Justizskandal

"Die Polizei, dein Freund und Mörder"

Immer mehr Menschen demonstrieren für den verbrannten Asylbewerber Oury Jalloh. Und es gibt neue Hinweise, dass Polizisten ihn ermordet haben.

von Matern Boeselager
08 Januar 2018, 3:46pm

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Mouctar Bah misstraut der Polizei immer noch. "Wir wollen diese Polizisten nicht bei uns haben, OK?", ruft er und zeigt mit einer wütenden Geste auf die Gruppen von Bereitschaftspolizisten, die sich um den Bahnhofsvorplatz in Dessau aufgebaut haben. "Die müssen alle weg, viel weiter weg." Sein Gegenüber, die Einsatzleiterin, hört ihm ernst zu – und versichert dann, die Polizeibegleitung der Demonstration "weiträumiger" zu gestalten.

Schon seit dreizehn Jahren organisiert Bah die Demo, seit sein Freund, der Asylbewerber Oury Jalloh, am 7. Januar 2005 in einer Zelle des Polizeireviers Dessau verbrannte. Obwohl Jalloh zu dem Zeitpunkt an Händen und Füßen gefesselt auf einer feuerfesten Matratze lag, ging die ermittelnde Staatsanwaltschaft lange davon aus, dass der Asylbewerber sich selbst angezündet habe. Und das, obwohl mehrere unabhängige Experten in Gutachten festgestellt hatten, dass die Verbrennungen Jallohs nur dadurch zu erklären seien, dass jemand Brandbeschleuniger über den gefesselten Mann aus Sierra Leone gegossen und angezündet hat. Trotzdem gilt der Tod für die Behörden bis heute als "ungeklärt". Und bis heute organisieren Mouctar Bah und die Initiative "Break the Silence" an jedem 7. Januar eine Demonstration in Dessau, um Aufklärung zu fordern.

Mouctar Bah

So einfach wie dieses Jahr war die Abstimmung mit der Polizei nicht immer: 2012 zum Beispiel beschloss der damalige Dessauer Polizeichef, der Schlachtruf der Demonstration – "Oury Jalloh, das war Mord" – sei eine Beleidigung und eine Straftat. Obwohl sogar die Staatsanwaltschaft ihm widersprach, ließ der Polizeichef das Verbot der Parole durchsetzen. Am Ende lag Mouctar Bah bewusstlos auf dem Boden. "Die haben mich richtig zusammengeschlagen – ich lag drei Tage lang im Krankenhaus", erzählt Bah später. In der Folge wurde er wegen "Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte" angezeigt.

Seit 2012 hat sich viel verändert. Waren damals noch knapp 300 Menschen auf der Straße, sind es heute mindestens zehnmal so viele. Die Initiative wird später von 4.000 Menschen sprechen, die aus ganz Deutschland angereist sind. "Das ist die größte linke Demo, die Dessau je erlebt hat", sagt ein Presse-Fotograf. Das liegt wahrscheinlich auch an den neuen Enthüllungen im Fall Oury Jalloh: Verschiedene Medien berichteten, dass Dessaus Leitender Oberstaatsanwalt Folker Bittmann mittlerweile selbst an einen "Vertuschungsmord" durch Polizeibeamte glaubt. Bittmann ist allerdings nicht mehr zuständig, die Naumburger Generalstaatsanwaltschaft hat das Verfahren der Dessauer Staatsanwaltschaft entzogen und an die Staatsanwaltschaft Halle übertragen. Und die hat den Fall Jalloh im Oktober eingestellt, weil es "keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung" gebe.

Was für viele unfassbar klingt, schockiert Bah schon lange nicht mehr. Für ihn ist klar: Die Dessauer Polizei, der deutsche Staat, sie alle haben kein Interesse daran, den Fall aufzuklären – im Gegenteil. "Sie haben versucht, uns einzuschüchtern, sie haben uns beschimpft", ruft er der Menge von der Bahnhofstreppe entgegen. "Damals haben sie gesagt: 'Herr Bah, Sie sind verrückt.' Aber wir sind nicht verrückt. Diese Verbrecher sind verrückt!" Die Demonstranten jubeln, ein Teil ruft immer wieder: "Deutsche Polizisten, Mörder und Faschisten!"

