Drogen

Wie mich mein Drogenentzug dazu zwang, mich meinen Ängsten zu stellen

Heroin ist Flucht, Erleichterung und Schutzraum. Wer es aufgibt, kann seiner Wut und Hilflosigkeit nicht mehr einfach entfliehen.

von Hannah Brooks
15 Oktober 2018, 1:31pm

Vor Kurzem hat Hannah Brooks bereits ausführlich über ihre Heroinsucht und ihren Entzug geschrieben. Diese Artikel sind während ihres Aufenthalts in der Entzugsklinik "Hope" in Thailand entstanden.

Da ist ein Gibbon, der nicht weit von Hope in einem Käfig lebt. Von manchen Ecken aus kannst du ihn schreien hören. Es ist ein hohes Pfeifen. Ein Heulen. Es schüttelt mich jedes Mal, wenn ich es höre. Ein Mann hält den Gibbon in einem Käfig, weil er glaubt, dass er ihm Glück bringt. Simon, der Gründer von Hope, hat angeboten, den Affen zu kaufen, aber der Mann will ihn nicht abgeben. Selbst wenn, das Tier würde nicht alleine überleben.

Ich soll darüber schreiben, was ich während meiner Zeit in Hope erlebt und gelernt habe. Aber meine Gedanken wandern immer wieder zu dem Gibbon, der in dem kleinen Käfig lebt. Jede Woche plane ich, ihn mit ein paar kleinen zuckrigen Bananen zu besuchen, aber ich habe Angst. Also höre ich einfach nur hin, wenn wieder sein Klagegeheul erklingt, und flüstere "mai-bpen-rai" – alles wird gut.


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Wir kommen alle irgendwoher.

Ich war ein Kind mit goldblonden Haaren, das in Blumenkleid und Strumpfhose durch den Schnee stapfte und in seiner Tasche einen Plastik-Hühnerfuß mit sich trug. Zum Schutz.

Die ersten Jahre meines Lebens lebte meine Familie in den Snowy Mountains, dem höchsten Gebirge Australiens. Wir waren größtenteils Selbstversorger. Meine Mutter züchtete Gemüse und blätterte in Umweltmagazinen. In einem alten Fass machte sie aus der Milch unserer Ziege Flossy Butter und an einem Spinnrad spann sie Wolle. Ich erinnere mich noch, wie sie meinen verletzten Daumen mit einem Beinwell-Blatt umwickelte. Mein Vater ging jagen und fischen. Manchmal brachte er Jungtiere nach Hause, deren Mütter tot oder verletzt waren. Wir kümmerten uns um sie. Joey, das Känguru hüpfte durch unser Haus. Wombie, der Wombat und ich trafen uns zum Tee.

Meine Mutter sang oft dieses Mantra:

"Ich bin eine mutige Maus, stolzierte durchs Haus und habe keine Angst vor nichts."

Aber ich hatte Angst.

Ich machte mir pausenlos Sorgen.

Die Umgebung war idyllisch, aber ich lebte in stiller Angst.

Ich erinnere mich noch, wie ich betete, dass die Ärztin, die mir die Spritze gegeben hatte, in die Hölle kommt. Ich erinnere mich nicht daran, wie meine Mutter meiner Schwester und mir sagte, dass wir unsere Taschen packen sollen – oder warum wir fortgingen. Ich erinnere mich daran, wie ich einen Schotterweg runterrannte, um meine Schwester zu fangen. Und an den Passat-Wind. Alles war wild und lebendig. Mein goldenes Haar peitschte mir in die Augen und ich konnte meine Schwester nicht sehen. Aber ich hörte, wie Flossy näher kam und dann wehte der Wind mich um. Als meine Familie mich fand, sagte ich, dass ich "ins Gras gebissen" habe.

Ich fürchtete mich und hatte Angst, aber ich machte einen Witz.

Ich hatte ins Gras gebissen.


Ich weiß, dass ich tapfer bin. Eine mutige Maus.

Aber ich habe immer noch Angst und ich frage mich, ob ich die immer haben werde.

Als ich in Hope ankam, hatte ich Angst, dass ich nicht mit dem Heroin aufhören kann. Ich hatte auch Angst davor, kein Heroin mehr zu nehmen, und vor den körperlichen Schmerzen des Entzugs. Ich hatte Angst vor den schmerzvollen Gefühlen, die vom Entzug in mir aufkommen würden. Ich hatte Angst davor, was ich vielleicht tun würde, wenn ich den Entzug nicht aushalte. Ich hatte Angst vor den Konsequenzen meiner Handlungen.

Ich verwendete Heroin, um meine Ängste zu dämpfen, ihnen das Stechen zu entfernen. Mit Drogen in meiner Tasche fühlte ich mich stärker. Sie waren meine Geheimwaffe: etwas, das mich aufplusterte, mich größer machte. Eine Zeit lang halfen sie mir dabei, mit einer Welt klar zu kommen, die mir das Klarkommen unmöglich machte.

