Leben auf der Straße

Obdachlose erzählen, wie sie Silvester verbringen

"Letztes Jahr hat mein Kumpel mit einer Gruppe Feiernder posiert. Dafür haben sie uns zwei Becher Schnaps geschenkt." – Union Matze, 36

von Rebecca Baden
28 Dezember 2018, 5:00am

Alle Fotos: Eva L. Hoppe

Silvester ist ein ziemlich berechenbarer Tag: Menschen erstellen Listen mit Vorsätzen, die sie nach der zweiten Januarwoche meist wieder vergessen haben, verfallen zehn Stunden vor Mitternacht in Panik, weil sie noch keinen Plan für den Abend haben, und böllern am Ende doch irgendwo betrunken die Überreste ihres Weihnachtsgeldes in die Luft. Auch viele Obdachlose können sich Silvester nicht entziehen: Manche von ihnen feiern, weil sie selbst auf Feuerwerke und Knaller stehen und Pläne fürs nächste Jahr gemacht haben. Andere haben durch das Leben auf der Straße schlichtweg keine Möglichkeit, den alkoholisierten Feiernden zu entkommen.

In Berlin leben 3.000 bis 6.000 Menschen auf der Straße, schätzen Sozialverbände. Genauere Zahlen hat die Sozialverwaltung der Stadt bisher nicht erhoben. Auch Zahlen darüber, wie viele Obdachlose an Silvester verletzt werden, gibt es nicht. Der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zufolge wurden im gesamten Jahr 2017 in 141 Fällen Obdachlose körperlich angegriffen.

Wir haben Obdachlose in Berlin gefragt, wie sie den Silvesterabend erleben – und was sie sich selbst für die letzte Nacht des Jahres vorgenommen haben.

Matthias "Union Matze", 36: "In meiner christlichen Gemeinde gibt es Raclette und Silvester-Bowling"

Ein obdachloser Mann posiert mit beiden Händen über Kreuz
"Union Matze" bat uns, das Bild mit seiner Signature-Pose im Artikel zu zeigen. Er ist seit vier Jahren obdachlos

VICE: Kennst du Obdachlose, die an Silvester verletzt wurden?
Union Matze: Nein. Ich habe zwar gerade ein gebrochenes Nasenbein aus einer Prügelei. An Silvester wurde aber noch keiner meiner Freunde angegriffen.

Was machst du an Silvester?
Ich gehe zu meiner christlichen Gemeinde. Da wird ordentlich Raclette gegessen – und natürlich gibt es keinen Alkohol. Danach gehe ich mit denselben Leuten zum Silvester-Bowling. Das mache ich so, seit ich vor vier Jahren obdachlos wurde. Aber ich bin auch schon zu der Gemeinde gegangen, bevor ich auf der Straße gelebt habe.

Mit wem feierst du ins neue Jahr?
Ich nehme meinen Kumpel mit zur Gruppe, aber sonst sind keine Obdachlosen da. Deswegen halte ich den Namen der Gemeinde auch geheim. Außer uns sind noch zwei Frauen da und ein anderer Mann. Letztes Jahr haben wir auch zwei Leute da getroffen, die wir aus Köpenick kennen. Die sind aber alle vernünftig und ordentlich. Manchmal sehen wir uns auch einfach so. Ich besuche die Gemeinde nämlich jeden Mittwoch und jeden Sonntag.


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Wo bist du, wenn es Mitternacht wird und das neue Jahr beginnt?
Manchmal gehen mein Kumpel und ich danach noch in eine Kneipe und trinken ein Bierchen oder Schnaps. Aber ich weiß, wo ich um 0 Uhr sein werde: am Kaisersteg in Köpenick. Das ist ein Ufer mit einer langen Brücke über die Spree. Von da aus sieht man das Feuerwerk, das schaue ich mir gerne an. Letztes Jahr war ich auch schon da, mit einem anderen Kumpel. Der war rotzfrech und hat sich hinter eine Gruppe gestellt und mit ihnen für ein Foto posiert. Er hat ihnen einfach die Arme um die Schulter gelegt. Ich habe das Bild geschossen. Als Dankeschön haben uns die Leute aus der Gruppe jeweils einen großen Plastikbecher Schnaps ausgegeben. Dann sind wir weitergezogen.

Bevor wir die Tonaufnahme stoppen, will Matze noch etwas hinzufügen: "Sag allen liebe Grüße und einen guten Rutsch!" Dann packen er und sein Kumpel ihre Bierflaschen zusammen und gehen in die warme Bahnhofshalle des Berliner Ostbahnhofs.

Maik, 39: "Letztes Jahr haben meine Kumpels und ich einen Einkaufswagen voll mit Bier und Böllern gekauft"

rücken eines obdachlosen mannes, er trägt einen anorak mit einem adler drauf
Maik ist mit Unterbrechungen seit etwas mehr als zehn Jahren obdachlos

VICE: Wie verbringst du den Silvesterabend?
Maik: Ich feiere mit meinen Freunden zusammen. Ich versuche, an dem Abend nicht alleine zu sein. Alleinsein ist immer scheiße. Seit neun Monaten bin ich mit meiner Freundin Kiki zusammen. Silvester fahren wir zu ihrer Familie nach Ostfriesland und feiern dort.