Nach Bah spricht kurz Mamadou Saliou Jalloh, der Bruder von Oury, der für die Demo extra aus Guinea angereist ist. Anders als Bah spricht Jalloh leise, aber seine Worte sind trotzdem deutlich: "Wir warten jetzt seit 13 Jahren. Wir haben das Recht, die Wahrheit zu wissen – auch wenn wir schwarz sind. Gerechtigkeit wird kommen."

Mamadou Saliou Jalloh und Mouctar Bah

Danach läuft die Demonstration los. Auf ihrem Weg durch die Dessauer Innenstadt hält der Zug immer wieder an – zum Beispiel vor der Staatsanwaltschaft, der die Demonstranten vorwerfen, die Ermittlungen verschleppt zu haben. "Wir brauchen eine internationale Ermittlung, ein UN-Tribunal! Die deutsche Justiz ist offensichtlich nicht in der Lage, diesen Fall aufzuklären!”, ruft ein Redner vor dem Gebäude. Tatsächlich weigert sich die Bundesanwaltschaft bis heute, zu untersuchen, warum es in demselben Dessauer Polizeirevier innerhalb von acht Jahren drei "ungeklärte Todesfälle" gegeben hat. Bereits vor Oury Jalloh starben dort ein Betrunkener und ein Obdachloser.

Bevor sie weiterziehen, werfen die Demonstranten Dutzende Feuerzeuge auf den Rasen vor der Staatsanwaltschaft, als Symbol für eine weitere Ungereimtheit in dem Fall: Das Feuerzeug, mit dem der Asylbewerber sich selbst angezündet haben soll, tauchte offenbar erst Tage später am Tatort auf.

Feuerzeuge vor der Staatsanwaltschaft Dessau

Später kommt der Zug dann auch noch an einem Platz vorbei, an dem die Dessauer AfD eine "Gegenkundgebung" gegen die "jährliche linksautonome Propaganda" abgehalten hat. Obwohl die AfD-Demo bereits beendet wurde, kommt es hier kurz zu Spannungen. Aus der Jalloh-Demo fliegen vereinzelt Flaschen und ein halbes Dutzend Böller auf die dort stationierten Polizisten, die "Mörder"-Rufe werden lauter und wütender. Die Afrikaner um Mouctar Bah, die als Ordner der Demo fungieren, stellten sich jedoch schnell zwischen die Fronten, sodass die Situation sich beruhigt.

Es gibt ein Video dieser Szene, das offenbar aus einer kleinen Gruppe Rechter gefilmt wurde, die nach dem Ende der AfD-Kundgebung noch am Platz geblieben war. Als er die Afrikaner sieht, kommentiert der Filmer: "Die ganzen schwarzen Affen, Alter! Ratten!" Später wird André Poggenburg, der Landeschef der AfD Sachsen-Anhalt, das Video teilen.

Bah hält sich während der Demonstration im Hintergrund, er hält auch keine Reden mehr. Hin und wieder, wenn es gerade ruhig wird, wirft er den Kopf zurück und ruft laut "Oury Jalloh!" Und jedesmal antwortet die Menge mit einem lauten "Das war Mord!”.

Die Demonstration endet schließlich vor dem Polizeirevier, in dem Jallohs Leben sein grausames Ende gefunden hat. Bah sieht erschöpft, aber zufrieden aus. Später im Bahnhof verabschiedet er sich bei vielen der angereisten Aktivisten, er umarmt Freunde und Mitstreiter, und dabei weicht die grimmige Entschlossenheit plötzlich einem breiten Lächeln. "Ich erwarte nichts mehr von diesen Behörden", sagt Bah ganz am Ende. "Aber trotzdem: Dieser Tag hat mir Hoffnung gegeben."

Vielleicht ist die berechtigt. Als die Demo am Nachmittag durch eine Straße mit Wohnblöcken zog, hatten die Teilnehmer ihr "Oury Jalloh, das war Mord" noch einmal besonders laut gebrüllt. Zwei ältere Damen am Straßenrand beobachteten die Szene mit zusammengekniffenen Augenbrauen. "Naja, ganz Unrecht hamse nicht", sagte die eine schließlich zur anderen.

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