Tattoos, abgetrennte Hände und gezinkte Karten: Der brutale Alltag in sowjetischen Gefangenenlagern
Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von FUEL
Popkultur

Tattoos, abgetrennte Hände und gezinkte Karten: Der brutale Alltag in sowjetischen Gefangenenlagern

Es wurde um Tee und Zigaretten gespielt, aber auch um Finger, Ohren, Augen oder die Leben anderer Insassen. Und das falsche Tattoo konnte den Tod bedeuten.
15 Oktober 2018, 4:00am

Viggo Mortensen hatte darauf bestanden, die Szene komplett nackt zu drehen. Schließlich hatte er nicht umsonst so lange recherchiert. Und tatsächlich dürfte dir keine Stelle aus David Cronenbergs Film Tödliche Versprechen – Eastern Promises so gut im Gedächtnis geblieben sein wie der Kampf im Dampfbad. Die Szene, in der sich Mortensen als russischer Gangster Nikolai erfolgreich gegen zwei Auftragskiller zur Wehr setzt, ist nicht nur unglaublich brutal, sondern zieht ihre Intensität auch aus Mortensens durchtrainiertem und vor allem tätowiertem Körper.

In der russischen Unterwelt zu Sowjetzeiten spielten Tattoos eine wichtige Rolle. An ihnen konnte man sehen, wo der Träger seine Strafen abgesessen hatte, welchen Rang er hatte und welche Kämpfe er gewonnen und welche er verloren hatte. Für Eingeweihte waren die Tattoos wie ein Lebenslauf. Nicht umsonst empfiehlt in Cronenbergs Film ein älterer Boss der russischen Mafia auch, gewisse Geschäftstreffen in Badehäusern abzuhalten.


Auch von VICE: Russische Oligarchen lassen es krachen


Für die Tattoo-Recherche griff das Filmteam auf die mehrbändige Publikation Russian Criminal Tattoos zurück – eine Sammlung größtenteils sowjetischer Körperkunst, erschienen im britischen Verlag FUEL. Sie machten ihre Arbeit so gut, dass mehrere Gäste erstarrten oder das Lokal verließen, als Viggo Mortensen mit anderen Schauspielern während der Dreharbeiten 2006 ein russisches Restaurant in London besuchten.

Jetzt hat das Team hinter Mortensens Quellenmaterial einen neuen Bildband veröffentlicht: Russian Criminal Tattoos and Playing Cards. Wie der Titel verspricht, beleuchtet das Buch von Arkady Bronnikov die gemeinsame Geschichte von Tätowierungen und Kartenspielen in den Haftanstalten der Sowjetunion.

VICE hat sich mit FUEL-Mitbegründer Damon Murray zusammengesetzt, um mehr über die Beziehung zwischen Körperkunst und Spielkarten zu erfahren.

VICE: Welchen Stellenwert hatten Kartenspiele in den Gefängnissen?
Damon Murray: In sowjetischen Gefängnissen und Arbeitslagern war sowohl das Spielen mit als auch das Herstellen von Spielkarten strengstens verboten. Ein Verstoß wurde genauso schwer geahndet wie die Missachtung von Anweisungen oder der Konsum von Alkohol und Drogen. In der Regel gab es dafür sechs Monate Isolationshaft. Das hielt die Gefangenen aber nicht davon ab, mit Karten zu spielen.

Wie kamen die Karten ins Gefängnis?
Die Karten wurden heimlich in einem anspruchsvollen und arbeitsintensiven Prozess in den Haftanstalten hergestellt. Zuerst klebte man mit gekautem Brot, das man durch Tuch gefiltert hatte, zwei Blätter zusammen. Anschließend trocknete man die Blätter zwischen Glasscheiben und schnitt sie zurecht.

Dann bedruckte man die Karten mit Stencil-Technik. Das war die erste Gelegenheit für den Macher, sie zu zinken. Der Hersteller oder sein Auftraggeber wählte Schablone und Tinte. Für Schwarz kam in der Regel Ruß zum Einsatz, für Rot eine Mischung aus Blut und Brotkleber. Zusätzlich konnte der Tinte etwas Textur verliehen werden, damit der Besitzer des Decks die Karten erkennen konnte, ohne sie umzudrehen.

Danach wurde auch die Rückseite der Karten bedruckt. Sobald das Blatt getrocknet war, wurden die Kanten mit einem Stück Glas geschärft. Das verlieh den Karten eine winzige neue Fläche an den Rändern, wo nach Wünschen des Besitzers weitere schwer erkennbare Markierungen angebracht werden konnten.

