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Broadly

Warum Erektionsprobleme überhaupt kein "Problem" sein müssen

In vielen Kulturen gilt die Penetration als männlichste, "richtigste" Form von Sex. Ein Mythos, von dem auch die Pharmaindustrie profitiert.

von Diana Tourjée
30 Januar 2017, 9:09am

Photo by Danil Nevsky via Stocksy

"Unsere Vorstellungen von gutem und männlichem Sex sind rein kulturell bedingt. Sie sind weder natürlich noch universell", erklärt Emily Wentzell im Interview mit Broadly. Die Professorin für Anthropologie an der Universität von Iowa hat in einer aktuellen Studie untersucht, wie viel bei der Diagnose erektile Dysfunktion (ED) damit zusammenhängt, was unsere Gesellschaft für ein angemessenes, männliches Sexualleben hält und zu welchem Anteil die Pharmaindustrie davon profitiert. "Mit der Verbreitung der Vorstellung, 'echte Männer' müssten ein Leben lang penetrativen Sex haben können, lässt sich durch den Verkauf entsprechender Medikamente sehr viel Geld machen", erklärt sie, "daher werden ED-Medikamente auch überall angepriesen."

In Deutschland und vielen anderen Ländern ist es mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, dass es als gesundheitliches Problem betrachtet wird, wenn Männer nicht mehr hart genug werden können, um andere zu penetrieren – was sie wiederum für eine medikamentöse Behandlung qualifiziert. Wentzells Studie macht deutlich, was zunächst eigentlich sehr naheliegend erscheint: Die Erektionsfunktion eines Mannes hängt mit unserer Vorstellung von Männlichkeit und sozialem Status zusammen. Allerdings, schrieb Wentzell in einem älteren Artikel über Impotenz in den USA, "ist dieses Verständnis von nicht-normativen Erektionen kulturell und historisch bedingt." Das heißt, der Grund, warum wir "weniger vollständige Erektionen" als medizinisches Problem ansehen, hängt von unseren sozialen Normen ab und ist keine naturgegebene Wahrheit über den menschlichen Körper oder die Geschlechtsfunktion von Männern.

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"Unsere Aufmerksamkeit konzentriert sich meist vollkommen darauf, penetrativen Sex als vollkommenste Form von Sexualität zu betrachten, die wir ein Leben lang ausüben können sollten. Darin spiegeln sich unsere kulturellen Vorstellungen von Potenz und dem männlichen Körper wider, der idealerweise wie eine Maschine ist, die niemals aufhört zu funktionieren, außer sie ist defekt oder alt", sagt Wentzell. Die vermeintlichen Ursachen für eine erektile Dysfunktion reichen mittlerweile von verhaltensbedingten Angelegenheiten über psychologische Probleme bis hin zu rein biomedizinischen Ursachen. Allerdings gab es auch schon ganz andere Ursachen: So glaubte man früher, wie Wentzell erklärt, dass Hexerei ein Grund für leistungsschwache Penisse wäre. Moderne Interpretationen dieses vermeintlichen Problems sind hingegen von Industrien mit finanziellen Interessen motiviert, sagt die Anthropologin.

"Die Medikalisierung von Impotenz und die Darstellung von phallozentrischem Sex als Ausdruck einer natürlichen und gesunden Sexualität wurden durch die weltweite Vermarktung von ED-Medikamente befördert", heißt es in der Studie. "ED-Medikamente können zwar eine echte Befreiung für Männer sein, die penetrativen Sex haben wollen, aber Schwierigkeiten damit haben, sie fördern allerdings auch problematisch eng beschränkte kulturelle Vorstellungen von Männlichkeit und Sexualität."

Tristan Bridges, Männlichkeitsforscher und Professor für Soziologie am New Yorker Brockport State University College, sieht das ähnlich: "Damit sich Medikamente gut verkaufen, müssen Menschen erst das Gefühl bekommen, dass mit ihnen etwas 'nicht stimmt' und sie medizinische Hilfe brauchen." Die Art und Weise, wie in der medizinischen Fachwelt über die Erektionsfunktion von Männern gesprochen wird, hat sich laut ihm vor nicht allzu langer Zeit verändert hat. Mittlerweile "sprechen Ärzte und Arzneimittelbroschüren immer häufiger von der 'Qualität der Erektion' als von 'erektiler Dysfunktion'", sagt er.

