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Ärzte haben uns erklärt, wie eine Penis-Transplantation funktioniert

Beim Pinkeln spritzt alles und an Sex ist nicht zu denken: Die Selbstmordrate unter männlichen Opfern von Verletzungen im Genitalbereich liegt zwischen 15 und 50 Prozent.
20.5.16
Foto: Shutterstock

Am Muttertag 2016 ist Ärzten eine große reproduktionsmedizinische Leistung gelungen: Ein Team vom Massachusetts General Hospital in Boston konnte die erste Penis-Transplantation der USA erfolgreich durchführen. In einer 15-stündigen Operation legten die beiden plastischen Chirurgen Curtis Cetrulo und Dicken Ko Hand an Thomas Manning an. Um den Krebs zu besiegen, musste sich der 64-Jährige den Großteil seines Penis entfernen lassen.

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Weltweit hat es bisher erst zwei Penis-Transplantationen gegeben—eine in China im Jahr 2006, die aber scheiterte, und eine erfolgreiche Operation in Südafrika im Jahr 2014.

Während die Anzahl der Penis-Transplantationen bisher also noch ziemlich überschaubar ist, sind schwere urologische Verletzungen und Traumata jedoch leider weit verbreitet. Laut Cetrulo und Ko gibt es viele junge Männer—darunter viele Veteranen—, die im Irak oder Afghanistan aufgrund von Verletzungen ihren Penis verloren haben und nun still und einsam leiden.

Das zentrale Ziel: Mannings Penis möglichst normal aussehen zu lassen

Das Leiden der US-amerikanischen Veteranen ist auch der Grund, warum die Ärzte mit Informationen zum Eingriff überhaupt an die Öffentlichkeit gehen. Sie hoffen, die Operation schon bald häufiger durchzuführen. Eine Penis-Transplantation erfordert so einiges an Wissen und Fingerspitzengefühl—es handelt sich um eine technisch schwierige Prozedur, die, wie Cetrulo sagt, „einen Quantensprung" für all diejenigen bedeutet, denen der Penis bisher amputiert werden musste. Während des Eingriffs wird „Weichgewebe aus dem Arm oder Bein entnommen und schlauchartig geformt. Dann wird durch die Mitte ein Katheter eingeführt, damit das Endresultat den vollständigen männlichen Genitalien so ähnlich wie möglich sieht."

Das zentrale Ziel von Cetrulo und Ko: Mannings Penis möglichst normal aussehen zu lassen. Außerdem geht es ihnen darum, ihrem Patienten zu ermöglichen, wieder im Stehen zu pinkeln—denn bis jetzt „spritzt es alles einfach nur", erklärte Ko gegenüber Motherboard. Außerdem streben die beiden Ärzte an, dass Manning nach der OP die normale Sexualfunktion seines Penis wiedererlangen kann. Ein sexualmedizinischer Therapeut, der den Patienten in den nächsten Monaten unterstützt, soll dabei helfen.

„Er soll wieder ganz normal im Stehen pinkeln können."

Ich habe mich mit den beiden Ärzten unterhalten, um zu verstehen, wie genau der Spenderpenis ausgesucht wurde, wie Mannings psychischer Zustand ist und wie man einen Penis eigentlich transplantiert.

MOTHERBOARD: Wie funktioniert eine Penis-Transplantation? Was war ihr primäres Anliegen, diesen Eingriff durchzuführen?

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Cetrulo: Diese Operation ist für uns eine logische Weiterentwicklung anderer Transplantationen wie beispielsweise Hand- oder Gesichtstransplantationen.

Diese Arten von Transplantaten werden unter dem Oberbegriff „vascularized composite allografts (VCA)" zusammengefasst. Es handelt sich dabei um Organe, die aus Haut und mehreren Arten von Gewebe bestehen. Eine Niere zählt nicht dazu, denn die besteht nur aus Nierengewebe. Bei einer Hand dagegen hat man Sehnen, Nerven und Blutgefäße, die durchblutet werden. Unter dem Begriff Allograft [Dt. Allotransplantat] versteht man transplantiertes Gewebe, das von einer anderen Person und nicht vom Empfänger selbst stammt. [Auf Deutsch bezeichnet man einen solchen Eingriff deshalb auch als Allotransplantation].

