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Wasser

Ich habe auf einer Kunstausstellung Wasser mit meinen Gedanken bewegt

Unser Autor erzählt, wie es ist, wenn deine Gedanken stärker sind als physische Materie.
02 Juni 2015, 9:18am

Der Autor meditiert, während Eunoia II von Lisa Park seine Gehirnwellen visualisiert

Letzten Freitag hatte ich eine telekinetische Erfahrung. Nachdem ich an einem Weinstand vorbeigegangen war—wo man eine milde Gabe von drei Dollar erwartete—sah ich die Augmented-Reality-Skulptur Format No. 1 der dänischen Künstlerinnen Louise Foo und Martha Skou an der Wand, kämpfte mich dann durch die Menschenmenge, die sich vier Minuten zuvor anlässlich der Eröffnung der zweiteiligen "trans-sensorischen" Kunstausstellung SYNAESTHETICS im Williamsburger Reverse Space gebildet hatte, und versetzte schließlich kraft meiner Alpha-, Beta-, Delta- und Theta-Gehirnwellen das Wasser in den 48 gefüllten Schalen in Lisa Parks interaktiver Installation Eunoia II in sanfte Wellen.

Es ist eine schöne Sache, sich Lisa Parks Kunstwerke in Videos anzusehen oder zuzuhören, was sie darüber erzählt, aber es selbst auszuprobieren ist Welten davon entfernt, es nur auf dem Bildschirm zu sehen. Die Idee hinter der Installation ist, dass unsere Gehirnwellen einen direkten Effekt auf unseren physischen Körper haben, der zu 60% aus Wasser besteht. Park erzeugt mit ihrer Installation eine symbolische Visualisierung der Macht unseres Geistes über die Materie. Die Daten, die sie mit einem Gehirnwellenmessgerät aufzeichnet, wandelt sie in Klänge um und gibt diese über Lautsprecher wieder, welche mit flachen Wasserbecken verbunden sind.

Lautsprecher verursachen Vibrationen in den kleinen Wasserbehältern, die über die Ausstellungsfläche verteilt sind

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Als sie mir dann den kalten Metallsensor des bluetoothfähigen EEG-Headsets an die Stirn presste und einen weiteren an mein Ohrläppchen klemmte, erwachten die meisten der basslastigen Lautsprecher zum Leben und sendeten kräftige Wellen durch 40 der 48 hexagonal angeordneten Wasserschalen, aus denen sich das Kunstwerk zusammensetzt.

Ich konnte versuchen, was ich wollte, in den übrigen acht Wasserbecken bewegte sich nichts. Während mein kabelloses Headset Signale meiner Gehirnwellen an die beiden äußeren Wasserringe schickte, kontrollierte ein zweiter Hirnscanner die acht inneren Lautsprecher mittels einer neuen Funktion, die Park  im Anschluss an die erste Präsentation von Eunoia II in der Kunstnachwuchsschmiede NEW INC. entwickelt hatte. Es macht aus dem Einzelerlebnis der Probanden eine Erfahrung verändert, für die eine zweite Person benötigt wird. "Ich will es mit Paaren ausprobieren“, erzählt mir Park und erklärt die neue Anordnung des Experiments. "Wenn sie [die Partner] auf einer Wellenlänge sind, sollten die Vibrationen des Wassers es auch sein."

Eunoia II macht nun die Komplexität einer Beziehung sichtbar anstatt lediglich den Gefühlszustand einer einzelnen Person. Als dann aber ein weiterer mir fremder Besucher das zweite EEG aufsetzte, wurde mir durch unsere stark unterschiedlichen Vibrationen klar, wie schwierig es ist, überhaupt auf der selben Wellenlänge zu liegen.

Ich konnte einfach nicht anders und sprang immer wieder hin und her zwischen dem angenehmen Gedanken, wie cool die Installation doch sei, und den stressauslösenden Überlegungen darüber, wie seltsam es sich doch anfühlte, vor Dutzenden Kunstliebhabern, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, meine Gedanken zu präsentieren. Die Vibrationen wurden bei diesem Gedanken augenblicklich sehr stark und ich musste mich selbst beruhigen, um sie wieder auf ein normales Niveau zu bringen.

Man kann diese starken Ausschläge und weitere meiner Gehirnwellenaktivitäten dank eines von Park entwickelten Infografikgenerators namens "Eudaimonia" sehen. Das EEG ist an ein iPad angeschlossen, das Sounds an die Lautsprecher sendet und – mittels einer von Jihyun Lee speziell für die Installation entworfenen App – gleichzeitig die Gehirnwellenmuster visualisiert, die ich während Zeit, in der ich an die Installation angeschlossen war, erzeugt habe. Oben zu sehen ist das Auswertungsbild meiner Daten, welches zu Vergleichszwecken über das meines Partners gelegt und hinterher auf den Instagram-Account von Eudaimonia hochgeladen wurde.

Aus meiner Erfahrung am Steuer einer durch Gehirnwellen kontrollierten Maschine – selbst einer so abstrakten wie Eunoia II – behaupte ich, dass die Technologie der EEG-Analyse noch nicht vollständig ausgereift ist: Die aktuell verfügbare Hardware funktioniert gut bei Projekten wie der Erzeugung von Musik, der Visualisierung von Gehirnwellen oder dem telekinetischen Malen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man damit jetzt schon Roboter oder mechanische Wearables lenken kann. Die EEG-Scanner von Emotiv, die Park benutzt, sind preisgünstig und erfüllen ihren Zweck. Die Wasserschalen gaben meinen geistigen Aerobic-Übungen eine sichtbare Form, aber ich bin mir sicher, dass mit teureren Geräten noch exaktere Abbildungen möglich sind – Geräte, die in den kommenden Jahren auf den Markt kommen könnten.

Ungeachtet dessen, war ich 2015 in der Lage, Wasser mit der Kraft meiner Gedanken zu kontrollieren und ich habe gelernt, dass ich gelassener sein sollte. Spielstand Gehirnwellenscanner vs. Kunst – 1:2.

Lisa Park (links) erklärt den Besuchern (rechts) ihre Installation Eunoia II


>> Mehr über Lisa Parks Arbeit erfahrt ihr auf ihrer Website