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Broadly

Wie ich den Tod meiner Mutter überlebte

"Am Morgen nach dem härtesten Tag meines Lebens, musste ich ernüchtert feststellen: Für andere geht das Leben einfach weiter."

von Candice Benbow; Übersetzt von Sandra Sauerteig
28 Januar 2019, 8:55am

Foto mit freundlicher Genehmigung von Candice Benbow

Ich war erschöpft. Wenn ich heute an diese Woche zurückdenke, erinnere ich mich nur an wenig. Ich vermute, dass ich gegessen habe. Ich bin relativ sicher, dass ich geduscht, Kleidung getragen und mit Gästen geredet habe, die mir ihr Beileid bekundeten. Aber ich erinnere mich an keine Details.

Ich erfuhr, dass meine Mutter an einem Asthma-Anfall gestorben war. Alles, was danach kam, ist verschwommen. An einige Dinge erinnere ich mich jedoch sehr deutlich. Dinge, die mir in dieser Zeit geholfen haben. Dinge, die mich noch heute verfolgen. Auf einige Erinnerungen trifft beides zu. Das Leben ist sowieso schon kompliziert, ein plötzlicher Schicksalsschlag kann es unerträglich machen. Ich war völlig fertig.

Die Tage vor einer Beerdigung sind immer wie ein Sturm. Im Falle meiner Familie war es ein Orkan. Zwei Tage nach dem Tod meiner Mutter, erlitt ihre Schwester bei uns Zuhause einen schweren Herzinfarkt. Darum konzentrierten sich plötzlich alles darauf, für meine Tante zu sorgen. Natürlich konnte ich das verstehen, aber mein Bedürfnis, mit dem Verlust meiner Mutter klarzukommen, war stärker als alles andere. Darum stürzte ich mich mit der Hilfe einiger Verwandter und Freunde darauf, die Trauerfeier zu planen. Solange ich etwas zu tun hatte, musste ich mich nicht mit der schmerzhaften Realität auseinandersetzen. Doch egal, was ich tat, eine Sache änderte sich nicht: Meine Mutter war fort, für immer.

Als die Beerdigung vorbei war, erschien es mir plötzlich, als würde die Zeit stehenbleiben. Ich hatte nichts mehr zu tun, also legte ich mich hin. Irgendwie musste ich versuchen, die Kraft zurückzugewinnen, die ich in den letzten Tagen verloren hatte. Eine nach der anderen kamen meine Bekannten und Verwandten in mein Zimmer und weckten mich, um sich zu verabschieden. Sie sagten, dass sie sich melden würden, wenn sie zu Hause seien, dass sie mich liebten, und dass sie mich in ihre Gebete einschließen würden. Ich glaube, dass ich nicht viel sagte. Ich hätte auch gar nicht gewusst, was.

Am Morgen nach dem härtesten Tag meines Lebens, nach der Beerdigung meiner Mutter, musste ich ernüchtert feststellen: Für andere geht das Leben einfach weiter. Egal, wie sehr sie mich und meine Mutter liebten. Egal, was sie in Bewegung gesetzt hatten, um beim Begräbnis dabei zu sein. Jetzt kehrten sie in ihren Alltag zurück. Sie würden am Montag wieder zur Arbeit gehen können, lustige Memes auf Facebook teilen und im Stillen dankbar dafür sein, dass es nicht ihre Mutter war, die auf dem Friedhof zurückblieb. Diesen Luxus hatte ich nicht.

Ich erkannte: Auch wenn wir bei Beerdigungen gemeinsam Abschied nehmen, lassen wir Menschen danach alleine trauern.

Als ich an dem Tag nach der Beerdigung mein abgedunkeltes Zimmer verließ, musste ich meine Augen erst an das Licht gewöhnen. Ich hörte Stimmen. Obwohl ich den Großteil des Tages geschlafen hatte und alle Gäste abgereist waren, waren meine Bekannten Sheleda und Pierre noch einen Tag länger geblieben. Sie wollten mich an diesem Tag nicht allein lassen. An dem Abend gingen wir ins Kino und schauten Daniel Craig dabei zu, wie er als James Bond in Spectre einmal mehr die Welt rettete. Dann aßen wir Burger. Wären meine Freunde nicht dagewesen, wäre ich den ganzen Tag im Bett geblieben. Aber sie versuchten, wenigstens einen kleinen Lichtschimmer in meine Dunkelheit zu bringen. Sie konnten nicht ahnen, dass ich Spectre später auf DVD kaufen und den Film immer wieder schauen würde, um mich an diesen Tag zu erinnern.


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Als ich an diesem Abend nach Hause kam, legte ich mich wieder ins Bett. Ich wusste, dass es keine Rolle spielte, wann ich es das nächste Mal verlassen würde. Aber ich war nicht allein. Ich hatte Freundinnen und Freude, die bei mir blieben. Freundinnen und Freude, die zu mir fuhren, wenn ich mich am Telefon seltsam anhörte oder gar nicht auf ihre Nachrichten reagierte. Freundinnen und Freunde, die für mich sorgten, auch wenn sie hunderte Kilometer entfernt waren. Familienmitglieder, die alles stehen und liegen ließen, um mich zu besuchen, als ich wegen Depressionen schließlich im Krankenhaus landete. Ich musste das Trauma nicht allein verarbeiten.

Auch drei Jahre später wird mir schwer ums Herz, wenn ich an diese Zeit denke. Die Beerdigung meiner Mutter markierte den Beginn eines gewaltigen Umbruchs, der mein Leben die nächsten drei Jahre bestimmen sollte. Ihr Tod ließ mich völlig überfordert zurück und ich versuchte nicht, das zu verbergen. Es war schon schwer genug, mich durch jeden Tag zu kämpfen – ich hätte es gar nicht geschafft, dabei auch noch zu lügen.

Jeder Teil meines Lebens war betroffen. Wenn ich eine Textnachricht bekam oder mein Telefon klingelte, bekam ich sofort Panik, weil ich Angst hatte, dass etwas Schlimmes passiert sei. Um das zu vermeiden, ließ ich mein Handy sechs Monate lang im "Nicht Stören"-Modus. Ich konnte mich unmöglich auf die Arbeit konzentrieren. Allgemein machte nichts mehr Sinn. Ich wusste nicht, wie ich ohne die Person weiterleben sollte, die mir beigebracht hatte, zu lieben, zu vergeben und zu überleben. Ich fühlte mich plötzlich unbeweglicher, sogar meine Atmung war eingeschränkt.

Und trotzdem schöpfte ich aus diesem Tag, dem Tag nach der Beerdigung, auch etwas Kraft, um alle nachfolgenden Tage zu überstehen. Später würde ich an diesen Tag zurückdenken, an die Fürsorge meiner Bekannten, um mich daran zu erinnern, dass ich mich selbst in der tiefsten Dunkelheit für das Licht entscheiden konnte. Denn die Annahme, dass nach einem großen Verlust nichts übrig bleibt, ist falsch. Wir verlieren nicht alles. Etwas bleibt zurück. Und dieses etwas kämpft darum, zu bleiben, zu überleben.

Es spielt keine Rolle, ob ich an diesem Tag in einem verdunkelten Zimmer im Bett geblieben wäre oder mit meinen Freundinnen und Freunden ins Kino ging. Ich hatte bereits das getan, was ich nie für möglich gehalten hätte: Ich verabschiedete mich von meiner Mutter und nichts könnte je wieder so hart sein. Etwas an diesem Gedanken schenkte mir Frieden und Stärke.

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