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Warum wir Bad Boys so sexy finden

Eine Studie hat herausgefunden, dass risikobereites und selbstschädigendes Verhalten wie Rauchen oder Trinken Männer tatsächlich attraktiver wirken lässt. „Ach was!?”, dachten wir uns—und haben einen Experten gefragt.
11.5.16
Photo by Igor Madjinca via Stocksy

Ich würde gerne behaupten können, dass Raucher und Trinker (risikobereite Männer, im Volksmund auch als „Bad Boys" verschrien) nicht heißer sind als vernünftige, schüchterne Jungs, die ihr Leben und ihren Genussmittelkonsum im Griff haben. Aber ich kann es einfach nicht.

Dank einer kürzlich veröffentlichten Studie muss ich mich auch nicht mehr umständlich dafür rechtfertigen, sondern kann das Ganze wissenschaftlich belegen. Die Studie mit dem Titel „Das Syndrom von jungen Männern, Zigaretten und Alkohol: Rauchen und Trinken als kurzfristige Paarungsstrategie" wurde von Eveline Vincke von der Ghent Universität in Belgien durchgeführt. Vinckes Studie „erforscht die Möglichkeit, dass männliche Jugendliche körperlich risikoreiche Verhaltensweisen als kurzfristige Paarungsstrategie einsetzen." Die Ergebnisse bestätigen diese Annahme und zeigen, dass Rauchen und Trinken sexuell anziehend wirken, da sie dem Körper schaden. „Trotz der Bemühungen junge Menschen für die Gefahren des Rauchens und Trinkens zu sensibilisieren, steigert der Einsatz von Tabak und (besonders) Alkohol die Attraktivität junger Männern in kurzfristigen Paarungssituationen", so das Ergebnis der Studie. Tatsächlich könnte es genau den entgegengesetzten Effekt haben, junge Leute vor den Gefahren des Rauchens und Trinkens zu warnen. Laut den Forschungsergebnissen würde man durch Aufklärung über die Gefahren nur dafür sorgen, dass dieses Verhalten noch interessanter wirkt.

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Weil uns das Ganze dann doch etwas sehr einfach gedacht vorkam und wir aus erster Hand wissen wollten, warum dieses ausgelutschte, stereotype Männerbild nach wie vor so faszinierend auf Frauen wirkt, haben wir uns an einen Experten gewandt. Tristan Bridges ist Professor für Soziologie am Brockport College an der State University of New York und hat sich auf Männlichkeitsforschung spezialisiert. In einem Interview mit Broadly erklärt Bridges, dass die Verbindung zwischen gefährlichem Verhalten und Männlichkeit geschichtlich verwurzelt ist. „In den 70er-Jahren hat der Psychologe Robert Brannon den berühmten Satz gesagt: ‚Mach ihnen die Hölle heiß!', womit er sich auf einen integralen Bestandteil des moderner männlichen Idealbilds bezog", sagt Bridges. Was Brannon damit meinte, war, dass Männlichkeit dadurch definiert wurde—und immer noch wird—, dass man ein aggressives Arschloch ist.

Vor Kurzem wurden einige Männer im Labor untersucht, wie Bridges erklärt. Dabei wurde beobachtet, wie sie reagieren, wenn sie befürchten, ihre Männlichkeit zu verlieren. „Die Studie hat gezeigt, dass Männer, deren Männlichkeit im Rahmen des Experiments in Frage gestellt wurde, eher dazu neigten, Krieg zu befürworten", sagt Bridges. „Sie haben häufiger sexuelle Vorurteile gegenüber schwulen Männern geäußert und sie neigten eher dazu, zu behaupten, dass sie glauben, Männer seien Frauen überlegen."

Foto: Anastasiya Lobanovskaya | Pexels | CC0

Bedeutet das, dass Männer genetisch darauf programmiert sind, gefährlich zu leben? Nicht unbedingt. Bridges sagt, dass es sich dabei vielmehr um ein soziales Phänomen handelt: Das Ergebnis einer idealisierten Geschlechtertrennung. „Worauf greifen Männer zurück, wenn sie auf nichts mehr zurückgreifen können?", fragt Bridges. „Wie demonstrieren sie ihre Männlichkeit, wenn ihr Anspruch auf Männlichkeit infrage gestellt wird? Risikobereitschaft stellt für Männer in dieser Situation eine bewährte Methode dar, wie Forscher herausgefunden haben."

Wenn Männer zu gefährlichem Verhalten neigen, um ihr unrealistischen Selbstbild zu kompensieren, dann ist das ja insofern in Ordnung, als dass es ihre eigene Entscheidung ist. Aber warum finden Frauen das so attraktiv? Bridges erklärt, dass es verschiedene Forscher gab, die versucht haben, risikobereites Verhalten als evolutionäre Eigenschaft darzustellen—„eine Art ‚sexuelle Selektion', in dessen Rahmen sich die sexuellen Vorlieben von Frauen so entwickelt haben, dass sie Männer wählen, die am ehesten dazu in der Lage sind, sie zu beschützen." Zum Bedauern der langweiligen, biologischen Essentialisten, die hinter diesen Forschungsarbeiten stecken, wurden ihre Ergebnisse in weiten Teilen angezweifelt, da sie sich, laut Bridges, „auf stereotype Vorstellungen von Frühmenschen beziehen und die Anpassungsschwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert waren, historisch betrachtet ziemlich ungenau sind und dabei vieles außer Acht gelassen wird, was wir über das Leben der Frühmenschen wissen."

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Laut Bridges gibt es also keine biologischen Gründe, warum sich Frauen von risikofreudigem Verhalten angezogen fühlen. Dennoch zeigen Vinckes Ergebnisse, dass es faktisch nicht zu leugnen ist, dass wir Bad Boys anziehend finden. Wenn eine solche generalisierte Aussage über Frauen überhaupt gemacht werden kann, meint Bridges, dann ist sie das Produkt eines kulturellen Idealbildes—und nicht von Evolution. „Sowohl Männer als auch Frauen neigen dazu, kulturell idealisierte Verkörperungen von Männlichkeit oder Weiblichkeit attraktiv zu finden", sagt er. „Unsere sexuellen Vorlieben werden durch die Gesellschaft, in der wir aufwachsen, geformt und geprägt. So findet auch nicht jede Gesellschaft auf der Welt Zungenküsse, Oralsex oder irgendeine andere Sexualpraktik sexuell erstrebenswert. Wenn unsere sexuellen Vorlieben biologisch vorprogrammiert wären, um die Spezies voranzubringen, würden dann nicht eher Frauen mit breiten Schultern und Hüften unserem weiblichen Ideal entsprechen?"

Im Gegenzug finden wir Männer in unserer Gesellschaft sexuell besonders anziehend, wenn sie dominant, mächtig und stark sind. Risikobereitschaft ist nur ein Weg, wie Männer ihre Macht demonstrieren können und Frauen bekommen gesagt, dass sie ein solches Verhalten bewundern sollen. Oder wie Bridges es ausdrückt: „Wenn risikobereite Männer von unserer Gesellschaft sexualisiert werden, verrät das mehr über die kulturelle Geschlechtergleichstellung als über die geschlechtliche Biologie."