Politik

Heiß auf einen Hacker—die Frauen, die Edward Snowden verehren

Tugendhafter Rebell, selbstloser Menschenfreund oder sexy Whistleblower? Wir haben seine Fans gefragt, warum sie Edward Snowden so erotisch finden.
2.6.16
Image via YouTube

Seit der ehemalige CIA-Mitarbeiter Edward Snowden die Überwachung der amerikanischen Bevölkerung durch die US-Regierung enthüllt hat, lassen im Gegenzug viele junge Frauen auf der ganzen Welt für ihn die Hüllen fallen. Diese einsamen Herzen nutzen das Internet, um ihm ihre tiefsten Sehnsüchte via Twitter zu offenbaren—wie Liebesbriefe am Fuß einer neuzeitlichen Brieftaube.

An sich ist diese Entwicklung nichts Neues: Schon 2013 hat die US-amerikanische Website The Daily Beast erklärt, dass Snowden im Netz zu einem echten Sexsymbol geworden ist, nachdem er geheime Informationen veröffentlicht und damit einen internationalen Skandal ausgelöst hat. Seither sind ihm seine hingebungsvollen Fans nicht von der Seite gewichen—im Gegenteil, ihr Verlangen scheint nur noch größer geworden zu sein. Im Januar 2016 scheint seine Beliebtheit bei den Frauen einen noch nie da gewesenen Höhepunkt erreicht zu haben. Zumindest warnte er öffentlich davor, ihm weiterhin persönliche Nachrichten mit Nacktbildern zu schicken, da diese von der Regierung erfasst und gespeichert werden könnten. Snowdens Schlag bei Frauen kann vielleicht auch durch sein gutes Aussehen oder seinen Charme erklärt werden, doch was ihn wohl besonders anziehend macht, ist die Tatsache, dass er ein tugendhafter Rebell ist, der sich gegen das invasive System der Regierungsgewalt gestellt hat.

Ich mag, dass er nichts sexuelles an sich hat. Das macht ihn in meinen Augen sogar noch sexier.

„Ich mag, dass er nichts sexuelles an sich hat", erklärt mir Anna*. „Das macht ihn in meinen Augen sogar noch sexier." Ab dem Moment, an dem Snowden zu einer Person des öffentlichen Lebens wurde, hatte Anna ein Auge auf ihn geworfen. Gerade sein trocken analytisches Aussehen macht sie an—von seiner rahmenlosen Brille bis hin zu seinen gestärkten Hemden. Snowden ist ihr sofort aufgefallen, wirklich interessiert wurde sie aber erst, als sie sich etwas einlas: „Als ich von der Enthüllung erfuhr, wurden meine Gefühle für ihn noch stärker", sagt Anna.

Dass er ein Whistleblower ist, scheint Snowden das Image eines Bad Boys zu verleihen, was wiederum dazu führt, dass die Frauen verrückt nach ihm sind—so wie Mabel, ein weiteres von Snowdens Fangirls. „Edward Snowden ist der attraktivste Hacker, den ich kenne", erzählt mir Mabel. „Er ist so böse, dass es kaum auszuhalten ist. Gleichzeitig ist er aber so ein guter Mensch." Und genau diese Kombination scheint es zu sein, die die Frauen an ihm so anziehend finden.

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Mabel sagt, Snowden hätte Integrität und sei mutig und aufmerksam—Eigenschaften, die auch Anna anziehend findet. „Die Tatsache, dass er das Risiko auf sich genommen hat, ins Gefängnis zu kommen oder das Land verlassen zu müssen, macht ihn noch attraktiver", sagt Anna. „Es ist immer besser, jemanden zu ficken, der rebellisch ist."

„Ich bewundere, wie er sich furchtlos für eine bessere Welt einsetzt", betont Mabel. „Zusammen mit seiner Integrität finde ich das sehr beeindruckend."

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Lily* ist Mitte Zwanzig und schwärmt ebenfalls für Edward Snowden. „Als ich das erste Mal ein Video von ihm gesehen habe, dachte ich mir direkt, dass er ziemlich heiß ist. Er war so bescheiden, dass er sogar vergessen hat, sich selbst vorzustellen und er hatte dieses niedliche kleine Lächeln. Er ist so etwas wie mein Promi-Schwarm", sagt sie. Dass die Regierung heimlich Daten von ihr sammelt, ist ihr relativ egal und macht sie auch nicht übermäßig betroffen. Eigentlich findet sie unscheinbare Männer auch gar nicht so anziehend, trotzdem hat Snowden etwas an sich, dass sie auf mysteriöse Weise antörnt. „Ich denke, was Snowden getan hat, war ziemlich ehrenhaft", sagt Lily. „Ich finde nicht, dass er sich des Hochverrats schuldig gemacht hat—sein Verbrechen ist, dass er mir mein Herz gestohlen hat."

Ich sehe in ihm gerne so etwas wie einen Heiligen, der die Menschheit liebt und deswegen vielleicht auch mich lieben könnte.

Angesichts der Tatsache, wie viele Frauen ihm sexuelle Nachrichten auf Twitter zukommen lassen, muss auch Snowden mitbekommen haben, dass er zu einer Art Sexsymbol für mal mehr, mal weniger politisch motivierte Fangirls geworden ist. Anna glaubt, dass Snowden zu Beginn seines Aufstiegs zu internationaler Bekanntheit keine Ahnung davon hatte, sich dessen jedoch mittlerweile absolut bewusst ist. Wie sie sagt, soll Snowden vor Kurzem angefangen haben, mehr auf sein Aussehen zu achten, was sie vollkommen unnötig findet—vor allem, weil es gerade seine Unscheinbarkeit ist, die sie so heiß findet. „Ich weiß, dass er in seinem letzten Interview mit VICE keine Brille getragen hat (das finde ich scheiße)", sagt sie.

