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Alle Fotos: Roman Kutzowitz

Wie die Demo des "III. Weg" in Chemnitz zu einem Reinfall wurde

Thomas Vorreyer

Thomas Vorreyer

In Chemnitz forderten Hunderte Rechtsextreme einen "Deutschen Sozialismus" und ein bisschen Liebe. Gebracht hat das nichts.

Alle Fotos: Roman Kutzowitz

"Ich sehe hier keine Ewiggestrigen und kein Pack", ruft der Mann hinter dem kleinen Holzpult. Sein blonder Unterlippenbart zittert. Er schaut nach rechts, sieht rund 30 fichtengrüne Fahnen mit einem Eichenkranz und einer Römisch Drei in die Höhe gereckt. Er schaut nach links, sieht eine menschgewordene Katalogpräsentation des Thor-Steinar-Shops, Sonnenbrillen und ein schwarz-weiß-rotes Banner mit einem Adler über einem Eisernen Kreuz. Als "Rassisten und Unmenschen" stelle "man" sie hin, fährt Tony Gentsch fort. Die Demoteilnehmer scheint das nicht zu stören. Sie buhen nicht, sie klatschen nicht, sie schweigen still.

Gentsch ist Pressesprecher der rechtsextremen Partei "Der III. Weg" und diese phlegmatische Veranstaltung hier ihr Versuch, sich als einzig wahre Arbeiterbewegung in Deutschland zu präsentieren. Gemeinsam mit "Autonomen Nationalisten" hat die Partei für den 1. Mai zum "Arbeiterkampftag" in Chemnitz aufgerufen – während zur selben Zeit die NPD in Erfurt demonstriert, aus dem linken Lager die Hedonistische Internationale durch ein Berliner Villenviertel zieht und Gewerkschaften überall in Deutschland auf die Straßen gehen. Die Kleinpartei hebt sich von ihnen unter anderem mit dem alten Spruch "Arbeit adelt" ab. Die Losung stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde zu NS-Zeiten vom Reichsarbeitsdienst verwendet.

Die "Aryan Hope" marschiert vor leeren Fenstern

III.-Weg-Pressesprecher Tony Gentsch am Rednerpult: "Rassisten und Unmenschen" gebe es hier nicht

Die Menschen, die die Partei derart ansprechen möchte, glaubt sie, auf dem Chemnitzer Sonnenberg zu finden. Der Stadtteil hat eine Geschichte von Angriffen durch Rechtsextreme. Die später verbotene Gruppe "Nationale Sozialisten Chemnitz" war hier bis 2014 aktiv, ebenso das mittlerweile aufgelöste "Rechte Plenum", das versuchte, den Stadtteil in einen "Nazikiez" zu verwandeln. Das Büro einer Linken-Politikerin wurde in dieser Zeit mehrfach beschädigt, in einem Wohnhaus, in dem ausländische Mitbürger wohnten, mehrfach Feuer gelegt.

Der III. Weg will sich den Sonnenberg aber aus anderen Gründen als Laufsteg ausgesucht haben. Jeder Vierte in dem Stadtteil bezieht Sozialleistungen, die Arbeitslosigkeit liegt bei über zwölf Prozent. In vielen Fenstern der Klinkerbauten prangt auf Schildern "Wohnung zu vermieten". Auch an der Ecke Uhlandstraße/Gießerstraße, an der gegen 14 Uhr die Zwischenkundgebung abgehalten wird. Was die Rechten zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon ahnen: Anscheinend hat hier niemand auf sie gewartet.


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Die Straße ist leer, nur ein Vater mit einem dicken schwarzen Schnauzer und seine kleine Tochter schauen angstvoll aus den Fenstern. Statt Beifallsbekundungen der Sonnenberger Arbeiterschaft dringt nur der Protest einer Handvoll Linker hinter den Polizeiwagen hervor, die die Uhlandstraße zugeparkt haben. Drei Jugendliche schwenken eine EU-Fahne. Der stellvertretende Parteivorsitzende Matthias Fischer tritt ans Mikro. Der NSU-Terrorist Uwe Mundlos hatte seinen Namen in einer Telefonliste geführt. Jetzt ruft Fischer "Aufstellung annehmen!", die neun Trommler in der vordersten Reihe verfallen in stoisches Geklopfe und der Trupp der rund 650 Menschen zieht weiter. An Fischers linker Schläfe schimmert das Tattoo "Aryan Hope" unter den kurzen Haaren hervor.

