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Granatwerfer und Pfefferspraykanonen: Auf einer Waffenmesse für Polizisten

Auf der Enforce Tac zeigen Militärausrüster, wie ein Polizeistaat aussehen könnte.

von Tim Geyer
26 März 2018, 1:15pm

Alle Fotos: Grey Hutton

Die Mitarbeiterin am Stand des Fahrzeugherstellers Achleitner versucht einen unmöglichen Zaubertrick. Sie will inmitten einer Messe einen sechs Meter langen Panzerwagen verschwinden lassen. "Keine Fotos", sagt sie. "Warum?", frage ich. "Die Kunden wollen nicht, dass ihr Fahrzeug gesehen wird." Und das, obwohl einen solchen 15 Tonnen schweren HMV Survivor I nicht nur die Polizei in Singapur benutzt, sondern seit 2016 auch die Polizei Hamburg. Das Ding ist kein geheimer Stealth-Bomber, auch wenn es so aussieht. Und trotzdem führt die Frau uns nervös zur Seite, weg von den Kunden am Stand. "Ich bin nicht die Richtige, um ihre Fragen zu beantworten", sagt die Mitarbeiterin und schaut hilfesuchend zum Stand.

So geht das den ganzen Tag hier in Nürnberg auf der Enforce Tac, der Messe für Polizeikräfte und Spezialeinheiten. 242 Hersteller aus der Militär- und der sogenannten Law-Enforcement-Branche preisen Waffen und Ausrüstung an. Dabei tun sie entweder so, als würden sie Obst und Gemüse verkaufen, oder sie haben keine Zeit, Fragen zu beantworten. Den ganzen Tag werden wir an Leute verwiesen, die nicht da sind, oder gefragt, ob wir ausschließlich positiv berichten. Die Branche weiß offenbar, dass sie unter Beobachtung steht.

Viele Aussteller konzentrieren sich in ihrem Angebot wie hier vor allem auf Spezialeinheiten

International kritisieren Experten seit Jahren, dass Polizei und Militär immer mehr miteinander verschmelzen. Mit der preisgekrönten Doku Do Not Resist wurde das Phänomen einem breiten Publikum bekannt. Und nicht erst seit 2017 in Sachsen fünf SEK-Einheiten vor friedlichen Demonstranten aufmarschierten, wird auch in Deutschland darüber diskutiert, wie sinnvoll es ist, dass die Polizei sich militarisiert. Die eine Seite sagt, die Polizei brauche schwere Waffen und neues Schutzequipment, um auf die gestiegene Bedrohung durch Terroristen zu reagieren. Die Gegenseite argumentiert, dass auch Sturmgewehre keine Anschläge verhindern, die mit LKWs oder Messern verübt werden. "Ich sehe die Gefahr einer schleichenden Militarisierung der Polizei", sagt etwa der Polizeiwissenschaftler Professor Rafael Behr von der Hamburger Polizeiakademie. Aus der Kriminalforschung wisse man, dass schwer bewaffnete Polizisten bei der Bevölkerung kein Sicherheitsgefühl erzeugen, sondern vor allem eines: Angst.

Die Enforce Tac ist jedes Jahr Anfang März einer der Schauplätze dieser Entwicklung – weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Viele der 3.500 Fachbesucher aus ganz Europa arbeiten in Beschaffungsstellen der Polizei. In Nürnberg fachsimpeln sie mit anderen Behördenmitarbeiter und Herstellern über Schutzwesten und Scharfschützengewehre. Die Messe und die parallel stattfindende Fachkonferenz für europäische Polizeitrainer gehörten zu den wenigen Möglichkeiten, wo sie andere Waffen- und Ausrüstungs-Experten treffen könnten, erzählen mehrere Besucher. Obwohl sich die Messe vor allem an Polizeibehörden und nicht an Militärs richtet, ist das nicht bei jedem Stand eindeutig.

Das G36 von Heckler & Koch stand 2017 in einer anderen Variante bei der Landespolizei Schleswig-Holstein auf dem Wunschzettel

Gleich am Eingang zu Halle 10 steht ein offener Geländewagen, der aussieht, als habe ihn ein Games-Designer der Halo-Reihe entworfen. Den Überrollkäfig hat der Hersteller Polaris Defense mit einem Granatwerfer Kaliber 40 von Heckler & Koch verziert. Wann genau Polizisten ein Geländefahrzeug mit Infanteriewaffen brauchen, erschließt sich nicht sofort, aber vielleicht weiß ja einer der Mitarbeiter Rat. "Das Gefährt wurde natürlich für die Armee gebaut, aber für wen genau, kann ich Ihnen nicht sagen", sagt der Kundenberater Josias Alius von Polaris. Es gebe aber auch Polizeibehörden, die sich für solche Fahrzeuge interessieren. Auch aus Deutschland? "Da kann ich nichts zu sagen."

