und manchmal auch einfach nur auf Denglisch.

Agneta, 75, in Schweden geboren

Zum ersten Mal Deutsch sprechen musste ich, als ich mit 16 in Deutschland auf einem Jugendaustausch war. Ich wohnte damals bei einer Frau, die einen Sohn und einen Pflegesohn hatte. Beide waren etwas älter als ich. Die zwei haben sich natürlich einen Spaß aus mir und meinen mangelnden Deutschkenntnissen gemacht: Sie forderten mich auf, "Hirsch heißt ein Mann" zu sagen , schneller und schneller – bis es klang wie: "Hier scheißt ein Mann". Das war der erste Satz, den ich auf Deutsch sagen konnte.

Als ich mit der Schule fertig war, verließ ich Schweden dann endgültig, um in Wien an der Akademie für Angewandte Kunst zu studieren. Das war in den 60ern. Ich erinnere mich daran, wie sehr ich mich zu Beginn wie verrückt konzentrierte und versuchte, dem Unterricht auf Deutsch zu folgen, aber ich verstand monatelang kein Wort.

Als ich dann einmal in einem Lokal in Wien einen Burschen kennenlernte und ihm beim Tanzen erzählte, dass ich auf der Angewandten Akademie studierte, hat er gefragt, ob ich dort mit Protektion [Postenschacherei] reingekommen bin. Ich wurde stocksauer – weil ich dachte, dass er mich gefragt hatte, ob ich durch Prostitution auf die Uni gekommen wäre. Erst später verstand ich, was er mich eigentlich gefragt hatte. Das sind Erlebnisse, die einem so peinlich sind, dass man sie nie wieder vergisst.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE AT.