Autonome Nationalisten bei der Demo des III. Wegs
Auch auf der rechten Demo fand sich ein schwarzer Block rund um die "Autonomen Nationalisten"

Für einen vermeintlichen Hoffnungsträger hat Matthias Fischer einige Karriereknicke zu verzeichnen. Die Kameradschaft "Fränkische Aktionsfront", die vom NSU eine Geldspende per Post erhielt und von Fischer maßgeblich geführt worden sein soll: 2004 verboten. Das "Freie Netz Süd", Bayerns größtes Netzwerk von Rechtsextremen: 2014 verboten. Einzig die Jungen Nationaldemokraten, deren bayerischer Landesvorsitzender Fischer zwischenzeitlich war, gibt es noch. Und eben den III. Weg, der sich am Anfang zu einem nicht unwesentlichen Teil aus dem ehemaligen Freien Netz rekrutierte.

Dass der III. Weg nach diesem Tag viele Anfragen von potentiellen Neumitgliedern bekommen wird, scheint zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen. Selbst ein Passant in Thor-Steinar-Jogginghose will sich nicht einreihen, grüßt aber einige Mitläufer per Handschlag. Die wenigen Anwohner, die bei Sonnenschein in ihren Wohnungen hocken, schauen überwiegend belustigt bis teilnahmslos auf das Schauspiel hinab. Ein Mann mit schwarzen langen Locken steht mit seiner Freundin auf einem Plattenbaubalkon in der Tschaikowskistraße, mittlerweile heisere Wehrmachtssoldaten-Tattooträger brüllen "Kriminelle Ausländer raus!". Eine 63-jährige Dame mit lila-getöntem Haar zwei Balkone weiter erwidert auf die Frage, woran sie dieser Aufzug erinnere: "An Hitler!" Ihre Mutter schlägt die von Altersflecken bedeckten Hände vor dem Gesicht zusammen und flüchtet kopfschüttelnd ins Wohnzimmer.

"Eure Uniformen und Abzeichen werden keinen Wert mehr haben"

Anwohner auf dem Sonnenberg beobachten die Demo

Die Demo biegt an einem Discounter vorbei auf die Jakobstraße. Eigentlich hatten zwei angemeldete Gegendemos an dieser Stelle die Rechten blockieren wollen. Während sich in der Innenstadt mehr als 2.000 Menschen zu Protesten eingefunden hatten, versammelten sich 1.500 weitere seit 9 Uhr morgens nördlich und südlich des Sonnenbergs unter Schildern wie "Wir sind niedlich, was seid ihr". Die genehmigte Route überschnitt sich gleich an zwei Stellen mit der Neonazi-Route. Die Polizei hatte im Vorfeld angekündigt, "unter Wahrung des Neutralitätsprinzips" den Teilnehmern aller Demos an diesem Tag "das zu gewährleisten, was das Versammlungsrecht vorsieht".

Zwei Durchbruchsversuche kleinerer Gruppen aus der Demo des Bündnisses "Chemnitz Nazifrei" münden allerdings in einer Pfeffersprayfontäne und den Knien und Armen einiger Polizisten. Beim Versuch, den Sprintenden den Weg zu versperren, rammt ein Polizeiwagen einen geparkten Kombi. Es gibt mehrere Festnahmen. Die Demonstranten müssen sich damit begnügen, den Rechten ein gellendes Pfeifspallier zu bieten, während diese mittlerweile nach einem kurzen Abstecher durch das Lutherviertel über die Zieschestraße und über die Pferdeäpfel der berittenen Polizei Richtung Zentrum laufen.