Hopes Meditationslehrer, Mindful Paul, sagt mir: "Die Triebfeder hinter deinen Zwangsgedanken ist ein Gefühl der Unsicherheit. Du vertraust dem Leben nicht und bist deswegen immer auf der Hut."

Die Unsicherheit; der Plastikhühnerfuß.

Heroin gab mir, was Buddhisten eine falsche Zuflucht nennen, einen gefühlten sicheren Hafen.


Das Tor von Hope ist nicht abgeschlossen. Ich kann gehen, wann ich will. Ich entscheide mich zu bleiben.

"Viele Kliniken in Thailand schließen ihre Tore ab", sagt Simon. "Ich nicht. Ich will, dass das Tor offen ist. Ich will, dass die Klienten das wissen. Wenn sie hier nicht sein wollen, sollen sie gehen. Niemand geht – oder zumindest selten. Es ist wichtig, dass die Klienten sich selbst eingestehen: 'Ich will hier sein. Das ist meine Entscheidung. Ich tue das für mich.'"

Lange Zeit hatte ich nicht geglaubt, dass es das wert sei, es "für mich selbst zu tun".

Ich bin nicht genug.

Ich konnte keinen Punkt festmachen, an dem ich clean werden wollte. Oder einen Punkt für irgendwas. Alles, was meinem Leben Sinn gegeben hatte, war fort. Kreativität, Schreiben, Musik, etwas zu der Welt beitragen und zwischenmenschliche Verbindungen: Das alles hatte ich bei meinem letzten Rückfall verloren. Dem Geldhinterherjagen, Rumfahren, Warten, Stoffbesorgen, Geldsammeln, mehr, mehr, mehr. So hatte ich jeden Tag etwas zu tun. Aber es war leer. Ich existierte im buddhistischen Reich der Hungergeister: Wesen mit winzigen Mündern, langen dünnen Hälsen und großen runden Bäuchen, verflucht mit einem unstillbarem Verlangen. Ich war ein Ouroboros: Ich verschlang meinen eigenen Schwanz.

Genau wie meine Pupillen war alles zu einem permanenten Unbewusstseinszustand zusammengeschrumpft.


Therapeut Doug und ich rauchen am Pool.

"Als ich ein kleiner Junge war, sagte mein Vater zu mir: 'Das Leben ist ungerecht.' Ich antwortete: 'Das ist unfair!'"

Wir lachen.

Ich habe "ungerecht" noch nie gemocht. Ich habe mich heftig dagegen gewehrt, Jahre damit verbracht, meine Fäuste gegen die Welt zu erheben in der Hoffnung, dass sich etwas ändert, wenn ich nur hart genug zulangen würde. Chaos würde Ordnung. Unrecht Recht. Wenn sich nichts änderte, schluckte ich meine Wut herunter.

"Hannah", sagt Doug. "Ja, du bist suchtkrank. Aber vor allem und in erster Linie bist du ein menschliches Wesen."

Ich bin perplex. Niemand hat mich seit Ewigkeiten so genannt.


In der Nähe des Essensbereichs hängt ein Schild. Darauf steht: "Zusammen sind wir stärker."

Alleine sind wir gefickt und sterben.

Eine Nachricht von einem Ex-Freund:

"Hatte einen fetten Schuss, als ich alleine war. Bin gestorben. Gesicht war blau, Körper grau, als Kumpel mich fand. Er hat mich dreimal auf dem Casino-Parkplatz wiederbelebt. War eine Woche auf der Intensivstation, wurde in die Psychiatrie gebracht. Die meinten, dass niemand, der in diesem Ausmaß Drogen nimmt, leben will. Ich sagte nur: 'So feiere ich halt.'"

Ein Post bei Facebook:

"Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben."

Ein anderer:

"Warum musst du bei Entzugserscheinungen so viel gähnen?"

Antwort: "Weil das Leben ohne Drogen langweilig ist."

Ich durchsiebe meine Erinnerungen:

Sieben Jahre: Wir tun so, als würden wir uns mit Kugelschreibern injizieren.

Dreizehn Jahre: Dave lag in einem Sarg.

Francis: "So bindest du eine Krawatte – üb das."

Er lag tot in seinem Bett. Sie mussten die Tür aufbrechen.

Philip und ich singen im Regen "Famous Blue Raincoat" unter einem schwarzen Schirm.

Er starb auf einer Parkbank und "kochte gerne Nudeln".

Francis schluchzend bei meiner Geburtstagsparty, weil Philip tot ist. Er hat sich dazu entschieden, dass es meine Schuld sei.

Meine Mutter verkündet: "Ich weiß, was Schuld bedeutet."

Francis bietet meiner Mutter Valium an.

Siebenunddreißig Jahre: Als ich zum Auto zurückkam, atmete er nicht.