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Wentzell sagt, dass sich durch die Einführung verschiedener Grade von Impotenz die Selbsteinschätzung von Männern innerhalb des Männlichkeitsspektrums verändert. Männer wurden in verschiedenen Graden als "anormal" gekennzeichnet, weil sie nicht immer in der Lage sind, eine Erektion zu bekommen und verschiedene medizinische Industrien haben "einigen Männern Hoffnung gemacht, mit einer vollständigen Erektion dem Männlichkeitsideal entsprechen zu können, während sie es anderen verwehrt haben."

Bridges glaubt auch, dass sich dieses Problem nur verschlimmern wird, je weiter sich die medizinischen Werbesprache über die Erektionsfunktion von Männern verbreitet. "Dass das 'Problem' nicht mehr als Erektionsstörung, sondern als Qualität der Erektion bezeichnet wird, ist eine eindringliche Demonstration eines Teilaspekts dieses Problems: Nicht alle Männer haben eine sexuelle 'Dysfunktion', aber mit der Diskussion über die 'Qualität einer Erektion' kann man fast jeden Mann fangen", sagt Bridges.

Im Rahmen ihrer Studie stellt Wentzell Alternativen vor und zitiert Arbeiten ihrer Kollegen, die herausgefunden haben, dass "manche Männer ED-Medikamente einnehmen, um der Idealvorstellung zu entsprechen, ein Leben lang penetrativen Sex haben zu können, wohingegen andere Männer und Frauen das 'mechanisierte' Gefühl von Medikamenten gestützten Erektionen kritisieren oder vermehrt den Wunsch äußern, im Alter eine breitere Palette an nicht penetrativen Sexualpraktiken zu haben."

Bridges sagt auch, dass viele dieser Männlichkeitsideale so verkauft werden, "als sollten sie für alle Männern erreichbar sein." Diese Auffassung teilt allerdings längst nicht jeder. Männer in anderen Ländern sehen ihre sexuelle Leistungsfähigkeit mit anderen Augen. "Die Vorstellung, penetrativer Sex sei die männlichste, wahrste und beste Form von Sex kann schädlich sein, da Menschen auch oft berichten, dass sie sich mit zunehmendem Alter andere Formen von Sex und Intimität wünschen", sagt Wentzell weiter.

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Wentzel hat ihre Studie anhand von "offenen Gesprächen mit über 250 Männern" in Mexiko durchgeführt, die zu dieser Zeit gerade "wegen verschiedener urologischer Probleme" in Behandlung waren. Über zehn Monate hinweg hat die Forscherin den "Alltag in der urologischen Klinik" verfolgt. Ihre Ergebnisse zeigen, dass es kulturelle Geschlechterunterschiede gibt und die Pathologisierung von nicht-"funktionierenden" Penissen Auslegungssache ist.

Die Männer aus der mexikanischen Arbeiterschaft, die sie interviewt hat, bewerteten die Veränderungen ihrer Erektionsfunktion sehr positiv und lösten sich dabei von der Bedeutung von penetrativen Sex für den Erhalt eines bestimmten Männlichkeitsideals. Sie "betrachteten ihre verminderte Erektionsfunktion als sehr hilfreich, um dem kulturell angemessenen Bild eines älteren Mannes zu entsprechen", schreibt Wentzell. Sie sagt gegenüber Broadly: "Als sie anfingen, Erektionsschwierigkeiten zu bekommen, verstanden sie das Ganze als Hilfe, um ein anderer, besserer Mann zu werden, der sich mehr auf sein Zuhause und seine Familie konzentrierte, statt auf außerehelichen Sex. Sie lehnten die Einnahme von ED-Medikamente ab, weil sie in ihren Augen sozial unangemessen war."

Wentzell glaubt, dass es hilfreich wäre, wenn man aufhören würde, in der Veränderung der Erektionsfunktion etwas Schlechtes oder Negatives zu sehen. Wenn wir aufhören würden, penetrativen Sex als Ideal zu betrachten und unsere Vorstellung von Männlichkeit darüber zu definieren, "könnte das auch der Gesellschaft zugutekommen", sagt Wentzell. "Die Menschen wären wahrscheinlich sehr viel zufriedener mit sich selbst und ihren Partnern, wenn wir eine weiter offenere Vorstellung von sexueller Befriedigung entwickeln würden. Das würde aber auch voraussetzen, dass wir die körperlichen Veränderungen eines Mannes und die Veränderung seiner Wünsche im Verlauf seines Lebens als normal und nicht als pathologisch betrachten."


Foto: Elvert Barnes | Flickr | CC BY 2.0

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