Reproduktive Rechte

Memes statt Plastikföten: Abtreibungsgegner sind im 21. Jahrhundert angekommen

"Pro-Life"-Anhänger wollen nicht länger als extreme Fanatiker gesehen werden – und tauschen Holocaust-Vergleiche gegen Hashtags.
21.6.17
Foto: imago | Ikon Images [bearbeitet]

Ich kann mich noch ziemlich genau daran erinnern, wie die Frau aussah, die mir vor eineinhalb Jahrzehnten den ersten Abtreibungs-Flyer in die Hand gedrückt hat: goldumrandete Brille, grauer Dutt, Kreuzkette und ein beiger Trenchcoat, wie ihn standesgemäß nur Senioren oder Exhibitionisten tragen. Mit ihrem sechsseitigen, bebilderten Bekenntnis gegen Abtreibungen sollte sie mir nicht nur kurzzeitig die Fassung rauben, sondern auch meine Vorstellung von einem archetypischen Abtreibungsgegner und anderen Bordsteinbekehrern für immer prägen.

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An dem primären Ziel selbsternannter "Pro-Life"-Aktivisten hat sich seither nicht viel verändert: Schwangerschaftsabbrüche ausnahmslos verbieten. Nur ihre Rhetorik und Bildsprache hat sich an die Generation Y und den Aufstieg sozialer Medien angepasst. Inklusive inspirierender Fotoposts und betont jugendlich inszenierter YouTube-Videos.

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Ein Trend, der sich laut Medien- und Kommunikationspsychologin Dr. Lena Frischlich auch bei anderen (zugegebenermaßen extremeren) Ideologien beobachten lässt. So seien beispielsweise insbesondere "Rechtsextremisten und Islamistische Extremisten wirklich fleißig darin, speziell jugendkulturelle Phänomene aufzugreifen und, wie Rainer Becker sagen würde, eine Erlebniswelt 'Extremismus' aufzubauen." Und die darf im ersten Moment natürlich nicht abschreckend wirken.

Moderne Abtreibungsgegner sprechen deswegen deutlich seltener von Mord und Sünde. Stattdessen positionieren sie sich bewusst als "Lebensschützer" und treten "für eine Gesellschaft, in der Abtreibungen überflüssig, unnötig und undenkbar ist und Mütter und Kinder geschützt werden" ein, wie es die österreichische Gruppe Jugend für das Leben auf ihrer Facebook-Seite formuliert. Das ist ein deutlicher Unterschied zu Seiten wie Babycaust, die Abtreibungen mit dem Holocaust vergleichen und nicht nur in ihrer Ansprache, sondern auch dem verwendeten Bildmaterial deutlich expliziter und dramatischer sind. "Wir wollen nicht mit dem Finger zeigend verurteilen und anklagen", erklärt Myroslava Mashkarynets, die Pressesprecherin der Jugend für das Leben, gegenüber Broadly.

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"Eine echte Feministin würde für die Rechte der ungeborenen Mädchen kämpfen!"

"Wachrütteln" will zwar auch der "Pro-Life"-Nachwuchs, allerdings eher dadurch, dass man "die Schönheit sowie den Wert jedes Menschen ab dem Beginn seines Lebens im Mutterleib" zeige. "Vielen Leuten ist der Schutz der vorgeburtlichen Kinder sehr wichtig, sie trauen sich aber kaum, sich in der Öffentlichkeit gegen Abtreibung auszusprechen. Diesen Leuten wollen wir gutes Material zur Verfügung stellen, das sie dann liken, teilen usw. können", so Mashkarynets.

Weil man unsere Generation besser mit Memes als mit blutigen Plastikembryonen erreicht, verpacken viele Organisationen, die bewusst junge Menschen erreichen wollen, ihre Botschaften inzwischen in niedlichem Baby-Content und nachdenklichen Spruchbildern. Zwischen den üblichen Verdächtigen wie Mutter Theresa und Gandhi findet sich da auch der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan ("Abtreibung wird nur von Leuten verteidigt, die selbst schon geboren wurden"). Pro Life Deutschland setzt derweil auf Teenie-Idol Justin Bieber und lässt verlauten, dass der nur auf der Welt sei, weil sich seine Mutter trotz familiärem Druck gegen eine Abtreibung entschied.