Es ist klar, dass angesichts der Komplexität des Genital- und Harnsystems auch hier ein solches Allotransplantat erforderlich ist. Der Eingriff ist technisch noch schwieriger als eine Handtransplantation, weil das Durchblutungssystem noch komplexer ist.

Wie läuft die Operation dann ab?

Ko: Die Harnröhre ist der längste Abschnitt, der rekonstruiert werden muss. Dieser Teil muss als erstes fertig sein, da er eine Art Gerüst für den Rest der OP darstellt. Alles weitere wird durch eine „Verschaltung" erledigt—wir bauen also ein Netzwerk, das das Penis-Allotransplantat funktionieren lässt.

Im Penis befinden sich viele unterschiedliche Venen und Arterien. Bild: baus.org.uk

Die Harnröhre zu verbinden, ist nicht so schwierig—aus den Erfahrungen von Harnröhren-Rekonstruktionen, die aus vielerlei anderen Gründen vorgenommen werden, wissen wir bereits, wie wir dabei vorgehen müssen. Wir haben da schon eine gewisse Routine. Die Harnröhre wird also zusammengesetzt und bildet eine Art Anker. Danach verbinden wir die Blase über einen Katheter mit dem Spenderpenis. Der schwierige Teil ist es, das Gefäßgewebe und all die Nerven miteinander zu verbinden.

Es hört sich so an, als sei die Operation erfolgreich verlaufen, zumindest bisher. Letztendlich wird der Penis des Patienten wieder voll funktionsfähig sein, richtig?

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Ko: Wir verfolgen drei Ziele: Nummer eins ist das Aussehen. Wir möchten, dass der Patient vollständige Geschlechtsorgane hat, die so normal und natürlich wie nur möglich aussehen. Nummer zwei betrifft die Funktion des Urinierens: Er soll wieder ganz normal im Stehen pinkeln können. Und das dritte anvisierte Ziel ist, dass der Patient die volle sexuelle Funktion seines Geschlechtsorgans zurückerlangen kann. Es wird aber noch lange dauern, bevor wir endgültig feststellen können, ob er sexuell wieder aktiv sein kann.

Es ist beeindruckend, sich mit den Patienten zu unterhalten, die so lange still gelitten und sich so unwohl gefühlt haben, dass sie nicht mal mit Freunden oder ihren Frauen darüber sprechen wollten. Die Selbstmordrate in dieser Gruppe liegt zwischen 15 und 50 Prozent.

Was erwartet ihn während der Reha?

Cetrulo: Er wird von einem Team von Urologen begleitet, die sicherstellen sollen, dass er normal urinieren kann, sobald der Katheter entfernt wird. Zudem gibt es eine Sexualmedizinerin, die ihm helfen wird, seine Sexualfunktion wiederherzustellen. Da das eines unserer wichtigsten Ziele bei der Transplantation ist, werden wir auch dementsprechend viel Zeit dafür aufbringen. Zudem wird er mental von einem Psychologen unterstützt werden.

Werden seine Sexpartner merken, dass er ein Transplantat hat?

Cetrulo: Wir sind zuversichtlich, dass es recht unauffällig aussehen wird. Natürlich wird er an einigen Stellen Narben haben, aber es wird danach aussehen, was es ist, nämlich nach einem vollständigen Penis.

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Wie läuft der Spenderprozess ab? Wo findet man einen Penis-Spender?

Cetrulo: Die Spender werden von einer Organisation für Organbeschaffung, der New England Organ Bank, ausgewählt. Sie folgen bestimmten Richtlinien, um an Familien heranzutreten und einen potenziellen Penis-Spender zu finden. Sobald sie einen passenden Spender gefunden haben, wird das Krankenhaus benachrichtigt.

Es funktioniert wie bei Wartelisten für andere Organspenden. Wir erhalten das notwendige Gewebe, doch unter dem Vorbehalt, dass Transplantationen lebensrettender Organe für andere Patienten selbstverständlich Priorität haben.

Mussten Sie einen Penis finden, der in etwa dieselbe Größe hatte wie der, den der Patient hatte?

Cetrulo: Es gibt tatsächlich die Möglichkeit, das Gewebe so anzupassen, dass es anatomisch zum Empfänger passt. Es gibt auch immer ein wenig Spielraum, aber im Grunde haben wir nach einem passenden Spender mit ähnlich großem Penis gesucht, ja.

