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Interview

So klingt Optimismus in zynischen Zeiten: Evelinn Trouble mit ihrer neuen EP 'Hope Music'

Wir haben mit Evelinn Trouble über Geduld, Zwänge und Anti-Haltung gesprochen.

von Livia Kozma
08 Mai 2018, 8:03am

Am 4. Mai hat Evelinn Trouble ihre neue EP Hope Music veröffentlicht. Musikalisch schlägt sie darin einen neuen Ton an und beweist, dass Hoffnung sich sowohl poppig, als auch düster oder beatlastig anhören kann. Noisey hat Trouble zum Gespräch getroffen und mit ihr über die neuen Songs, Optimismus und Geduld gesprochen.

Noisey: Woher nimmst du den Optimismus, die Kraft nach vorne zu schauen?
Evelinn Trouble: Gute Frage. Es ist immer wieder schwierig und ich muss auch häufig wieder überlegen, wo ich den Optimismus finden kann. Letztendlich aber immer bei den Mitmenschen, die Gutes für einen wollen und denen man ebenfalls Gutes wünscht. Davon gibt es ganz viele, wenn man genauer hinschaut. Nicht nur im Freundeskreis, sondern auch im weiteren Umfeld. Es gibt Dinge, die nur entstanden sind, weil Menschen gute Absichten hatten. Die ganze EP ist aus dem Versuch entstanden, herauszufinden, wie man überhaupt positiv denken kann. Für mich ist das keine einfache Aufgabe, denn das Negative ist omnipräsent und verbreitet sich schnell zwischen den Menschen. Ich war lange in Berlin und bin jetzt wieder in Zürich. Jetzt nehme ich meine Umgebung vermehrt als Beobachterin wahr und bemerke die negativen Vibes, die entstehen, wenn Menschen versuchen, sich gegenseitig klein zu machen. Die Stimmung kann sehr schnell kippen.

Geduld scheint ein Thema in deiner Musik zu sein, du singst zum Beispiel "I don’t wanna wait" – Wie schwer fällt dir warten?
Das Warten bringt mich um [verdreht die Augen] Und trotzdem ist es mein Schicksal. Ich musste schon so oft im Leben einsehen, dass es nicht der "richtige" Moment war, und dann etwas aus dem Moment machen, der stattdessen stattfindet. Das ist vor allem im Song "Prison" ein Thema.

Das ist der Fluch, wenn man bestimmte Ambitionen und Ziele hat. Man muss manchmal sehr viel Geduld haben, bis die Sachen einrasten. Du kannst nicht pushen, pushen, pushen und dann kommen sofort Anerkennung und Jubel. Das passiert manchmal erst mit einer Verzögerung. So wie bei der letzten Platte, da kamen die Reaktionen erst ein Jahr nach dem Release.

Hat die Digitalisierung uns das Warten noch weiter erschwert?
Ich kann mir vorstellen, dass wir viel ungeduldiger sind als früher. Ich glaube auch, dass wir uns weniger fokussieren können. Die ganze Digitalisierung erfordert Disziplin, sofern man trotzdem noch ein gutes Leben haben will. Ich kaufe mir bald wieder einen Wecker, damit ich mich morgens nicht als erstes mit meinem Smartphone beschäftige. Es irritiert mich, wie viel Macht dieses Teil mittlerweile hat. Wenn du am Computer bist, ist es eh schon schwierig dich zu konzentrieren, dann gehst du kurz auf Facebook und das war's dann mit der Aufmerksamkeit. Aber es gibt natürlich auch Zeiten, in denen du dankbar bist, dass du dich so einfach ablenken kannst.


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In deinem Track "Prison" singst du vom Gefangensein. Wo genau befindet sich dieses Gefängnis?
Innerhalb der eigenen Person. Ich glaube, man ist so frei, wie man sich fühlt oder fühlen kann. Das hat etwas mit Mut und Vertrauen zu tun. Wenn du nicht auf dich selber und nicht auf die Umgebung vertrauen kannst, dann läufst du durch die Welt und es ist nirgends gut. "Every moment is a prison" – egal wo, egal mit wem, das Gefängnis trägt man mit sich rum, es ist nicht an einen Ort gebunden.