Und alles dazwischen.


Ich habe einen schlechten Tag. Ich fühle mich nicht geerdet. Ich umklammere einen weißen Stein, den ich am Koh-Sichang-Strand gefunden habe. Zum Schutz, wie früher der Hühnerfuß. Dass ich mich schlecht fühle, kommt wie ein Schock. Eigentlich fühle ich mich zunehmend großartig. Ich bin übellaunig, ich schalte ab, steige aus, löse mich auf. Das Verlangen, es körperlich mit mir selbst auszutragen, überrascht mich. Ich nehme Chris, einen Therapeuten, zur Seite und sage ihm, dass ich diese Gruppe verlassen muss.

Ich will etwas kaputtmachen, sage ich ihm. Ich muss weg.

Es ist die Angst.

Sharon findet mich am Pool, wo ich eine Camel nach der anderen rauche. Sie sagt mir, dass ich in die Frauengruppe kommen soll. Ich folge ihr, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll.

Drinnen umgeben von Frauen breche ich zusammen.

"Ich hasse dieses Gefühl", schreie ich. "Es lässt mich vor Angst erstarren."

Meine Stimme hebt sich: "Ich will nicht hier sein, ich will nicht ins Bett, ich will nicht schreiben, ich will noch nicht mal rauchen. Ich will nirgendwo sein. Ich will verfickt noch mal nicht existieren. Deswegen nehme ich Heroin! Alles, was ich will, ist verdammte Besinnungslosigkeit."

Es ist mir peinlich, ich fühle mich unwohl und deswegen mache ich einen Witz.

Ich habe ins Gras gebissen.

"Wir gehen nach draußen", sagt Sharon.

Alle folgen ihr.

"Fangt an zu schreien", fordert sie uns auf.

Wir schauen uns an und kichern.

Sharon brüllt.

Wir folgen ihrem Vorbild und geben ein langes gurgelndes Heulen von uns.

Ich bin ein Gibbon in einem Käfig.

Ich bin suchtkrank und ein menschliches Wesen und ich bin verdammt traumatisiert.


"Das ist dein Ding", sagt Simon, als ich ihm von meinem schlechten Tag berichte. "Wir alle haben etwas, das wir mit Drogen übertünchen. Und das ist deins. Du akzeptierst nicht, dich schlecht zu fühlen."

Nein, das tue ich nicht. Ich habe furchtbare Angst davor, mich schlecht zu fühlen. Deswegen kontrolliere ich meine Gefühle mit Drogen. Schlecht ist inakzeptabel.

Andere Nachricht, anderer Ex: "Schreib doch mal einen beschissenen VICE-Artikel darüber, wie du jemanden, der dich geliebt hat, wie Scheiße behandelt hast. Und das hatte nichts mit Heroin zu tun."

Es ging nicht um Heroin.

Es ging um meine Angst, meine Wut, meine ehrfürchtige Furcht und meine Unfähigkeit, in all dem zu existieren.

Ich fühle mich, als würde in mir eine gähnende Leere klaffen. Alles ist unangenehm und neu. Ich stolpere auf Bambi-Beinchen durch die Gegend. Ich fantasiere über Dinge, durch die es mir besser gehen würde. Etwas, um die göttliche Leere zu füllen.

Dieses Gefühl, dass irgendwas fehlt, stelle mir ein Bein, sagt Mindful Paul.

"Das 'Loch in der Seele' ist ein Missverständnis über das Wesen der Realität", sagt er. "Es ist eine falsche Vorstellung, dass das Jetzt anders sein sollte, als es ist. Ich habe gelernt, dass ich nicht nur den Alkohol aufgeben musste, sondern auch meinen nie enden wollenden Versuch, mich selbst zu reparieren. Ich konnte das Loch in meiner Seele nicht füllen, weil es gar kein Loch gab."

Es gibt kein Loch.

Genügsamkeit.

Die Akzeptanz des Hier und Jetzt.


In der Gruppe reden wir über unsere Vergangenheiten. Wir werden traurig, geben uns Schuld für verschwendete Zeit.

Doug unterbricht.

"Das hier gilt für euch alle", sagt er.

Er schaut uns nacheinander alle einzeln an.

"Viele Klienten sagen zu mir: 'Ich habe mein Leben verschwendet.' Und ich widerspreche ihnen allen. Euer Leben ist nicht verschwendet. Ihr habt Dinge gelernt, die andere Menschen nie erfahren oder lernen werden. Es ist keine Verschwendung. Verschwendet ist es nur, wenn ihr wieder rückfällig werdet."

Ich gebe einen Schwur ab.

Ich verspreche, wieder anzufangen.

Möge ich glücklich sein, möge ich Frieden erfahren.

Ich verlasse die Klinik und ich weiß nicht, was als Nächstes passiert.

Ich bin ein menschliches Wesen.

Ich komme irgendwoher.

Ich gehe woanders hin.

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