Sex

Glitzernippel, Neonpenisse, ziviler Ungehorsam: Auf einer Berliner Hedonisten-Party

Das Kollektiv Hedoné will mit sexpositiven Partys die Welt verbessern. Alles nur ein Vorwand, um druff auf der Tanzfläche zu fummeln?

von Wlada Kolosowa
03 Mai 2017, 9:55am

Schon das Zurechtmachen hat etwas Vorspielhaftes. In dem Raum hinter der Garderobe schmiert ein Kerl im Neontanga die Nippel einer Blondine mit Vaseline ein und verteilt Glitzer drauf. Dann sprüht er ihren Oberkörper mit flüssigem Silber ein und verschmiert es auf ihren Brüsten. Sie gibt ihm einen Kuss auf die Wange und öffnet den goldenen Vorhang – eigentlich eine Wärmedecke – zur Tanzfläche. Es ist erst 22:30 Uhr, aber sie ist schon so voll, dass keiner der Halbnackten zu frieren scheint – obwohl die Party in einem verlassenem Haus in Berlin-Lichtenberg stattfindet.

Alle Fotos: Lisa Ziegler

Sehr schöne Menschen mit sehr wenig Klamotten tanzen zu Techno in einem Raum, der früher wahrscheinlich ein Wohnzimmer war. Ein Stockwerk drunter, auf der zweiten, größeren Tanzfläche, verteilt eine Frau Amaretto mit MDMA. Das Verkleidungsthema: Kosmos. Kerle mit angemaltem Brusthaar und metallischen Leggings tanzen neben Frauen in bunten Fantasieoutfits, die wenig der Fantasie überlassen. Vor den Wänden im oberen Stockwerk liegen Matratzen. "Kann schon sein, dass Menschen dort später Sex haben", sagt Lola Toscano, 35, eine der Partyveranstalterinnen. Hedoné heißt das Kollektiv hinter der Party – Hedonismus auf Altgriechisch. "Jeder soll hier machen, worauf er Bock hat: ficken, fummeln, knutschen oder einfach nur tanzen. Das hier ist aber keine Sexparty. Ich würde eher von einer sexpositiven Party sprechen: Alles kann, nichts muss."


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Braucht Berlin eine weitere sexpositive Party? Es gibt schließlich weltberühmte Clubs wie das Berghain mit Darkrooms, in denen alles passieren kann. Und mehr als genug Veranstaltungen, bei denen man freizügig feiern kann – ob The House of Red Doors, CockTail d'Amore, PolyMotion, Gegen im KitKat oder Pornceptual.

Die Idee, Techno und Sex zu vermischen, ist in Berlin alles andere als neu. Das KitKat ist mit seinen gynäkologischen Stühlen und seiner Sexschaukel seit 23 Jahren eine Institution dafür – galt aber lange als ein Nischenclub. Sexpositive Partys wie Hedoné sind dezenter als Sexpartys. Sex steht nicht im Vordergrund – ist aber ausdrücklich erlaubt und es gibt die passenden Räume, damit etwas passieren kann. Was dieses "etwas" ist, definiert jeder für sich selbst. Das sprach nicht nur eine Nische an, sondern auch das experimentierfreudige Feierpublikum, das nie auf eine Sexparty gegangen wäre – aus Angst, dass entweder erstens mindestens ein Gangbang erwartet wird oder zweitens, dass dort zu viele Leute in Lackkorsetts sind, die man nicht in Lackkorsetts sehen möchte. Aber eine aufgeschlossene Party, die attraktivere Sexorte bietet als eine Clubtoilette – warum nicht.

Das Konzept kam genau richtig, zu einer Zeit vor ein paar Jahren, als Fetisch-Ästhetik Mainstream wurde und ein simples Drei-Tage-Wach dem partyverwöhntem Berlin zu langweilig. Pornceptual fing 2013 in einer Bar an und ist inzwischen so groß, dass die Schlange vor der Alten Münze – einer riesigen ehemaligen Münzprägeanstalt – jedes Mal mehrere hundert Meter lang ist. In Berlin wundert sich inzwischen kein Sexshop-Besitzer mehr, wenn Samstagabend kichernde Studentinnen Lackoutfits für eine Party besorgen. Und Eltern, die im öffentlichen-rechtlichen Radio von sexpositiven Partys gehört haben, warnten bei ihren Anrufen nicht mehr nur vor Drogen in Clubs, sondern vor Geschlechtskrankheiten.

"Das stimmt, in Berlin gibt es mehr als genug sexpositive Partys, aber die meisten, auf denen ich war, waren eher dunkel, mit viel Lack und Leder und düsterer Stimmung", sagt Lola. "Das hat seine Berechtigung. Aber viele Neulinge schüchtert das ein." Ihre Party sollte unschuldiger sein, mit bunten Outfits: weniger Berghain, eher verspielt wie die legendäre und inzwischen geschlossene Bar 25.

