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Flugzeugabstürze: Unfallermittler erzählen von ihrer Arbeit

"An der Absturzstelle war nichts, was noch einem Menschen ähnelte. Die Körper hatten sich buchstäblich aufgelöst."

von Louise McLoughlin
10 Juli 2019, 4:30am

Illustration: Warren Heller

Als Erstes ist da der Gestank. Menschliche Überreste. Blut. Kerosin. Heißes Metall. Geschmolzenes Plastik. Verbrannter Stoff. Verschmortes Fleisch. Der Geruch schnürt einem die Kehle zu. Auch wenn man den Unglücksort schon längst wieder verlassen hat, ist er noch da. Für einen Absturzermittler gehört der Geruch zum Job.

Anthony Brickhouse erinnert sich noch gut an seine erste eigene Untersuchung im Juni 1998. "Es war so ein Hochgeschwindigkeitsaufprall, bei dem von den Körpern nichts übrig bleibt. Leider", sagt der Flugunfallermittler. "An der Absturzstelle war nichts, was noch einem Menschen ähnelte. Die Körper hatten sich buchstäblich aufgelöst."

Bei den Opfern handelte es sich um ein Piloten-Ehepaar. Der US-Amerikaner Brickhouse erinnert sich, wie er die Handtasche der Frau, das Portemonnaie des Mannes und die Führerscheine des Paares fand: Erinnerungen daran, dass in dem verdrehten und verbogenen Metallkäfig zwei Menschen ihr Leben verloren hatten. Der Ermittler begann, an die Angehörigen der Toten zu denken, an ihre Freunde. Tagelang konnte Brickhouse nicht schlafen.


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Aber auch vermeintlich Banales hat sich in das Gedächtnis des Ermittlers eingebrannt. 1996 war Brickhouse an der Aufklärung des drittschwersten Flugzeugunglücks der US-Geschichte beteiligt. Am 17. Juli war der Trans-World-Airlines-Flug 800 auf dem Weg von New York nach Paris kurz nach dem Start explodiert und bei Long Island in den Atlantik gestürzt. Alle 230 Insassen kamen ums Leben.

"Jeder weiß, wie eine 747 aussieht", sagt Brickhouse. "Aber das Flugzeug war in Millionen kleiner Teile zersplittert. Trotzdem fand sich noch eine Flasche mit flüssiger Handseife am Waschbecken. Man konnte an ihr sehen, wie sehr Feuer und Hitze gewütet hatten, das Plastik war angeschmolzen. Aber es war immer noch Seife drin."

"Es geht mir einfach nicht aus dem Kopf, dass ein Seifenbehälter diesen Unfall überstanden hat, obwohl niemand überlebt hat. Wir haben 2019 und ich erinnere mich immer noch daran."

Auch sein kanadischer Kollege Larry Vance hatte in seiner Ermittlerkarriere einen großen Fall: Swissair-Flug 111. 1998 stürzte die McDonnal Douglas MD-11 an der kanadischen Ostküste vor Nova Scotia ins Meer. "Die Ausmaße waren enorm. Die ganzen Toten", sagt Vance. Zu seinem Job gehörte die Betreuung der Familien. Bei dem Absturz kamen alle 229 Passagiere und die Crew ums Leben.

"Der Job kann einen sehr mitnehmen. Die Menschen wollen schnelle Antworten, die es oft nicht gibt." – Larry Vance

Mit Leuten wie Vance willst du in der Regel nichts zu tun haben. Wenn doch, heißt das nämlich entweder, dass du einen Absturz überlebt hast, oder dass du jemanden kennst, der nicht so viel Glück hatte. Vance befragt Überlebende ­und spricht mit Hinterbliebenen – Menschen, die auf die Ankunft eines Familienmitglieds gewartet haben und von ihm erfahren, dass sie die Person nie wieder sehen werden.

"Du musst einen Weg finden, das von deinen eigenen Gefühlen zu trennen", sagt Vance. Früher hat er selbst als Ermittler für die kanadische Transportsicherheitsbehörde gearbeitet, heute ist er vor allem in beratender Funktion tätig. "Der Job kann einen sehr mitnehmen. Du spürst eine Menge Liebe und Trauer. Die Menschen wollen schnelle Antworten, die es oft nicht gibt."

Über 50 Jahre arbeitet Vance in der Luftfahrtindustrie, er ist selbst Pilot und war auch schon Fluglehrer. Oft begleitet er Fälle von Anfang bis Ende. Er untersucht die Absturzstelle, schaut sich die Datenauswertung an, hört die Tonaufzeichnungen der Blackbox durch und sichtet den Abschlussbericht. Manche Untersuchungen dauern einige Tage, andere Jahre.

