Feminisme

Eine Sexarbeiterin erklärt, wie du die Unnahbare spielst

Lydia Faithfull weiß, wie man Spielchen spielt—und warum man vielleicht nicht jedem Tinder-Date verraten sollte, wo man wohnt.
5.1.17
Photo by Studio Firma via Stocksy

Lydia Faithfull arbeitet als Sexarbeiterin im Love-Ranch-Bordell in Nevada. Sie ist auf gute Gespräche und die Dominierung und Erniedrigung von Männern spezialisiert, küsst aber niemanden für Geld. In der Kolumne „Frag eine Hure" beantwortet sie regelmäßig intime Leserbriefe.

Liebe Lydia,

funktioniert es eigentlich wirklich, die Unnahbare zu spielen? Ich bin auf Tinder und chatte gerne mit anderen. Ich versuche, immer möglichst viel von meiner Persönlichkeit durchscheinen zu lassen, eine Millionen Fragen zu stellen und neugierig, interessiert und witzig zu wirken. Meine Freunde haben mir aber gesagt, dass ich einen Gang zurückschalten sollte, wenn ich wirklich flachgelegt werden möchte: einsilbige Antworten, erst nach ein paar Tagen zurückschreiben usw. Geht diese Taktik wirklich auf?

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Auch wenn ich es nicht gern zugebe, aber die Unnahbare zu spielen ist äußerst effektiv. Trotzdem muss man es mit einer positiven Ausstrahlung tun. Es wirkt nicht besonders attraktiv, wenn jemand launisch oder anstrengend ist. Stell dein Leben so dar, dass dein Gegenüber das Gefühl bekommt, ein Teil davon sein zu wollen. Es sieht alles toll, du bist aber eben ziemlich beschäftigt und sehr gefragt. Halt das Gespräch kurz. Vermeide es, Pläne zu machen und dann doch abzusagen. Sprunghaftigkeit ist nicht besonders anziehend.

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Hab aber auch keine Angst, den ersten Schritt zu machen und dem anderen klar zu machen, dass du Interesse hast. Männer nehmen die Jagd eher auf, wenn sie wissen, dass eine gegenseitige Anziehung da ist. Wer geht schon gern das Risiko ein, einen Korb zu bekommen?

Angenommen, ihr habt euch schon mal getroffen, hattet eine gute Zeit zusammen und du hoffst, ihn bald wiederzusehen. Sitz nicht rum und warte auf seine nächste Nachricht. Männer sind bekanntermaßen miserable Texter. Sei altmodisch und ruf ihn am nächsten Tag an (nur einmal). Wenn er nicht zurückruft und nicht innerhalb von 24 Stunden antwortet, lösch seinen Nummer. Wenn er erst eine Woche später schreibt, solltest du einfach nur antworten: „Sorry, aber wer bist du?" Ich würde mich auch auf kein weiteres Gespräch einlassen. Ich bin nicht sicher, wer sich diese Drei-Tage-Regel ausgedacht hat, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass es der schnellste Weg ist, um niemals wieder auch nur in die Nähe meiner Vagina zu kommen.

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Ich glaube, dass man mit Direktheit den größten Erfolg hat. Moderne Dating-Rituale langweilen mich zu Tode und sind auch vollkommen überflüssig. Mit 34 Jahren habe ich eine sehr viel langsamere Gangart als in meinen Zwanzigern und gehe Aufreißern ganz einfach aus dem Weg. Die Männer, die ich anziehend finde, sollten rücksichtsvoll und ähnlich umsichtig sein. Meine erfolgreichsten Beziehungen haben bisher immer als Freundschaften begonnen und haben sich ganz langsam zu einer Romanze entwickelt. Vielleicht wäre das ja auch eine Option für dich.

Foto: Tan Danh | Pexels | CC0

Liebe Lydia,

was würdest du einer jungen, sexuell neugierigen Single-Frau raten, die zum allerersten Mal experimentieren und sich zwanglos verabreden möchte?

Im Sommer 2015 bin ich ebenso rücksichtslos wie hingebungsvoll mit ganz Portland ausgegangen. Ich hatte gerade die krasseste Trennung meines Lebens hinter mir und kaum Erfahrung mit Dates, bei denen man nüchtern ist. In der Vergangenheit bin ich nach einer Trennung immer ziemlich schnell wieder bei meinem Ex gelandet—aber immer mit einem reinen Gewissen, weil ich unermüdlich daran gearbeitet habe, meine Beziehung zu retten.

In Portland habe ich dann meine absoluten No-Gos kennengelernt. Ich habe noch nie zuvor so viele ziellose kreative Menschen getroffen—unzählige tätowierte Männer auf Skateboards, von denen viele arbeitslos waren und mehrere Mitbewohner hatten. Wenn man bei einer Person zu Hause keinen Sex haben kann, dann geht das gar nicht. Genauso ist es ein Problem, jemanden zu daten, der finanziell nicht unabhängig ist. Zerbrich dir gar nicht erst den Kopf, sondern stell solche Fragen gleich vorab. Ich bin zweimal ungewollt mit Männern ausgegangen, die mir nicht gesagt haben, dass sie obdachlos sind. Mit einem von ihnen habe ich mit in einem Café verabredet, wo er mit einem Strauß Blumen in der Hand und einer riesigen Reisetasche über der Schulter aufgekreuzt ist. Am nächsten Morgen hat mich meine Therapeutin vorsichtig gefragt: „Glaubst du, dass diese Dates gut laufen?" Ich habe mit den Achseln gezuckt, während sie mich skeptisch beäugte, langsam den Kopf schüttelte und leise flüsterte: „Nein."

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Triff dich nicht mit Tinder-Kandidaten, die du Stunden zuvor nach rechts gewischt hast und vergiss die Standortfunktion. Nur weil irgendein gut aussehender Fremder auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartet, heißt das noch lange nicht, dass du die Gelegenheit nutzen musst. Gib dir selbst die Zeit, um all die Verrückten unter ihnen auszusieben. Ich hatte mal Sex mit einem Mann, der damit gedroht hat sich umzubringen, wenn ich ihm nicht direkt zurückgeschrieben habe. Eine kurze Suche auf Google hat dann gezeigt, dass sein Haus ein Jahr zuvor unter mysteriösen Umständen abgebrannt ist und dass er im Verdacht stand, das Feuer selbst gelegt zu haben. Ich habe ihn natürlich sofort geblockt, aber ich hatte trotzdem Panik, weil ich erwähnt hatte, wo ich arbeite. Hab keine Hemmungen, persönliche Informationen zu verschweigen, bist du dich wohl genug fühlst. Wie viele Frauen werden Opfer von Verbrechen, weil sie Angst haben, unhöflich zu wirken?

Als ich anfing, als Escort zu arbeiten, habe ich—kurz nachdem ich ein Hotelzimmer betreten habe—immer einen Freund angerufen. Ich stand vor dem Klienten und habe ihm die Adresse des Hotels und die Zimmernummer durchgegeben und habe ihm außerdem auch gesagt, wann unser Treffen zu Ende sein würde. Dieselbe Vorgehensweise wende ich mittlerweile auch bei Tinder-Dates an. Vorsicht ist besser als Nachsicht.


Foto: imago | ZUMA Press