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Interessant ist auch, wie offen die Organisationen mit Feminismus flirten. "Eine echte Feministin würde für die Rechte der ungeborenen Mädchen kämpfen!", heißt es bei der Aktion Lebensrecht für Alle. Die österreichische Jugend für das Leben zitiert Frauenrechtlerin Alice Paul auf Instagram mit der Aussage, dass Abtreibung die "ultimative Ausbeutung der Frau" sei.

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Pressesprecherin Mashkarynets betont gegenüber Broadly, dass "Pro-Life" immer auch automatisch Pro-Frau sei – schließlich würde man sich den Sorgen und Nöten der Schwangeren annehmen, anstatt sie zu einem Schwangerschaftsabbruch zu drängen. Dass die Lebensrechtsbewegung gleichzeitig aber eben kein Interesse daran hat, Frauen eine Wahlmöglichkeit zu lassen – wer Abtreibung verbieten will, lässt keine Alternativen zur Mutterschaft zu –, scheint da keine Rolle zu spielen. Statt "Mein Körper gehört mir" heißt es "Mein Bauch gehört dir". Mit weiblicher Selbstbestimmung hat das recht wenig zu tun.

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Auch auf YouTube wird um die Aufmerksamkeit der jungen Zielgruppe gekämpft – wobei Bildsprache und Rhetorik hier oftmals rabiater sind als in anderen sozialen Netzwerken. Der Journalist und YouTuber Mirko Drotschmann aka Mr. Wissen2Go sorgte im April für einen kleinen Skandal, als er in einem Video die Frage diskutierte: "Ist Abtreibung Mord?" Das Video löschte er wenig später wieder und erklärte gegenüber Broadly, bewusst eine radikale Position eingenommen zu haben, um Diskussionen anzuregen. (Drotschmann ist nach eigener Aussage gegen Abtreibungen, hält die diesbezügliche gesetzliche Regelung in Deutschland allerdings für "gut".) Ebenfalls eher unrühmlich gestaltete sich der Versuch des Mannheimer Familienpartei-Mitglieds Julien Ferrat, die Grundthese "Abtreibung ist Mord" in einen tränendrüsigen Rapsong zu verpacken. Seine Entscheidung, in "Dieser Konflikt" Szenen einer Abtreibung zu zeigen, wurde von mehreren Medien kritisiert.

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Die österreichische Beratungsstelle Es gibt Alternativen gibt sich da deutlich weniger martialisch – und somit auch weniger angreifbar. Auf ihrem YouTube-Kanal dürfen junge Frauen vor einer animierten Landschaft wie aus einem Bilderbuch erzählen, warum sie sich trotz aller Widrigkeiten dafür entschieden haben, ihr Kind auszutragen. Mit echten Alternativen hat das Ganze trotz allem nicht viel zu tun. Letztendlich steckt hinter der blumigen Fassade noch immer die christlich-fundamentalistische Weltanschauung: Wenn du schwanger bist, wird das Kind auch ausgetragen.

Dass das Thema Abtreibung hier ganz bewusst auf persönliche Einzelschicksale heruntergebrochen wird, ist dabei kein Zufall. Laut Frischlich gäbe es inzwischen mehrere Studien, die zeigen, dass Erfahrungsberichte eine besondere Überzeugungskraft entwickeln können. "Wenn wir uns auf die Geschichte einlassen und uns zum Beispiel mit der Protagonistin identifizieren, dann hinterfragen wir die logische Stimmigkeit der Berichte weniger und können dadurch leichter überzeugt werden." Somit könne eine sympathisch vermittelte, emotionalisierende Geschichte überzeugender wirken als Argumente.

