Liebe EDM-Acts, hört verdammt nochmal auf, alle Balladen zu zerstören

Man muss Gefühle nicht tanzbar machen. Auch wenn man damit vielleicht eine Menge Geld verdienen kann.

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Okt. 17 2016, 2:37pm

Dieser Artikel ist zuerst bei Noisey Alps erschienen. Foto: Screenshot Youtube/Anna Maria Damm

Der Musikgeschmack eines Teenagers ist genauso eigenartig, wie sein Verhalten an sich. Auch ich war da keine Ausnahme. Deswegen verkünde ich heute auch—fast ohne Scham—, dass mein 15-jähriges Ich eine gewisse Neigung zu EDM hatte. Also zu Künstlern des EDM, mit denen man das Genre heute verbindet.

Ich habe David Guetta, Skrillex, Avicii und Calvin Harris zelebriert—und das teilweise sehr lautstark. Aber entgegen einer meiner absolut liebsten EDM-Songs damals—"No Getting Over You"—bin ich über all die großen DJs, die die Charts und Festivals bevölkern und Teenieherzen höherschlagen lassen, hinweggekommen.

Bis zu dem Zeitpunkt, als ich mir sehr wohl bekannte Songs in einem neuen EDM-Gewand anhörte und auch sah. Die Freude hielt sich—wie bei so vielen Covern des eigenen Lieblingssongs—in Grenzen. Ich sah diverse Topmodel-Anwärterinnen singend und schauspielernd Lieder interpretieren, die dem EDM-Genre eigentlich hätten fernbleiben müssen. Es geht in diesem Fall nämlich um Balladen. Und eine Ballade, die als "Taschentuch-Schneuz-Ich-ertränke-mich-in-Selbstmitleid"-Hymne bekannt geworden ist, darf meiner Meinung nach höchstens mit einer noch schnulzigeren Gitarreninterpretation oder einer MTV-Unplugged-Version gecovert werden. Aber nein, EDM muss alles tanzbar machen.

Es ist fast so, als hätte jeder Song, der schon einmal erfolgreich war, für die meisten DJs ein unvorstellbares Hitpotenzial. Im Fall von Felix Jaehns "Ain't Nobody" mag sich das vielleicht ausgezahlt haben. Aber wer hat diesen zahlreichen EDM-DJs deshalb das Recht erteilt, gefühlt jedem halbwegs passablen Song der Vergangenheit diesen merkwürdigen EDM-Anstrich zu verpassen?

Nach dem Motto: Nehmen wir doch einen x-beliebigen Klassiker, hauen ein paar Beats rein, damit es nach Tropen und Sommer klingt und hoffen, dass die jungen Menschen das abfeiern werden. Aus ökonomischen Gründen ist das irgendwie verständlich, schließlich spart man sich den Songwriter und den großen Aufwand um die neuen Ideen.

Oder will man Teenies in ihrer hochpubertären Phase auch noch zu ihren liebsten Liebeskummer-Liedern (beziehungsweise meinen, weil wahrscheinlich keiner von ihnen noch das Original kennt) im Club zum kompletten Absturz bewegen? Wenn man bei der Lieblingsballade schon Zuhause in sein Weinglas weint (und das nur halb-rauschig), dann möchte ich nicht wissen, welche Fluten an Tränen erst in den Wodka-Energy fließen. Doch da der Trend sowieso schon sämtliche Clubs und Radiostationen erobert hat, bleibt mir an dieser Stelle nur noch Zeit, um diesen EDM-DJs ein großes Dankeschön für Nichts zu widmen.

Max + Johann—"Und wenn ein Lied (feat. Joel Brandenstein)"

Was es für die Allgemeinheit ist: Ein relativ unbekanntes DJ-Duo, das zusammen mit einem auch eher unbekanntem YouTube-Musiker—der gerne mal klischeehaft über den weißen Sandstrand läuft—ein sehr wohl bekanntes Lied covert. Garniert wird das Ganze noch mit einem Fast-Topmodel, das im Musikvideo versucht, die Stimmung des Liedes darzustellen. So irrt das Mädchen gedankenverloren und betrunken durch die Stadt. Alles erinnert ein bisschen zu sehr an Tove Los Habits. Aber wie man in den Kommentaren vernehmen kann, bin ich die einzige, die von den Déjà-vùs alles andere als begeistert ist.

