Wir haben Menschen, die am Praterstern arbeiten, gefragt, ob sie Waffen tragen
Foto: Tobias Abel | flickr | Public Domain
praterstern

Wir haben Menschen, die am Praterstern arbeiten, gefragt, ob sie Waffen tragen

"Ich sage meiner Frau immer, dass sie mich nie mit unserer Tochter abholen soll. Ich möchte nicht, dass Personen hier wissen, wie sie mir weh tun könnten."
30.3.18

Der Wiener Praterstern ist vieles. Ein Tor zur Wohlfühloase Praterwald, ein Bahnhof, in dem man von einem Gleis zum anderen rennen muss, um rechtzeitig zum Flughafen zu kommen, und manchmal auch der einzige Ort, an dem man Klopapier kaufen kann, wenn alles andere geschlossen hat.

Für die Boulevard-Medien ist der Praterstern aber auch noch ein Kriminalitäts-Hotspot, ein Ort an dem die Angst regiert, eine Problemzone, ein Gewalt-Brennpunkt. In den vergangenen Wochen sorgt der 23-Jährige, der vier Personen am Praterstern und am nahe gelegenen Nestroyplatz durch eine Messerattacke schwer verletzte, für einen verstärkten Einsatz der Polizei vor Ort. Auch die brutale Vergewaltigung einer Austauschstudentin von drei jungen Männern auf der öffentlichen Toilette hallt immer noch im kollektiven Gedächtnis nach.

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Vermehrt hört man auch von einer angeblich aggressiven Grundstimmung, die Raufereien ausbrechen lässt, so wie hier, oder hier. Wie Der Standard berichtet, werden diese Auseinandersetzungen in den vergangen Jahren immer öfter mit Waffen ausgetragen – und hier ganz besonders mit Stichwaffen. Die Stimmung wird auch nicht unbedingt dadurch entspannter, dass die Polizei am Praterstern in letzter Zeit verstärkt Schwerpunktaktionen wegen Drogendelikten durchführt.


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Nimmt man alle diese Fälle zusammen, drängt sich schnell der Eindruck vom Praterstern als Purgatorium auf, wo einen hinter jedem Eck Vergewaltiger oder messerschwingende Wahnsinnige erwarten. Und das, obwohl die Kriminalstatstik 2017 festgestellt hat, dass die Gesamtanzahl von Verbrechen in Österreich weiter zurückgeht.

Wir wollen wissen, ob sich die Menschen hier aus Angst mit Waffen ausrüsten, um brenzlichen Situation entgegenzuwirken und haben deshalb an der Quelle nachgefragt – bei den Personen, die jeden Tag am Praterstern sind, weil sie hier Geschäfte besitzen oder in einem arbeiten.

Jakob Hasslacher, 25

VICE: Trägst du am Praterstern eine Waffe mit dir?
Jakob: Derweil nicht, nein. Aber wir haben vor, uns einen Pfefferspray anzuschaffen.

Warum?
Wir hatten schon ein paar Vorfälle, in denen ein Pfefferspray gebraucht hätten. Nicht um ihn zu benutzen, aber um zu wissen, dass man sich wehren könnte. Direkt vor unserem Café wird viel gedealt und das ist für unsere Kunden eben unangenehm. Einmal bin ich zu den Dealern gegangen und wollte mich beschweren. Das hat natürlich wenig gebracht, weil ich entweder ignoriert, oder angestänkert wurde. Später hat mir die Polizei erzählt, dass viele Dealer mit einem Messer bewaffnet sind. Seitdem mische ich mich nicht mehr ein.

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Würdest du dich wohler fühlen, wenn du bewaffnet wärst?
Eigentlich nicht. Im Grunde sind die hier alle total harmlos, solange man sich nicht einmischt. Vor allem sind immer die Polizei und Securitys unterwegs. Ein Pfefferspray wäre angenehm zu haben, weil jeder in unser Kaffeehaus kommen kann. Aber ich glaube das Problem kann man überall in Wien haben. Viele Betrunkene kommen zu uns und wollen noch mehr trinken. Die werden manchmal aggressiv.