Bevor sie sich in Snowden verliebt hat, hat sich Anna kein bisschen für die staatliche Überwachung interessiert. Aber seit sie sich in den Rebellen verliebt hat, verfolgt sie fieberhaft jeden Artikel und jede Dokumentation, die sie zu dem Thema finden kann. Ja, sie findet Snowden heiß, aber es sind seine Worte, denen sie verfallen ist. „Alles, was er sagt, klingt in meinen Ohren umwerfend", schwärmt Anna.

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„Er ist bescheiden und dabei außergewöhnlich redegewandt", meint auch Mabel. „Ich könnte ihm den ganzen Tag zuhören." Auch wenn sie sich sicher ist, dass er diese Gefühle niemals erwidern wird. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich Edward Snowden etwas bieten könnte, wodurch ich sein Leben bereichern würde", meint Mabel traurig. „Aber ich sehe in ihm gerne so etwas wie einen Heiligen, der die Menschheit liebt und deswegen vielleicht auch mich lieben könnte."

Lily ist sich dagegen sicher, dass Snowden davon profitieren würde, sie in seinem Leben zu haben—auch wenn er es noch nicht weiß. „Von allen Frauen, die ihm Nachrichten über Twitter schicken, mache ich wahrscheinlich die mit Abstand besten Nacktbilder", sagt Lily.

Ich glaube, dass er nicht nur die Regierung entlarven, sondern auch jemand sein wollte. Und jetzt ist er wer.

Doch während Mabel zweifelt und Lily sich ihrer Sache sehr sicher ist, glaubt Anna, dass sich Snowdens Leben mit ihr verschlechtern würde. „Ich fände es schön, wenn er wissen würde, dass ich existiere", sagt Anna. „Aber ich würde ihn wahrscheinlich total unglücklich machen und ihm so viele sexuelle Traumata zufügen, dass er mich mit der Zeit hassen würde."

Doch wovon hängen die Gefühle der Frauen für Snowden ab? Wie würden sie über ihn denken, wenn er kein berühmter Whistlerblower, sondern nur ein gewöhnlicher Computernerd im Meer der namenlosen Mitarbeiter eines Elektronikladens wie Mediamarkt wäre? „Wenn Edward bei Mediamarkt arbeiten würde, würde ich ihn immer noch heiß finden—ganz klar", meint Mabel. Dennoch muss sie zugeben, dass seine Berühmtheit wesentlich dazu beiträgt, dass sie Snowden vergöttert. Wäre er nicht berühmt, wäre ihre Besessenheit niemals so schlimm geworden.

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Lily sagt, dass ihre Liebe nicht nachlassen würde, wenn Snowden ein Niemand wäre. „Er wäre der ehrenhafteste Mann bei RadioShack [das amerikanische Äquivalent zu Mediamarkt]", sagt sie. Anna hingegen ist da ganz andere Meinung. Sie gibt zu, würde Snowden in irgendeinem Laden im Einkaufszentrum arbeiten, würde sie vielleicht denken, dass er „süß" ist, aber sehr viel mehr wäre da nicht. Erst durch seinen Aktivismus hat er sich für immer in ihr Herz gebrannt. „Er wusste, dass er nach der Veröffentlichung der Dokumente extrem berühmt werden würde. Ich glaube, dass er nicht nur die Regierung entlarven, sondern auch jemand sein wollte. Und jetzt ist er wer."

Dadurch dass er im Zeitalter der Überwachung zu einem Verfechter der Persönlichkeitsrechte und dadurch zur Sexikone wurde, hat Snowden die Männer im Leben dieser Frauen in vielerlei Hinsicht überboten. Mabel glaubt, dass die Männer, die sie kennt, viel von Snowden lernen könnten. Snowden könnte ihnen „Integrität [beibringen] und was es heißt, mutig, selbstlos, freundlich und bescheiden zu sein, seine guten Absichten in die Tat umzusetzen und niemals die Wirkung eines schönen Brillengestells zu unterschätzen", sagt sie. Anna hingegen ist das vollkommen egal. Sie stellt fest, dass es nichts gibt, was irgendein Mann von Snowden lernen könnte—vor allem, weil er sehr viel besser ist als all die anderen Männer.

Lily macht diesen Punkt besonders deutlich. „Das ist als würde man fragen, was ein Sterblicher von einem Gott lernen könnte", sagt Lily und erschreckt mich damit ein wenig. „Sie können ihn natürlich gerne nachahmen, aber es wäre absolut vermessen zu glauben, dass sie wie er werden könnten."

Obwohl alle drei besessen sind von Snowden, haben weder Lily noch Anna etwas, das sie ihm gerne sagen würden. Anna hätte gerne leidenschaftlichen Sex mit ihm—ganz ohne Worte: nur eine einzige atemberaubende Nacht, an die sie sich für immer erinnern wird. Ich war sowohl beeindruckt als auch ein wenig verstört von meinen Interviews mit diesen Frauen. Ihre Sehnsucht nach Snowden ist ziemlich heftig und sehr real. Der unscheinbare Brillenträger hat Frauenherzen auf der ganzen Welt erobert.

Mabel hat nur eine Sache, die sie ihm gerne sagen würde: „Danke, dass du mir Hoffnung gegeben hast."


*Namen wurden geändert.