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Im Gespräch mit dem „Geisterfotografen“

Der Fotograf „Sunny Jo“ bringt Menschen und ihre verstorbenen Liebsten ein letztes Mal zusammen. Unter seinen Kundinnen: die mutmaßliche Kindsmörderin Jeanie Ditty.
12.4.16
Alle Fotos: Sunny Jo

Vergangene Woche wurde die 23-jährige Jeanie Ditty, eine US-amerikanische Berufssoldatin aus dem Bundesstaat North Carolina, festgenommen. Sie wird verdächtigt, ihre 2-jährige Tochter Macy Grace getötet zu haben. Kurz nach dem Tod ihrer Tochter startete Ditty eine GoFundMe-Kampagne, um die Kosten für die Beerdigung zu decken und beauftragte einen Fotografen aus Pennsylvania damit, als Erinnerung Bildercollagen von ihr und ihrer verstorbene Tochter zu machen, die den Eindruck erwecken sollen, als wären es Fotos „aus dem Jenseits".

Im Dezember letzten Jahres wurde die 2-jährige Macy Gray von Rettungssanitätern ins Krankenhaus gebracht. Ihre Eltern riefen den Krankenwagen, nachdem das Mädchen angefangen hatte sich zu übergeben. Berichten zufolge wies das Kind lebensbedrohliche Verletzungen auf, die auf Kindesmisshandlung hindeuteten. Ihr Körper war mit blauen Flecken übersät und sie hatte einen Leberriss. Zwei Tage später erlag Macy Grace ihren Verletzungen im Krankenhaus. Ditty sagte ihren Freunden und Verwandten, dass das Mädchen durch einen Unfall erstickt sei.

Nach drei Monaten hatte die Polizei ihre Untersuchungen abgeschlossen und zeigte Ditty wegen vorsätzlichem Mord an. Ihr droht aktuell die Todesstrafe.

Die Fotos, die Ditty in Auftrag gegeben hat, zeigen die Mutter mit einem transparenten Bild von Macy Grace, wie die beiden nebeneinander am Grab des Mädchens sitzen. Leute beschrieben die Fotos als „gruselig", „makaber" und „respektlos". Sunny Jo, der Fotograf der Bilder, hat sich im letzten Jahr auf solche „One Last Time Photos", wie er es nennt, spezialisiert—und das mit großem Erfolg. Viele Leute wollen an ihre Liebsten erinnern, indem sie sie in Fotos mit den Lebenden platzieren. Jo fotografiert darüber hinaus auch Hochzeiten und besondere Events und ist zudem als Grafikdesigner tätig. Aber den größten Erfolg hat er mit seinen Jenseitsfotos. Er schätzt, dass er im letzten Jahr zwischen 800 und 1.000 solcher Fotos gemacht hat. Als Jo von Dittys Verhaftung gehört hat, war er „schockiert". Jo hat mit Broadly über seinen Kontakt zu Ditty und seine Arbeit gesprochen und hat darüber hinaus auch erklärt, warum die Leute in seinen Bildern „Engel und keine Geister" sind.

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Broadly: Als Jeanine Ditty dich anrief, was hat sie da über den Tod ihrer Tochter gesagt?
Sunny Jo: Sie hat es ziemlich ausführlich in ihrer E-Mail beschrieben. Im Grunde hat sie gesagt, dass ihre Tochter Magenschmerzen hatte und sie dachte, sie hätte einen Virus. Sie war sich aber nicht sicher, also hat sie ihrer Tochter eine Banane gegeben. Dann hat sich ihre Tochter an der Banane verschluckt, weshalb sie sich übergeben musste. Es endete damit, dass ihre Tochter an dem Erbrochenen erstickt ist und dadurch auch das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wurde. Sie war auf lebenserhaltende Maschinen angewiesen und irgendwann haben sie sie abgeschaltet. All das stand in der E-Mail, die sie mir geschrieben hat und die ich später an die Ermittler weitergeleitet habe.

Aber das ist nicht dieselbe Geschichte, die sie anderen Leuten erzählt hat, oder?
Ursprünglich hat sie den Leuten erzählt, dass ihr Kind an einer Pop-Tart erstickt ist. Das war eine der Unstimmigkeiten, die die Polizei festgestellt hat. Sie hat anderen Leuten auch erzählt, dass ihre Tochter gestorben sei, weil sie in die Badewanne gefallen ist oder weil sie eine Blutkrankheit hatte. Es gibt zwanzig verschiedene Geschichten.

Wie hast du reagiert, als du Dittys E-Mail gelesen hast?
[Ditty] ist nur ein Jahr älter als ich und es hat mich wirklich tief getroffen. Nachdem ich die Fotos gemacht habe und alles, worum sie mich gebeten hat, habe ich beschlossen, ihre keine Rechnung zu stellen, weil mich ihre Geschichte so bewegt hat. Ich habe ihre gesagt: „Du bist eine trauernde junge Mutter. Ich bringe es nichts übers Herz, dir etwas zu berechnen. Ich hoffe, ich kann dir damit etwas helfen." Sie hat mir angeboten zu zahlen, aber ich lehnte ab. Sie hat die Fotos veröffentlicht und hat mir eine großartige Bewertung gegeben. Drei Monate später habe ich dann all diese verrückten E-Mails bekommen, in denen ich „Monster", „Homo" oder „Loser" genannt wurde.

