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spionage

Wie der chinesische Geheimdienst versucht, junge Deutsche anzuwerben

Ein Beamter eines Bundesministeriums hat uns berichtet, wie das Ganze abläuft.

von Tim Geyer
11 Dezember 2017, 1:31pm

Symbolbild | Collage bestehend aus: Büro: pixabay | louisehoffmann88; Screenshot: Spiegel Online

Es ist eigentlich eine harmlose Nachricht, die eine Chinesin namens Eva Han bei LinkedIn an die Mitarbeiterin einer großen deutschen Partei schreibt: "Als ehemalige Germanistikstudentin interessiere ich mich auch für deutsche Politik […] und bin selbstverständlich auch Unterstützerin ihrer Partei". Doch Eva Han existiert nicht. Wie das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) jetzt mitteilte, stecken hinter diesem Fake-Profil und vielen anderen chinesische Geheimdienste.

Getarnt als Angestellte von Thinktanks und chinesischen Behörden oder als Wissenschaftler schrieben die Geheimdienste im Karrierenetzwerk LinkedIn Nachrichten an über 10.000 deutsche Beamte, Diplomaten, Bundeswehroffiziere, Wissenschaftler und NGO-Mitarbeiter, aber auch Studenten. Dabei soll es zunächst nur darum gegangen sein, Kontakt herzustellen, später aber auch um die Weitergabe geheimer Informationen. Von Januar bis Ende September hat eine Projektgruppe des Verfassungsschutzes solche Profile ausgewertet.


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Sie nannten sich Rachel Li, Lily Wu oder Laeticia Chen, hatten alle über 500 Kontakte. Laut BfV hätten sie meist auf einen "wichtigen Kunden" im Hintergrund verwiesen – ebenfalls eine Erfindung der Geheimdienste. Als Nächstes forderten sie einen Lebenslauf von den nichtsahnenden deutschen Zielpersonen und stellten eine großzügig vergütete Probearbeit in Aussicht. Danach würde man die Leute für weitere Gespräche nach China einladen und selbstverständlich alle Kosten übernehmen. Sei das Vertrauen erstmal aufgebaut worden, hätte die eigentliche Arbeit der Chinesen begonnen: Deutsche Betroffene wären dann regelmäßig aufgefordert worden, Berichte zu schreiben und interne Informationen weiterzureichen – auch das gegen Geld.

"Ich weiß von mindestens fünf Leuten, die von chinesischen Fake-Profilen kontaktiert worden sind", sagt ein Beamter eines Bundesministeriums, der aufgrund seiner Position anonym bleiben will, gegenüber VICE. Er sei im Herbst vom Verfassungsschutz kontaktiert worden, weil es sich bei einem seiner Linkedin-Kontakte um ein Fake-Profil des chinesischen Geheimdienstes gehandelt habe. Die Nachricht von "Eva Han" ging an seine Lebensgefährtin.

In der Regel würden die Kontakte laut Verfassungsschutz Interesse an deutscher Politik vorgeben und fragen, ob man nicht gegen Geld – teilweise mehrere tausend Euro – einen Bericht zu einem aktuellen Thema wie zum Beispiel der Bundestagswahl schreiben könne, sagt der Beamte. "Da geht es erstmal nur um Zeitungswissen, nichts, was irgendwie sensibel wäre. Und dafür werden Sie dann entlohnt. Vielleicht macht das der ein oder andere und denkt sich: 'Super, schnelles Geld!' Und es ist ja noch nichts Verwerfliches passiert."

Doch wenn finanzielle Anreize irgendwann nichts mehr gebracht hätten, wäre ein nächster Schritt denkbar gewesen: Erpressung. "Die Logik der Geheimdienste besteht laut Verfassungsschutz wohl darin, dass man das Geld nicht nachversteuert oder die Arbeit nicht meldet. Nach einiger Zeit, wenn die Person womöglich in eine wichtigere Position aufgestiegen ist, kann man mit diesem Wissen Druck ausüben und sie so dazu bringen, geheime Informationen weiterzugeben", sagt der Beamte. Oft hätten sich die Anfragen an junge Leute gerichtet, die in befristeten Verträgen gestanden oder sich in einer finanziell unsicheren Phase befunden hätten. So hätten sie auch Leute in Personalfunktion dazu zwingen können, bestimmte Kandidaten für Jobs zu bevorzugen.

Ob die chinesischen Nachrichtendienste mit ihrer Aktion Erfolg hatten, ist nicht bekannt. Der Verfassungsschutz fordert in einer offiziellen Mitteilung nun dazu auf, verdächtige Kontaktanfragen zu melden. Die enttarnten Profile wurden inzwischen bei LinkedIn gelöscht.

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