schwangerschaft

Ich hatte dieselbe Krankheit wie Kate Middleton und es war grauenvoll

Morgenübelkeit auf Steroiden trifft es bei Hyperemesis gravidarum noch nicht mal ansatzweise.
26.1.18
Fotoquellen: CP | Netflix

Als ich vor sieben Monaten einen gesunden Jungen zur Welt brachte – meinen zweiten –, weinte ich Freudentränen. Dass diese allein meinem wunderschönen Baby galten, wäre allerdings gelogen. Ich war auch einfach unfassbar froh, dass diese Schwangerschaft endlich vorbei war. Diese grauenvolle, schmerzhafte, erniedrigende, körperlich zehrende und emotional aufreibende Schwangerschaft war endlich vorbei. Was ich in diesen neun Monaten alles durchgemacht habe, ahnt kaum jemand.

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Ich hatte Hyperemesis gravidarum (HG) – die Schwangerschaftskomplikation, die Kate Middleton plagt. In den unzähligen Medienberichten über die Herzogin von Cambridge werden Details dazu aber unterschlagen. Klar, sie nennen die Krankheit beim Namen, berichten, dass sie deswegen Termine absagen und ins Krankenhaus muss. Wenn sie dann ein gesundes Baby auf die Welt gebracht hat, atmen alle erleichtert auf und kaum jemand bekommt den Teil ihrer Schwangerschaft mit, den Kate Middletons Publizisten vermutlich ohnehin lieber unter Verschluss halten. Jener Teil, der die Prinzessin auf unser profanes Niveau herabbringen würde: HG ist Morgenübelkeit auf Steroiden. Schlimmer.


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HG erfasst deinen ganzen Körper und füllt jede deiner Zellen mit dem Impuls, sich zu winden. Und du musst dich winden, vor- und zurückwippen und vielleicht sogar etwas summen, um dich zumindest etwas von der nicht enden wollenden Tortur abzulenken. Es ist vor allem Übelkeit, aber keine Übelkeit, wie du sie bisher verspürt hast. Es ist anders als auf der Kirmes, beim Autofahren, bei einem Kater oder einer Magengrippe. Es ist eine gänzlich einzigartige Übelkeit und sie lässt niemals von dir ab – nicht im Schlaf; nicht bei der Arbeit; nicht, wenn du dich gerade um dein anderes Kind kümmerst, und vor allem nicht nach den üblichen drei Monaten herkömmlicher Morgenübelkeit. Das Schlimmste daran ist jedoch, dass die genaue Ursache unbekannt ist und eine Behandlung entsprechend schwierig.

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Meine Übelkeit begann etwa gleichzeitig zu dem Zeitpunkt, als Santa Clarita Diet bei Netflix erschien. Drew Barrymore kotzen zu sehen, wie es nur in einer Horror-Komödien-Webserie möglich ist, wirkte auf mich geradezu tröstend: "Wenigstens eine versteht mich."

Noch vor irgendeinem Test überbrachten mir die Kotzattacken die frohe Kunde von meiner Schwangerschaft. Und mit ihnen ging es dann die nächsten Monate weiter. Ich wachte nachts um 1 Uhr zusammengekrümmt in Embryonalstellung auf. Rannte zum Bad, die Hand dicht vor meinen Mund gepresst. Aber meistens war es schon zu spät und die Suppe spritzte auf dem Weg zwischen meinen Fingern und an den Seiten heraus. Danach ging ich wieder zurück ins Bett, nur damit die ganze Geschichte 30 Minuten später wieder von vorne losging. Weil mir aufgrund des Flüssigkeitsverlusts immer wieder schwindelig wurde, würgte ich etwas Wasser herunter, aber selbst davon wurde mir schlecht. Gegen 7 Uhr wachte dann mein Einjähriger auf. Wenn ich ihn die Treppe nach unten trug, musste ich meinen Kopf zur Seite wegdrehen, damit mein Kotzschwall nicht das Kind erwischte. An einem besonders blöden Tag musste ich meinen Gang auf der Treppe dem Rhythmus meiner Würge- und Brechattacken anpassen. Ich bin wirklich stolz, dass ich meinen Sohn nur einmal angekotzt habe. Und da befand er sich gerade in der Badewanne. Immerhin.