Verschiedene Hersteller präsentieren Schutzausrüstungen und Uniformen an unfreiwillig komischen Schaufensterpuppen

Eine schwedische Firma hat ein schweres Maschinengewehr als Eyecatcher dabei

Stummer als die Standmitarbeiter sind nur die Schaufensterpuppen, die an den Ständen stehen wie schweigende Bewacher. Dicke Waffen treffen auf volle Kunststofflippen. Am anderen Ende von Halle 10 präsentiert der Hersteller Swedish Ordnance seine Mündungsfeuerdämpfer und hat dafür eine Browning M3M aufgebaut, ein schweres Maschinengewehr. Das ist in etwa so, als würde man einen neuen Liegestuhl präsentieren und ihn nur zur Demonstration auf eine 20-Meter-Yacht stellen. "Die US-Army baut diese Geschütze auf ihre Humvees", sagt einer der beiden Mitarbeiter. Ob auch die Polizei so etwas benutze? "Nein", sagt er. "Noch nicht", ergänzt der andere und lacht.


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Abgesehen von einigen Mitarbeiterinnen an den Ständen sind auf der Messe nur Männer unterwegs. Fast jeder hier trägt Uniform. Ein paar Wenige von Polizei und Militär, viele andere aus der Anzugabteilung von Peek & Cloppenburg. Doch die dritte Gruppe ist wohl die größte: Überall auf den Messe-Gängen patrouillieren Besucher in zivil, aber mit Militärrucksäcken in Tarn, Sand, Oliv oder Schwarz, ausgestattet mit Schlaufen und Laschen. Man könnte Gewehrmagazine oder Verbandszeug daran befestigen. Oder wie hier die Trinkflasche für die Brotzeit später. Zum "Combat-Backpack", wie ein Besucher es nennt, tragen sie erdfarbene Funktionshosen, an den Knien verstärkt, die Hemdsärmel häufig nach oben gekrempelt.

Militärrucksäcke und Cargohosen sind ein inoffizielles Erkennungszeichen vieler Messebesucher

Verkaufen: Ja. Mit der Presse sprechen: Nein – Waffenhändler auf der Enforce Tac

Eine Gruppe von Rucksack-Männern beugt sich über einen ballistischen Schutzschild, in dessen Rückseite ein Bildschirm eingelassen ist. "Wir sind von der Landespolizei Schleswig-Holstein und für die Beschaffung von Waffen und Gerät zuständig", sagt Frank Oesinghaus, groß gewachsen, sportliche Brille, kein Rucksack. In seinem Bundesland habe man im Bereich Antiterror in den letzten Jahren vor allem neue Schutzausrüstung angeschafft. "Wir sind sehr gut ausgestattet", sagt er. Das stimmt. Manche sagen auch: zu gut. Die Landespolizei Schleswig-Holstein hatte für ihre ganz normalen Streifenwagen letztes Jahr ursprünglich 522 G36c-Sturmgewehre bei Heckler & Koch bestellt. Streifenbeamte sollen damit besser auf Anschläge reagieren können, bis Spezialeinheiten eintreffen. Die waren bei der Polizei bislang die einzigen, die die Standardwaffe der Bundeswehr benutzten. Die Grünen wehrten sich anfangs dagegen, stimmten dem Koalitionspartner SPD dann aber doch zu. Am Ende entschied man sich dann für halbautomatische Sturmgewehre Typ MCX vom Konkurrenten Sig Sauer.

An manchen Ständen zerfließen die Grenzen zwischen Ernst und Komik, wie hier bei einem Nachtsichtgerät oder einem Schutzharnisch für Diensthunde

Am größten Stand der Messe, beim Waffenhersteller Heckler & Koch, ist das Ritual immer gleich: Jemand greift sich eine Pistole aus der strahlend weißen Auslage, zieht den Schlitten zurück, legt an, löst den Fanghebel mit einem Schnappgeräusch und – klick, klick, klick – betätigt zur Probe den Abzug. Es schnappt und klickt auf der ganzen Messe, auch bei der Konkurrenz von SIG Sauer und FN Herstal. Heckler & Koch hat Ende 2016 verkündet, nur noch Staaten zu beliefern, die demokratisch und nicht korrupt sind. Jetzt braucht das Unternehmen neue Kunden.

Neben dem G36 steckt auch ein MG5 in der Auslage und verschluckt grelles Messelicht im matten Lack. Es wäre interessant zu wissen, für welche Polizeieinsätze dieses Maschinengewehr gedacht ist. Doch als der Mitarbeiter das Wort Presse hört, schaut er, als wäre er in einen Hundehaufen getreten. Ich solle mich an den Pressesprecher wenden, sagt er. Bei einem zweiten Anlauf, drei Stunden später, hat zwar ein Mitarbeiter Zeit, aber nur, um auf alle Fragen zu antworten, dass er sich dazu nicht äußern könne.