Oft treffen die Ermittler direkt nach den Rettungskräften an der Unglücksstelle ein. Wenn die Umstände es erfordern, helfen sie auch dabei, Leichen und persönliche Gegenstände zu bergen.

"Manchmal sind schon alle menschlichen Überreste weg, wenn wir ankommen. Sehr oft sind sie allerdings noch da", sagt Vance. "Es gehört eigentlich nicht zu unseren Aufgaben, aber manchmal lässt es sich einfach nicht vermeiden."

Die Arbeit an einer Absturzstelle birgt auch Gesundheitsrisiken. National Geographic schreibt, dass "Gefahrengut, brennbare und giftige Materialien und Dämpfe, spitze oder schwere Objekte, Druckbehälter und sogar Krankheiten" Unglücksorte gefährlich machen. Erreger wie HIV und Hepatitis B und C stellten eine Gefahr für Rettungskräfte und Ursachenermittelnde dar.

Am meisten leidet allerdings immer noch die Psyche. "Wir sind keine Maschinen. Das ganze Blut und der Tod machen einem zu schaffen", sagt Brickhouse, der neben seiner Arbeit als Absturzermittler auch das Aerospace Forensic Lab der Embry-Riddle Aeronautical University in Daytona Beach, Florida, leitet.

Vivien Lee verweist außerdem auf die emotionale Langzeitbelastung eines solchen Berufs. Die in Toronto lebende Psychologin ist Expertin für Trauma, Posttraumatische Belastungsstörungen und verwandte psychische Erkrankungen, die bei Kriegsveteranen und Rettungskräften auftreten können.

"Es muss kein besonders schrecklicher Unfall sein, der einen Ermittler aus der Bahn wirft", sagt Lee. "Es können auch verhältnismäßig undramatische Erlebnisse sein, die die Widerstandsfähigkeit der Menschen mit der Zeit zermürben." Dazu gehört auch die Arbeit mit den Hinterbliebenen.

"Wie sind meine Angehörigen gestorben? Wie haben sie sich gefühlt? Was haben sie gesehen? Haben sie gelitten?"

"Mit der Zeit kann man sich schon hilflos fühlen", sagt Lee. "Angehörige suchen verzweifelt nach Antworten, die du nicht geben kannst. Für viele Menschen kann das sehr schwer sein."

"Eine emotionale Reaktion auf einen Verlust ist Wut", sagt Brickhouse. "Sie erwarten von dir, dass du herausfindest, was mit ihren Familienangehörigen passiert ist." Je nach Ausmaß des Absturzes kann diese Wut zusammen mit internationalen Medienanfragen über einen hereinbrechen.

Die Fragen der Angehörigen findet Vance oft schwieriger zu beantworten als die Absturzursache selbst. "Wie sind meine Angehörigen gestorben? Wie haben sie sich gefühlt? Was haben sie gesehen? Haben sie gelitten?"

Nach einem großen Absturz schilderte er den Familienmitgliedern die letzten Augenblicke im Flugzeug, basierend auf seinen Erkenntnissen: "Ich sagte zu ihnen: 'Ihre Angehörigen werden sehr wahrscheinlich gewusst haben, dass etwas nicht stimmt. Das Flugzeug fing an, sehr wilde Manöver zu fliegen. Aber erst ganz am Ende dürfte es komplett dunkel in der Maschine gewesen sein. Und dann werden sie sofort tot gewesen sein." Vance sagt, solche Schilderungen helfen den Menschen, sich nicht länger zu fragen, ob ihre Liebsten bei lebendigem Leib verbrannt sind, oder vom bevorstehenden Absturz schon lange vor dem Aufprall wussten.

Diese Unterhaltungen hätten auch ihm selbst geholfen, mit dem emotionalen Ballast seines Jobs umzugehen. "Es hilft den Familien und es ist hilft Leuten wie mir."

So viel Trost kann er allerdings nicht immer spenden. Es sei besonders hart, der Familie eines Piloten zu sagen, dass der oder die Verstorbene einen Fehler gemacht hat, der den Absturz ausgelöst hat. "Du musst dann erklären, dass der frisch verstorbene Mensch diese ganzen Fehler gemacht hat, die zum eigenen und dem Tod anderer geführt haben."

Zu den schwierigsten Aufgaben der Absturzuntersuchung gehört das Abhören der Blackbox-Aufzeichnungen. "Alles aus dem Cockpit zu hören, was gesagt wurde, die Hintergrundgeräusche, der Lärm des Aufpralls – es sind wirklich eine Menge schreckliche Dinge", sagt Vance, der in seiner Berufskarriere schon einige davon hören musste.