Dass reproduktive Rechte nicht nur eine ethische, sondern auch eine politische Frage sind, zeigt sich an der deutschen Jugend für das Leben. Die gehört nicht zur österreichischen Gruppe gleichen Namens, sondern ist der Jugendableger der Aktion Lebensrecht für alle, kurz ALfA. "Da ist es! Das US-Abgeordnetenhaus hat heute #DefundPP gestimmt! Jetzt muss noch der Senat und der US-Präsident zustimmen und Planned Parenthood erhält bald keine Steuergelder mehr! #ProLife", jubelten die jungen Abtreibungsgegner vor einigen Wochen. Durch das Teilen solcher Beiträge geben sie ihren Positionen eine vermeintliche Legitimation. Gleichzeitig zeigt sich auch: Wer bei der Beschneidung reproduktiver Rechte von politischen Erfolgen berichten möchte, muss meist über die eigene Landesgrenze hinausblicken.

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"Gerade bei moralischen Themen will man zu 'den Guten' gehören."

Klar, auch die AfD stellt sich in ihrem Parteiprogramm betont "gegen alle Versuche, Abtreibungen zu bagatellisieren, staatlicherseits zu fördern oder sie zu einem Menschenrecht zu erklären". (Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei, Beatrix von Storch, läuft beim Marsch für das Leben in Berlin, der größten Versammlung von Abtreibungsgegnern in Deutschland, auch gerne mal persönlich in erster Reihe mit.) Was hierzulande als reproduktiv eher radikale Position gilt, findet in den USA jedoch seit Jahren im politischen Mainstream statt. Eine Situation, von der die deutsche "Pro-Life"-Bewegung nur träumen kann.

Während amerikanische Seiten wie "I am Pro-Life" und "National Pro-Life-Alliance" um die eine Million Likes haben, bewegt sich die Anzahl bei deutschen Seiten zwischen 500 und 5000 Facebook-Fans. Auch auf Instagram finden sich unter Hashtags wie #lebensrecht oder #prolife kaum deutsche Treffer. Zwar befinden sich unter den 5.000 selbsternannten Lebensschützern, die jährlich beim Marsch fürs Leben in Berlin auf die Straße gehen, auch viele junge Menschen. Doch die Zahlen scheinen zu stagnieren, wie Ulli Jentsch vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin 2015 gegenüber der taz äußerte. Der Grund: "Alles, was im Moment gesamtgesellschaftlich diskutiert wird, dreht sich um Flüchtlinge oder Terror. Da gibt es keine Anschlussmöglichkeit für Anti-Abtreibungs-Politik."

Dazu passt auch, dass die angepeilte Zielgruppe scheinbar nicht so richtig anspringen will. Wer auf den Seiten junger "Pro-Life"-Organisationen kommentiert, ist oft bereits selbst Vater oder Mutter geworden und in anderen christlich motivierten Gruppen wie Theologie des Leibes oder Abtreibung ist Mord unterwegs. Geteilt werden die Beiträge weniger von jungen Lebensschützern in spé, sondern von anderen Lebensrechtsorganisationen. Die Bewegung scheint zumindest in Deutschland also eine recht inzestuöse Angelegenheit zu sein.

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"Menschen mögen Inhalte, die ihr Weltbild bestätigen, lieber, als Inhalte, die ihre Einstellungen hinterfragen", erklärt Medienpsychologin Frischlich den Wunsch, komplexe Themen auf einfache Pro- und Kontra-Positionen herunterzubrechen. "Gerade bei moralischen Themen will man zu 'den Guten' gehören. Inhalte die uns daran zweifeln lassen, dass wir die Guten sind, sind da ziemlich unangenehm."

Anna Ott, Vorsitzende der deutschen Jugend für das Leben, scheint derweil keinen Zweifel daran zu haben, dass sie und ihre Mitstreiter sich auf dem richtigen Weg befinden. Auf die Frage, woran sie merkt, dass ihre Botschaft in der Gesellschaft ankommt, antwortete sie in einem Interview mit dem katholischen Sender EWTN: "Die Gegendemonstranten sind ja auch immer da. Scheinbar sind wir manchmal doch wichtiger, als wir denken."