Die Stimmung hier ist tatsächlich nicht räudig-düster, sondern wie auf einem Festival in der Natur. Die Menschen sehen nicht nach Fetisch aus, sondern wie Spacehippies – in Neonfarben und mit Glowsticks. Gegen 2 Uhr sind etwa 200 Menschen da. Sie lächeln viel – und nicht nur das grenzdebile MDMA-Grinsen, sondern manchmal auch ehrliches Lachen. "Hier ist es lockerer als im KitKat und auf der Pornceptual", sagt Max, 28. "Die Stimmung dort wirkt oft gewollt. Hier sind die Leute zugänglicher."

Es ist die dritte Hedoné-Party. "Die erste, vor drei Jahren, war einfach ein Geburtstagsfest für Freunde, auf dem alle Togas trugen und es sexy wurde", sagt Lola. Die nächste Party, bei der sich Gäste in Blumen und Pflanzen hüllten, wurde noch größer und ausschweifender. Inzwischen besteht das Hedoné-Team aus einem halben Dutzend Menschen, darunter Künstler, eine Modedesignerin, ein DJ und ein Yogalehrer. Sie bezeichnen sich als Hedonismus-Aktivisten und organisieren auch Ausstellungen und ein zweitägiges Seminar mit Workshops wie "Peitschen" oder "Anleitung für Orgien".

Die heutige Party geht von Samstagmorgen bis Sonntagabend. Der Eintritt ist frei, der Erlös der Getränke geht an eine Organisation, die die Klitoris genitalverstümmelter Frauen wiederherstellt. "Hedonismus hat momentan einen schlechten Ruf – die meisten denken dabei an vergnügungssüchtige Egoisten", sagt Lola. "Aber wir wollen ethischen Hedonismus betreiben: anderen Freude machen und dadurch selbst Freude schöpfen."

Um auf Nummer sicher zu gehen, haben die meisten auf der Party Freude in Pulverform mitgebracht, abgepackt in kleinen Plastiktütchen. Was dazu führt, dass Menschen zwar Hemmungen verlieren – aber auf den Matratzen eher druff kuscheln als Sex haben. Den meisten ist es aber egal. "Alles, was ich von diesem Abend will, ist frei zu sein", sagt Salvatore, 30, der auf der Fensterbank sitzt und laut Eigenangabe gerade eher am Philosophieren als am Sex interessiert ist. "Ich mag das Konzept der Party. Hedonismus ist ziviler Ungehorsam."

Ein Blick durch den Raum: Ein Kerl im silbernen Tanga und einem Glowstick-Ring um den Penis fläzt auf der Matratze und guckt die Lichtspiele an der Decke an. Zwei Mädels knutschen mit einem Kerl auf der Tanzfläche. Eine Frau, deren Outfit allein aus neonleuchtenden Drähten besteht, lutscht an einem Eis in Penisform. Und was ist die politische Botschaft? Soziale Ungerechtigkeit beseitigen, indem man die Einnahmen an genitalverstümmelte Frauen spendet? Sich dem Kapitalismus entgegenstellen, in dem man feiert, ohne an morgen und den Weg zurück ins Büro zu denken? Braucht es überhaupt eine politische Botschaft für eine Party mit Glitzerbrüsten und Leuchtpenissen?

"Ein berühmter Kommunist hat gesagt: Die Revolution wird kommen, wenn wir im Bett essen und in der Küche ficken", sagt Salvatore. Der Name des berühmten Kommunisten fällt ihm gerade nicht ein: "Ist einfach zu spät." "Aber", sagt er, "sozialer Umbruch beginnt, wenn man anfängt, anders zu leben, als die Gesellschaft von uns erwartet."

Ach, schön wäre die Welt, in der man alle sozialen Missstände einfach wegfeiern könnte. Und natürlich ist eine sexy Party spaßiger als eine Demo. Aber es gibt tatsächlich einige Beispiele in der Geschichte, in der Hedonismus auch politisch war: die wilden Partys der 20er, auf denen Frauen mit Frauen knutschten und zur "schwarzen" Jazzmusik tanzten. Und die Hippies kifften nicht nur und vögelten wahllos herum, sondern protestierten auch gegen den Vietnamkrieg und die rigide Sexualmoral ihrer Eltern.

Aber mir ist klar, dass ihr diesen Text nicht deshalb immer noch lest, weil ihr an einer Abhandlung über politischen Hedonismus interessiert seid, sondern weil ihr wissen wollt, wie viel bei der Party tatsächlich gegangen ist. Also: Es wurde viel geknutscht und angefasst, aber von 22:30 bis 8 Uhr hat die Reporterin keinen öffentlichen Sex gesichtet. Andererseits: Das verlassene Haus hatte genug dunkle Ecken, damit das niemand mitbekommt. Als die Morgensonne durch die Löcher in den goldenen Heizdecken scheint, mit denen die Fenster verhangen wurden, liegen ein paar faul fummelnde Paare auf den Matratzen. Sie sehen sehr glücklich aus.

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