Regionales essen

Die katalanische Calçotada: Zwiebeln, Ruß und viel, viel Wein

Nachher stinken alle höllisch und sind glücklich.

von Astrid Madberg
22 April 2016, 11:00am

Die calçotada ist ein essens- und alkoholgeschwängertes Familienfest, bei dem die Katalanen einfach mal abschalten und die Zwiebelernte feiern. Und wie könnte man wohl besser abschalten, als sich mit frühjährlichem Lauch vollzustopfen und dazu literweise Wein zu trinken.

Die calçot ist eine grüne Zwiebelart, die ein bisschen wie junger Porree oder eine riesige Frühlingszwiebel aussieht, aber einen ganz anderen Geschmack und eine andere Konsistenz hat. Gekocht schmeckt sie leicht süß und ist buttrig-weich.

Hugo Prat hat mich zu einer echtenCalçotada in der Nähe der Stadt Valls in der Region Tarragona eingeladen. Hier soll es die besten Calçotsgeben.

calcotada_DSC00633

Preparing the calçots, sipping on white wine. All photos by the author.

Er zeigt mir, wie eine richtige Calçotada geht, was nichts mit dem zu tun hat, was die Restaurants in Barcelona bei ihren mickrigen Grillfesten aus der Tradition machen. Hugos Calçotada lässt die in den Städten wie einen Kindergeburtstag aussehen. Hugo ist ein echter katalanischer Gentleman und weiß einfach, wie's geht. Seit Jahren feiert seine Familie in ihrem Landhaus Calçotadas; für ihn ist es wichtig, dass das Zwiebelfest traditionell gefeiert wird.

Die Calçots aus Valls sind quasi der Rolls Royce unter den grünen Zwiebeln, sie haben auch eine geschützte geographische Angabe von der EU erhalten, ähnlich wie auch Parmigiano-Reggiano, Gorgonzola, Armagnac und Champagner. Bei einer Calçotada werden die Zwiebeln über offenem Feuer gegrillt, dann mit nackten Händen geschält und noch in eine leckere Sauce, die salvitxada, getunkt, bevor sie dann zuhauf in hungrigen Mägen landen. Am Ende einer Calçotada ist man mit großer Wahrscheinlichkeit pappsatt, betrunken, voll mit Ruß und Sauce und stinkt fürchterlich.

calcotada_DSC00816

Hugo Prat (in blue) with local onions, local wine, local people, and a few newbies.

Wie Hugo mir erzählt, ist die Calçotada eine Tradition bei allen Familien in der Umgebung von Valls und in Katalonien allgemein. Das Besondere bei seinem Familienfest ist allerdings, dass es genau im Zentrum der Zwiebelgegend stattfindet. Seine Familie pflanzt die Zwiebeln extra jedes Jahr für das Fest an. „Wir sind hier im Calçot-Land", sagt Hugo, „deshalb versuchen wir uns so genau wie möglich an die Tradition zu halten. Das heißt, wir müssen die Zwiebeln in unserem Garten anpflanzen und pflegen." Ungefähr im Dezember beginnt die Ernte, die bis in den April geht.

Wir sind in einem alten katalanischen Landhaus in der Nähe des Dorfes Sant Jaume dels Domenys, ungefähr eine Autostunde von Barcelona entfernt. Das Grundstück liegt in einer einzigartigen Landschaft, es gibt einen Pool, einen Weinberg und einen Olivenhain. Ich habe Hugo kennengelernt, als ich als Autorin für Lust Films von Porno-Regisseurin Erika Lust gearbeitet habe, er hat dort in der IT-Abteilung gearbeitet. Zwei von Lusts Filmen wurden auch in diesem Haus gedreht: Car Sex Generation und A Weekend in the Garden of Eden. Viele aus dem Team von Lust Films sind mit einem Minivan aus Barcelona zur Calçotada angereist.

calcotada_DSC00652

Calçots cooking over the flames.

Als ich ankomme, sind alle schwer mit den Vorbereitungen beschäftigt. „Die Calçots müssen am Morgen des Fests frisch geerntet werden", erklärt mir Hugo. Er hat bereits haufenweise Zwiebeln gesammelt. Wir trinken Weißwein, während wir die Zwiebeln fürs Grillen vorbereiten. Dafür muss ein bisschen was vom unteren Teil abgeschnitten werden, dann werden circa jeweils 50 Stück auf einen Metalldraht aufgespießt.

Als Feuerholz werden Weinruten und Zweige genommen, die ein paar Tage vor dem Fest geschnitten werden. Sobald die Flammen lodern, werden die Calçots auf das Feuer gelegt und so lange gegrillt, bis sie kohlschwarz sind. Nach ein paar Minuten drehen wir den Draht, damit auch die andere Seite schön schwarz wird. Die gegrillten Zwiebeln werden in Zeitungspapier eingewickelt, wo sie noch ein bisschen nachziehen und bis zum Essen schön warm bleiben.

Nachdem wir immer wieder die Zwiebeln umgedreht, endlos ins Feuer gestarrt und viel Wein getrunken haben, ist es endlich Zeit zu essen. Eine legen sich Papierservietten um, die Gläser werden noch mal aufgefüllt.

