Illustration eines Mannes, umgeben von Herzen, der sich schnell verliebt hat
Illustration von Ben Thomson
Menschen

Warum sich Männer schneller verlieben als Frauen

Das weibliche Geschlecht glaubt bereits nach der ersten Nacht an die große Liebe und will den Angebeteten am liebsten gar nicht mehr gehen lassen? Falsch, sagen Studien und Experten.
16 Februar 2017, 6:50am

"Ich liebe dich." Dass heterosexuelle Frauen überstürzt die klassischen drei Worte von sich geben – sehnsüchtig wissen wollen, "was wir sind" und "wo es mit uns hingeht" – ist eine unfassbar weitverbreitete und hartnäckige Fehlwahrnehmung. Studien haben nämlich gezeigt, dass sich heterosexuelle Männer tendenziell viel schneller verlieben als ihre Partnerinnen – oder das zumindest glauben.

Eine dieser Studien befragte 172 Studenten. "Männer", heißt es da, "berichteten, sich früher zu verlieben und das auch auszudrücken als Frauen. Die Ergebnisse legen nahe, dass Frauen vielleicht gar nicht anfälliger für Liebe sind, wie es in der Gesellschaft gemeinhin angenommen wird."

Die Ergebnisse widersprächen auch der Selbstwahrnehmung der Studenten, erklärt Psychologin Marissa Harrison, Co-Autorin der Studie. "Frauen werden als emotionaler eingeschätzt; manchmal sogar übertrieben emotional oder kopflos", sagt sie Broadly. "Sowohl Männer als auch Frauen in unserer Studie waren davon ausgegangen, dass sich Frauen schneller verlieben als Männer und früher 'Ich liebe dich' sagen."

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Neil Lamont, ein Londoner Psychologe, denkt, dass Männer generell als pragmatischer oder bindungsscheuer wahrgenommen werden. "[Aber] eine bedeutsame Bindung ist für Männer genau so wichtig wie für Frauen. Und auch wenn uns gesellschaftliche und kulturelle Normen vielleicht vorgeben, dass Männer stark und standhaft sein sollen, sieht es in der Realität ganz anders aus. Ein erfülltes Leben beinhaltet für Männer in der Regel auch tiefe und bedeutende Liebesbeziehungen."

Das liegt Marissa zufolge auch daran, dass Frauen generell vorsichtiger seien – und das aus gutem Grund. "Ich glaube, dass Frauen verglichen mit Männern unbewusst Liebe hinauszögern. Frauen haben aus reproduktionstechnischer Perspektive viel mehr zu verlieren, wenn sie mit dem falschen Mann anbändeln. Sie kommen mit einer endlichen Anzahl von Eiern auf die Welt, Männer produzieren tagtäglich Millionen von Spermien."

Männchen dürften dem Trieb folgen, so schnell wie möglich eine Bindung aufzubauen. Sie haben weniger Druck, es beim ersten Mal 'richtig' zu machen.

"Wenn Frauen sich an einen unwürdigen Partner binden, sich von ihm schwängern lassen und dann keine Unterstützung bei der Erziehung der Kinder bekommen, kann das in Hinblick auf Zeit und Ressourcen sehr kostspielig werden."

Ingrid Collins, Psychologin am London Medical Centre, sagt, dass das männliche Verhalten einen Aspekt der Natur verdeutliche, der auch im Tierreich zu beobachten ist. "Das Männchen ist in der Regel der Jäger und lässt sich dementsprechend leichter stimulieren. Die Frau konzentriert sich mehr auf die Langzeitstabilität, weil das besser für das Aufziehen des Nachwuchses ist."


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Für den Fall, dass an dieser Stelle noch nicht jegliche Romantik für dich gestorben ist, ergänzt Neil, dass schnelles Verknallt sein auch eine Methode der Besitznahme sein könne. "Männchen dürften dem Trieb folgen, so schnell wie möglich eine Bindung aufzubauen. Sie haben weniger Druck, es beim ersten Mal 'richtig' zu machen – vor allem im Vergleich zur potentiell größeren körperlichen und emotionalen Verpflichtung bei Frauen."

Was das Aussprechen der drei magischen Worte angeht, ist Neil der Meinung, dass Männer dort auch hier vorpreschen, weil Frauen risikoscheuer sind. "Sie drücken weniger wahrscheinlich derartig tiefe Gefühle aus, bis sie sich in der Beziehung sicher genug dazu fühlen. Dem Gegenüber deine Liebe zu gestehen, macht dich angreifbar. Wir können uns nämlich nie wirklich sicher sein, ob die andere Person das gleiche fühlt."

Meiner Erfahrung als Therapeutin nach neigen Männer viel eher dazu, sich für eine Partnerin zu begeistern.

Vom ganzen evolutionären Essentialismus mal abgesehen, kann es auch einfach daran liegen, dass Männer allgemein als dominanter gelten und deswegen auch in Sachen Liebe gerne den Ton angeben oder glauben, den Ton angeben zu müssen. "Man kann sagen, dass Durchsetzungsfähigkeit und Führungsqualitäten als 'männliche Eigenschaft' wahrgenommen werden. Die gesellschaftlichen Normen können also auch eine Rolle spielen."

Aber nur weil ein heterosexueller Mann glaubt, sich verliebt zu haben, heißt das nicht, dass seine Liebe lange halten muss. "Meiner Erfahrung als Therapeutin nach neigen Männer viel eher dazu, sich für eine Partnerin zu begeistern, aber dabei auch weiter die Augen offen zu halten", sagt Ingrid.

Auch wenn Marissas Studie nicht untersucht hat, ob sich heterosexuelle Männer auch schneller endlieben, denkt sie, dass diese tendenziell schneller über eine Beziehung hinwegkommen, als ihre Partnerinnen. "Ein Mann könnte zum Beispiel gleichzeitig Sex mit fünf Frauen haben und alle schwängern, wohingegen eine Frau, die mit fünf Männern Sex hat, nur von einem schwanger werden kann", sagt sie.

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Das heißt aber nicht, dass man Untreue auf irgendwelche Überlebensinstinkte schieben kann – oder sollte. "Wenn sich ein Mann heutzutage an eine Frau bindet – und andersherum –, dann sollte es einem der moderne Frontallappen des Gehirns erlauben, dieses Versprechen auch einzuhalten. Ich sage also nicht, dass Triebe einem die Lizenz zur Untreue geben oder seinen Partner sitzen zu lassen", sagt sie.

Kurz gesagt: Männer können ihre Fremdgehen nicht mit dem "Überleben der Spezies" oder anderweitig evolutionär entschuldigen. Männer sind nämlich keine Höhlenmenschen mehr. Ihre Gehirne haben sich so weit weiterentwickelt, dass sie diese Triebe kontrollieren können.

Trotzdem tendieren sie dazu, zuerst "Ich liebe dich" zu sagen. Die Geschichte der RomCom wird also neu geschrieben werden müssen.