"Wir können alles so genau simulieren wie nur möglich, aber am Ende musst du einfach hin. Du musst dir einen visuellen Eindruck machen, du musst es riechen." – Anthony Brickhouse

Manche Menschen hören eine Blackbox-Aufnahme und wagen sich danach nie wieder an diese Aufgabe. Anderen macht es weniger aus. Vance gehört zu Letzteren. Warum wisse er selbst nicht genau. "Ich würde mich definitiv nicht als kaltherzig beschreiben", sagt er. Er sei sich durchaus bewusst, dass er auf den Bändern die letzten Minuten im Leben mehrerer Menschen hört.

Ermittler beschreiben immer wieder, dass sie bei ihrer Arbeit eine Art Tunnelblick haben, nur auf die eigene Aufgabe konzentriert. Das beginne kurz vor der Ankunft am Schauplatz und halte die Untersuchung hindurch an.

"Du bist total darauf konzentriert, herauszufinden, was passiert ist. Du bist voll und ganz bei deiner Aufgabe. Es wird quasi zu deinem Mantra", sagt Brickhouse. "Wir sind fast schon darauf konditioniert, nicht auf den psychischen Stress einer Untersuchung zu reagieren."

Im Studium und bei der Ausbildung werde zwar versucht, angehende Ermittlerinnen und Ermittler darauf vorzubereiten, was sie an einer Absturzstelle erwartet, allerdings hat auch das seine Grenzen. "Wir können alles so genau simulieren wie nur möglich, aber am Ende musst du einfach hin. Du musst dir einen visuellen Eindruck machen, du musst es riechen", sagt Brickhouse.

Heutzutage wächst in vielen Arbeitsbereichen das Bewusstsein für psychische Probleme. Die Welt der Absturzermittlerinnen und -ermittler ist da keine Ausnahme. Seit seinen Anfängen in den 80ern habe sich laut Vance einiges getan

"Früher wurdest du noch als verweichlicht angesehen, wenn du nicht mit dem Zeug klar gekommen bist. Nach dem Motto: 'Warum machst du diesen Job, wenn du damit nicht umgehen kannst?'"

Psychologin Lee ergänzt dazu: "Es nimmt diese Menschen vielleicht schon mit, aber sie machen sich keine Gedanken darüber, weil sie das als Teil ihres Jobs verstehen. Und sie arbeiten in einem Umfeld, in dem man schnell belächelt wird, wenn man sich von solchen Dingen aus der Ruhe bringen lässt. Deswegen wollen Betroffene nicht darüber sprechen, weil sie befürchten, von 'der Familie' verstoßen zu werden."

Andererseits, sagt Lee, könne dieser starke Gemeinschaftssinn auch ein wertvolles Sicherheitsnetz bieten. Diese Erfahrung hat auch Brickhouse gemacht: "Eine Sache, die Ermittlern wirklich hilft, ist einfach mit anderen Ermittlern zu sprechen und Erfahrungen auszutauschen. Das ist fast wie Selbsttherapie."

Seit einigen Jahren sind bei größeren Unglücken auch sogenannte Trauma-Teams vor Ort, die sich um die Ersthelfenden und Ermittelnden kümmern. Für Brickhouse ist das nicht genug. "Ich bin immer dafür, dass man sich um etwas kümmert, bevor es ein großes Problem wird", sagt er. Einmal im Jahr machen wir in den USA eine Fortbildung, um unser Wissen über durch Blut übertragbare Krankheiten aufzufrischen. Das dauert eine Stunde. Warum bekommen wir keine Stunde zur psychischen Aufbereitung?"

Aber gegen die neuen Initiativen regt sich auch Widerstand. Vance sagt, dass einige seiner alten Kollegen und Kolleginnen nichts mit Trauma-Briefings oder dergleichen zu tun haben wollen. "Die Leute befürchten, dass man sich dadurch Dingen öffnet, mit denen man vorher nichts zu tun hatte." Manche Ermittler seien viel mehr gestresst davon, dass Leute sie fragen, warum sie ihre Arbeit nicht psychisch mitnehme, als die Arbeit selbst.

Das Wissen, einen wichtigen Job zu machen, kann die harten Aspekte des Berufs etwas ausgleichen. "Du versuchst, die Welt mit deiner Arbeit sicherer zu machen – damit das, was passiert ist, niemand anderem passiert", sagt Vance.

"Und dann", schiebt er hinterher, "hoffst du einfach, dass dich nichts davon in deine Träume verfolgt."

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