Lernst du die Familie deiner Freundin zum ersten Mal kennen?
Die Mom habe ich schon kennengelernt. Das ist eine Nette. Die hat mir gleich gesagt, dass ich ab jetzt auch mit zur Familie gehöre.

Stört es dich, wenn auf der Straße alle mit Böllern werfen?
Nein, das finde ich OK. Ich kenne niemanden, der an Silvester angegriffen wurde. Und die Knallerei kann man auch als Obdachloser mitmachen. Wir feiern das neue Jahr, auch wenn wir auf der Straße leben. Letztes Jahr war ich mit fünf Leuten auf dem Flakbunker am Berliner Gesundbrunnen. Wir hatten einen Einkaufswagen voller Bier und Ballerkram. So haben wir gefeiert.

Wo hattet ihr die Sachen her?
Die haben wir gekauft. Ich bekomme Hartz IV und einige meiner Kumpels auch. Wir haben Geld zusammengelegt und haben davon alles besorgt. Das war nicht viel, etwa 15 Euro. Aber wir haben davon schön gefeiert. Oben auf dem Bunker hat man auch eine Hammer Aussicht über Berlin. Da bin ich auch tagsüber manchmal, wenn gutes Wetter ist.

Kiki, 28: "Meine Mutter hat meinem Freund und mir Fahrkarten für die Bahn besorgt, damit wir sie an Silvester besuchen"

Eine obdachlose Frau schaut lächelnd aus dem Bild, links von ihr ist eine Wand
Seit neun Monaten lebt Kiki auf der Straße

VICE: Du verbringst Silvester dieses Jahr zum ersten Mal mit deinem Freund Maik?
Kiki: Ja. Ich habe Maik kennengelernt, als ich noch meine eigene Wohnung in Ostfriesland hatte. Ich habe davor ständig in Einrichtungen und im Kinderheim gelebt. Aber dann wollte ich nach Berlin kommen. Und seitdem bin ich obdachlos.

Fährst du an Silvester zurück zu deiner Familie?
Ja, ich stehe noch in Kontakt zu meiner Mutter und meinen zwei Geschwistern. Maik und ich fahren mit der Bahn hin und werden eine Weile bei ihr wohnen. Ich bekomme Arbeitslosengeld, aber meine Mutter hat uns die Fahrkarten gekauft und geschickt. Was wir an dem Abend genau machen und wie wir an Mitternacht ins neue Jahr reinfeiern, weiß ich noch nicht. Ich lasse mich überraschen.

Hast du Vorsätze für 2019?
Im neuen Jahr wollen meine Familie, mein Freund und ich in Berlin eine Familien-WG gründen. Ich hoffe, dass ich schon bald komplett von der Straße runter bin und wieder einen normalen Alltag habe. Und ich will meinen Hauptschulabschluss nachholen.

Detlef "Locke", 56: "Ich kenne genug Obdachlose, die ständig angegriffen werden"

Ein obdachloser Mann mit Kappe und Hertha BSC-Schal
Locke ist seit 19 Jahren obdachlos

Wie verbringst du Silvester?
Locke: Das weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung. Ich habe gar nichts mehr. Mein Sohn ist gestorben. Ein Jahr später mein Hund. Vier Jahre später meine Nichte. Und letztes Jahr meine Schwester, an Herzversagen. Ich bin ganz alleine. Am Ende. Sowas ist scheiße. Meine Eltern habe ich nie kennengelernt, ich habe 14 Jahre lang im Kinderheim gelebt. Und als ich meinen Bruder letztes Jahr am Bahnhof Zoo gesehen habe, war er gerade nach 28 Jahren aus dem Gefängnis gekommen. Er hat mich gefragt, was unsere kleine Schwester macht. Als ich ihm gesagt habe, dass sie gestorben ist, ist er wieder abgehauen. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.

Ich bin herzkrank, meine Lunge ist kaputt. Ich war schon zwei Mal im Krankenhaus und musste wiederbelebt werden. Ich kann einfach nicht mehr. Silvester ist mir nicht wichtig. In den letzten Jahren war ich mal hier, mal da.

Wie ist es, auf der Straße zu sein, wenn alle feiern?
Es ist scheiße. Ich kenne genug Obdachlose, die angegriffen wurden. Allerdings nicht von Böllern. Den Mann, der an Weihnachten vor zwei Jahren im U-Bahnhof Schönleinstraße angezündet wurde, kenne ich auch. Das ist ein Pole. Ich war im Knast, als das passiert ist. Von dem Angriff habe ich aus der Zeitung erfahren.

Wurdest du auch schon mal angegriffen?
An Silvester noch nicht. Aber mich haben sie am Hansaplatz auch schon mal angefackelt. Das war vor zwei oder drei Jahren im Sommer. Ich wollte nur schlafen, da habe ich gemerkt, dass mein Bein heiß ist. Meine Hose hat gebrannt, ich musste mir bei der Bahnhofsmission eine neue holen. Jetzt habe ich eine Narbe, aber ich bin nicht ins Krankenhaus gegangen. Ich habe keine Ahnung, wer das war. Ich vermute, dass es eine andere Obdachlose war.

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