Braucht ihr Hilfe von der Polizei?
Letztens ist eine Dame mit einem kleinen Kind gekommen. Nachdem sie ihren Kaffee ausgetrunken hat, hat sie behauptet, dass ich ihr Handy gestohlen hätte. Sie hat zu Schreien begonnen, die Tische umgeworfen und weigerte sich die Rechnung zu zahlen. Ich habe vergeblich versucht sie im Geschäft zu halten bis die Polizei kam. Daraufhin hat sie mir einen Faustschlag verpasst und einen Tritt in den Schritt. Zwei Stunden später ist dann jemand gekommen, der ihre offene Rechnung bezahlt hat.

Lin, 40

VICE: Hast du irgendwelche Waffen dabei, um dich zu verteidigen?
Lin: Nein. Wien ist eine sichere Stadt.

Warst du schon einmal in einer Situation, in der dir eine Waffe geholfen hätte?
Ich gehe seit Jahren jeden Tag hier arbeiten und habe noch nie eine Waffe gebraucht. Die Menschen hier sind betrunken, aber harmlos.

Medial wird der Praterstern als gefährlicher Ort beschrieben. Du siehst das also nicht so?
Ich sage immer: Das ist das große Maul der Medien. Man wird höchstens von irgendwelchen Dealern beobachtet, weil sie denken, man könne ihnen was abkaufen. Außerdem ist die Polizei vermehrt vor Ort, da ist es schwer, dass eine wirklich gefährliche Situation entsteht.

Sarah, 36 (Name geändert)

Hast du irgendwelche Waffen bei dir?
Sarah: Ich muss mich verbal verteidigen können. Aber das reicht schon. Wenn man am Praterstern arbeitet, muss man tough sein. An meinem ersten Tag wurde mir gesagt, man wird hier entweder befördert, oder bestraft. Ich wurde befördert.

Gab es schon Situationen, in denen du gerne eine Waffe dabei gehabt hättest?
Immer wieder kommen Menschen ins Geschäft und wollen klauen. Aber da brauche ich keine Waffe. Ich werfe sie aus dem Geschäft und bereite mich mental auf den nächsten Vorfall vor. Außerdem darf man keine Person angreifen, solange sie einen nicht körperlich attackieren. Das ist das Gesetz.

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Das heißt eine verbale Verteidigung deinerseits reicht, um Übergriffe zu meiden?
Ja und nein. Es ist angenehm, zu wissen, dass viele Polizisten am Praterstern sind. Viele sind in Uniform, einige sind aber auch in Zivil unterwegs. Wir haben eine gute Beziehung zu ihnen, denn sie kommen zwei Mal täglich und schauen, ob es Überfälle gab. Sollte es ein Problem geben, kann Hilfe schnell kommen. Wir müssen nur den Notruf in der Filiale drücken und eine Minute später stehen Polizisten da.

Gab es unangenehme Situationen außerhalb des Geschäfts?
Eigentlich nicht. Wir schließen die Filiale immer zu zweit ab und gehen auch zusammen zur U-Bahn.

Medial steht der Praterstern in Verbindung mit Übergriffen. Wie empfindest du die Situation?
Die meisten Leute sind harmlos. Sie haben ein Alkoholproblem und sind nur auffallend, wenn sie verbal laut werden. Die Dealer können etwas unangenehm sein, weil man sich beobachtet fühlt.
Aber im Grunde ist der Praterstern voll mit Touristen und Pendlern. Das wird in der Berichterstattung immer ausgelassen.

Emanuel, 29

VICE: Hast du irgendeine Waffe dabei?
Emanuel: Nein, und ich werde auch nie eine tragen.

Gab es schon jemals eine unangenehme Situation, bei der du gerne eine dabei gehabt hättest?
Unangenehme Situationen gibt es zuhauf. Ich arbeite mittlerweile seit 5 Jahren hier am Praterstern und werde fast jeden Tag bedroht.

Brauchst du da nicht irgendwas, um dich wehren zu können?
Nein, das ist mir alles wurscht geworden. Das sind eh nur leere Drohungen.

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Warum wirst du bedroht?
Weil ich sie immer wieder aus dem Geschäft werfen muss, wenn sie zu laut werden oder randalieren.

