Wie Teenager aus Bangladesch gegen Kinderehen kämpfen
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Wie Teenager aus Bangladesch gegen Kinderehen kämpfen

Kinderehen gehören in vielen Entwicklungsländern noch immer zum Alltag. Dopki möchte das ändern und klopft deshalb seit über drei Jahren an die Türen seiner Nachbarn.
3.4.17

Als Moriom vor ein paar Jahren an einen deutlich älteren Nachbarn verheiratet wurde, war sie noch ein Kind. Sie hat Verständnis dafür, erklärt sie, und sei ihrer Mutter deswegen nicht böse. Ihr leerer Blick zeigt, dass sie schon längst aufgegeben hat.

"Ich war unglaublich traurig, als mir meine Mutter erzählt hat, dass ich einen Mann heiraten würde, der doppelt so alt war wie ich. Doch sie erklärte mir, dass sie mich nicht mehr ernähren konnte und ich wollte auch keine Bürde sein." Während sie sich daran erinnert, wie sie von der Vereinbarung erfahren hat, hält die 16-Jährige ein unruhiges Kleinkind auf dem Arm. Man sagte ihr, dass die Familie, in die sie einheiraten würde, sie gut versorgen würde – ein solider Zukunftsplan. Allerdings wurde sie nie gefragt, was sie eigentlich wollte. In ihrer Kindheit hat Moriom immer davon geträumt, Lehrerin zu werden. Sie selbst ist nur vier Jahre lang zur Schule gegangen. Genau wie die meisten anderen Kinderbräute endete auch ihre schulische Ausbildung mit ihrer Heirat und dem ersten Kind.

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Morioms Geschichte ist leider nach wie vor Alltag in vielen Entwicklungsländern, wo eines von zehn Mädchen noch vor dem 18. Lebensjahr verheiratet wird. In Bangladesch sind es laut Unicef sogar sechs von zehn. Die Zahlen waren zwar über die letzten 15 Jahre rückläufig, doch sie sind und bleiben nach wie vor sehr hoch. Armut ist einer der wesentlichen wirtschaftlichen Gründe, warum die Mädchen so früh verheiratet werden. Trotzdem sind Kinderehen vor allem in Kulturen weit verbreitet, in denen die Jungfräulichkeit junger Frauen eine kostbare Währung für das Ansehen der Familie darstellt.

Gayatri Patel arbeitet für die Organisation CARE, die sich weltweit für die Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen einsetzt. Sie erklärt, dass sich hinter den meisten Kinderehen wirtschaftlicher Druck verbirgt. "Es ist üblich, dass die Eltern der Mädchen der Familie des Bräutigams eine Aussteuer zahlen. Mädchen werden von ärmeren Familien deswegen meist als wirtschaftliche Bürde betrachtet", sagt sie. "Außerdem verlangt der Brauch: Je jünger das Mädchen, desto geringer die Aussteuer. Das ist ein weiterer Grund, warum arme Familien ihre Töchter möglichst schnell verheiraten wollen."

Die wirtschaftlichen Vorteile werden von vielen Familien als schnelle Lösung auf ihre Sorgen betrachtet. Langfristig betrachtet, hat der Brauch allerdings zur Folge, dass sich der Armutskreislauf immer weiter fortsetzt. Denn wenn die Mädchen nicht heiraten, sondern stattdessen in der Schule bleiben würden, wären sie letztendlich nicht nur gesünder: Sie würden auch mehr Geld verdienen, mit dem sie auch ihre Familie unterstützen könnten.