Muss man sich Gedanken über die Blutgruppe machen? Woher weiß man, ob der Patient das Transplantat abstoßen oder annehmen wird?

Ko: Das Organ stammt von einem Spender, der die selbe Blutgruppe wie der Empfänger hatte. Wir haben den Empfänger auf Antikörper gegen das Gewebe des Spenders getestet und dabei keine gefunden. Das bedeutet, dass der Patient den Großteil der Spenden ohne Risko einer Abstoßungsreaktion annehmen kann.

„Ich werde alles versuchen, was mir helfen könnte."

Gegenüber der New York Times haben Sie erwähnt, dass Sie diese Transplantation so öffentlich machen, weil Sie hoffen, dass diese Art von Eingriffen dadurch häufiger durchgeführt wird—welche Maßnahmen mussten getroffen werden, um diese OP zu ermöglichen? Ist es gerechtfertigt, die Operation als Machbarkeitsnachweis zu bezeichnen?

Cetrulo: Wir hoffen einfach, dass der Eingriff routinemäßiger wird. Es nimmt immer einige Zeit in Anspruch, die vielen Genehmigungen von der Ethikkommission zu bekommen. Wir wollen keine Zeit verlieren: Wir könnten diese Eingriffe öfters vornehmen, doch zuvor muss man so einige bürokratische Hürden meistern. Deswegen haben wir zunächst mit unseren eigenen Patienten begonnen. Wir hoffen, dass sich alles gut entwickeln wird und wir bald damit beginnen können, auch verletzten Soldaten mit Penis-Transplantationen zu helfen.

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Diese Operation ist viel mehr als nur ein Machbarkeitsbeweis. Sie ist ein Index-Fall, weil sie die erste ihrer Art ist, die hier bei uns durchgeführt wurde. Doch wir sind sehr gut vorbereitet und extrem aufmerksam und rechnen damit, dass alles gut laufen wird. Wir hoffen, dass die erste Operation gut verlaufen ist und die nächsten 100 genauso erfolgreich sein werden.

Dem Artikel in der New York Times entnehme ich, dass der Patient eine faszinierende Persönlichkeit sein muss. Was können Sie mir über seine Einstellung zu alledem sagen?

Ko: Er ist ein toller Mann. Als er vor vier Jahren einen Großteil seines Penis verlor, war es schon sehr schwierig für ihn. Bevor er an Krebs erkrankte, war er ein voll funktionstüchtiger Mann, doch ohne Penis verlor er die Fähigkeit, normal zu urinieren. Wenn er Wasser lassen wollte, spritzte alles einfach nur.

Zudem verlor er seine Sexualfunktion und zog sich dadurch sozial immer weiter zurück. Als sich die Möglichkeit dieser Transplantation ergab, sagte er: „Ich werde alles versuchen, was mir helfen könnte. Das Wichtigste ist, dass ich wieder ganz der Alte werde und endlich wieder in den Spiegel schauen kann."

Wir verfolgen einen holistischen medizinischen Ansatz. Wir behandeln sowohl das Aussehen als auch die Funktion. Die psychische Verfassung des Patienten ist auch ein Teil davon. Wir zollen damit der Persönlichkeit, die hinter der Krankheit steht, Respekt.

Cetrulo: Die Inspiration für unseren Versuch war die Erfahrung eines Kollegen am Walter Reed Army Medical Center.

Er ist ein erfahrener Chirurg, der schon so einige schlimme urologische Verletzungen gesehen hat. In die Unfallabteilung der Urologie kommen ständig junge Männer aus dem Irak und aus Afghanistan, die schreckliche Verletzungen haben. Doch darauf war er nicht vorbereitet. Er sagte uns, dass wir die Eingriffe für diese Patienten vornehmen sollten.

Es war von Anfang an ein an den Patienten orientiertes Projekt und wird es auch weiterhin bleiben. Es ist beeindruckend, sich mit den Patienten zu unterhalten, die so lange still gelitten und sich so unwohl gefühlt haben, dass sie nicht mal mit Freunden oder ihren Frauen darüber sprechen wollten. Die Selbstmordrate in dieser Gruppe liegt zwischen 15 und 50 Prozent. Man kann sich vorstellen, dass ein 18 bis 20 Jahre alter Mann, der ohne Genital- und Harnfunktion aus dem Krieg zurückkehrt, sich schnell aufgibt.