Welche Drohungen bekommst du?
Meistens, dass sie mich zusammenschlagen werden. Aber das sagen sie nur im Affekt.

Anton, 33

VICE: Wie ist es, hier am Praterstern zu arbeiten?
Anton: Gut. Aber seit drei Wochen ist es besser. Seit der Messerstecherei gibt es viel mehr Polizei.

Trägst du eine Waffe an dir?
Nein, das brauche ich nicht. Ich kann mich körperlich wehren.

Warst du schon einmal in einer Situation, in der eine Waffe geholfen hätte?
Einmal wollte mir einer meine Geldtasche stehlen. Das habe ich zum Glück bemerkt und konnte mich körperlich wehren. Eine Waffe habe ich allerdings nicht gebraucht. Ich glaube, dass eine Waffe die Situation fast immer schlimmer machen würde. Wenn Leute nicht zahlen wollen, zu laut sind, oder ihr Verhalten allgemein nicht in Ordnung ist, dann versuche ich, die Situation ruhig zu schlichten. Eine Waffe würde sie wahrscheinlich provozieren.

Was passiert, wenn du die Situation zu schlichten versuchst?
Meistens wird auf mich gehört. Immer wieder werde ich auch bedroht. Sie würden mich umbringen, oder meinen Hals durchschneiden. Aber darauf hört man irgendwann nicht mehr..

Triffst du andere Vorsichtsmaßnahmen, um brenzliche Situationen zu meiden?
Ja das schon. Ich sage meiner Frau zum Beispiel, dass sie mich nie mit unserer Tochter abholen soll. Ich möchte nicht, dass Personen hier wissen, wie sie mehr weh tun könnten.

Michela (unbekanntes Alter)

VICE: Wie ist es am Praterstern zu arbeiten?
Michela: Für mich ist es in Ordnung. Ich habe immer den Vormittagsdienst. Da passiert eher weniger. Abends müssen meine Kolleginnen mehr durchmachen. Es ist schon oft passiert, dass ihnen jemand nachgegangen ist, sie unangebracht angegriffen, oder angesprochen hat.
Aber egal, ob Vormittag oder Nachmittag, wenn man am Praterstern arbeitet muss man viel Kraft haben.

Trägst du eine Waffe mit dir?
Tagsüber braucht man das nicht. Abends verstehe ich, wenn vor allem Frauen einen Pfefferspray mit sich tragen.

Claudia, 48

VICE: Bist du bewaffnet, um dich verteidigen zu können?
Claudia: Ich trage immer einen Pfefferspray bei mir. Wenn ich abends vorbeikomme, habe ich meine Schutzhunde bei mir. Die meisten meiner Kolleginnen tragen auch Pfefferspray mit sich.

Bist du schon einmal in eine brenzliche Situation geraten?
Noch nicht. Manchmal wurde ich „nur“ verbal angegriffen. Das war von Betrunkenen. Da hätte ich mich auch körperlich wehren können, wenn sie mir zu nahe gekommen wären.

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Wie ist es, am Praterstern zu arbeiten?
Mit der U-Bahn fahre ich abends nicht alleine. Mein Mann besteht meistens darauf, mich abzuholen. Als sicher empfinde ich es hier nicht. Da war es vor 20 Jahren, zu Zeiten der Russenmafia, noch angenehmer. Die haben wenigstens auf ihre Mädchen und so auch auf alle anderen geschaut.

Gibt es übergriffe im Geschäft?
Immer wieder kommen Leute rein, die Hundefutter oder Riegel klauen wollen. Wenn man sie erwischt, versuchen sie meistens, tough zu reden. Für mich ist das nicht so schlimm, dann zahl ich ihnen halt eine Dose Hundefutter. Unangenehm sind Schlägereien, die im Bahnhof ausbrechen.

Sebastian, 33 (Name geändert)

VICE: Wie ist es, am Praterstern zu arbeiten?
Sebastian: Ich kriege nichts Unangenehmes mit. Für meine Kolleginnen ist das sicherlich anders.

Würdest du eine Waffe tragen beziehungsweise gab es schon eine unangenehme Situation für dich?
Nein, ich hätte mich nie verteidigen müssen.

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