Und Zwänge von ausserhalb – Rollenvorstellungen, Erwartungen – kennst du nicht?
Doch, aber es gibt Schlüsselmomente, wo du sie durchschauen kannst. Du fragst dich dann, was Konditionierung ist und was wirklich deine Realität ist. Wenn du es genau nimmst, kannst du eigentlich alles machen. Das kann spannend sein, aber eben auch furchterregend, denn du kannst dich eigentlich an nichts festhalten. Du kannst zwar eigene Parameter erschaffen, aber alles, was dir Sicherheit gibt, macht dich auch unfrei. Ich war lange von Zürich weg und hatte dadurch die absolute Freiheit als Individuum. Ich hatte kein Gegenüber, das eine Vorstellung von mir hatte. Gleichzeitig hatte ich aber kein Gegenüber.

Dann warst du in einem Schwebezustand?
Jein, du kommst dann zurück in die alten Strukturen und hast ein gewisses Echo auf dich selber. Dann musst du dich wieder besser abgrenzen und aufpassen, dass du nicht unglücklich wirst, weil du versuchst, den Ansprüchen von ausserhalb gerecht zu werden, anstatt das zu machen, was dir gut tut. Wenn du dich anpasst, setzt auch schnell Langeweile ein.

Aus Langeweile entwickeln sich auch schnell Frust oder Aggression, eine Anti-Haltung.
Schon, ja. Früher, als ich hier gelebt habe, hatte ich auch eher eine Anti-Haltung. Aber Anti ist eben auch eine Form von negativer Energie. Aussagen wie: "Ich läbe im grösschte Bünzlistaat, da isch alles so doof, alli läsed Blick am Abend" muss man überdenken. Das sind schliesslich deine Mitmenschen, die du da beschreibst, du lebst mit ihnen und du musst lernen, mit ihnen umzugehen.

Der letzte Track "Goodbye" schwankt zwischen Akzeptanz und Trauer, geschieht das bewusst?
Ja, es ist ein schmaler Grat. Der Song ist aber aus einer guten Stimmung entstanden. Ein Abschied kann ja auch etwas Befreiendes sein, wenn man ihn akzeptieren und ins richtige Verhältnis setzen kann. Es geht in dem Song darum, dass man die Umstände annimmt und Frieden damit schliesst, auch wenn man es sich anders gewünscht hätte. Es ist eigentlich egal, wie genau etwas abgelaufen ist, wenn man es unversehrt überstanden hat. Aber je nach Tagesform finde ich den Song auch entweder fröhlich oder traurig.

Wie entsteht deine Musik?
Ziemlich unterschiedlich, aber die meisten Songs brauchen einen Gärungsprozess.
Gewisse Ideen schwirren mir länger im Kopf rum und setzen sich dann irgendwann fest.
Der Moment, in dem ich es ausformuliere, ist dann der "Showdown", ich muss entscheiden, was ich verwende und was nicht. Ich frage mich dann: Mit was könnten sich andere identifizieren? Ich habe eigentlich alle Songs ausser "Prison" auf der EP recht stark gefiltert, damit sie etwas weniger mit meiner Person behaftet sind. Text und Melodie entstehen aber meistens zusammen, es geht ja um Klang. Es ist mir auch schon passiert, dass ich ein unbekanntes Wort als Platzhalter genommen habe, dann habe ich die Bedeutung gegoogelt und es hat genau gepasst. Ich glaube, der Klang einzelner Wörter kann magisch und gefährlich sein. Ich bin da ziemlich genau mit den Texten. Ich weiss, dass Sprache mächtig ist, und wenn ich über bestimmte Dinge singe, manifestiert sich das auch in meinem Leben. Wenn ich immer nur die "dark side" besinge, nimmt auch meine Realität entsprechende Formen an. Darum hab ich es jetzt mal mit Hope Music versucht.


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