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Laxmi, ein Teenager in einem Dorf in der Nähe von Sylhet. Sie unterstützt ihre Familie als Näherin. Alle Fotos: Josh Estey

Kinderehen haben aber nicht nur wirtschaftliche Gründe, sagt Patel. "Schon von Geburt an werden Mädchen im Vergleich zu Jungen als minderwertig betrachtet und auch entsprechend behandelt", sagt sie. "Wenn die Mittel knapp sind, bekommen Mädchen meistens als letztes zu essen. Außerdem wird oft an ihrer schulischen Ausbildung und Arztbesuchen gespart, um das Geld anderweitig zu verwenden. Das führt nicht nur dazu, dass die Mädchen eher krank werden, sondern schränkt auch ihre Möglichkeiten ein." Nach den vorherrschenden sozialen Normen sind Frauen in erster Linie Ehefrau und Mutter. Das hat nicht nur einen enormen Einfluss auf die Mädchen selbst, sondern auch auf die Gesellschaft. Die Frauen gelten als wirtschaftlich weniger wertvoll, deswegen schließen viele von ihnen die Schule nicht ab. Das bedeutet auch, dass ihnen langfristig die Möglichkeit genommen wird, sich selbst zu versorgen. Außerdem erhöhen Kinderehen die Müttersterblichkeit und das Risiko vieler anderer schwangerschaftsbedingter Komplikationen.

"Die Zukunft der Mädchen steht schon von vornherein fest: Sie werden als Jugendliche verheiratet und bekommen dann so früh und so oft wie möglich Kinder", sagt Patel. Nach ihrer Meinung werden sie in den seltensten Fällen gefragt. Offiziell sind Kinderehen in Bangladesch eigentlich schon seit 1929 verboten. Damals gehörte das Land noch zu Indien.

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"Ich weiß nicht, wie alt ich war, als ich verheiratet wurde", sagt Moriom schüchtern. "Wenn ich meine Mutter frage, sagt sie immer: 'Du warst 18.'" Angesichts der Gesetzeslage wirkt dieser Satz wie ein übler Scherz. Theoretisch können Kinderehen mit einer Freiheitsstrafe von einem Monat und einer Geldstrafe von 100 Taka geahndet werden. Das entspricht in etwa elf Euro. Allerdings ist es schwer, das Gesetz durchzusetzen.

Menschenrechtsexperten betrachten auch die jüngsten Entwicklungen in Bangladesch mit Sorge: Im Februar 2017 hat die Regierung ein schwammiges Gesetz verabschiedet, das Kinderehen "unter besonderen Umständen" zulässt – ganz ohne Altersbeschränkungen. Mit diesem Gesetz möchte die Regierung sicherstellen, dass die Mädchen und Familien in ihren Gemeinden nicht diskriminiert oder ausgegrenzt werden. Was genau die Gesetzgeber allerdings unter "besonderen Umständen" verstehen, wird nicht genauer erklärt. Kritiker beklagen, dass das Gesetz ein riesiger Rückschritt ist. Denn eigentlich hat sich Bangladesch öffentlich dazu verpflichtet, Kinderehen bis 2041 ein Ende zu setzen.

Geschichten wie die von Moriom zeichnen zwar noch immer ein düsteres Bild von der Zukunft der Mädchen, doch es scheinen sich auch Veränderungen anzubahnen. In einem Dorf ganz in der Nähe von Sylhet – nicht weit von dem Ort, in dem Moriom zu Hause ist –, hat der 17-jährige Dipko vor drei Jahren begonnen, bei seinen Nachbarn zu klopfen. Er weiß nicht, vor wie vielen Türen er seitdem schon stand. Dipko hat es sich zum Ziel erklärt, die Mädchen in seinem Dorf vor einer Kinderehe zu schützen. Er konnte schon 13 Familien davon überzeugen, sich einen anderen Ausweg aus ihren wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu suchen und ihre Töchter weiter zur Schule gehen zu lassen.

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Dipkos Arbeit als Aktivist begann damit, dass er von einer Sozialarbeiterin angesprochen wurde, während er gerade mit seinen Freunden auf dem Feld spielte. Sie erzählte ihm von einer Gruppe von Jugendlichen, die sich jede Woche bei ihm in der Gegend traf. Dieses Programm ist eines von mehr als 6.000 Projekten, die Unicef in Bangladesch finanziert. Ihr Ziel ist es, gegen den zunehmenden Analphabetismus und die fehlende Gesundheitsaufklärung in der Gegend vorzugehen. Sie möchten den Kindern aber auch erklären, welche Risiken Kinderehen und Kinderarbeit haben. Sie wollen sie dazu ermutigen, selbst um ihre Rechte zu kämpfen.

