Menschen

Das Augenlid zuckt und hört nicht auf

Liegt es am Kaffee? Sind es die frühen Anzeichen von multipler Sklerose? Oder kommt es einfach nur vom Prüfungsstress? Wir finden es heraus.
7.7.16
Ein nicht zuckendes Augenlid
Foto:  Chelsea Victoria

Laut WebMD, der modernen Version des Orakels von Delphi, entwickeln die meisten Menschen an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben ein nervöses Zucken am Auge. Das passiert, wenn die Nerven um das Lid herum gewissermaßen fehlzünden. Das Zucken kann von einem leichten Flattern des Augenlids bis hin zu einem vollständigen spasmischen Zwinkern reichen, das mit einem Zucken im Nacken und den Schultern einhergehen kann. Gutartiger essentieller Blepharospasmus heißt das in der kunstvollen Sprache der Ärzte. Betroffene berichten zum Teil davon, dass sie ihre Augen manchmal über mehrere Stunden lang nicht öffnen konnten. Bei den meisten Menschen ist das Zucken am Auge bei Weitem nicht so schlimm, aber woran genau liegt es überhaupt, dass das Augenlid anfängt zu zucken?

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„Mein Augenlid hat ungefähr drei Monate lang gezuckt, als ich an meiner Doktorarbeit geschrieben habe", sagt Professor Nathalie Haurberg. „Und als ich fertig war, ging es wieder weg. Vielleicht wird es dadurch geheilt, dass man seine Ziele erreicht?" Damit liegt sie nicht ganz falsch. Zwar kann das Zucken nicht durch persönliche Errungenschaften geheilt werden, aber Stress ist eine der Hauptursachen für nerviges Augenzucken. Jodie*, eine ehemalige Krankenschwester, sagt, dass das Zucken am Auge vor allem durch „Schlafmangel in Verbindung mit Stress" verursacht wird. Jodies Auge fing an zu zucken, als sie im letzten Jahr auf der Schwesternschule war. „Während ich meinen Abschluss gemacht und regelmäßig die 12-Stunden-Nachtschichten in der Notaufnahme übernommen habe, um meine Ausbildung zu bezahlen, hat mein linkes Augenlid sieben Monate lang andauernd gezuckt", sagt sie.

„Normalerweise wird das Zucken am Auge durch zu viel Koffein aus Kaffee oder Softdrinks hervorgerufen", sagt Dr. Philip Rizzuto, Pressesprecher der American Academy of Ophthalmology. „Stress und Schlafmangel können ebenfalls mögliche Auslöser sein. Wenn wir davon sprechen, dass das Auge nur auf einer Seite zuckt, sind das die häufigsten Ursachen." Es macht auch durchaus Sinn, dass vor allem Koffein und Stress für das Zucken am Auge verantwortlich sind, da beides einen immensen Einfluss auf unser Nervensystem hat. Dass dein Auge zuckt, ist quasi ein Symptom dafür, dass dein Nervensystem gerade dabei ist, komplett auszurasten.

Ein zuckendes Augenlid kann jedoch auch ein Zeichen für eine ernstzunehmende Erkrankung sein. Wie also kann man zwischen einem harmlosen und einem schwerwiegenden Augenzucken unterscheiden? „Ich würde zunächst einmal anfangen, genauere Fragen dazu zu stellen", sagt Jodie. „Wann hat es angefangen? Wodurch wird es verstärkt? Wodurch hört es wieder auf? Wie lange dauert es für gewöhnlich? Gibt es irgendwelche weiteren Symptome?" Gerade das Achten auf weitere Symptome ist ziemlich wichtig, der Blepharospasmus kann nämlich durchaus nur Begleiterscheinung einer schwerwiegenderen Erkrankung sein. Um es differentialdiagnostisch abgrenzen zu können, müssen folgende Fragen gestellt werden: Hängen deine Augenlider (Symptom für eine Bell-Lähmung)? Zeigst du irgendwelche anderen repetitiven Bewegungen oder Tics (Tourette-Syndrom)? Hat sich dein Sehvermögen irgendwie verändert (Verletzung der Hornhaut)? Läuft deine Nase öfter (Histamine im Schlafsand)? Tun deine Augen weh (grüner Star)? Zuckt auch dein Nacken (zervikale Dystonie)? Kribbeln deine Finger (multiple Sklerose)? Fragen wie diese helfen dabei, ernsthafte Erkrankungen auszuschließen und eine sehr viel wahrscheinlichere Diagnose zu stellen: Du hast einfach zu viel Stress.

„Wenn eine ganze Seite deines Gesichts zuckt oder pulsiert—nicht nur dein Lid", sagt Rizzuto gegenüber Broadly, „solltest du umgehend zum Arzt. Das ist zwar äußerst selten, könnte aber ein Zeichen für eine ernstzunehmende Erkrankung sein, die unter Umständen eine medikamentöse Behandlung oder eine Operation erforderlich macht."

Das Zucken am Auge tritt auch als Nebenwirkung bei einigen Medikamenten auf. „Ich kriege das von dem Medikament, das mir gegen meine Migräne verschrieben wurde", sagt Abbey Friedman. Sie nimmt Cymbalta, damit ihr Kopf nicht vor Schmerzen explodiert. Cymbalta ist ein Antidepressivum, das auch zur Behandlung von Nervenschmerzen eingesetzt wird. Friedman sagt, dass sie größtenteils migränefrei ist, „aber nachdem das alles neurologisch wirkt, pfuscht es auch an den Muskeln rum, was zu dem Zucken führt." Das Zucken kann auch auf andere Teile ihres Gesicht ausstrahlen. „Meine Augenbraue zuckt eigentlich auch fast immer ganz leicht", sagt sie.

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Wenn dein Auge einfach nicht aufhören will zu zucken, kann dir dein Arzt auch Botox verschreiben. Das Medikament wurde ursprünglich entwickelt, um Nervenstörungen zu behandeln—glatte, ausdruckslose Gesichter waren eigentlich nur ein Nebeneffekt. „Für eine temporäre Linderung kann auch Botox in der Nähe der betroffenen Stelle injiziert werden", sagt Dr. Rizzuto. „Aber das ist in der Regel nicht das erste Mittel, zu dem man greifen würde." Naheliegender und deutlich weniger invasiv: weniger Koffein, mehr Schlaf. Bei den meisten Menschen vergeht das Augenzucken auch von allein wieder. Der Komiker Chris Clements litt sechs Monate lang unter Muskelspasmen am Augenlid, die „zum Teil eine Stunde lang oder länger dauerten." Clements ist damit nie zum Arzt gegangen, da er es immer auf den Stress schob. „Am einen Tag war es da und am nächsten war es wieder weg", sagt er. „Währenddessen war es aber trotzdem ziemlich nervig."

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Deshalb mach dir keine Sorgen: Du zeigst wahrscheinlich keine frühen Anzeichen von MS oder eines Aneurysmas. „Ein Aneurysma im Gehirn äußert sich nicht durch ein leichtes Zucken am Auge", sagt Jodie. „Ich habe noch nie erlebt, dass sich eine lebensbedrohliche Krankheit durch ein Zucken im Augenlid manifestiert hat."

Zumindest bis jetzt.


*Name wurde geändert.