Polizist sprüht Pfefferspray auf linken Demonstranten
Die Polizei setzte Pfefferspray ein, um die Durchbruchsversuche einiger Gegendemonstranten zu vereiteln

Die Beamten schützen die Neonazis, obwohl Daniel Bender, beim III. Weg sogenannter Gebietsleiter "West", zuvor bei einer erneuten Zwischenkundgebung gesagt hatte: "In unserem neugeordneten Deutschland werden eure Uniformen und Abzeichen keinen Wert mehr haben." Vielleicht haben die Beamten dabei allerdings auch bemerkt, dass Bender minutenlang keinerlei Applaus von seinen in der Sonne stehenden Gesinnungsgenossen erhalten hatte, während er über die Einführung des 1. Mai als "Volksfeiertag" unter den Nationalsozialisten gesprochen hatte. Vielleicht grübeln die Polizisten auch noch, warum auf einer Demo, auf der es angeblich keine "Ewiggestrigen" geben soll, so viele Reden in die Vergangenheit verweisen.

Dass ein Teil der schwarz-rot-braunen Masse dennoch begeisterungsfähig ist, zeigt er am Start- und Endpunkt der Demonstration, einem Parkplatz am Rande der Innenstadt. Während sich die Fahnen- und Trommelträger im Kreis um das Rednerpult aufstellen und die Gegendemonstranten hinter der Absperrung pfeifen, bildet sich eine gut 30 Meter lange Schlange am Verpflegungsstand. Es gibt: Bockwurst zwischen lapprigem Toast. Akustisch begleitet das der letzte Redner, Maik Arnold, bis zu ihrem Verbot 2014 Mitglied der "Nationalen Sozialisten Chemnitz".

Linker Demonstrant erhebt seinen Mittelfinger am Rande der Neonazi-Demo in Chemnitz
Ein Gegendemonstrant zeigt den Neonazis das internationale Handzeichen für "Arschloch"

Arnold, der "dieses System auf den Müllhaufen der Geschichte" werfen will, wünscht seinen Kameraden, dass sie zu Hause ihre Familien in die Arme schließen können. "Mit Sicherheit sei es kein einfacher Weg" an diesem Tag gewesen, sagt Arnold und zeigt rüber zu der Gegendemo, "wenn man hundertfach von diesen Idioten Arschloch geheißen wird".

Aber es bleibt keine Zeit für eine Debatte darüber, wie über 4.000 Menschen zu solchen oder anderen Bezeichnungen für die Aktivisten auf dem Parkplatz kommen. Oder darüber, warum selbst in einem Viertel wie dem Chemnitzer Sonnenberg, in dem sich Neonazis seit Jahren festzusetzen versuchen, keine Arbeitermassen auftauchen, um rechtem Getrommel hinterherzulaufen.

Der III. Weg läuft an dem Schriftzug
Antifaschisten hatten die Wegstrecke des III. Wegs zuvor mit Botschaften besprüht
Älterer Herr in grauer Jacke und mit Hund hebt die linke Arm zur Faust
Ein Renter solidarisiert sich mit den Gegendemonstranten
Die Gegendemonstration läuft los
Polizisten versuchen, mit Händen, Füßen und Schlagstöcken die losstürmenden Gegendemonstranten aufzuhalten
"Arbeit adelt" ist eine aus NS-Zeiten bekannte Losung
Matthias Fischer (rechts) neben dem ehemaligen NPD-Funktionär Thomas "Steiner" Wulff
Podium des III. Wegs
Zwei Fahnenträger stehen um das Podium herum
Ein Demoteilnehmer mit Glatze, Sonnenbrille, Faustring-Tattoo und Thor-Steinar-Pulli
Ein Teilnehmer aus dem hinteren Zug der rechten Demo
Deutscher Soldat (tot) auf deutscher Haut (allem Anschein nach lebendig)
Junger Mann steht mit Clownsnase auf Balkon, im Vordergrund läuft die Demo des III. Wegs
Ein Anwohner im Lutherviertel protestiert gegen die Demo
Polizist am Rande der Demonstration

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