Worum wurde gespielt?
Die Einsätze und die Art der Bezahlung legte man in der Regel vor dem Spiel fest. Tee oder Zigaretten waren beliebt, es wurde aber auch um Finger, Ohren, Augen oder sogar das Leben anderer Gefangener gespielt. Manche setzten buchstäblich ihr eigenes Leben aufs Spiel. Die Kriminellen demonstrierten damit Willensstärke, Mut und Rücksichtslosigkeit. Wenn jemand seinen Einsatz verlor, egal was, musste er den Gegenstand sofort abgeben.

Wenn sich ein Spieler weigerte, wurde er als Suka, als Hündin oder Schlampe, bezeichnet und bekam nicht selten ein Messer ab. Einmal hatte ein Häftling seine linke Hand in einem Spiel verloren, aber konnte sich nicht dazu überwinden, sie abzutrennen, und floh. Die Aufseher fassten ihn und verlegten ihn in ein anderes Lager, aber sein Schicksal war besiegelt. Er war in Abwesenheit von einem S'chodka verurteilt worden, einem Treffen der sogenannten Diebe im Gesetz. Diese organisierten Kriminellen fanden schließlich heraus, wohin der Häftling verlegt worden war, und sorgten dafür, dass er seine Strafe bekam.

Welche Bedeutung hatten die Tätowierungen?
Die Tattoos in diesem Buch gibt es in dieser Form quasi nicht mehr. Das heißt, sie haben ihre Bedeutung verloren. Zur Sowjetzeit hatten die Tätowierungen eine ähnliche Funktion wie eine Uniform mit Auszeichnungen und Rangabzeichen. Die Diebe im Gesetz nannten die Tätowierungen "Frack mit Orden". Die Symbole sahen auf den ersten Blick bekannt aus – nackte Frauen, Teufel, brennende Kerzen und so weiter –, enthielten aber geheime Informationen.

Die Bilder standen für alles, was der Dieb je getan hatte, sie waren seine komplette Biografie. Sie zeigten seine Errungenschaften und sein Versagen, seine Beförderungen und Degradierungen. Wenn du so willst, sagten sie die "Wahrheit" über einen Insassen. Sie waren sein Ausweis und seine Führungsakte, sein Schlüssel zum Überleben.

Aber konnte sich nicht einfach jeder diese Tattoos stechen?
Wenn ein normaler Insasse neu in ein Lager oder ein Gefängnis kam, merkte er sofort, dass die Diebe das Sagen hatten. Manche versuchten, ihre Verhaltensweisen nachzuahmen und ihre Tattoos zu kopieren, um ihren Status zu heben. Um eine gewisse Sicherheit zu genießen, musste man als erfahrener und mutiger Mann gelten.

Jeder Neuankömmling musste vor den Dieben im Gesetz die Frage beantworten: "Stehst du zu deinen Tattoos?" Wenn die Tätowierungen nicht dem realen Status entsprachen, wurde der Träger gezwungen, sie mit einem Messer, Schmirgelpapier, einer Scherbe oder einem Stein zu entfernen. Danach wurde er zusammengeschlagen, vergewaltigt oder getötet. In der Welt der Diebe hatte ein Mann ohne Tattoos keinen Status.

Welche besondere Rolle spielten Karten in dieser Welt?
Insassen gehörten verschiedenen Masti an – Kasten, wenn du so willst. Diese wurden in Tattoos durch die verschiedenen Kartenfarben repräsentiert. Ganz oben in der Hierarchie standen der Kreuz- und der Pik-König. Generell waren Kreuz und Pik den oberen Kasten vorbehalten. Ganz unten standen die roten Farben. Polizeispitzel gehörten zu der "geselligen" Farbe, repräsentiert durch Karo. Herz machte seinen Träger im Lager zur "Frau".

Die negativen Symbole wurden unter Zwang angebracht und entbanden seine Träger von jeglichem Status. Fast immer machte sie das Tragen zu Opfern von Gewalt. Die Zeichen setzten die Macht der Diebe durch. Sie dienten anderen Gefangenen als Warnung. Allein, sich mit degradierten Häftlingen abzugeben, senkte den eigenen Status herab.