Was es für mich bedeutet hat: "Und wenn ein Lied" war für mich ein zehn Jahre alter Klassiker des deutschsprachigen Liebeslied-Genres. Melancholisch, wie man eben mit elf Jahren sein kann, habe ich dieses Lied lautstark mit meinen Freundinnen zelebriert. Ein Lobgesang auf all die Jungs, die uns in diesem Alter noch blöd fanden, aber irgendwann mal dieses Lied für uns singen würden. Schließlich wurden diese Songzeilen in mehr brieffreundschaftlichen Zetteln zitiert, als dieser Song jemals im Club gespielt werden wird.

Was es nun ist: Während für die Plattenfirma hier laut eigenen Aussagen "Gefühl auf Tanzbarkeit" trifft, trifft für mich hier Faust in Magengrube. Kurz überlege ich noch, wie Menschen zu dem Lied tanzen würden. Doch das Gedankenspiel endet mit dem "Refrain", der nur aus einer Abwandlung des Millennial Whoops besteht. Also wird man auch bei diesem Lied nur die Hände in die Lüfte strecken, als wäre es ein beliebiger EDM-Track. Als hätte der Originalsong niemals existiert. Übrig bleibt nur noch die Frage, ob sich die Söhne Mannheims nun genauso in den Schlaf weinen müssen wie ich. Wie im Songtext hat nämlich das Lied ihre Lippen verlassen.

Banks & Rawdriguez feat. Anna Maria Damm—"Too Lost in You"

Was es für die Allgemeinheit ist: Ein YouTube-Sternchen, ebenfalls ehemalige Topmodel-Kandidatin (gibt es da einen größeren Zusammenhang?) und zwei relativ muskulöse DJs tänzeln durch eine Stadt. Sie schlürfen Cocktails, genießen den Sommer und haben anscheinend ganz viel Spaß bei der Performance. Klingt auch alles nur genauso schlimm wie jeder andere EDM-Sommer-Song. Wenn dieser Song nicht aus einem der wohl schönsten Liebeslieder der Sugababes entstanden wäre. Und hier hörbar viel Autotune verwendet wurde. Und das "Meisterwerk" nicht einmal als Cover gekennzeichnet und sogar noch der Songtext in die Beschreibung eingefügt wird (als würde irgendjemand den Songtext nicht kennen).

Was es für mich bedeutet hat: Auf jeden Fall hat die Originalversion des Liedes in mir keine tropischen Sommergefühle ausgelöst. Eher gehörte es für mich zu einer der schönsten Weihnachtsschnulzen, die jemals produziert wurden. Das Originallied gehörte nämlich eigentlich zu Tatsächlich... Liebe und damit zu den Liedern, die einen selbst nach 13 Jahren noch einen wohligen Schauder über den Rücken fließen lassen. Dieses Lied triefte nur so von Herzschmerz und Liebesleid.

Was es nun ist: Jegliche Wehleidigkeit des Songs wurde genommen. In dem (immer noch nicht gekennzeichneten) Cover ist wahrhaftig alles verloren. Anstatt sich mit einer heißen Schokolade vor dem Kamin in Selbstmitleid zu suhlen, mutiert dieser Song nun zu einem dieser Cocktail-Schlürf-Songs, den man nur entfernt als Hintergrund-Gedudel wahrnimmt. Und die Romantik des Flughafens (die Hugh Grant so schön im Film beschrieben hatte und auch im Musikvideo eine Rolle spielt) wurde ersetzt—durch zwei korpulente Männer, die mit komischen Bewegungen meine Lieblingsballade zertanzen.

Gestört aber GeiL

Ähnlich wie in dem Noisey-Guide zu Dorfdiscos möchte auch ich Gestört aber GeiL ein eigenes Kapitel widmen. Während man bei den Newcomern noch irgendwie ein Auge zudrücken könnte—beziehungsweise die Songs voraussichtlich niemals eine nennenswerte Chartplatzierung erhalten werden—haben es sich Gestört aber GeiL zur Hauptaufgabe gemacht, jegliche Ballade tanzbar zu machen. London Grammar, Ed Sheeran, Ellie Goulding—auf der Soundcloud-Seite kann man sich selbst von dem unstillbaren Durst nach tanzbarem Liebesleid überzeugen. Aber was will man auch erwarten? Ihren größten Charterfolg hatten sie ja ebenfalls mit einem dieser Remixe.