Das TW1000 RWG der Firma Hoernecke (l.) soll Pfefferspray über 15 Meter weit schießen können. Die HK416 A5 ist unter anderem beim KSK der Bundeswehr im Einsatz

Auch Tobias Hoernecke, Prokurist beim gleichnamigen Familienunternehmen, will erst wissen, wie wir zu seinen Produkten stehen, bevor er ein Interview zulässt. Das Produkt ist Pfefferspray. Das deutsche Familienunternehmen hat Abwehrsprays vor über 50 Jahren erfunden – ursprünglich für Briefträger gegen aggressive Hunde. Wichtig bei den Produkten sei, dass sie den Aggressor ausschalten, aber keine bleibenden Schäden hinterlassen, sagt Hoernecke. Das Spray verarbeite man in Lebensmittelqualität. Neben Pfeffersprays im Drogerie-Format hat Hoernecke etwas Besonderes mitgebracht: das Reizstoff-Wurfgerät TW1000 RWG. Es sieht aus wie ein Flammenwerfer. In den Tank passen zehn Liter Pfefferspray. Den Tank können Polizisten auf den Rücken spannen wie Taucher eine Sauerstoffflasche. Per Luftdruck können sie das Pfefferspray 15 Meter auf Menschen feuern. "Für den professionellen Einsatz gegen Menschengruppen zur Aufruhr-Kontrolle", heißt es in der Produktbeschreibung. Tobias Hoernecke scheint vor jeder Antwort lange nachzudenken. Sein Blick wandert über die nach Größe geordneten Pfeffersprays in der Auslage und ruht schließlich auf dem Zehn-Liter-Tank. Es gebe positive und negative Stimmen dazu, sagt er. Aber es sei ja nur ein Prototyp.

Auch der belgische Waffenhersteller FN Herstal wirbt auf der Messe um Kunden

Man kann verstehen, dass manches von dem, was Polizisten tun, manchmal aus Sicherheitsgründen geheim bleiben muss. Aber wenn Hersteller ein Geheimnis um ihre Produkte machen, als wären es nordkoreanische Atomsprengköpfe, weckt das eher die Neugierde. Nur bei Diehl Defence in Halle 11 wirkt der Produktmanager Michael Sporer endlich mal wie jemand, der stolz auf sein Unternehmen ist. Die Firma verkauft eine Art James-Bond-Gadget: eine EMP-Kanone, versteckt in einem SUV. "Das Gerät knipst per elektromagnetischem Impuls die Elektronik flüchtiger Fahrzeuge aus, ohne dem Fahrer zu schaden", sagt Sporer. In Australien habe man das erfolgreich getestet, aber nicht nur dort: "Es wurde für spezielle Einsätze auch schon in Deutschland verwendet." Die Bundeswehr als eigentlicher Hauptkunde von Diehl Defence nutze die Technik für polizeiliche Aufgaben im Ausland, zum Beispiel an Checkpoints. Aber Sporer sagt, mehr könne er nicht ins Detail gehen: "Die deutsche Polizei ist nicht daran interessiert, wenn man sagt, welche Technik sie einsetzt."

Der Behördenausstatter Etzel zeigt auf der Messe unter anderem einen inoffiziellen Aufnäher (l), mit dem Polizisten ihre Solidarität mit den Beamten zeigen können, die beim G20-Gipfel im Einsatz waren

Im Kantinenbereich haben Julian Pels und Benjamin Brozio, beide von der Deutschen Polizeigewerkschaft, gerade zu Mittag gegessen. Brozio sagt, er sei froh, dass es einen Ort wie die Enforce Tac gibt. "In den USA kannst du dich als Polizist auch in einem Walmart über Waffentechnik informieren", hier ließen das die Gesetze aus guten Gründen nicht zu. Er glaube schon, dass bei der Polizei viel dafür getan werde, die für den Ernstfall gut auszustatten. "Aber ob das ausreicht, werden wir leider erst dann ganz wissen, wenn wir mit dieser neuen Ausrüstung einen Anschlag oder einen Amoklauf erleben."

"Vor allem braucht die Polizei mehr Personal", wirft sein Tischnachbar Julian Pels ein. Wenn es überhaupt neue Waffen brauche, dann vor allem Elektroschockpistolen. Mit Tasern können man Messerangreifer abwehren, ohne zu schießen. "Das ist viel sicherer als mit Pfefferspray oder Schlagstöcken." Seine Gewerkschaft diskutiere mit Politikern seit Jahren darüber.

Während die Stände über Zieleinrichtungen für Panzerfäuste und Maschinengewehre informieren, träumen Pels und Brozio über ihren leeren Tellern von mehr Kollegen und Elektroschockpistolen. Beides werden sie in den Hallen um sie herum nicht finden. Taser gibt es auf der Messe nicht. Keiner der relevanten Hersteller hat einen Stand.

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