Es gab aber auch andere Tätowierungen, die direkt mit dem Kartenspiel zu tun hatten. Zum Beispiel bekam ein Dieb, der seine Spielschulden nicht beglichen hatte, zur Bestrafung eine Sexszene tätowiert. Ein notorischer Falschspieler bekam die Kartensymbole auf seine Fingerknöchel. Auf Russisch ergeben die ersten Buchstaben von Kreuz, Pik, Karo und Herz den Satz "Kogda vyidu budu chelovekom" – "Wenn ich rauskomme, bin ich ein Mann". Das unterstreicht den Willen des Trägers, eine kriminelle Karriere einzuschlagen.

Wie konnte Bronnikov, von dem die allermeisten Bilder stammen, eine derartig umfassende Sammlung aufbauen?
Bronnikov arbeitete als Kriminalexperte für das sowjetische Innenministerium. Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, die Haftanstalten im Ural und in Sibirien zu besuchen. Dort befragte er Gefangene, sammelte Informationen und fotografierte Insassen und ihre Tattoos. Durch diese Arbeit baute er eines der umfassendsten Bildarchive über russische Kriminelle auf. Dieses Material war ursprünglich nur für die Polizei gedacht. Sie sollte dadurch die Tätowierungen besser verstehen und einen Einblick in die Welt der Diebe im Gesetz bekommen

Die Spielkarten in dem Buch stammen allerdings nicht aus Bronnikovs Sammlung, sondern wurden über das vergangene Jahrzehnt von FUEL gesammelt. Weil sie von den Behörden konfisziert und zerstört wurden, ist es schwierig, an Original-Blätter zu kommen. Oft sind sie unvollständig. Originale erkennt man oft an ihrer kleinen Größe. Sie wurden oft in Zigarettenpackungen aufbewahrt.

Was ist nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus der Tattoo- und Spielkartenkultur in russischen Gefängnissen geworden?
Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas ausholen. In den 1950ern wurde das Gesetz der Diebe am strengsten durchgesetzt. Unverdiente Tätowierungen brachten ihren Trägern brutale Strafen ein. Ende der 60er wurde ihr grausames Vorgehen aber selbst zum Problem für die Diebe im Gesetz. Es gab inzwischen dermaßen viele entehrte Häftlinge – Insassen, die durch Vergewaltigungen in ihrem Status herabgestuft worden waren –, dass die Aufseher sie als Waffe gegen die Diebe einsetzten. Sie warfen sie in Zellen, die von ihren Opfern bevölkert wurden.

Die Diebe verabschiedeten schließlich ein Gesetz, das "Bestrafungen mit dem Penis" verbot. Von nun an durfte niemand mehr durch Vergewaltigung degradiert werden. Das führte zu einer Entspannung der Lage und dem allmählichen Verschwinden von Bestrafungen für falsche Tattoos.

Zusätzlich verbreiteten sich Tätowierungen als Mode in Jugendgefängnissen, deren Insassen sich einfach jedes Design und jeden Schriftzug stechen ließen, inklusive typischer Diebe-Tattoos. Die Älteren erkannten schließlich, dass es unmöglich war, ihr Gesetz gegenüber den Jüngeren durchzudrücken, die zu ihnen aufschauten. Schließlich durfte sich jeder tätowieren, was er wollte.

Als 1986 dann die Perestroika, die große "Umstrukturierung" durch Michail Gorbatschow, begann, öffneten überall in Russland Tattoo-Studios und die Zahl der tätowierten Insassen vergrößerte sich merklich. Drogen beeinflussten ebenfalls die Tattoo-Tradition in Gefängnissen. Insassen, die bei diesem extrem lukrativen Geschäft mitmischten, konnten sich jedes Tattoo-Design erkaufen, das sie wollten.

Russische Kriminelle sind heute also nicht mehr tätowiert?
Es ist sehr viel seltener geworden. Früher zeigten die Symbole den Eingeweihten noch, zu welcher Kaste er gehört und ob er den Diebes-Kodex befolgt. Heute helfen die Tätowierungen vor allem den Behörden, Verbrecher zu identifizieren, und hindern am Einstieg in die Geschäftswelt, dem wahren Ziel des modernen russischen Kriminellen.

Angesichts der weit verbreiteten professionellen Tattoo-Studios gibt es auch viel weniger authentische Knast-Tattoos. Die Tätowierungen des modernen russischen Verbrechers orientieren sich an keinem Strengen Code mehr, der nur von seinesgleichen verstanden wird. Es sind professionell gestochene Bilder mit einer persönlichen Bedeutung – wie bei allen anderen auch.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.