Der Junge begann, regelmäßig zu den Veranstaltungen zu gehen und beschloss, den Frauen und Mädchen in seiner Gemeinde zu helfen. "Wir lernen dort, dass wir Rechte haben und dass es nicht nur den Mädchen schadet, wenn sie nicht zur Schule gehen. Außerdem schadet es ihrer Gesundheit, wenn sie Kinder bekommen, bevor ihr Körper wirklich bereit dazu ist", erklärt Dipto. "Als ich das verstanden habe, wurde mir klar, dass ich etwas unternehmen musste."

Die Jugendgruppe in der Gegend von Sylhet.

Damit stößt er nicht überall auf Gegenliebe: "Ich begegne regelmäßig Eltern, die mir sagen, dass ich mich nicht einmischen soll und dass es ihr Kind und ihre Entscheidung sei. Ich drohe ihnen auch manchmal damit, die Polizei zu holen. Das geht nicht immer gut aus." Er wurde zwar noch nie körperlich angegriffen, aber es gab bereits Drohungen gegen ihn. Das hat ihn aber nicht abgeschreckt – im Gegenteil. Es hat ihn dazu ermutigt, sich Verstärkung zu holen. "Meine Freunde machen mittlerweile auch mit. Wir sind immer in der Gruppe unterwegs. Das klappt sogar noch besser."

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Mittlerweile gibt es auch immer mehr junge Mädchen, die nicht mehr länger schweigen und selbst über ihre Zukunft entscheiden wollen. Die 17-jährige Laxmi lebt im selben Dorf wie Dipko. Sie sagt, dass sie mittlerweile schon verheiratet wäre, wenn es die Gruppe nicht gäbe. Laxmi hat eine körperliche Behinderung, die ihr Schmerzen beim Laufen bereitet. Nach der vierten Klasse beschloss sie, zu Hause bei ihrer Mutter zu bleiben und sie im Haushalt zu unterstützen, während ihre Geschwister weiter zur Schule gingen. "Ich hätte auch gehen können, aber ich kann nicht so weit laufen und meine Eltern können sich den Schulbus nicht leisten", sagt sie.

Laxmi konnte zwar nicht zur Schule gehen, engagierte sich aber in der Gruppe und lernte dort, was sie im entscheidenden Moment wissen musste: Sie stand gerade in der Küche und bereitete das Abendessen zu, als sie hörte, wie ihr Vater zu ihrer Mutter sagte, dass es "Zeit wäre" und Laxmi bereit sei. Sie war damals gerade 15 Jahre alt. "Ich ging zu ihnen und sagte, dass ich noch nicht bereit sei, dass sich mein Körper erst noch entwickeln musste und dass es sowieso gegen das Gesetz verstoßen würde. Ich sagte meinem Vater, dass er dafür ins Gefängnis kommen könnte."

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Zuerst hat sie ihr Vater gar nicht ernst genommen, sagt Laxmi. Er war überrascht, dass sie überhaupt eine Meinung dazu hatte. "Er sagte, dass sie nicht mehr so arm wären, wenn sie mich verheiraten würden und dass sie es tun müssten – vor allem, wegen meiner Behinderung." Laxmi schlug einen besseren Plan vor: Sie wollte Geld verdienen. Ihre Mutter sollte ihr zeigen, wie man näht, sodass sie eines Tages ihr eigenes Unternehmen gründen könnte. Sie rechnete ihm sogar vor, dass sie mehr verdienen würde als das, was ihre Familie durch die Hochzeit sparen würde. Ihr Plan gelang.

"Meine Mutter und ich nähen mittlerweile zusammen Saris. Mit dem Geld bezahlen wir die Ausbildung meiner Geschwister", sagt sie. Eines Tages möchte sie ihr eigenes Geschäft eröffnen und ihre eigenen Klamotten verkaufen.

Sie ist sich sicher: "Irgendwann werde ich vielleicht heiraten, aber ich möchte selbst entscheiden können, wen und wann."


Diese Reportage wurden durch die Unterstützung von CARE und der Bill and Melinda Gates Foundation ermöglicht.