Aus einem großen Behälter wird die Salvitxada für jeden in kleine Schälchen abgefüllt. Es gibt keine Stühle, jeder steht um den Tisch herum, als wären wir bei einem Hotdog-Wettessen

calcotada_DSC00778

The salvitxada sauce is made from garlic, roasted tomatoes, toasted almonds, toasted hazelnuts, Ñora pepper, cayenne pepper, oil, salt, and vinegar.

Alle sind irgendwie aufgeregt und auch ein bisschen betrunken, als es ans Essen geht. Man kann die Calçots angenehm einfach schälen: Die verkohlte Außenseite löst sich einfach ab, sobald man daran zieht, und zum Vorschein kommt der weiche weiße Teil—herrlich zart und saftig, gerade auch wenn man ihn in die Sauce tunkt.

Die Sauce wird schon am Vortag mit klassischen katalanischen Zutaten zubereitet: gerösteter und roher Knoblauch, gegrillte Tomaten, geröstete Mandeln (die einzeln geschält werden müssen) und geröstete Haselnüsse, Ñora-Paprika, Cayenne-Pfeffer und ein bisschen Öl, Salz und Essig. Schmeckt einfach verdammt gut und ergänzt die Zwiebeln perfekt.

calcotada_DSC00792

Eating calçots is messy business.

Das Essen ist eine großartige Sauerei. Jeder kippt zum Essen seinen Kopf in den Nacken, verschlingt Zwiebel um Zwiebel und Wein um Wein und besudelt sich mit Sauce und Ruß. Da hängt einem schon mal beim Kauen ein Stück Zwiebel aus dem Mund. Andere haben auf einmal Sauce auf der Stirn. Es gibt noch mehr Wein. In einer Welt, in der einem immer gesagt wird, man soll seine animalische Seite unter Kontrolle haben, ist diese Art zu essen extrem befreiend.

Um mich anzupassen und meine Wertschätzung gegenüber meinen katalanischen Gastgebern auszudrücken (und weil es so verdammt lecker ist), esse ich so viele Calçots, wie ich nur kann, so lange bis mir die Salvitxada ausden Ohren rauskommt.

Ich bin extrem stolz auf mich. Nach den Zwiebeln soll es aber auch noch Fleisch vom Grill geben. Du meine Güte! „Ja", sagt Hugos Mutter. „Die Calçots sind eine Art Vorspeise." Oh-oh. Hugo hatte mich vor diesem Calçotada-Chaos gewarnt: Man weiß nie, wann das Essen beginnt oder aufhört. Eine kulinarische Orgie.

calcotada_DSC00767

After stuffing yourself with onions, it's time for a sausage party.

Und schon stehen wir vor einem Tisch mit gegrilltem Fleisch, Würstchen, Bohnen und Kartoffeln. Das Fleisch ist schön saftig und der Wein aus Trauben vom Weinberg nebenan schön leicht und frisch und fließt weiter in Strömen.

Für Samantha Coombes aus Essex in Großbritannien ist es die erste Calçotada bei Hugos Familie. „Eine großartige Erfahrung", meint sie. „Es hat so etwas unglaublich Rustikales, wenn man die Calçots quasi direkt aus dem Feuer isst. Und diese hausgemachte Sauce ist einfach unfassbar."

Graphikdesignerin Cristina Patrana kommt aus Tarragona und war vorher schon bei vielen Calçotadas. Mindestens eine im Jahr muss sein. „Das war ein toller Tag, viel Rauch, viel Alkohol und einfach eine tolle Zeit, man konnte einfach mal draußen relaxen. Ich bin ziemlich betrunken, das ist typisch für Calçotadas."

calcotada_DSC00822

Cristina and Aleix take a nap on the grass.

Nachdem sie ihr Fleisch gegessen haben, machen Cristina und Aleix ein Nickerchen auf dem Rasen. Um dem Fleischkoma entgegenzuwirken, gibt es noch Kuchen, Kaffee und Gin Tonic. Hugo hat ein paar riesige Lautsprecher in die Bäume gehängt, aus denen laut Musik dröhnt. Sein niedlicher Vater tanzt in der Nachmittagssonne, fast schon fieberhaft zucken seine Füße über den Boden. Einige fallen hin—der Wein lässt sich aber auch gut trinken. Alle sind satt und glücklich. Die meisten müssen sich zum Verdauen kurz hinlegen.

Ich glaube, ich war noch nie so satt. Und verdammt stinken wir.

Eine richtige Calçotada hat irgendwie auch etwas Poetisches: eine Verbindung zur Vergangenheit; die Schönheit, Sauce im Gesicht zu haben, aber sich nicht einen Dreck darum zu scheren; das Fest zum Erntedank, alle kommen zusammen, für das Feuer werden Rebzweige benutzt, um so eine Verbindung zwischen der Landschaft und den Früchten der Erde herzustellen.

Eine Calçotada ist wirklich etwas Außergewöhnliches.