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"Die Schweiz hat no Fucks auf uns gegeben" – Drei Schweizer flashen Cloud-Deutschland

Das Trio Akira, P Vlex und Yanx wurden bei Live From Earth gesignt und bringen nun ihr Debüt-Mixtape 'Babylon' raus.

von Julian Riegel
21 September 2017, 3:23pm

Foto: Pressebild

Manchmal führen viele Wege nach Babylon: Vor rund einem halben Jahr schickte uns ein junges Züricher Kollektiv ihre Musik in die Redaktion. Es waren cloudige Tracks, etwas trashige Videos – man sah den Künstlern ihre Vision an, aber es war alles noch etwas ungeschliffen. Ein halbes Jahr später erscheint ein Video ("Fall") von eben diesen Künstlern auf dem Kanal des Berliner Labels Live From Earth. Eine Woche später zählt das Video über 50.000 Aufrufe. Das Kollektiv Babylon Music um Akira, P Vlex und Yanx ist mit verträumten Beats, viel Autotune – das gute Autotune! – und deepen Texten auf vier Sprachen definitiv gelandet. Jetzt releasen Akira, P Vlex und Yanx ihr Debüt-Mixtape Babylon.

Babylon Music hätte keine bessere Plattform als Live From Earth finden können. Ihr Sound – gesungen und gerappt auf Schweizerdeutsch, Englisch, Französisch und Spanisch – ist für die Schweiz einzigartig und hat die Qualität, in der internationalen Cloud-Szene durchzustarten: Die Beats sind on Point, die Produktionen fett, die Mischung aus Cloud-Rap und R&B etwas erfrischend neues und zusammen mit dem Gesang von Akira und P Vlex verbreiten die 17 Tracks auf Babylon sehr viele Vibes. Ich habe die Jungs am Releasetag ihres Mixtapes zum Gespräch in meinem Laptop getroffen.

Noisey: Es sieht sommerlich bei euch aus. Wo seid ihr gerade?
Yanx: Jetzt gerade sind wir in Athen.

Was treibt ihr dort?
Yanx: Live From Earth machen hier ein Shooting und haben uns mitgenommen, damit wir Clips drehen und Musik machen können. Ist auch ein wenig wie Ferien für uns.
Akira: Den Sommer nachhholen.

Wie ist es für euch, bei einem Label, das in Deutschland mittlerweile ein großes Standing hat, gesignt zu werden?
Yanx: Es war sicher ein großer Schritt, auch um wiederum Attention in der Schweiz zu erhalten. Zwischenmenschlich lief alles sehr cool ab. Es war nicht so, dass wir von der Größe und Dimension geschockt gewesen wären.
Akira: Wir können aber noch nicht zu 100 Prozent sagen, wo wir unseren Platz in dem Label finden, weil wir das Album noch nicht gedroppt haben und andere Sachen bevorstehen. Das wird sich dann entscheiden.

Werdet ihr vom Label noch auf die Probe gestellt?
Akira: Nein, überhaupt nicht. Wir können machen, was wir wollen. Wir sind Künstler – sonst würden wir nicht mit ihnen zusammenarbeiten.
P Vlex: Die Jungs sind auch total offen, was das angeht.
Akira: Live From Earth ist wahrscheinlich noch eines der wenigen Labels, in denen du noch solche Freiheiten hast.

War es für euch klar, dass ihr durch euren Sound zuerst im Ausland Fuß fasst?
Akira: Eigentlich wollten wir zuerst die Schweiz übernehmen, aber die Schweiz hat no Fucks auf uns gegeben. Dann haben wir gedacht: "No Fucks auf die Schweiz." Max (anm. d. Red. Labelboss von Live From Earth) ist dann auf uns zugekommen. Er hat uns einfach auf Instagram geschrieben, weil er unseren Sound gehört hat. Dann ist alles recht schnell gegangen – als wären wir Homies.