Das Original "Unter meiner Haut" war bereits zwei Jahre alt, bevor das Duo zusammen mit Koby Funk und Wincent Weiss eine Neuauflage wagte. Mit großem Erfolg: Während das Original knapp 5 Millionen Likes auf YouTube zählt, wurde der Remix fast 26 Millionen Mal angeklickt. Sie schafften es damit auf Platz 6 der deutschen, und Platz 25 der österreichischen Charts. Das man bei dem gestammelten "Oh oh oh" im Refrain die Hauptintention des Liedes gar nicht mehr erahnen kann, ist den zahlreichen Fans des Duos anscheinend egal. Hauptsache, man kann dazu ordentlich im Club abraven und vielleicht nochmal den lange schon totgeglaubten Jumpstyle auspacken.

Ist wirklich so. Ich durfte dieses Duo bereits zwei Mal erleben (mehr unfreiwillig, als wirklich gewollt). Beim ersten Mal war ich gerade einmal 16 Jahre alt und sah die ganze Dorfdisco-Gemeinschaft zu diesen Remixen ihren Verstand verlieren. Beim zweiten Mal waren sie auf irgendeinem Festival Headliner und meine Freundinnen und ich nicht spät genug, um sie zu verpassen. Als plötzlich eine geremixte Version von Annenmaykantereits "Pocahontas" lief, stieß eine meiner Freundinnen (einer der größten Henning May-Fans, die ich kenne) Leidensschreie aus, als hätte man ihr vom Tod ihres Haustieres erzählt.

Das hat man aber nicht wirklich gehört, denn die große tanzende Masse vor der Stage schrie weiterhin begeisterte Jubelrufe aus. Da wurde mir bewusst, dass wir unsere Abneigung gegen Gestört aber GeiL möglicherweise nicht mit dem Publikum dort teilen können. Während wir zum weit entferntesten Cocktail-Stand flüchteten, wurde Gestört aber GeiL bis zum letzten Beat abgefeiert, als würde David Guetta höchstpersönlich die Knöpfe drücken. Sowohl "Unter meiner Haut", als auch "Pocahontas" waren für mich wirklich höchst hilfreiche Liebeskummerlieder aus meiner Studienzeit, zu denen ich meinen Schmerz eben heraussingen und -weinen konnte. Das hat mir Gestört aber GeiL genommen.

Genauso wie die Illusion, dass solche Lieder mal irgendwann zu Evergreens werden und ich sie noch in fünfzig Jahren im Radio hören kann. Sollten diese Lieder aber immer noch in fünfzig Jahren gespielt werden, muss ich das Radio wahrscheinlich abschalten. Diese Bilder von gröhlenden Halbpubertierenden und anderen verlorenen Seelen in den Clubs, die komplett unrhythmisch zu den Liedern abtorkeln, sind die einzigen, die mir bis dahin noch im Gedächtnis bleiben werden. Und das ist irgendwie schade. Ich habe nichts gegen EDM-DJs oder deren Musik. Also zumindest nicht mehr, als ich gegen Schlager oder Oktoberfest-Veranstaltungen habe.

Aber nicht jedes Lied muss man plötzlich als Remix in einem Club wiederfinden. Schließlich würden die Sugababes jetzt auch nicht unbedingt auf die Idee kommen, eine Akustik-Version zu Skrillex' "Scary Monsters und Nice Sprites" aufzunehmen. Ich habe auch nichts gegen EDM-Lieder mit traurigen Botschaften—solange sie in dieser Form eben noch nicht als Ballade existiert haben. Es hat nämlich seinen berechtigten Sinn, dass Balladen existieren. Sie sind der musikalische Rückzugsort einer jeden verletzten Seele. Und deswegen braucht man zu ihnen auch nicht in Clubs zu tanzen—entweder verlieren sie dadurch nämlich ihre Bedeutung oder wecken alkoholdurchflutete Gefühle.

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