Wie war es, als dich die Polizei angerufen hat?
Ich wurde ziemlich krank. Es ist so schrecklich. Ich kann nicht mehr richtig schlafen. Ich hasse mich dafür, dass ich etwas damit zu tun habe. Als ich mit der Polizei gesprochen habe, habe ich vor Angst und Ekel gezittert. Während meinen Gesprächen mit der Polizei, kam einer der Polizisten zu mir und sagte: „Hey Mann, du weißt, dass sie dich benutzt hat. Sie hat die Fotos benutzt, um den Anschein zu erwecken, dass sie eine trauernde Mutter ist." Wenn sie ihre Tochter wirklich umgebracht hat, dann hat sie nicht versucht, eine Erinnerung an sie zu schaffen, sie wollte die Leute manipulieren. Sie hat mich manipuliert und benutzt.

Wie bist du auf die Idee gekommen, „Erinnerungsfotos" zu machen?
Mein Vater ist vor einer Weile an Lungenkrebs gestorben. Eines Tages, als ich sein Grab besucht habe, stand ich hinter dem Grabstein und dachte mir: „Dad, habe ich dich stolz gemacht? Dad, bist du immer noch irgendwo hier?" Ich hatte einfach das Gefühl, er wäre bei uns. Ich will nicht religiös klingeln, weil ich eigentlich kein besonders religiöser Mensch bin, aber ich konnte seine Anwesenheit spüren. Mein Bruder war mit mir dort und ich fragte ihn: „Ich will nicht seltsam wirken, aber machst du ein Foto von mir vor Dads Grabstein?"

Als ich nach Hause kam, fing ich an, das Bild zu bearbeiten und beschloss, ihn in das Bild einzufügen. Ich habe es mit niemandem geteilt oder so, ich habe es nur für mich gemacht. Es hat mich glücklich gemacht. Irgendwann habe ich das Bild auf Facebook gepostet und unzählige Rückmeldungen bekommen. Die Leute haben mir gesagt, dass sie Fotos mit ihren verstorbenen Verwandten haben wollten und ich beschloss, es anzubieten.

Würdest du die Bilder als geschmackvoll beschreiben?
Ich übertreibe es nicht. Ich denke, sie sind geschmackvoll und nicht kitschig. Ich hatte schon Kunden, die zu mir kamen und mich gebeten haben, Herzen und Glitzer einzufügen. Meistens sage ich ihnen, dass ich das nicht mache, weil es wirkt, als wollte man Aufmerksamkeit erregen. Ich mache keine Fotos für Leute, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen. Das ist geschmacklos.

Warum stellst du den Verstorbenen in den Fotos transparent und geisterhaft dar?
Ich stelle sie transparent dar und mit Sonnenstrahlen um sie herum, sodass sie aussehen wie Engel. Sie sind transparent, weil ihr Körper nicht mehr da ist. Ihr Körper ist nicht das, was sie zu etwas Besonderem gemacht hat, sondern ihre Seele. Sie sind engelsgleich. Ich versuche nicht, die Toten wieder auferstehen zu lassen. Ich versuche nur, dem Wesen einer Person Respekt zu zollen.

Glaubst du an Geister oder Engel?
Ich bin nicht religiös. Ich glaube an Gott und ich glaube, dass unser Körper nur eine Hülle ist. Wenn wir sterben, dann sind wir wie eine Pizzaschachtel: Nimmt man die Pizza aus der Schachtel raus, hat sie keine Bedeutung mehr, denn es ist nichts mehr drin. Das, was uns zu dem macht, was wir sind, ist unsere Seele, unser Geist. Und manchmal bleibt unser Geist noch eine Weile da.

Wer sind deine Kunden?
Das ist ganz unterschiedlich, aber viele von ihnen sind Eltern mit Kindern, die verstorben sind, manchmal Bruder und Schwester. Meistens sind es Menschen, die gerade ein Kind bekommen haben und wollen, dass die verstorbene Großmutter oder der verstorbene Großvater mit im Bild ist, als ob sie noch die Gelegenheit gehabt hätten, das Kind kennenzulernen. Oder als würde die Großmutter vom Himmel aus auf das Neugeborene herunterschauen.

Und wie war es für dich, seit du die Nachricht von Dittys Verhaftung gehört hast?
Es war eine Katastrophe. Die Leute sagen, was ich tue, sei makaber. Es ist nicht makaber. Es ist nichts Düsteres daran. Die Fotos sind dafür gemacht, den Toten Respekt zu erweisen—ein Andenken an verstorbene Verwandte—und sollen sagen: „Hey, wir wissen, dass du immer bei uns sein wirst."