Ist die Schweiz oder Zürich einfach zu klein für euren Sound? Gibt es überhaupt eine Cloud-Szene in der Schweiz?
Yanx: Schwer zu sagen, aber die Schweiz hinkt allgemein, was die Musik angeht, immer etwas hinterher. Aber eine Szene gibt es schon. Es ist eher unsere Generation, die auf neue Scheiß abfährt. Das ist die Wave jetzt. Es braucht nun einfach ein paar Jahre, um das zu etablieren.
Akira: Ich denke, sobald die Masse der jungen Leute diesen Sound feiert, werden es auch die Älteren tun. Der Kreislauf solcher Hypes ist immer so.

Theoretisch gibt bis jetzt auch noch nicht wirklich viele Künstler, die für diese Welle stehen.
Akira: Ich denke Pronto hat da einen großen Schritt gemacht. Alter, der ist ein Psycho! Den feiern wir heavy ab. Er ist der Einzige aus der Schweiz, der etwas in die Richtung macht.
P Vlex: Ich denke, langsam sind die Leute bereit, zu checken, was das für eine Kunst ist. Wenn du das raushaust, braucht es einfach seine Zeit, bis die Leute neue Kunstformen verarbeiten. Viele urteilen direkt und denken: "Was ist das? Das ist neu, das ist komisch."

Das ist euer erstes Interview. Ihr seid also noch ein unbeschriebenes Blatt. Jetzt habt ihr die Chance, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen. Wie macht ihr das?
P Vlex: Einfach real sein. Wenn du authentisch bist, dich selber feierst und andere Menschen so respektieren kannst, wie sie sind, ist das ein guter Anfang. Dass man uns so gegenübertritt, ist auch für uns wichtig.

Erzählt mal, wer seid ihr? Woher kommt ihr? Was habt ihr für einen musikalischen Background?
Akira: Ich bin Akira und heiße auch so. Mein Vater war Schauspieler in Argentinien und meine Mutter kommt aus der Welschschweiz. Darum spreche ich auch Französisch und Spanisch. Ich habe mit 13 Jahren angefangen, zu rappen und versucht, den Krassen heraushängen zu lassen. Meine größte Inspiration zu der Zeit war Eminem. Der hat mir das Gefühl gegeben, dass ich das auch kann.
P Vlex: Ich bin P Vlex. Mache auch schon seit ich 14, 15 Jahre alt bin Musik. Meine Mutter kommt aus Zürich, mein Vater aus New York, Brooklyn. Er war auch Musiker. Als er Jung war, war Punkrock das Ding – so wie HipHop heute bei uns. Er hat in einer Band, The Bad Brains, gespielt. Ich denke, von ihm habe ich die musikalischen Gene geerbt: Ein gutes Rhythmusgefühl, Taktgefühl, Harmoniegefühl. Das sind meine Wurzeln. Der wirklich Grund, wieso ich das Musikmachen ernst genommen habe und gemerkt habe, dass das meine Passion ist, war Akira.
Yanx: Bei mir war es auch ähnlich. Mein Vater kommt aus Gambia und war auch Musiker. Er kam mit seiner Kora und seinem Djembé nach Europa. Ich habe mich auch an den Instrumenten probiert, aber sonst nie viel Musik gemacht. Ich kenne Akira seit Ewigkeiten – vom Fussballverein. Er hat dann schon einen großen Teil von der Inspiration mitgebracht, dass wir unsere Musik ernst genommen haben. Er hat mir auch das erste Gerät, mit dem ich Beats gebastelt habe, ausgeliehen. So hat das überhaupt gestartet. Wir inspirieren uns immer gegenseitig.