Zur Arbeit musste ich an einer Pommes-Fabrik vorbeifahren. Mehrfach musste ich auf dem Seitenstreifen halten, um mich wegen des penetranten Kartoffelgeruchs am Straßenrand zu übergeben. Einmal habe ich sogar auf den Kita-Parkplatz gekotzt, als ich meinen Sohn dorthin gebracht habe. Ich habe mich sehr geschämt.

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Die Mittagszeit war meine beste Zeit. Immerhin gehörte ich zu den Glücklichen, denen in diesem fast neunmonatigen Martyrium ein paar schmerzfreie Stunden blieben – fast jeden Tag. Während dieser Zeit nahm ich Nahrung und Flüssigkeit zu mir, wenn diese auch meistens aus Gatorade und Proteinriegeln bestand. Ab 15 Uhr meldete sich die Übelkeit zurück.

Es war so schlimm, dass ich irgendwann eine Kehlkopfentzündung bekam. Als sich eine Ärztin meinen Rachen anschaute, stellte sie auch prompt die Ursache fest: Meine Speiseröhre und mein Kehlkopfgewebe waren von der Magensäure zerstört, die in unschöner Regelmäßigkeit daran vorbeigerauscht war. Erst Monate nach der Geburt war das Kratzen aus meiner Stimme wieder verschwunden.

Wenn meine Übelkeit nicht aufhörte, verschrieb meine Ärztin mir ein Mittel gegen Morgenübelkeit. In der Packungsbeilage las ich zum ersten Mal die Worte "Hyperemesis gravidarum". Niemand erklärte sie mir. Ich wurde zu keinem Spezialisten geschickt. Ich musste alles selbst recherchieren.

Als ich etwa sechs Monate schwanger eines Morgens aufwachte, war mir nach dem Aufstehen dermaßen schwindelig, dass ich mit meinem Kind im Arm umkippte. Zum Glück was dies das erste und einzige Mal, dass ich ins Krankenhaus an einen Tropf musste. Mein Partner war gerade bei der Arbeit, also griff ich verheult nach meinem Handy und rief meinen Vater an, damit er mich holen kommt.

Mein Gefühlszustand entsprach meinem körperlichen Befinden. Vor dem Schlafengehen zitterte ich vor Panik am ganzen Körper, weil ich wusste, was mir in der Nacht bevorstehen würde. Die ganze Sache war mir außerdem unglaublich peinlich, weil ich die Schwere meiner Situation weder meinen Kollegen noch meiner Familie klarmachen konnte. So schlecht es mir auch ging, ich hatte Angst, dass sie mich für ein Weichei halten. Am schlimmsten war allerdings dieses herzzerreißende Gefühl, wenn ich mich aufgrund meiner Lage nicht so um meinen kleinen Sohn kümmern konnte, wie ich wollte. Als ich aufgrund meiner Kehlkopfentzündung nicht verbal auf ihn reagieren konnte, sah er mich verängstigt an. Ich weinte und hielt ihn fest in meinem Armen.

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Man würde eigentlich davon ausgehen, dass Wissenschaftler mehr über eine ernste und unheilbare Krankheit herausfinden wollen würden – spätestens zumindest, wenn sie berühmte Menschen wie Kate Middleton betrifft. Und ja, es hat hier und da ein paar Studien gegeben, aber keine davon lässt ernstzunehmende Schlüsse über die Ursache oder mögliche Heilung von HG zu. Wir wissen allerdings, dass HG tendenziell mit jeder Schwangerschaft schlimmer wird. Deswegen werde ich auch kein drittes Kind bekommen.

Während ich mich über HG informierte, wurde ich daran erinnert, dass in Nordamerika die Forschung im Bereich der Frauengesundheit lange den gesundheitlichen Belangen von Männern untergeordnet war. 1985 hatte eine Arbeitsgruppe des US-Gesundheitsministeriums auf diesen Umstand aufmerksam gemacht und dringenden Forschungsbedarf gemeldet. Seitdem hat sich die Situation stark gebessert, aber in einigen Bereichen muss weiterhin aufgeholt werden, darunter eben auch HG. Der Mangel an medizinischem Wissen ist allerdings nicht die einzige Hürde. Um überhaupt Forschungsbedarf zu sehen, müssen wir die Erfahrungen der betroffenen Frauen verstehen – mit all ihren schleimigen, stückchenhaften und säuerlichen Einzelheiten.

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