Wie habt ihr zueinander gefunden?
Akira: Wir kommen eigentlich aus verschiedenen Ecken. Yanx kenne ich schon, seit ich ein Kind bin. Wir haben zusammen Fussball gespielt. Und P Vlex kenne ich aus der Sekundarschule. Aber wir haben uns nicht in der Schule selbst kennengelernt. Er war einfach ein Homie eines Homies.
P Vlex: Als wir jünger waren, haben wir uns immer in irgendeiner Gasse getroffen und gefreestylt. Als ich noch neu dabei war, war Akira auch dort und hat seine Bars gebracht. Ich dachte so: "Damn, der ist der einzige Boy, der es drauf hat." Ich war damals noch nicht so ready, wollte aber beim nächsten Freestyle-Battle zeigen, was ich kann. Als ich das dann gemacht habe, war Akira auch geflasht und hat gemerkt, dass wir etwas gemeinsam haben. Musikalisch haben wir uns dann schnell auf einer Ebene gefunden.
Akira: Wir wissen eigentlich gar nicht mehr, wann wir genau zusammen gekommen sind, weil wir ab diesem Zeitpunkt nie wieder getrennte Wege gegangen sind.

Ihr kommt also vom klassischen Rap. Wie seid ihr auf euren Cloud-Sound gekommen?
Alex: Ich würde schon von Anfang an unsere Musik nicht als Cloud-Sound betiteln, weil es so viele verschiedene Richtungen auf unserem Mixtape gibt. Aber ich weiß, was du damit meinst – das verträumte in unserer Musik.
P Vlex: Eigentlich haben wir die Inspiration aus verschiedenen Ecken. Gewisse Vibes sind mehr cloudig, gewisse mehr Rap, andere mehr Gesang. Es kann auch sein, dass ich gerade klassische Musik höre und die mich inspiriert. Wenn mir dann ein Text einfällt, habe ich Bock über ein Klavier zu singen. Der Vibe und der Moment sagt dir, was geht und das lassen wir dann durch uns fließen. Es kann aber auch mal sein, dass etwas in einem Track verarbeiten werden muss. Als Akiras Freundin mit ihm Schluss gemacht hatte, schrieb er "Nu Wäge Dir".

Wie geht ihr an neue Tracks heran?
Akira: Bei uns ist es immer so, dass der Beat den Ton angibt. Also, nicht dass wir uns ihm anpassen würden. Wenn wir einen Beat hören, den wir feiern, dann recorden wir den Scheiss. Ich habe immer ein Mic und Garageband dabei. Vom Text her sind es eigentlich alles Freestyles.

So entsteht dann wohl auch die sprachliche Vielfalt in euren Tracks: Ihr singt und rappt auf Schweizerdeutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Wieso setzt ihr euch dort keine Grenzen?
P Vlex: Wir wollen uns einfach keine Limits setzen. Du hörst den Beat und in deinem Kopf rattert's. Ob die Line auf Schweizerdeutsch, Englisch, Französisch oder Spanisch rauskommt, ist dann egal. Wenn die Inspiration da ist, ist sie da.
Akira: Aber sprachlich beeinflusst dich sicher auch dein Umfeld: Wenn ich einen Monat in Argentinien chille, wird der Track wahrscheinlich Spanisch.

Was wollt ihr mit euren Tracks transportieren? Was ist eure Message?
Akira: Das muss jeder für sich selbst erfahren.
P Vlex: Es ist mir oft aufgefallen, dass Leute etwas völlig anderes in unsere Songs interpretieren, als ich eigentlich im Kopf hatte. Aber ich checke, dass es auch richtig ist. Es gibt nie nur eine Interpretation von einer Situation, von einem Gefühl, von einem Text. Jeder verbindet das mit seiner eigenen Experience. Deshalb finde ich es auch wichtig, nicht darauf zu beharren, wie etwas zu verstehen ist.

Jetzt erscheint euer erstes offizielles Mixtape. Warum sollte man sich das anhören?
Akira: Weil es etwas komplett Neues ist.
P Vlex: Es wird sich zeigen, ob der Zeitgeist stimmt und ob sich die Leute diesen Sound geben wollen.
Yanx: Jeder, der das Mixtape in seinem Leben nicht gehört hat, hat etwas verpasst.

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